Statistik Glossar
& Allerlei
Potpourri



"Die Wahrscheinlichkeit für gute Ideen
ist und bleibt leider eine große Unbekannte.
Und auch die inhärenten methodischen Probleme
randomisierter Studien bleiben weiterhin bestehen.
Wir sind der Überzeugung, dass die Statistik,
zumindest so, wie sie heute angewandt wird,
eine Sackgasse für die Forschung ist."

„Der Schein der Weisen – Irrtümer und Fehlurteile
im täglichen Denken“ S. 255, ROWOHLT 2003

Prof.Dr.Hans Peter Beck Bornholdt
Priv.-Doz. Hans Hermann Dubben


"Viele Studien verkommen meiner Erfahrung nach allmählich
zu nichts weiter als einem zusätzlichen Instrument der Pharma-
konzerne, um Ärzte zu korrumpieren und zu manipulieren ...
Mittlerweile werden auch viele Studienergebnisse und Aussagen
von Meinungsbildnern [Mietmäuler ] und Werbebroschüren der
Vergangenheit ad absurdum geführt, und dies nur, weil es die
Marketingstrategie erfordert ... Sogenannte wissenschaftlich
objektive Informationen
werden damit endgültig zu einer
Manövriermasse, mit der die Pharmakonzerne
nach Belieben verfahren."

"Die Pharma Falle - Wie uns die Pillen-Konzerne manipulieren"
Die Wissenschaftliche Objektivität: Instrument der Manipulation
S.153, Die relativen Studienergebnisse S.154f
edition a 2016
Priv.Doz.Dr.med. Fahmy Aboulenein
FA fur Neurologie
MS Spezialist

"Die Medizin der Gegenwart ist mit der Kirche im Mittelalter
zu vergleichen. Was wir brauchen, ist ein Zeitalter der medi-
zinischen Reformation. Wenige Ärzte sind zum Beispiel geschult,
wissenschaftliche Arbeiten zu verstehen oder zu beurteilen.
Ich bin u.a. deshalb Chirurg geworden, weil ich zwei Dinge
vermeiden wollte: Psychologie und Statistik. Ich bin damit
gescheitert. Beides ist lebensnotwendig, um als Arzt
verantwortungsbewusst handeln zu können."
(1)
Dr.med. Günther Jonitz (b.1958)
Präsident der Ärztekammer Berlin

"Das SIC-Syndrom: Ein Schlüsselproblem des Gesundheitswesens,
dessen sich jeder Patient bewusst sein sollte. Viele Ärzte praktizieren
1. defensive Medizin [1] -
Selbstschutz [Self-Protection], verstehen
2. keine Gesundheitsstatistiken -
Innumeracy (Zahlenblindheit) oder
orientieren sich 3. am Profit statt am ärztlichen Ethos -
Conflicts of
Interest
(Interessenkonflikt). Im Englischen bezeichnet sick, das
genauso ausgesprochen wird, ein
krankes System.
Die drei Mängel gehen Hand in Hand und schaden den Patienten
durch ärztliche Entscheidungen für die zweitbeste Alternative,
durch Überdiagnose und Überbehandlung."
(2)
Aus: Prof. Dr. Gerd Gigerenzer: "Risiko - Wie man die richtigen Entscheidungen trifft"
Teil II: Risikokompetent werden. (1) Kapitel 9: Was Ärzte wissen müssen S.209;
(2) Das SIC-Syndrom S.232f u. Glossar S.384, btb 4.Auflage 2014
[1] Rocio Garcia-Retamero, Mirta Galesic: "Doc, what would you do if you
were me? On self-other discrepancies in medical decision making"
J Exp Psychol Appl. 2012 Mar;18(1):38-51


Text-Suche: Tastenkombination = [Strg]+[F]

Mathematik und Medizin - Statistik
"Besonders auf dem Feld der Mathematik wirkt sich in der Medizin Halbwissen fatal aus. Weil wir es zumeist mit
komplizierten Zusammenhängen zu tun haben, brauchen wir Spezialisten, die helfen, sich in den Untiefen der Statistik
zurechtzufinden. Spezialisten, die Mathematik studiert haben, oder andere Naturwissenschaftler, die über ein ausgeprägtes
mathematisches Wissen verfügen. Diesen Spezialisten kommt eine Schlüsselrolle in der modernen Medizin zu.
Sie haben das Wissen, in Studien große Datenmengen solide zu beurteilen und uns Ärzte zu informieren,
welche Rückschlüsse über die Wirkung einer Therapie zu ziehen sind und welche nicht.

Wir Ärzte sind Experten, wenn es darum geht, Forschungsergebnisse mit der Wirklichkeit abzugleichen und im konkreten
Patientenfall zu beurteilen. Dazu braucht es Erfahrung, eine gute Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, den eigenen
Weltanschauungen immer wieder zu misstrauen. Ähnlich dem alten Angler in unserem Forellenbeispiel ["guter Fischköder"]
sollten wir Empfehlungen, die Experten anderer Fachgebiete aufgrund der Ergebnisse von Studien fachgerecht erstellt
haben, in der Wirklichkeit überprüfen. Das können nur Ärzte, die auch jahrelang Patienten behandelt haben.


Ganz bestimmt sind diejenigen Mediziner überfordert, die einen Fulltimejob in der Klinik haben und zwischen 2 anstrengenden
Nachtschichten gleichzeitig auch noch Forschung betreiben müssen. Viel solidere Forschung dürften wir erwarten, wenn sie von
jemandem gemacht wird, der 1 bis 2 Jahre von der Arbeit in der Klinik freigestellt ist. Das schließt leidenschaftliches Arbeiten
nicht aus, jedoch der Einmischung von Chefärzten, die nicht entsprechend ausgebildet sind, aber schnell
noch ein passendes Forschungsergebnis für den nächsten Kongress benötigen.

Das gilt auch für mich. Auch ich habe keine naturwissenschaftliche Zusatzausbildung. Aber ich habe mich eingehend
mit Biometrie und Ernährungsphysiologie befasst, sodass ich zumindest erkennen kann, ob und wann ich Fachleute
aus anderen Gebieten zur Beratung hinzuziehen muss. Und erstaunlicherweise sind schon geringe Kenntnisse
ausreichend, um die Schwächen viel zu vieler Studien zu sehen, so banal und leicht zu entlarven sind die
Manipulationen. Manchmal wünschte ich mir den systematischen Irrsinn in der modernen
wissenschaftlichen Medizin raffinierter, dann hätte man wenigstens eine Erklärung
dafür, dass er nicht längst aufgeflogen ist und sanktioniert wird.

Bereits 1919 verfasste übrigens der bekannte Psychiater Eugen Bleuler [2] eine Schrift mit dem Titel
Das autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin und seine Überwindung. Wahrscheinlich würde sich
der Autor kaum wundern, erführe er, dass sein Buch auch heute noch Gültigkeit besitzt.

Es ist wohl kaum übertrieben, zu behaupten, dass die in den Berufsgenen verankerte Überschätzung
von Ärzten in Bezug auf ihre naturwissenschaftlichen Fähigkeiten für einen beträchtlichen Teil
schlechter Medizin verantwortlich zu machen ist
[1] ...

Im wissenschaftlichen Wettstreit stellt die STATISTIK für die Interpretation und die Darstellung von Studienergebnissen die wichtigste Waffe dar.
Immer wenn ein Medikament, eine Therapie oder eine Ernährungsweise empfohlen wird, gilt die Empfehlung als unangreifbar, wenn sie statistisch
"bewiesen" wurde. Dabei wendet die wissenschaftliche Medizin seit vielen Jahren die Methode der statistischen Wahrscheinlichkeitsrechnung an.
Doch Statistik hat Regeln, die zumindest in minimaler Weise eingehalten werden müssen, sonst könnte man ebenso gut würfeln, um etwas
zu "beweisen". Wenn ich bei hundert Patienten ein neues Medikament A teste und es bei 60 Patienten besser wirkt als das alte Medikament B,
dann scheint bewiesen zu sein, dass A besser wirkt als B. Ist doch logisch, oder etwa nicht?
Ein anderes Beispiel: Angenommen, man
untersucht die Ernährungsgewohnheiten in Hamburg und in Stuttgart und schaut gleichzeitig, welche Krankheiten in diesen Städten auffallen.
Dabei wird festgestellt, dass die Hamburger weniger Fußpilz haben und mehr Fisch essen. Also erhalten die fußpilzkranken Stuttgarter die Empfehlung,
weniger Spätzle und mehr Fisch zu essen, um sich vor Fußpilz zu schützen. Klingt ebenfalls logisch, und dennoch "beweist" diese
Art von Studienergebnissen erst einmal überhaupt nichts.
Im Falle des Medikaments kann das Ergebnis schlicht und ergreifend
ZUFALL sein. Es ist durchaus möglich, dass Medikament A gar nicht besser ist als B und trotzdem zufällig als besser gemessen wurde
(Fehler erster Art oder falsch positives Ergebnis). In einem anderen Experiment wird Medikament A vielleicht als weniger wirksam gemessen,
obwohl es in Wirklichkeit besser ist (Fehler zweiter Art oder falsch negatives Ergebnis). Und die Fußpilz-Fisch-Studie sagt nicht mehr aus
als die Beobachtung, dass es weniger Störche und weniger Geburten [Korrelation] gibt. Hier würde ja auch niemand auf die Idee kommen, dass
Störche und Geburten in einem ursächlichen Zusammenhang [Kausalität] stehen. Dennoch sind in den letzten 60 Jahren unzählige
Therapien und Empfehlungen auf diesem ungenügenden Niveau statistisch "bewiesen" und in Behandlungen
umgesetzt worden
.
Spätestens seit den Achzigerjahren regen sich selbst in Medizinerkreisen immer mehr kritische Stimmen, dass es so
nicht weitergehen kann und man Statistik richtig anwenden muss, um den Zufall weitgehend auszuschließen.
Dummerweise sind mit solchen
zweifelhaften "Beweisen" aber viele Personen in Amt und Würden gekommen und zahlreiche Medikamente und Produkte entwickelt worden, mit
denen heute viel Geld verdient wird. Deshalb tut sich die Medizin schwer,
QUALITÄTSKONTROLLEN für die statistische Interpretation von Studien
durchzusetzen, denn vieles würde sich schon bald als nutzlos herausstellen. Deshalb gibt es noch immer Publikationen, die Cholesterinsenkung
allgemein empfehlen oder die bewiesen haben wollen, dass fettarme Ernährung gesund ist. Es geht nun mal um Karrieren und finanzielle Abhängig-
keiten, und da will man sich nicht mit den Platzhirschen und Marktführern anlegen. Für den systematischen Fehler, der dadurch entsteht, dass
Veröffentlichungen von Gutachten und Redakteuren der Fachzeitschriften viel positiver bewertet werden und damit leichter gedruckt werden,
wenn sie Lehrmeinungen und Trends bestätigen, selbst dann, wenn es angebrachter wäre, kritisch zu sein, gibt es sogar einen Fachbegriff:
"Publication Bias". Eine weitere Tatsache ignoriert die moderne Medizin allerdings bis heute:
Statistik, selbst wenn sie korrekt
angewandt wird, kann aus sich heraus nichts beweisen.
Sie kann nur Hinweise liefern [3]"...
Siehe unten: Jerzy Neyman & Egon Pearson etc.

Plädoyer für mehr Gelassenheit >>>

[1] Aus:
Gunter Frank (b.1963, deutscher Arzt, Buchautor): „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil II: Die Ursachen schlechter Medizin.
Kapitel: Der Gott in Weiß: Die Hybris der ärztlichen Omnipotenz. Mathematik und Medizin. Seite 165f. KNAUS 2012

[2] Eugen Bleuler (1857-1939 Zürich, Psychiater): „Das autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin und seine Überwindung“
SPRINGER 5. Neudruck der 5. Auflage 1962 (1921, 1. Auflage 1919)
[3] Aus: Gunter Frank: „Lizenz zum Essen: Warum Ihr Gewicht mehr mit Stress zu tun hat als mit dem, was Sie essen“ Ernährung und Verdauung.
 Schlussgedanken. Wes Brot ich ess ... Seite 277f.
PIPER 2.Auflage 2008 www.lizenz-zum-essen.de


"Zahlen amüsieren mich, besonders wenn ich sie selbst zusammengestellt habe.
In diesem Fall trifft nämlich die Bemerkung zu, die man Disraeli
(1) zuschreibt:
"Es gibt drei Arten von Lügen: Lügen, infame Lügen und Statistiken."


Mark Twain

(1835-1910)
US-amerikanischer Schriftsteller
Aus: Dr. Suzanne Humphries (US Internistin, Nephrologin), Roman Bystrianyk: „Die Impf-Illusion - Infektionskrankheiten, Impfungen
und die unterdrückten Fakten“ Übersetzung: Klaus-Peter Kubiak (Dissolving Illusions: Disease, Vaccines, and The Forgotten History“
CreateSpace Independent Publishing Platform 2013) Kapitel 17: Glaube und Furcht, Seite 400. Kopp Verlag 1. Auflage 2015
(1) Benjamin Disraeli (1804-1881) britischer Schriftsteller, brit. Staatsmann, Premierminister (1868, 1874-1880)



Franklins Gesetz - Benjamin Franklin, 1710-1790 – Nordamerikanischer Verleger, Politiker, Erfinder (Blitzableiter, Bifokal-(Gleitsicht-)brille), Schriftsteller, Philosoph: „Nichts ist gewiss, außer dem Tod und den Steuern“

Dieser Satz erinnert daran, dass bei allem Tun ständig eine gewisse Unsicherheit besteht, sei es durch technische oder durch menschliche Unzulänglichkeiten (Mängel), mangelndes Wissen, unvorhersehbare Einflüsse, Irrtümer oder bewusste Täuschungen.

Seit der Mensch existiert, sieht er voraus", sagt der französische Sozialhistoriker Georges Minois (b.1946).
Siehe unten: Ungewissheit

"Die moderne Variante des Orakels von Delphi ist die wissenschaftliche Vorhersage. Die Zukunftsforschung verfügt über Instrumente, die sich auf globale Fragen ebenso anwenden lassen wie auf lokale Probleme. Doch sichere wissenschaftliche Aussagen gibt es nicht. Es wird sie nach allem, das wir wissen können, auch nicht geben. Ganz daneben sind eben agnostische Annahmen und Methoden nicht."

ZITATE: Horst Herrmann / Agnostizismus - Freies Denken >>>

Aus: Horst Herrmann(b.1940): „Agnostizismus - Freies Denken für Dummies“ Seite 99. Wiley-VCH VERLAG 1.Auflage 2008

Solange wir nicht ernsthaft krank sind, scheint das Leben unendlich, und wir schieben den Tod gern von uns weg. Wenn wir die Suche nach dem Wesentlichen immer auf morgen verschieben, riskieren wir, dass uns das Leben durch die Finger rinnt, ohne dass wir es jemals "richtig gelebt" haben.

"Manchmal kuriert uns Krebs von dieser seltsamen Kurzsichtigkeit, dem Zaudern und Zögern. Eine Krebsdiagnose öffnet uns die Augen dafür, wie vergänglich das Leben ist, und kann dem Leben so seinen wahren Reiz zurückgeben. Einige Wochen nach der Diagnose meines Gehirntumors hatte ich das seltsame Gefühl, ein Schleier wäre weggezogen worden, der mir bis dahin die Sicht getrübt hatte ... So kann die Nähe des Todes auch eine Art Befreiung sein. In seinem Schatten erhält das Leben auf einmal eine Intensität, eine Tiefe und einen Reiz, die es bis dahin nicht gehabt hat. Natürlich sind wir, wenn es soweit ist, auch verzweifelt, weil wir Abschied nehmen müssen ... Viele fürchten diese Traurigkeit. Aber wäre es nicht trauriger, wenn wir gehen müssten, ohne zuvor das Leben ausgekostet zu haben? Wäre es nicht viel schlimmer, wenn wir im Moment des Abschieds nicht Grund zur Trauer hätten?..." David Servan Schreiber (b.1961, Center for Complementary Medicine UNI Pittsburgh/Pennsylvania USA, Neuropsychiater): „Das Antikrebs Buch. Was uns schützt: Vorbeugen und Nachsorgen mit natürlichen Mitteln“ (Anticancer - A New Way of Life 2008) KUNSTMANN 2008


Informierte Entscheidung/Einwilligung (informed consent)/gelenkte Selbstbestimmung:
Der Idealfall, dass der Patient über das Für und Wider einer Untersuchung oder Therapie und ihrer Alternativen informiert ist und auf dieser Grundlage entscheidet, ob er sie durchführen lässt.

Prof. Dr. med. Julius Hackethal (1921-1997, Facharzt für Chirurgie) sprach in diesem Zusammenhang von "GIMP's"
- "Gut informierte mündige Patienten".
Aus: "Der Meineid des Hippokrates - Von der Verschwörung der Ärzte zur Selbstbestimmung des Patienten". Bergisch Gladbach: Lübbe, 1992, 461 S., ISBN 3-7857-0642-1

Zitate: Julius Hackethal / Die Krebskrankheit >>>

Derzeit ist dieser "Idealfall" noch nicht allgemein gegeben, zum Teil, weil die Patienten umsorgt anstatt informiert werden wollen, zum Teil, weil die Ärzte lieber allein entscheiden, wie sie vorgehen wollen.

"Der gut informierte Patient betrachtet eine Komplikation als einen Teil des normalen Verlaufs! Der schlecht informierte Patient betrachtet den normalen Verlauf als eine endlose Reihe von Komplikationen!" Aus: Lutz von Laer, Ralf Kraus, Wolfgang E. Linhart: „Frakturen und Luxationen im Wachstumsalter“ Seite 90, THIEME 5.Auflage 2007

Leider werden Patienten, wenn auch meistens unbewusst, von Ärzten/-innen über "Angstmacherei" manipuliert. Können sie sich an Sätze erinnern wie: "Wenn Sie das nicht tun, wenn Sie dieses Medikament nicht einnehmen oder wenn Sie mit dem Rauchen nicht aufhören, dann ...". Schon machen fast alle Patienten unkritisch, was der Arzt möchte bzw. was der Arzt glaubt zu wissen, dass das das Beste für seine Patienten sein soll.

"Für mich ist Offenheit nicht etwas, das von Anfang an zwischen Menschen möglich ist, sondern etwas, das vorsichtig erworben und gelernt werden muss. Das kann man nicht sofort und mit Gewalt ... Ich glaube allerdings, dass sogar in der allerbesten Beziehung immer noch verschlossene Bereiche übrig bleiben. Ich kann mir keine Beziehung vorstellen, in der totale Offenheit zu jeder Zeit möglich und zu ertragen ist. Ich unterscheide deshalb zwischen optimaler und maximaler Authentizität ["Echtheit", "Aufrichtigkeit"]. Die Richtlinie ist: das, was sich an persönlicher Erfahrung im Inneren ereignet, mit optimaler innerer Ehrlichkeit und kommunikativer Klarheit - also authentisch - dem Partner mitzuteilen. Optimale Authentizität hat immer selektiven Charakter; maximale, d.h. absolute Aufrichtigkeit kann zerstören. Ich glaube, dass absolute Offenheit ein Aberwitz [Absurdität] ist. andererseits hat unsere Zivilisation eine lange Zeit destruktiver Verschwiegenheit und Heuchelei auszugleichen. Ich glaube daher, dass mit der Offenheit-um-jeden-Preis-Bewegung das Pendel in die Gegenrichtung ausschlägt. Auch hier bedarf es dynamischer Balance - zwischen Scheinheiligkeit und Rücksichtslosigkeit. Oder positiv gesagt: zwischen gutem Schweigen und guter Kommunikation." [Aus einem Interview mit Ruth Charlotte Cohn (1912-2010, 
Begründerin d. Themenzentrierten Interaktion TZI, Vertreterinn der humanistischen u. psychodynamischen Psychologie) 1979] Aus: Friedemann Schulz von Thun (b.1944, deutscher Psychologe, Kommunikationswissenschaftler): „Miteinander reden: 1. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation“ (1981). Teil B Ausgewählte Probleme der zwischenmenschlichen Kommunikation. 4. Wegweiser der Psychologie. 4.2 Selektive (auswählende) Authentizität. Seite 136f. ROWOHLT Sonderausgabe 2011

"Als Folge des sich seit den letzten vier Jahrzehnten vollziehenden Wandels der Arzt-Patient-Beziehung forderte das erwachte Selbstbewusstsein des mündigen Bürgers eine Aufhebung des traditionellen Paternalismus ["der väterlichen Herrschaftsordnung"] zugunsten einer symmetrischen und partnerschaftlichen Arzt-Patient-Beziehung ["Shared Decision Making"], in der der Arzt mehr zu erklären und der Patient mehr zu entscheiden hat. Damit erhält die aufgeklärte Einwilligung ["Informed Consent"] eine zentrale Bedeutung. Seine ethische Begründung findet der Aufklärungsanspruch des Patienten in der Autonomie. Autonomie bedeutet dabei Respekt vor der Freiheit des Menschen und seiner personalen Würde. Hieraus entspringt die Verpflichtung des Arztes, die Patientenaufklärung als eine Kernaufgabe zu betrachten, mit der eine Hilfe zur Entscheidungsfindung des Patienten geleistet werden soll. Gerade über dieses Gespräch kann die Arzt-Patient-Beziehung auf eine Grundlage des gegenseitigen Vertrauens gestellt und ihr damit zum Gelingen verholfen werden." Aus: Giovanni Maio: "Mittelpunkt Mensch: Ethik in der Medizin - Ein Lehrbuch" 7. Die Arzt-Patient-Beziehung und das Prinzip der Autonomie. Fazit S.148 Schattauer 2012

Aspekte der Arzt-Patienten-Beziehung aus Sicht der Hirnforschung: Zur Balance zwischen Empathie und notwendiger Distanz im Arztberuf pdf >>>
von Univ.-Prof. Dr. med. Joachim Bauer (b.1951). Aus: www.aerztekammer-bw.de/aerzteblatt/aebw-archiv/2014/Aerzteblatt_Baden-Wuerttemberg_05-2014.pdf
"... Die meisten Patienten haben den legitimen Wunsch nach angemessener persönlicher Zuwendung. Manche Patienten haben aber auch übersteigerte Zuwendungserwartungen. Andere wiederum haben Angst, ihre Beschwerden seien im Vergleich zu anderen Kranken irrelevant und fürchten, sie könnten dem Arzt nur wertvolle Zeit rauben. Wieder andere Zeitgenossen bringen jedem Arzt vorsichtshalber erst einmal grundsätzliches Misstrauen entgegen. Emotionale Gestimmtheiten, mit denen wir Menschen - Patienten zumal - unterwegs sind, sind ein impliziter Teil unseres Erlebens. Entsprechend sind die emotionalen Aspekte, die sich für Patienten, zusammen mit gesundheitlichen Beschwerden, ergeben können, in der Regel nicht Teil des expliziten Rapports [der Beziehung], den [die] der Arzt bei der Anamnese zu hören bekommt. Obwohl mit den Beschwerden einhergehende Emotionen im Gespräch zwischen Arzt und Patient meistens außen vor bleiben, können sie die Beschwerdeschilderung - und oft auch sein Beschwerdeerleben - massiv beeinflussen. Sie können zum Beispiel eine Bagatellisierung [Verharmlosung] der Beschwerdeschilderung oder auch eine Aggravation [Verschlechterung] zur Folge haben, aber auch Weglassungen oder Verschiebungen des Wahrnehmungs- oder Aufmerksamkeitsfokus (manchmal auch Verschiebungen der Beschwerden). Durch emotionale Begleitvorgänge verursachte, implizite, also in der Regel unbewusste Veränderungen oder Verfälschungen der Beschwerdeschilderungen können, wenn sie nicht erkannt werden, den diagnostischen Prozess in die Irre führen. Diagnostische Irrwege ziehen Einbußen beim Therapieerfolg nach sich. Therapeutische Nichtansprechbarkeit kann sich nicht nur durch diagnostische Sackgassen, sondern auch aus emotionalen Verwicklungen ergeben, die - wie schon erwähnt - mit der unmittelbaren Begegnung des Patienten mit seinem Arzt zu tun haben. Fehlendes Vertrauen, verdeckte Vorwurfshaltungen, aber auch übersteigerte Versorgungs- und Bindungswünsche können zum Beispiel dazu führen, dass es einem Patienten gar nicht besser gehen "darf" ... Worauf beruht die ärztliche Kunst, bei einem anderen Menschen "hinter die Kulissen zu schauen" und ihn intuitiv zu verstehn? Die Kunst besteht darin, nicht nur genau zu hören, was der Patient explizit, sozusagen 1:1, berichten kann, sondern zusätzlich auch darauf achten, wie er etwas sagt. Worauf es ankommt, ist, auf die Art zu achten, wie der Patient spricht; welche Zeichen seine Stimme aussendet; auf ein etwaiges Stocken seiner Rede, oder auf das Gegenteil, also auf eine Tendenz eines Patienten, den Arzt "zuzutexten"; auf seine Mimik, sein Blickverhalten und seine sonstige Körpersprache. Quelle intuitiven ärztlichen Verstehens ist - neben der Sprache - vor allem die Körpersprache des Patienten ... Die intuitive Wahrnehmung der vom Patienten ausgehenden Zeichen und die Fähigkeit, sie zu "lesen" ["System der Spiegelneurone" n. Giacomo Rizzolatti (1992)], ist kein Selbstzweck, sondern kann dem Arzt helfen, seinen Patienten zu "erreichen", sein Vertrauen zu gewinnen und eine möglichst nahe an der Realität liegende Beschwerdeschilderung zu erhalten. Spürt der Arzt zum Beispiel, dass den Patienten etwas bislang Unausgesprochenes bedrückt, so kann er den Patienten vorsichtig anfragen, inwieweit etwas bisher von ihm nicht gesagt werden konnte ("Könnte es sein, dass Sie noch etwas sagen wollten?" oder "Ich habe das Gefühl, dass Ihnen noch etwas auf dem Herzen liegt?") ... Je vorsichtiger, taktvoller und einfühlsamer von ärztlicher Seite vorgegangen wird, umso eher wird sich ein Patient öffnen. Eine zwanglose Art, in der beschriebenen Weise mit dem Patienten in Kontakt zu kommen, ist die in Ruhe, mit den eigenen Händen vorgenommene körperliche Untersuchung ... Der Benefit [Nutzen, Vorteil] einer empathischen ärztlichen Haltung ... besteht in einer zielgenaueren Diagnostik, einer höheren Therapieeffizienz und in einem besseren Arzt-Patient-Verhältnis. Der Nachteil der Empathie besteht darin, dass negative Gefühle anderer, die wir empathisch nachvollziehen, auf uns abfärben können, dass sie unsere eigene Emotionalität verändern. Auch dies hat seinen Grund in der Wirkungsweise der Spiegelneurone. Empathie ist daher keineswegs immer und unter allen Umständen "gut", sondern bedarf der richtigen Dosierung ... Störungen der Gesundheit haben für den Patienten immer auch eine emotionale Bedeutung. Mit gesundheitlichen Störungen unvermeidlich verbundene emotionale Konnotationen [Begleitvorstellungen] des Patienten wie Angst, Scham, Ärger oder das Gefühl der Verlassenheit oder Hilflosigkeit sind mehr als nur flüchtige psychologische Zustände. Weil Emotionen mit neurobiologischen Begleitprozessen, insbesondere mit der Aktivierung oder Inaktivierung von neurogenetischen Programmen (z.B. mit der Aktivierung von Stressgenen [CRH] oder Inaktivierung der Motivationssysteme) einhergehen, können sie einen gravierenden Einfluss auf den Gesundungsprozess haben [1, 2, 3, 4] ..." Joachim Bauer: „Das kooperative Gen - Evolution als kreativer Prozess“ HEYNE 2010 (2008), „Lob der Schule. Sieben Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern“ HEYNE 3.Auflage 2010 (2007), [1] „Das Gedächtnis des Körpers - Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern“ 16. Auflage PIPER 2010 (2004), [2] “Warum ich fühle, was du fühlst - Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone” HEYNE 18.Auflage 2012 (2005), [3] „Prinzip Menschlichkeit - Warum wir von Natur aus kooperieren“ [oder „Die Entdeckung des Social Brain“] 7. Auflage HEYNE 2014 (2006), [4] „Arbeit - Warum unser Glück von ihr abhängt und wie sie uns krank macht“ 1. Auflage Karl Blessing Verlag 2013 u. KINDLE 2013, „Schmerzgrenze - Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt“ Wilhelm Heyne Verlag 3.Auflage 2013 (2011), „Selbststeuerung - Die Wiederentdeckung des freien Willens“ Karl Blessing Verlag 2.Auflage 2015


Die Rolle des Patienten im historischen Abriss [1,2]
 


1960


der bevormundete Patient


Der Arzt verordnete und ordnete an und der Patient hatte zu befolgen. Ernste und lebensgefährliche Diagnosen (z.B. Krebs) wurden nicht mit-geteilt. Der Patient wurde wie ein Unmündiger behandelt und bevor-mundet. Benevolenter Paternalismus


1970


der informierte Patient


In dieser Zeit wurde der aus den USA kommende „informed consent“, also die Information des Patienten über die Krankheit und die medizinischen Maß-nahmen, auch bei uns zur Regel. Schutz vor Regressansprüchen. Von einem Konsens auf der Basis einer umfassenden Information konnte keine Rede sein.


1980


der mündige Patient


Informierte Krebspatienten gründeten die ersten Selbsthilfegruppen. Juristen begannen das bis dahin noch unbekannte Feld der Patientenrechte zu bearbeiten.


1990


der autonome Patient


Die zunehmende Emanzipation von Patienten führte zum Modell des
shared decision making“, der gemeinsamen Entscheidungsfindung von Arzt und Patient auf der Basis einer guten Beratung.


2000


der kompetente Patient


Im Zentrum der Überlegungen stehen jetzt die Fragen nach der Eigen-/Mit-Verantwortung des Patienten in der Krankheit und nach den eigenen Möglichkeiten zur Überwindung derselben. Fragen des Patienten an sich selbst: Welche Rolle will ich im Umgang mit meiner Krankheit spielen?, Was ist mein persönlicher Beitrag zur Krankheitsbewältigung und wie sieht er aus? Wofür ist der Arzt zuständig, wofür bin ich es?

[1] Claus Peter Bartmann, Ingolf Hübner: „Patienten-Selbstbestimmung. Paradigmenwechsel und Herausforderung im Gesundheitswesen“ Neukirchener Verlag 2002

[2] Fülöp Scheibler, Holger Pfaff: “Shared Decision-Making. Der Patient als Partner im medizinischen Entscheidungsprozess“ Weinheim: Juventa (2003)
Doris Schaeffer: „Der Patient als Nutzer“ Hans Huber 2004

"Die Menschen erbitten sich Gesundheit von den Göttern;
dass sie selbst Gewalt über ihre Gesundheit haben,
wissen sie nicht"

Demokrit von Abdera
(460 - 371)
Griechischer Philosoph




"Viele Ärzte werden den neuen, informierten, selbstbewussten Patienten begrüßen, andere werden vielleicht eine Weile brauchen, um umzudenken. Doch in Zukunft wird ein partnerschaftliches Arzt-Patienten-Verständnis immer wichtiger werden. Im 21. Jahrhundert liegt hier das größte Potential für eine bessere Medizin im Kampf gegen die Probleme, die die Medizin selbst verursacht und die systematisch zu unnützen und gefährlichen Fehl- und Übertherapien führen. Mit der neuen Partnerschaft zwischen Patienten und Ärzten wird die wichtigste Voraussetzung dafür geschaffen, dagegen erfolgreich anzugehen. Nicht nur weil informierte Patienten auch Ärzte davor schützen, falsche Therapieentscheidungen zu treffen, sondern vor allem weil informierte Patienten für sie die besten Verbündeten sind, um sich gegen die überbordende Ökonomisierung der Medizin zur Wehr zu setzen, die auch uns Ärzten zunehmend die Freude an der Arbeit nimmt. Unser Gesundheitssystem ist in Gefahr. Wissenschaftliche Redlichkeit, Anstand und Menschlichkeit in der Medizin werden immer mehr einer falsch verstandenen Marktwirtschaft untergeordnet ... Denn die aktuelle Gesundheitspolitik ist auf dem besten Weg das Gesundheitssystem zu einem rein profitorientierten Gesundheitsmarkt umzubauen, zum Nachteil von Patienten und Ärzten. Die Medizin soll für die Patienten da sein und nicht, um sie des Profites wegen krank zu machen. Es wird höchste Zeit, energisch dafür einzutreten. Patienten, die gut informiert die richtigen Fragen stellen und selbstbewusst auf Antworten bestehen, werden in Zukunft die entscheidende Triebkraft für eine ehrlichere, nebenwirkungsärmere und damit bessere Medizin sein. Doch bis es so weit ist, können Sie sich und Ihre Familie, ausgerüstet mit dieser "Gebrauchsanweisung für Ihren Arzt", schon jetzt deutlich besser vor den Exzessen der modernen Medizin schützen." Aus: Dr. med. Gunter Frank: "Gebrauchsanweisung für ihren Arzt - Was Patienten wissen müssen" I. Einleitung: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt ... aber richtig! Der informierte Patient - die Chance für ein besseres Gesundheitssystem. Seite 22f. 2. Auflage KNAUS 2014

Der moderne Mensch fordert Freiheit und Selbstbestimmung
- auf allen Ebenen und in allen Lebensbereichen, auch in der Krankheit. Der Arzt wird dabei mehr und mehr vom Macher zum Berater, zum Lotsen durch die Informationsflut der elektronischen Medien. Mehr denn je ist die Kompetenz des Patienten gefordert, im Dschungel der unübersehbaren Therapiemöglichkeiten den richtigen Weg für sich zu wählen... Patientenkompetenz bezeichnet die Fähigkeit, für sich Verantwortung zu übernehmen auf dem Weg durch die Krankheit. Und da dieser Weg bei jedem Menschen anders aussieht, gibt es nicht DIE Patientenkompetenz, sondern es gibt immer nur MEINE Kompetenz als Patientin oder Patient ... Ein kompetenter Patient wird für sich selbst aktiv ... tritt heraus aus der Rolle des passiven Opfers eines gnadenlosen Schicksals - prognostische Relevanz der Patientenkompetenz.
Aus: Annette Bopp, Delia Nagel, Gerd Nagel: „Was kann ich selbst für mich tun? Patientenkompetenz in der modernen Medizin“ RÜFFER&RUB 2005. Kapitel Gerd Nagel:  "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch" Seite 27f.

"Veränderung erfordert Mut und einen langen Atem - So sieht eine moderne, dem 21. Jahrhundert angemessene Arzt-Patienten-Beziehung aus, und zwar genau in dieser Reihenfolge: erst sachliche Klärung des Wissenstands auf Grundlage zuverlässiger Zahlen [Statistik, Studien; erfordert Verstand] und dann ein Gespräch, in dem die persönlichen Erfahrungen beider Gesprächspartner [individuelle Situation; Selbstzugang/Intuition; erfordert Gefühls- und Verstandesbewertung] zum Tragen kommen. Ich kenne Kollegen, die so vorgehen. Ich kenne auch Kollegen, die meinen, so vorzugehen, aber leider Pharma- und Kassenpropaganda unterliegen und daher trotzdem wirklichkeitsfremd agieren. Und ich kenne Kollegen, die immer noch am patriarchalischen Weltbild [benevolenten Paternalismus] festhalten. Die beiden letztgenannten Gruppen sind in der Mehrheit, sonst gäbe es die Missstände nicht, die die ärztliche [medizinische] Behandlung zur inzwischen dritthäufigsten Todesursache [1. Herzinfarkt u. Schlaganfall, 2. Krebskrankheit] haben werden lassen [1]. Auch das Patientenverhalten steht einer partnerschaftlichen Arzt-Patienten-Beziehung oft im Weg. Zum einen verhindern übersteigerte Heilserwartungen an die Medizin eine sachliche Bewertung von Informationen, und zum anderen erschwert ein traditionelles, passives Patientenverständnis das dringend notwendige kritische Nachfragen im Sinne unserer 10-Punkte-Checkliste [2] ... die neue Rolle des reflektierten und selbstbewussten Patienten ... sogar unter Angst und Druck daran festzuhalten ... eine innere Haltung aufzubauen, mit der Sie im Einklang mit sich selbst, fast von allein und ohne unangenehme Konflikte zu Verhaltensweisen kommen, die dieses neue Patientenverständnis unterstützen."
Aus: Dr. med. Gunter Frank: "Gebrauchsanweisung für Ihren Arzt - Was Patienten wissen müssen" IV. Das Ziel: Aufbau einer partnerschaftlichen Arzt-Patienten-Beziehung. Die Zukunft gehört der partnerschaftlichen Arzt-Patienten-Beziehung. Veränderung erfordert Mut und einen langen Atem. Seite 166ff, KNAUS 2. Auflage 2014. [1] Barbara Starfield (1932-2011), Johns Hopkins University Baltimore/Maryland USA: "Is US Health Really the Best in the World?" JAMA. 2000;284(4):483-485. "Medically caused death in America" Interview mit Jon Rappoport (9.12.09) www.newswithviews.com/Rappoport/jon100.htm. [2] Checkliste Teil 1 - Fragen zum Nutzen einer medizinischen Empfehlung: 1.) Wie ist der natürliche Verlauf einer Erkrankung ohne Therapie? 2.) Hat die vorgeschlagene Therapie nachweislich Vorteile gegenüber einer Nichtbehandlung [Placebo]? 3.) Worin besteht der Vorteil der empfohlenen Maßnahme konkret [Endpunkte, Ersatzparameter]? 4.) Hat die empfohlene Maßnahme Nachteile (Nebenwirkungen) und was bedeutet sie für mich [Nutzen-Risiko-Verhältnis]? 5.) Gibt es andere Vorgehensweisen und Studien, die deren Nutzen geprüft haben [Therapieoptionen]? Checkliste Teil 2 - Fragen zur Qualität der erhaltenen Antworten: 6.) Welche Qualität haben die Studien, mit denen die Empfehlung begründet wird [EbM Klassen]? 7.) Werden die Studienergebnisse in relativen oder absoulten Zahlen wiedergegeben [absolutes o. relatives Risiko]? 8.) Wie viele Patienten müssen behandelt werden, damit bei einem die gewünschte Wirkung [NNT] oder eine schwere Nebenwirkung [NNH, NNK] eintritt? 9.) Gibt es eine Bilder- oder eine Faktenbox [n. Lisa M. Schwatz, Steven Woloshin], die Vor- und Nachteile einer Therapie übersichtlich und verständlich darstellt? www.harding-center.mpg.de 10.) Wer hat die Studie finanziert [Drittmittel/Pharmaindustrie]?

"Zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht die Medizin an der Schwelle ihrer dritten Revolution, nämlich des Heraufkommens eines Zeitalters der Information. Dieses Zeitalter der Information wird zum Zeitalter der Patienten werden, nämlich zum Zeitalter des informierten Patienten, der sich in einer technisch hochgerüsteten und menschlich partnerschaftlichen Medizin wiederfinden will und wird. Die Medizin vor der wissenschaftlichen Revolution des 17. und 18. Jahrhunderts war aufgrund ihrer damaligen Möglichkeiten vor allem auf die Gesundheitsfürsorge beschränkt, in deren Vordergrund die "Diätetik" als eine Lehre vom gesunden Leben stand. Im 18. Jahrhundert nahm die erste Revolution der modernen Medizin ihren Ausgang mit einer Verbesserung der allgmeinen Hygiene, einer verbesserten Wasserqualität, vor allem mit einer besseren Ernährung von breiteren Bevölkerungsschichten. Im 18. und 19. Jahrhundert stieg die Naturwissenschaft zur alles gestaltenden Kraft in der Medizin auf. Beispielsweise konnten durch die Einführung der Asepsis bzw. Antisepsis in die Chirurgie und die Entwicklung erster Anästhesieverfahren bis dato als absolut lebensbedrohlich geltende Operationen wie zum Beispiel Amputationen, aber auch erste Versuche der Eröffnung von Leibeshöhlen schmerzarm und risikoärmer durchgeführt werden. Das 20. Jahrhundert war dann geprägt durch revolutionäre wissenschaftliche und technische Innovationen: von der Herztransplantation über komplexe Gehirneingriffe bis zu den modernen schonenden Verfahren der minimal-invasiven Chirurgie. Diese zweite technologische Revolution der Medizin hatte die Etablierung von immer umfassenderen Gesundheitssystemen in allen entwickelten westlichen Gesellschaften zur Folge. Die bedeutendsten Fortschritte der letzten Jahrzehnte fanden vor allem in den Bereichen der Biophysik, der Molekularbiologie, Biotechnologie, der Transplantationsmedizin, der Entwicklung neuer Werkstoffe und nicht zuletzt auch in der Onkologie statt ..." Aus: Michael Imhof: "Eidesbruch - Ärzte, Geschäftemacher und die verlorene Würde des Patienten" Kapitel 2: Die Krise als Chance. S.249f, CAMPUS 2014


Der Patient: Objekt - Partner - Kunde


Benevolenter Paternalismus
"Wohlwollende väterliche Herrschaftsordnung"

Patient = Objekt

Arzt verordnet.

Patient befolgt - Compliance.


Shared Decision Making
"Partnerschaftliche Arzt-Patient-Beziehung", "Informierte Entscheidung", "Evidenzbasierte-, Partizipative Entscheidungsfindung"

Patient = Partner

Arzt informiert, auch über zusätzliche Informationsquellen und Hilfen, und bietet einen Prozess gemeinsamen Entscheidens an.

Patient lässt sich Zeit, holt zweite und dritte Meinungen ein – und entscheidet zu selbst gewähltem Zeitpunkt.


Informed Consent/
Business Modell
Informierte Einwilligung"
"Einwilligung nach erfolgter Aufklärung"

Patient = Kunde

Arzt informiert, wirbt, bietet an

Patient entscheidet, meist unmittelbar nach der Aufklärung


benevolent
: wohltätig, mildtätig, gütig, wohlwollend.

Paternalismus
:„Väterliche Bevormundung“. Medizinisch paternalistisch sind Maßnahmen dann, wenn sie dazu bestimmt sind, das Wohl von Personen auch gegen deren Willen zu schützen. Unterschieden werden kann zwischen einem „starken“ Paternalismus, welcher sich auf Entscheidungen für einwilligungsfähige Personen bezieht und einem „schwachen“ Paternalismus, bei dem über das Wohl nicht einwilligungsfähiger Personen entschieden wird.

Compliance
– Die Befolgung und Einhaltung von Verhaltensmaßregeln, Gesetzen und Richtlinien durch den Patienten.


Simon, A. / Verrel, T.: Patientenverfügungen. Ethik in den Biowissenschaften – Sachstandsberichte des DRZE, Bd. 11. Freiburg i.B.: Alber. Online Version

Ausfeld-Hafter, B. (2007) (Hg.): Medizin und Macht: die Arzt-Patienten-Beziehung im Wandel: mehr Entscheidungsfreiheit? Bern: Lang.

Barta, H. / Kalchschmid, G. (2005) (Hg.): Die Patientenverfügung: zwischen Selbstbestimmung und Paternalismus. Wien: LIT.

Eibach, Ulrich (1997): Vom Paternalismus zur Autonomie des Patienten? Medizinische Ethik im Spannungsfeld zwischen einer Ethik der Fürsorge und einer Ethik der Autonomie. In Zeitschrift für medizinische Ethik 43(3), 215–231.


modifiziert/Quelle: Christoph Kranich Fachabteilung Gesundheitsdienstleistungen Verbraucherzentrale Hamburg.www.vzhh.de

Silja Samerski (b.1970, deutsche Soziologin, Biologin, Philosophin): “Die Entscheidungsfalle - Wie genetische Aufklärung die Gesellschaft entmündigt” WBG 2010



"Kriminelle Praktiken (Ver)schweigen ist Gold. Neben dem nachvollziehbaren Abwägen zwischen den Chancen, die man Patienten nicht vorenthalten möchte, und den unklaren Langzeitrisiken gibt es aber auch Praktiken, die man nur als unredlich oder sogar verbrecherisch bezeichnen kann.
Oft werden Nebenwirkungen nämlich schöngeredet oder gar ganz verschwiegen, um eine Zulassung zu ermöglichen. In meinem Buch "Schlechte Medizin" [1] habe ich ein solches unrühmliches Beispiel beschrieben. In einer medizinischen Leitlinie wurde ein Medikament, Sibutramin [Reductil], zur Gewichtsreduktion als positiv bewertet und zur Zulassung empfohlen, was dann auch geschah. Damals waren allerdings bereits gefährliche Nebenwirkungen bekannt, die man in der Leitlinie jedoch kleinredete. Ein folgenschwerer Fehler. Wie sich in den nächsten zehn Jahren herausstellte, starben Menschen an den vorhersehbaren Nebenwirkungen, und das Medikament wurde deswegen vom Markt genommenn. Diese Leitlinie wurde verantwortet von Professor Dr. Karl Lauterbach [b.1963]
, dem gesundheitspolitischen Sprecher der SPD, und das Pikante an der Sache ist, dass sie von der Firma Knoll, dem Hersteller von Sibutramin, finanziert und personell unterstützt wurde. Dass das Schönfärben von Nebenwirkungen oder gar das komplette Vertuschen keine Einzelfälle sind, zeigt folgende Aussage der Chefredakteurin einer der führenden Fachzeitschriften, in denen medizinische Studien publiziert werden. Fiona Godlee [b.1961] vom British Medical Journal sagte im Oktober 2012: "Kontinuierlich und systematisch - und das über Jahrzehnte - wurden Daten aus klinischen Studien geheim gehalten oder nur falsch an die Öffentlichkeit gegeben." Halten wir einmal inne und machen uns klar, was das bedeutet: Wir müssen davon ausgehen, dass die meisten etablierten Therapien auf dem Boden geschönter und manipulierter Studien zugelassen wurden. Das bedeutet, dass Ärzte und Patienten das wahre Ausmaß ihrer Nebenwirkungen gar nicht kennen. Wie ist dies möglich? Wo Studien in der Regel von leitenden Universitätsmedizinern verantwortet werden? Die kennen doch die Daten und müssten gegen diese Vertuschung protestieren. Wenn Pharmafirmen die hohen Kosten für die Entwicklung neuer Medikamente beklagen, dann sollte nicht verschwiegen werden, dass sie zwei- bis dreimal so viel für das Marketing ihrer Produkte ausgeben. Dieses Geld wird nicht benötigt, um schöne Prospekte zu drucken und Werbeanzeigen zu schalten. Diese Riesensummen fließen in zahllose verborgene Kanäle, um medizinische Entscheidungsträger zu beeinflussen ... Die Folgen dieser wissenschaftlichen Einflussnahme lassen sich aus einer Arbeit der amerikanischen Gesundheitswissenschaftlerin Barbara Starfield [1932-2011] von der Johns Hopkins University in Baltimore [Maryland] erahnen. Sie hat die hierzu existierenden Untersuchungen analysiert und zieht daraus den Schluss, dass in den USA jährlich mindestens 225.000 - 284.000 Menschen unnötigerweise, also vermeidbar, aufgrund einer medizinischen Behandlung sterben. Das ist die dritthäufigste Todesursache nach Herzkrankheiten und Krebs und kommt noch vor Schlaganfällen oder Unfällen. Diese sogenannten iatrogenen, das heißt wörtlich "vom Arzt" verursachten, Todesfälle sind die Folge von unnötigen Operationen, ärztlichen Kunstfehlern und von [nosokomialen] Infektionen [Hospitalismus], die man sich in Krankenhäusern zuzieht. In fast der Hälfte aller Fälle gehen sie jedoch auf die Nebenwirkungen von ordnungsgemäß (!) verschriebenen Medikamenten zurück. Also nicht falsch verschriebenen Medikamenten, sondern von solchen, die aufgrund der Empfehlungen medizinischer Behandlungsleitlinien verordnet wurden. Diese Zahlen beziehen sich vor allem auf stationäre Krankenhausbehandlungen. Schaden nehmen kann man auch, wenn man eine Arztpraxis aufsucht (ambulante Behandlung). Barbara Starfield geht davon aus, dass dies jährlich zwischen 4 und 18 Prozent aller Amerikaner widerfährt. Darus resultieren 116 Millionen zusätzlich erforderliche Arztbesuche, 77 Millionen Extraverschreibungen, 17 Millionen Notfallbehandlungen, 8 Millionen Krankenhauseinweisungen und 199.000 zusätzliche Todesfälle, die ohne die Behandlung nicht eingetreten wären. Damit sind die iatrogenen Erkrankungen in den USA zu einem der Hauptprobleme der modernen Medizin aufgerückt, doch im Gegensatz zu Krebs und schweren Herzerkrankungen wären die meisten dieser Fälle vermeidbar ... Bei diesen Größenordnungen erstaunt, wie wenig diese Gesundheitsgefahren in der Öffentlichkeit thematisiert werden, da sie vieles weit in den Schatten stellen, das heute lautstark als Gesundheitsrisiko beklagt wird ..." Aus: Dr. med. Gunter Frank: "Gebrauchsanweisung für ihren Arzt - Was Patienten wissen müssen" II. Faktencheck. Wie Sie den allgemeinen Nutzen einer medizinischen Empfehlung überprüfen können. Punkt. 4: Hat die empfohlene Maßnahme Nachteile (Nebenwirkungen) und was bedeuten sie für mich? Kriminelle Praktiken (Ver)schweigen ist Gold. Seite 49f. Gesundheitsrisiko Arztbesuch. Seite50ff. 2. Auflage KNAUS 2014. [1] „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ KNAUS 5.Auflage 2012: "...1999 warnte das arznei-telegramm nochmals vor den gefählichen Herznebenwirkungen und dem gefährlichen Lungenbnochdruck ... riet von der Anwendung ab."

Agenten
(Eigenverantwortlich Handelnde) statt Patienten
pdf >>>
Prof. Dr. Dr. phil. Harald Walach (b.1957, klinischer Psychologe, Philosoph, Wissenschaftshistoriker)
Intrag -Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften, www.europauni.de/de/forschung/institut/institut_intrag/institut/leitung/index.html

Aus: DZA -Deutsche Zeitschrift für Akupunktur 55.Jhg 1/2012

"Wenn die Diskussion auf das Thema Lebensende kommt, ist viel von ärztlicher Fürsorge die Rede. Manche verwechseln allerdings Fürsorge mit Paternalismus (Bevormundung), was nicht hilfreich ist. Fürsorge besteht nicht darin, den Menschen die Entscheidungen abzunehmen, sondern ihnen zu helfen, die für sie in ihrer aktuellen Lebenssituation angemessenen Entscheidungen selbst zu treffen. Das müssen nicht unbedingt Entscheidungen sein, die man gemeinhin als "vernünftig" betrachten würde, denn es geht in diesem Zusammenhang um den Respekt vor der Selbstbestimmung des Menschen. Diese schließt grundsätzlich auch das Recht ein, Entscheidungen zu treffen, die, von außen gesehen, als nachteilig oder gar selbstschädigend empfunden werden (zudem stellt die Bewertung von Entscheidungen anderer als "nachteilig" immer eine Fremdeinschätzung dar und ist daher von vornherein fragwürdig). Was ist also genau die ärztliche Aufgabe im Prozess der Entscheidungsfindung, und wie kommt darin das wichtigste Prinzip der Fürsorge zur Geltung? Meine Erfahrung ist, dass die wichtigste Möglichkeit, Fürsorge in der Praxis auszuüben, in der ärztlichen Aufklärung liegt. Es gibt nämlich in der klinischen Praxis ein Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und Fürsorge. Auf der einen Seite gibt es Patienten, die alle verfügbaren Informationen hören und jede Entscheidung ganz autonom für sich allein treffen möchten. Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es Patienten, die überhaupt nichts entscheiden möchten, die nicht einmal ihre Diagnose hören wollen, die dem Arzt voll vertrauen und sagen: "Sie machen es schon richtig. Ich möchte eigentlich gar nichts wissen." Auch diese Patienten sind selten, aber auch sie gibt es. Die allermeisten Patienten liegen irgendwo dazwischen in einem Graubereich mit jeweils individuell unterschiedlichen Bedürfnissen an Respekt für ihre Selbstbestimmung und Fürsorgeangeboten. Die schwierige Aufgabe der Ärzte ist es, jedem Patienten die Mischung aus Selbstbestimmung und Fürsorge zu geben, die sie oder er in diesem Moment gerade benötigt. Das ist unter anderem deswegen besonders schwierig, weil dieses "Mischungsverhältnis" sicht mit der Zeit, zum Beispiel im Verlauf einer schweren Erkrankung, ändern kann. Das heißt, man muss immer wieder von Neuem schauen, wo der Patient steht. Wunderbar ausgedrückt hat dies der dänische Philosoph Sören Kierkegaard [1813-1855]: "Wenn wir jemanden helfen wollen, müssen wir zunächst herausfinden, wo er steht. Das ist das Geheimnis der Fürsorge. Wenn wir das nicht tun können, ist es eine Illusion zu denken, wir können anderen Menschen helfen. Jemandem zu helfen impliziert, dass wir mehr verstehen, als er, aber wir müssen zunächst verstehen, was er versteht." Das ist eigentlich die Basis der gesamten Arbeit in der Medizin. Der Einfluss von Informationen, also von Aufklärung, auf die Entscheidung von Patienten ist kaum zu überschätzen ..." Aus: Gian Domenico Borasio (b.1962, Palliativmediziner): „Über das Sterben. Was wir wissen, was wir tun können, wie wir uns darauf einstellen“ 4. Was brauchen die Menschen am Lebensende? a. Kommunikation: Fürsorge durch Aufklärung. Seite59f. 2.Auflage BECK 2012

Patientenkompetenz -
"Zusammen ein Ziel anstreben" (com = mit, zusammen, petere = auf ein Ziel zustreben)

"Es klingt vielleicht hart, aber viel Kritik am Arzt gründet sich auf die Ohnmacht des Patienten. Wir Patienten haben unsere Entmachtung zugelassen. Jetzt stehen wir da wie das Kaninchen vor der Schlange. Nicht nur unsere Ärzte, sondern auch wir alle haben unseren inneren Heiler vergessen. Da setzt Patientenkompetenz an
."[1]

Siehe
ZITATE: Volker Fintelmann: Lüge und Illusion >>>

Die Fähigkeit des Patienten, sich den Herausforderungen der Erkrankung zu stellen, sich auf die eigenen und fremden Ressourcen der Krankheitsbewältigung zu besinnen, diese Ressourcen zu nutzen, dabei auch persönliche Bedürfnisse zu berücksichtigen, eigene Zielvorstellungen zu verfolgen und Autonomie zu wahren
[1].

Der Begriff der Patientenkompetenz stammt aus der Sprachwelt der Krebsbehandlung und wird seit einigen Jahren auch in der Allgemeinmedizin, Psychologie, Sozialmedizin und der Gesundheitspolitik gebraucht. Vor allem die Medien trugen zur allgemeinen Bekanntheit dieses Konzeptes bei.

Kompetente Patienten gab es schon immer, man hat sie nur nicht so benannt und auch nicht darüber gesprochen. Erst seit einigen Jahren, so ab dem Jahr 2000, rückt die Patientenkompetenz als persönliche Fähigkeit mehr und mehr in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Krebspatienten
[1,3] definieren wie folgt: "Patientenkompetenz ist die Fähigkeit, mit und trotz Erkrankung, Handicap oder Trauma ein normales Leben zu führen."

Gemeint ist mit dieser Definition im wesentlichen der gelungene Versuch, die neue, durch die Krankheit bedingte Lebensrealität zu akzeptieren und das alltägliche Leben nach dieser Realität auszurichten.


Patientenkompetenz baut zwar auf den älteren Vorstellungen vom informierten, mündigen, autonomen Patienten auf, geht jedoch weit darüber hinaus.
"Mit Patientenkompetenz bahnt sich etwas Neues und Weitergehendes seinen Weg: Der Wille, die Kraft und die Möglichkeit des einzelnen, sich seine eigenen Gesundheitsquellen in noch umfassenderer Weise zu erschließen
."
[1]

Was kompetente Patienten vor allem beschäftigt, zeigen die 3 typischen Fragen, die sie immer wieder stellen:

Wer gibt mir Orientierung und Orientierungshilfen im modernen Info-Dschungel?

Wie schaffe ich es, mit und trotz meiner Erkrankung möglichst normal zu leben?

Was kann ich selbst zur Bewältigung meiner Erkrankung beitragen?

Viele Patienten fragen: "Was kann ich selbst für mich tun?" Die lapidare Antwort: "Sie können gar nichts tun – leben Sie so weiter wie bisher!" wird von ihnen heute nicht mehr akzeptiert. Und so machen sie sich, häufig auf sich allein gestellt, auf die Suche nach dem eigenen Weg, um die persönlichen Quellen der Kraft für die Bewältigung der Krankheit zu erschließen. Die Patienten fragen nach Mitteln und Methoden aus der Komplementärmedizin, die wichtige Helfer sind auf diesem Weg. Sie suchen Orientierungshilfen und Ärzte, die sie als kompetente Patienten respektieren, unterstützen und fördern.

Siehe LEISTUNGEN:
Komplementärmedizin >>>

"Komplementärmedizin ist die Bezeichnung für eine medizinische Richtung, die bestimmte diagnostische und therapeutische Verfahren, die z. T. außerhalb der klassischen Schulmedizin stehen, ergänzend zur Schulmedizin -und nicht anstatt dieser - einsetzt. Dabei wird versucht, eine vorwiegend pathogenetisch orientierte Sichtweise durch eine auf Autoregulation und Selbstheilung des Patienten zielende Sichtweise zu ergänzen."

Die Komplementärmedizin ist deshalb essentieller Bestandteil jeder Medizin!

Die Schulmedizin soll die Krankheit durch therapeutische Maßnahmen von außen zerstören - "Krankheitszentrierter - pathotroper Weg".
Die Patienten wollen die Selbstheilungskräfte des Körpers stärken -
"Gesundheitszentrierter - salutotroper Weg".
Beide Wege bilden eine Einheit, verhalten sich komplementär zueinander.



"Der Patient braucht die Freiheit,
die medizinische Ordnung
zu durchbrechen"


Karl Theodor Jaspers
(1883-1969)
Deutscher Psychiater, Philosoph



Die vier Ebenen des Patientseins


1. Der individuelle Patient - Eigene Krankheitsbewältigung, Familie.
    Ebene
SELBSTKOMPETENZ

2. Der auf den Arzt bezogene Patient - Gemeinsame Entscheidungsfindung, statt paternalistischer Be-Handlung.
    Ebene
BEZIEHUNGSKOMPETENZ

3. Der soziale Patient - Integration in Selbsthilfegruppe, Mit-Teilen, Toleranz, Akzeptanz.
    Ebene
SOZIALKOMPETENZ

4. Der demokratische Patient - Mitwirkung bei der Systemgestaltung.
    Ebene
DEMOKRATIEKOMPETENZ

Ein kompetenter Patient sein heißt fähig zu sein, mit und trotz der Erkrankung ein möglichst normales Leben zu führen. Patientenkompetenz äußert sich darin, wie sich ein Patient zu seiner Krankheit stellt und wie er seine körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte optimal in den Heilungsprozess einbringt. Denn diese individuellen Kräfte sind ebenso wichtig wie medizinische Eingriffe von außen
[2].

Man wird Experte der Krankheit, übernimmt Verantwortung für den eigenen Körper, anstehende Untersuchungen, Termine und Therapien. Medizinische Begriffe, die man nicht versteht, werden akribisch erforscht, Ärzte befragt, bis man alles verstanden hat [1].


[1] Annette Bopp (b.1952), Delia Nagel (b.1966), Gerd Nagel (b.1936): "Was kann ich selbst für mich tun? - Patientenkompetenz in der modernen Medizin" Rüffer & Rub 1.Auflage 2005.
Herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Patientenkompetenz
[2] www.patientenkompetenz.ch
[3] Peter Holzbauer, Uwe Gröber (Hrsg.): „Checkliste Komplementäre Onkologie“ HIPPOKRATES 2010


Biometrie, Biometrik (gr. Bio = Leben und Metron = Maß)
beschäftigt sich mit Messungen an Lebewesen und den dazu erforderlichen Mess- und Auswerteverfahren.

Bei biometrischer Statistik geht es um die Entwicklung und Anwendung statistischer Methoden zur Auswertung von Messungen aller Art an lebenden Wesen. Sie wird intensiv von allen Lebenswissenschaften genutzt.

Wegbereiter der wissenschaftlichen Methodik war Prof. Karl Pearson (1857-1936, britischer Mathematiker, Begründer der modernen Statistik). In diesem Kontext wird Biometrie auch als Synonym für Biostatistik verwendet.

"Noch eine Schwierigkeit in Sachen der Statistik liegt in der Technik der Berechnung. Ehe man selbst einen Fehler machen kann, indem man Schlussfolgerungen aus den durch die Statistik aufgestellten Wechselbeziehungen zieht, muss man diese Wechselbeziehungen feststellen. Wenn ich die Seiten der "Biometrika" durchfliege, eine Vierteljahrzeitschrift, in welcher Professor Karl Pearson und seine Kollegen die Arbeit schildern, die sie auf dem Felde der biologischen Statistik leisten, verliere ich bei den ersten Zeilen festen Boden, weil die Mathematik mir nur einen allgemeinen Begriff bedeutet: ich habe in meinem Leben niemals eine Logarithmentafel benutzt und könnte nicht ohne Angst vor Fehlern die Quadratwurzel der Zahl vier ziehen. Ich bin daher nicht in der Lage, zu leugnen, dass die statistische Feststellung der Wechselbeziehungen zwischen einem Ding und dem anderen eine sehr komplizierte und schwere technische Sache sein müsse, die außer höheren Mathematikern niemand erfolgreich anfassen kann. Ich kann die große Verachtung und Entrüstung des Professors Karl Pearson wegen der schweren sozialen Gefahr, welche die ungeschickten Mutmaßungen der gewöhnlichen Soziologen hervorrufen, wohl begreifen. Nun weiß aber der gewöhnliche Mensch nichts von Biometrie. Er weiß nur, "dass man mit Zahlen alles beweisen könne", obgleich er das in dem Augenblick vergisst, wo die Zahlen benutzt werden, um irgend etwas zu beweisen, was er glauben will. Wenn er die Zeitschrift "Biometrika" regelmäßig läse, würde er wahrscheinlich alle Schlussfolgerungen, die aus den Wechselbeziehungen so kundig gezogen werden, unbedingt glauben, obgleich selbst der Mathematiker, dessen Wechselbeziehungen einen Newton mit Bewunderung erfüllen könnten, wenn er Daten sammelt und folgert und daraus Schlüsse zieht, in grobe Fehler verfällt, und zwar gerade auf Grund eben jenes gewöhnlichen, oben von mir geschilderten Versehens".
George Bernhard Shaw (1856-1950, 1925 Lit.-Nobelpeis): “Der Arzt am Scheideweg” (Des Doktors Dilemma, The Doctor's Dilemma 1906) "Biometrie" Seite 83 u. 84; S. FISCHER 12. und 13. Auflage der Einzelausgabe 1929 (1922)

Die Biostatistik ist ein Bereich der Statistik. Sie beschäftigt sich mit Fragestellungen, die sich in der medizinischen Forschung und anderen mit Lebewesen befassten Forschungsbereichen (z. B. Landwirtschaft) ergeben. Zu ihren Aufgaben zählen unter anderem die Planung und Durchführung von Studien sowie die Analyse gewonnener Daten mit Hilfe statistischer Methoden.

Die
Statistik ist die Zusammenfassung bestimmter Methoden, um empirische Daten zu analysieren.
Die deutsche Statistik, eingeführt (1749) von Gottfried Achenwall [1719-72, dtsch. Historiker, Jurist], bezeichnete ursprünglich die Lehre von den Daten über den Staat ("statisticum"), also Staatstheorie.

Im 19. Jahrhundert hatte der Engländer Sir John Sinclair (1754-1835, schottischer Ökonom, Politiker) das Wort erstmals in seiner heutigen Bedeutung des allgemeinen Sammelns und Auswertens von Daten benutzt.

Von Statistiken wird gefordert, dass sie objektiv (unabhängig vom Standpunkt des Statistikerstellers), reliabel (zu-verlässlich), valide (überkontextuell gültig), signifikant (bedeutend, nicht durch Zufall!) und relevant (wichtig, vorhersagbar) sind.

Die Statistik wird in die folgenden drei Teilbereiche eingeteilt:

Die deskriptive Statistik (beschreibende Statistik, empirische Statistik): mit der vorliegende Daten in geeigneter Weise beschrieben und zusammengefasst werden. Mit ihren Methoden verdichtet man quantitative Daten zu Tabellen, graphischen Darstellungen und Kennzahlen.

Die induktive Statistik (mathematische Statistik, schließende Statistik, Inferenzstatistik): leitet aus den Daten einer Stichprobe Eigenschaften einer Grundgesamtheit ab. Die Wahrscheinlichkeitstheorie (-logik) liefert die Grundlagen für die erforderlichen Schätz- und Testverfahren.

Die explorative Statistik (hypothesen-generierende Statistik, Datenschürfung - data mining):
Methodisch eine Zwischenform der beiden vorgenannten Teilbereiche, bekommt als Anwendungsform jedoch zunehmend eine eigenständige Bedeutung. Mittels deskriptiver Verfahren und induktiver Test-Methoden sucht sie systematisch mögliche Zusammenhänge oder Unterschiede zwischen Daten in vorhandenen Daten-beständen und will sie zugleich in ihrer Stärke und Ergebnissicherheit bewerten. Die so gefundenen Ergebnisse lassen sich als Hypothesen verstehen, die erst, nachdem darauf aufbauende, induktive Testverfahren mit entsprechenden (prospektiven) Versuchsplanungen sie bestätigten, als statistisch gesichert gelten können.

"Die öffentliche Unkenntnis der Gesetze, welche die Statistik beherrschen, kann man kaum übertreiben. Es mag hier und da einen Arzt geben, der, wenn er mit der Krankheitsstatistik zu tun hat, wenigstens den ersten Schritt in die Richtung des gesunden Verstandes getan, das heißt, die Tatsache erfasst hat, dass, da ein Anfall selbst der gewöhnlichsten Krankheit Ausnahme ist, scheinbar statistische Beweise für irgendeine Prophylaxis (Krankheitsverhütung) hervorgerufen werden können, wenn man das Publikum davon überzeugt, dass jedermann diese Krankheit bekommen hat. Wenn eine Krankheit daher so beschaffen ist, dass sie normalerweise 15% der Bevölkerung ergreift und der Erfolg einer Prophylaxis tatsächlich darin besteht, das Verhältnis auf 20% zu erhöhen, so wird die Veröffentlichung dieser Zahl von 20% das Publikum überzeugen, dass die Prophylaxis den Prozentsatz um achtzig Prozent vermindert hat, anstatt ihn um fünf zu erhöhen. Das Publikum, sich selbst und den alten Herren überlassen, die immer bereit sind, sich bei jeder möglichen Gelegenheit zu erinnern, dass die Dinge einmal viel schlimmer waren als sie es jetzt sind (solche alte Herren übertreffen bei weitem an Zahl die laudatores temporis acti [Lobredner vergangner Zeiten]), nimmt dann an, dass der frühere Prozentsatz ungefähr hundert war. So verdankte zum Beispiel die Pasteur-Behandlung [Impfung] der Hundswut [Tollwut] ihren großen Ruf der Annahme des Publikums, dass jeder von einem tollen Hund gebissene Mensch notwendigerweise die Tollwut bekäme. [...] Es gab keine erreichbare Statistik über die Zahl der Hundebisse, die in Hundswut endeten, aber niemand ließ sich träumen, dass solche Fälle mehr als zwei bis drei Prozent der Bisse sein könnten. Auf mich haben daher die vom Pasteur-Institut veröffentlichten Resultate keinen solchen Eindruck gemacht wie auf den gewöhnlichen Menschen, der glaubt, dass der Biss eines tollwütigen Hundes mit Sicherheit Tollwut zu folge habe. Mir schien es, dass die Zahl der Todesfälle unter den vom Institut behandelten Fällen eher etwas höher war, als man hätte erwarten können, wenn es kein solches Institut gegeben hätte. Für das Publikum aber war jeder Pasteur-Patient, der nicht starb, durch die Wohltat jenes allervertrauenswürdigsten Zauberers, des Mannes der Wissenschaft, wie durch ein Wunder von einem schmerzlichen Tode gerettet worden. Selbst geübte Statistiker können oft nicht einsehen, wie sehr die Statistik durch die ungerechtfertigten Annahmen ihrer Ausleger verfälscht wird. Ihre Aufmerksamkeit wird zu sehr von den rohen Kniffen derjenigen in Anspruch genommen, die einen direkt unredlichen Gebrauch von der Statistik zum Zwecke der Reklame machen. Da ist beispielsweise der Prozentsatzschwindel. In irgendeinem Dörfchen, kaum groß genug, um einen Namen zu haben, erkranken zwei Menschen während einer Blatternepidemie [Pocken]. Der eine stirbt, der andere erholt sich. Einer hat Blatternnarben: der andere hat keine. Unverzüglich veröffentlichen entweder die Impffreunde oder die Impfgegner die siegesfreudige Nachricht, dass an dem und dem Orte nicht eine einzige geimpfte Person an Blattern gestorben sei, während hundert Prozent der nichtgeimpften elend zugrunde gingen oder im entgegen gesetzten Fall, dass hundert Prozent der nichtgeimpften genesen, während die geimpften bis auf den letzten Mann gestorben seien. Oder um ein anderes gewöhnliches Beispiel anzuführen. Vergleiche zwischen zwei verschiedenen sozialen Klassen mit verschiedenen Nahrungs- und Erziehungsweisen werden als die Ergebnisse gewisser medizinischer Behandlungen oder ihrer Vernachlässigung aufgetischt. Es ist auf diese Art leicht zu beweisen, dass das Tragen von Zylindern und Regenschirmen die Brust erweitere, das Leben verlängere und einen relativen Schutz gegen Krankheit gewähre, denn die Statistik zeigt, dass die Klassen, welche diese Artikel gebrauchen, größer und gesünder sind und länger leben als die Klassen, die sich den Besitz solcher Dinge niemals träumen lassen. Es gehört nicht viel Scharfsinn dazu, einzusehen, dass den wirklichen Unterschied nicht der hohe Hut und der Schirm ausmacht, sondern der Reichtum und die Nahrung, von dem sie bloß Zeugnis ablegen, und dass man auf dieselbe Art beweisen könnte, dass eine goldene Uhr oder die Mitgliedschaft eines Klubs im Pall Mall [Einkaufsstraße in London] die gleichen vortrefflichen Folgen hatten. Ein Doktortitel, ein tägliches Bad, der Besitz von dreißig Paar Hosen, die Kenntnis der Wagnerschen Musik, ein Platz in der Kirche, kurz alles, was mehr Geld und bessere Nahrung andeutet als die Masse der Arbeiter sich verschaffen kann, all dies kann statistisch als ein Zaubermittel, dem allerlei Arten von Vorrechten zu verdanken sind, angeführt werden. Dieses Wahnbild wird im Falle einer Prophylaxis, zu der das Gesetz zwingt, auf groteske Weise verschärft, weil nur Landstreicher solchen Maßregeln entgehen können. Nun haben Landstreicher wenig Kraft, irgendeiner Krankheit zu widerstehen: ihre Krankheits- und ihre Sterblichkeitsziffer ist im Vergleich zu der der anständigen Menschen überhaupt immer hoch. Nichts ist daher leichter zu beweisen, als dass die Ausführung irgendeiner vom Gesetz angeordneten Vorbeugungsmaßregel die befriedigendsten Ergebnisse zur Folge hat. Es wäre ebenso leicht dies zu beweisen, auch wenn die Maßregel die Sterblichkeitsziffer erhöhte, vorausgesetzt, dass sie nur nicht diese Ziffer so sehr erhöhte, dass ihr zufolge der an die Maßregel gebundene Durchschnittshausbewohner ebenso früh stürbe wie der ihr aus dem Wege gehende Durchschnittslandstreicher."
George Bernhard Shaw (1856-1950, 1925 Lit.-Nobelpeis): “Der Arzt am Scheideweg” (Des Doktors Dilemma, The Doctor's Dilemma 1906) "Statistische Irrtümer" Seite 76-79; S. FISCHER 12. und 13. Auflage der Einzelausgabe 1929 (1922)

Placebo Effekt
e - Ich werde gefallen - Positive Kommunikationssituationen und Erwartungen - Die Wirkung unserer Gedanken und Gefühle auf unsere Selbstheilungsmöglichkeiten - Positiver Erwartungseffekt Effekte der Selbstheilung - Positive Übertragungskraft - Scheinmedikament:
In der Medizin meint Placebo ein "Schein"-Medikament, das keinen wirksamen Arzneimittelbestandteil beinhaltet, aber dennoch eine unerwartete positive Wirkung auf das Wohlbefinden und die Gesundung eines Patienten entfaltet. Ein Placebo wirkt sozusagen durch den Geist (Erwartung
, Überzeugung) anstatt durch den Stoff. Der Geist (die Überzeugung, der Glaube) führt durch positive Suggestion zu Heilung. Der Patient ist vollkommen davon überzeugt, dass ihm etwas Gutes getan wird.

Sie
he Placebo: LEISTUNGEN: Infos zu MindLINK TEST® >>>
ZITATE: Bernie Siegel: Krebs und Ernährung >>>

"Lange sind Placeboeffekte in der Forschung ignoriert worden, weil man sich nicht vorstellen konnte, wie sie zustande kommen. Lange hatte man auch das Instrumentarium nicht, um zu untersuchen, wie solche Effekte hervorgerufen werden können. Und lange Zeit interessierte sich auch kaum jemand dafür. Das hat sich geändert, seit die Komplementärmedizin eine Mitspielerin im Konzert der medizinischen Akteure geworden ist. Man begann nämlich zu verstehen: Die Effekte, die von solch komplexen Maßnahmen wie Akupunktur, Homöopathie, Entspannungsverfahren oder gar von relativ komplexen ritualisierten Apparaturen ausgehen, können nicht mit dem Schema der herkömmlichen pharmakologischen Forschung - über die simple Zweiteilung "richtiger Effekt, wenden wir an" und "falscher Effekt, reduzieren wir" - aufgeteilt werden. Vielmehr zeigt sich genau an ihnen, dass durch solche Maßnahmen offenbar Selbstheilungsvorgänge angeregt werden, sodass sich der Organismus ganz von selbst und vor allem von innen heraus heilt.

Mittlerweile ist es wissenschaftlich gut belegt [Endorphinforschung/Schmerzmodulation durch Entspannungstechniken, kluge und gekonnte Kommunikation, Neuro-/Brain-Imaging (MRT, PET u. a), Acetylcholinrezeptoren auf Makrophagen/Immunregulation durch Entspannung], dass "Placeboeffekte" von entsprechenden Veränderungen im Gehirn [z.B. die Reduktion des Racloprid PET-Signals bei Parkinson Patienten, als indirekter Hinweis auf eine Dopamin Ausschüttung im Gehirn; Aktivität des Endorphinnetzwerkes im Gehirn u.a.] begleitet werden. Das Erwecken positiver Erwartung und ein freundlich kompetenter Umgang sind große Heilmittel, die die in uns wohnenden Selbstheilungskräfte aktivieren.

Die Positive Erwartung und die Konsultation führt zu einer Veränderung der Gehirnaktivität und zu einer Ausschüttung von Endorphinen, und diese haben eine Fülle von Effekten - von der Schmerzhemmung bis zur Steigerung des Wohlgefühls und zur Veränderung der immunologischen Lage.

Alle komplexen therapeutischen Rituale, ob es sich um das Verabreichen homöopathischer Kügelchen, um das setzen von Akupunkturnadeln oder eine Herzbypass-Operation handelt, enthalten Elemente, die Hoffnung mobilisieren, Angst nehmen und Erwartungen auf Besserung wecken. Und wo solche Erwartungen gesetzt werden, da ist auch die Chance größer, dass eine Besserung eintritt. Zuwendung, Kontakt und Anteilnahme führen zu deutlichen Verbesserungen." Aus: Harald Walach: „Weg mit den Pillen! Selbstheilung oder warum wir für unsere Gesundheit Verantwortung übernehmen müssen - Eine Streitschrift." Kapitel 6. Wie Selbstheilungseffekte vermittelt werden.  IRISIANA 2011. [Meine Ergänzungen]

JD Levine, NC Gordon, HL Fields: "The mechanism of placebo analgesia"Lancet. 1978 Sep 23;2(8091):654-7; Raul de la Fuente-Fernandez, Thomas J. Ruth, Vesna Sossi, Michael Schulzer, Donald B. Calne, A. Jon Stoessl: "Expectation and Dopamine Release: Mechanism of the Placebo Effect in Parkinson's Disease" Science 10 August 2001: Vol. 293 no. 5532 pp. 1164-1166 DOI: 10.1126/science.1060937; A. Pollo, E. Torre, LR Lopiano. Rizzone, M. Lanotte, A. Cavanna, B. Bergamasco, F. Benedetti: "Expectation modulates the response to subthalamic nucleus stimulation in Parkinsonian patients" Neuroreport. 2002 Aug 7;13(11):1383-6; Fabrizio Benedetti: " Placebo Effects: Understanding the mechanisms in health and disease" Oxford University Press 2009, "The Patient's Brain: The neuroscience behind the doctor-patient relationship" Oxford University Press 2011; K.B.Thomas: "General practice consultations: is there any point in being positive?" (Erwecken positiver Erwartung und ein freundlich kompetenter Umgang, die die in uns wohnenden Selbstheilungskräfte aktivieren." - BMJ Clinical research 1987.


"
Wir wissen eigentlich seit Langem, dass Überzeugungen heilen können. Die Ärzte können zwar nicht erklären, warum sich manche Patienten kraft ihrer Überzeugungen heilen, aber die Tatsache als solche wurde so oft dokumentiert, dass wir zumindest eine Verbindung akzeptieren müssen zwischen der Wiederherstellung der Gesundheit und der Überzeugung des Patienten, dass er geheilt sei. Was wir im Leben für wahr halten, kann für uns bedeutender sein, als das, was andere als Wahrheit bezeichnen. Aus: Gregg Braden: „Der Realitäts-Code. Wie Sie Ihre Wirklichkeit verändern können“ (The Spontaneous Healing of Belief. Shattering the Paradigm of False Limits 2008 ) Seite 79f. KOHA 5.Auflage 2011

Ein Arzt verschreibt einem Patienten, der an Erkältung oder Ausschlag leidet, eine Zuckerlösung, ein sog. "Scheinmedikament", das eigentlich keine wirksamen Stoffe gegen die Beschwerden enthält. Wenn der Patient, der nicht weiß, dass er gar keinen Wirkstoff erhielt, daraufhin Besserung verspürt, spricht man vom Placebo-Effekt. Allein das "Ritual der Behandlung" und der "Glaube and die Heilkraft der Medikation" führen zu positiven, Selbstheilung fördernden Veränderungen im Organismus des Patienten.


Das "Placebo" kann alle möglichen Formen annehmen: Zuckerpille, Zuckerlösung, Kochsalzlösung, die Person des Arztes, sein Zuhören, seine Worte und Handlungen; Operationen, bei denen nichts Wirksames getan wird.

"
Wir konstruieren eine (erst einmal) rein subjektive Regel (beten hilft, die weißen Dinger helfen), wenden sie an (beten, schlucken sie) und erreichen damit, dass geschieht, was wir uns erhofft haben (wir bleiben gesund, wir werden gesund) - und erreichen damit nicht nur unser Ziel (wider alle naturwissenschaftliche Vernunft), sondern verifizieren rückwirkend unsere (ehedem unbegründeten) Annahmen." Aus: Dr. Christian Ankowitsch (b.1959, österr. Journalist, Schriftsteller): „Mach’s falsch, und du machst es richtig. Die Kunst der paradoxen Lebensführung“ Seite 36f. ROWOHLT 2011

Das Wort placebo ist lateinisch und heißt eigentlich "ich werde gefallen".
Psalm 116, Vers 9 beginnt auf lateinisch mit den Worten "Placebo domino in regione vivorum", was bedeutet: "Ich werde dem Herrn gefallen im Lande der Lebenden".

Schon der griechische Philosoph Platon [428-348 v.u.Z] lehrte, dass Worte durchaus die Kraft haben, Kranke zu heilen.

Der Name "Placebo-Effekt" wurde erstmals 1920 von Dr. med. Thomas C. Graves in die Medizin eingeführt.

1955 veröffentlichte Henry Knowles Beecher (1904-1976, leitender Anästhesist des Massachusetts General Hospital in Boston) einen bedeutenden Artikel mit dem Titel "The Powerful Placebo", im Journal of the American Medical Association, Vol.159, No.17, (24.12.1955). Darin beschreibt H. K. Beecher seine Überprüfung von mehr als zwei Dutzend Fallstudien und stellt fest, dass ein Drittel der Patienten dieser Studien letztendlich geheilt wurden, ohne dass es medizinisch erklärbar war. Dieses Phänomen bezeichnete er als Placebo Effekt.


"Was ´Scharlatanerie´ bewirken kann, wurde bereits mehrfach wissenschaftlich untersucht. Edzard Ernst, Inhaber eines Lehrstuhls für Komplementärmedizin an der britischen Universität Exeter, ließ in einer Studienreihe fünf Schauspieler die Gesten und Rituale ihrer "spirituell erleuchteten" Kollegen trainieren und dann als "Geistheiler" chronische Schmerzpatienten behandeln. Die Erfolge waren großteils verblüffend. "Wir hatten beispielsweise eine Frau, die seit fünf Jahren auf den Rollstuhl angewiesen war. Mittlerweile ist sie fast schmerzfrei und kann wieder gehen", berichtet Ernst und fügt hinzu: "Ein Medikament, das chronische Schmerzpatienten ähnlich effektiv zu heilen vermöchte, wäre zweifellos ein Bestseller." Damit erscheint auch die seit Langem geführte Diskussion um viele alternative Heilmethoden in einem neuen Licht. Die Behauptung "Alles nur Placebo" mag in vielen Fällen stimmen. Aber, dreht Ernst das Argument um, "manche Placebos sind so wirksam, wie man das Arzneimitteln nur wünschen kann" ... Die enorme Wirksamkeit von Zuwendung ist die vielleicht wichtigste Lehre, die aus der Placeboforschung in den klinischen Alltag übernommen werden kann ... Eine optimistische, freundliche Grundhaltung ist Pflichtprogramm, negative Aussagen über eine Krankheit hingegen sind strikt tabu."
Aus: Bert Ehgartner: „Gesund, bis der Arzt kommt. Ein Handbuch zur Selbstverteidigung“ Seite 51f, LÜBBE 2010

Placebos helfen jedoch nicht immer oder bei allen Krankheiten; ihre Wirkung scheint davon abzuhängen, wie stark der Patient daran glaubt und erwartet, dass die Behandlung wirkt.
"Glauben" ist das existentielle Vertrauen, dass sich eine "Situation" zum Guten wenden kann. Ich stelle mir vor, wie es sein soll, und genau so wird es dann! Placebos sind eine Herausforderung für das Ideal der informierten Entscheidung.


"In der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts hatten Physiker herausgefunden und sich eingestehen müssen, dass die Ergebnisse von kernphysikalischen Experimenten davon abhängen, welches Ergebnis der Experimentator erwartet. Wenn wir also freudig erwarten, dass eine Person gesund wird, erhöhen wir allein damit die Chance, dass dies tatsächlich geschieht. Für die Physiker selbst jedoch stellt diese Erkenntnis schlichtweg eine Katastrophe dar, denn sie beinhaltet, dass es objektive Messungen im bis dahin geglaubten Sinne überhaupt nicht geben kann. Sobald ich etwas messe, bringe ich mich als Subjekt in die Messung mit ein und beeinflusse sie. Genau das ist es, was man in der Medizin den Placeboeffekt nennt: Durch die schlichte Anwesenheit des Therapeuten oder durch seine Gedanken an den Heileffekt einer Methode beeinflusst er den Heilungsprozess und damit auch die Messergebnisse. Wirksam sind das Bewusstsein und die Absicht, gleich ob direkt von Mensch zu Mensch oder über räumliche Distanz"
Aus: Andreas Diemer: „Die fünf Dimensionen der Quantenheilung“ S.134-137, MensSana 2011

Positive Gedanken sind eine biologische Voraussetzung für ein glückliches und gesundes Leben. Nicht unsere Gene, sondern unsere "Überzeugungen" (unsere Gedanken) steuern unser Leben.

"Deine Überzeugungen werden deine Gedanken - Deine Gedanken werden deine Worte - Deine Worte werden dein Handeln - Dein Handeln wird zu deinen Gewohnheiten - Deine Gewohnheiten werden zu deinen Werten - Deine Werte werden zu deiner Bestimmung"
Mahatma Gandhi (2. Oktober 1869 in Porbandar, Gujarat; ermordet, am 30. Januar 1948 in Neu-Delhi) war ein indischer Rechtsanwalt, Pazifist, Menschenrechtler und politischer sowie geistiger Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, die 1947 mit dem von ihm entwickelten "Konzept des gewaltfreien Widerstandes" das Ende der britischen Kolonialherrschaft über Indien herbeiführte.

"Was eine Behandlung mit einem Patienten macht oder nicht macht, ist nur zum Teil von den objektiven Eigenschaften der Behandlung abhängig.
Was offensichtlich viel wichtiger ist, ist die Bedeutung, die eine Behandlung in uns selbst, in unserem Geist, erzeugt: die Bedeutung des Neuwerdens, mit allen Assoziationen und Kräften, die dadurch freigesetzt werden... Normalerweise werden solche Effekte im Rahmen des Maschinenparadigmas [
siehe Harald Walach: Der Körper als Maschine
>>>] als "Placeboeffekt" bagatellisiert. In Tat und Wahrheit sind sie aber Kern und Rückgrat aller therapeutischen Bemühungen. Denn sie ermöglichen die therapeutischen Eigenleistungen des Organismus, die Selbstheilungseffekte. Wir gehen normalerweise davon aus, dass die kausalen, spezifischen Effekte der Arzneimittel die wichtigsten sind, und dass die Effekte der Bedeutung, des Kontextes vernachlässigt werden können. Dabei ist es höchstwahrscheinlich andersherum. Ich verwende gerne das Bild der Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, als Illustration ... Johannes von Salisbury [1115-1180], der zu sagen pflegte: Wir sehen so weit, weil wir Zwerge sind, die auf den Schultern von Riesen sitzen. Er meinte damit natürlich das Verhältnis der neuen Einsichten zur alten Tradition. Ich münze das Bild um: Unsere spezifischen, kausalen Therapien - die Herzoperation, das Schmerzmedikament, die allgemeinen therapeutischen Bemühungen unseres medizinischen Systems - sie funktionieren so gut, weil sie Zwerge sind, die auf den Schultern von Riesen sitzen. Die Riesen sind in diesem Falle die unspezifischen Effekte der Therapie, das was Jerome D. Frank [1910-2005] die allgemeinen therapeutischen Effekte nannte und ich oben als Selbstheilung charakterisiert habe. Sie sind die Basis für alle anderen spezifischen Maßnahmen und ohne diese Selbstheilung würde kaum etwas therapeutisch funktionieren. Dass wir dies aus dem Auge verloren haben und so tun, als könnten wir ohne diese allgemeinen Effekte auskommen, zeigt, wie verblendet wir sind. Woher kommt das? Nun, es ist meiner Meinung nach wieder ein Ausdruck des allgemeinen Denkmodells. Genauer: Es beruht auf der Logik der Medikamentenentwicklung.

Nun muss man etwas wissen, was den meisten Laien nicht sofort klar wird: sofern ein Effekt - wie klein er auch sei - vorhanden ist, kann man ihn mit einer Studie, die groß genug ist, auch statistisch absichern. Die Statistik erteilt keine klinischen Bedeutungen, sondern macht nur Aussagen über die Sicherheit eines Schlusses. Ob der Schluss selbst sinnvoll ist, die Aussage wichtig, der Effekt von klinischer Bedeutung, ist nicht Sache der Statistik. Das hängt mit ihrer inneren Logik zusammen, die wir jetzt nicht genauer analysieren wollen. Aber es hat die Auswirkung, dass es passieren kann, dass ein Präparat "wissenschaftlich geprüft", "statistisch signifikant" ist und dennoch klinischer Unsinn - nämlich dann, wenn der Effekt sehr klein ist, die Nebenwirkungen hoch und die Kosten zu teuer ... Stellen Sie sich vor, sie sind ein Patient mit Migräne. Sie wissen: Nichts kann die Krankheit heilen, man kann höchstens etwas gegen die Schmerzen tun. Die Kosten dafür: ein paar hundert Euro im Monat (für die Krankenkasse) und das Risiko einiger Nebenwirkungen, evtl. auch eine gewisse Abhängigkeit. Nun wollen Sie natürlich wissen: Rentiert sich die Einnahme einer solchen Substanz wirklich? Wie groß ist die Chance, dass sie mir hilft? Wenn Ihnen Ihr Arzt sagt: "Jedem zweiten Patienten hilft das Medikament", stehen Ihre Chancen 50:50 und damit nicht schlecht. Wenn er jedoch sagt, man müsse zehn Patienten [siehe NNT - Number Needed to Treat] behandeln, bis einem von ihnen geholfen wird, dann werden Sie es sich vielleicht überlegen. Würde er gar sagen, man müsse 99 Patienten behandeln, bis einem geholfen wird, dann werden Sie es sich sehr gut überlegen, ob sie eine solche Behandlung wollen. Dies ist das Konzept der klinischen Wirksamkeit oder klinischen Bedeutung eines Effekts, statistisch gesprochen der Effektstärke ... Ein Effekt ist immer dann bewiesen, wenn die so genannte Nullhypothese (keinerlei Effekt) mit einem statistischen Test widerlegt wurde. Wenn ein Effekt sehr groß ist, dann benötigt der Forscher relativ wenige Patienten, um im Rahmen seiner Statistik sagen zu können, ein Effekt sei statistisch bedeutsam oder signifikant. Wenn ein Effekt sehr klein ist, benötigt er einfach sehr viele Patienten in einer Studie, um ihn statistisch abzusichern. Faustregel: Studien, bei denen mehr als 100 Patienten eingeschlossen waren, haben in aller Regel mit relativ kleinen Effekten zu tun. Weil alle Beteiligten sparsam sind - die Pharmafirmen, die öffentlichen Geldgeber und die Ethikkommissionen, welche die Studien genehmigen müssen -, wird immer genau überlegt, wie groß eine Studie mindestens sein muss, um den erwarteten Effekt statistisch absichern zu können. Wie wichtig uns ein Effekt ist, hängt ein bisschen davon ab, wie bedeutsam die Krankheit ist, wie schwer sie zu behandeln ist, wie hoch die Folgekosten der Krankheit wären, und oftmals auch davon, wie leicht sie zu beeinflussen ist ...

Man entdeckte in den 1960er-Jahren, dass Aspirin nicht nur dazu dienen kann, Entzündungen zu hemmen - es beeinflusst die Synthese von Prostaglandinen, einer Gruppe von Botenstoffen, die Entzündungsgeschehen im Organismus vermitteln -, sondern dass es auch zur Blutverdünnung [irreversible Beeinträchtigung der Blutplättchenklebrigkeit, Thrombozyten Aggregationshemmung] verwendet werden kann. Daraus entwickelte man die Idee, dass man ja vielleicht Aspirin zur Vorbeugung des Herzinfarktes verwenden könne. Man führte eine entsprechende Studie durch. bei dieser Studie erhielt medizinisches Personal Aspirin oder Placebo über einen Zeitraum von vielen Jahren, im Durchschnitt fünf Jahre. Die Studie wurde vorzeitig abgebrochen, weil damals klar wurde: Aspirin ist signifikant wirksamer in der Vorbeugung von Herzinfarkt als Placebo. Man wollte also aus ethischen gründen den Patienten der Placebogruppe das wirksame Aspirin nicht vorenthalten. Sieht man sich nun die Daten etwas genauer an, so bemerkt man: In diese [Aspirin] Studie wurden mehr als 10.000 Menschen eingeschlossen und über etwa fünf Jahre lang beobachtet. Aus der grundlegenden Statistik ist klar, dass mit einer so großen Zahl von Probanden auch der kleinste Effekt als statistisch bedeutsam belegt werden kann. In der Tat, der Effekt ist winzig. Aber weil man eben der Verhütung des Herzinfarktes so hohen Wert beimaß und Aspirin vergleichsweise billig und unkompliziert zu sein schien, darum erschien auch ein sehr kleiner Effekt klinisch sinnvoll. Die Größe des Effektes beträgt in dieser großen Studie ungefähr 0.05 ... Während klinische Studien zunächst nach der statistischen Signifikanz [siehe unten p<0,05] fragen ("Hat das Medikament wirklich einen Effekt oder trat die Wirkung nur zufällig auf?"), müssen sich die Behörden und wir als Verbraucher nach der klinischen Relevanz und Bedeutung eines Effektes fragen ... Die Logik der Medikamententestung führt aber nun dazu, dass wir generell und prinzipiell nur auf den Unterschied schauen, der zwischen der Placebogruppe und der Behandlungsgruppe zu messen ist. Die Effektstärke sagt uns, wie groß dieser Unterschied ist. Implizit gehen wir dabei davon aus, dass die Placebokomponente des Tests wie ein Hintergrundrauschen immer gleich groß ist, sozusagen das Urmeter der klinischen Testung, unverzerrt und stabil.

Das Vertrackte ist nun Folgendes:
Zum einen täuschen uns die Signifikanzen der Statistik [siehe Signifikanz unten] darüber hinweg, dass die gefundenen Effekte (etwa die der konventionellen Pharmakologie) oft praktisch klinisch viel weniger Bedeutung haben, als wir denken. Das führt zu einer Verzerrung der Wahrnehmung, die die klinische Brauchbarkeit der pharmakologischen Effekte überschätzt. Zum anderen kann es sein, dass manche therapeutischen Maßnahmen dazu führen, dass die ganz allgemeinen therapeutischen Effekte, die in den Placebogruppen abgebildet werden, so groß sind, dass es sehr schwierig wird, darüber hinaus noch so genannte spezifische Effekte abzubilden. Dann sagt der wissenschaftliche Beobachter, der nicht sorgfältig genug hinsieht: Diese Maßnahme ist nicht besser als Placebo und daher unwirksam. Aber eigentlich ist die Maßnahme vielleicht viel effektiver als eine andere, deren Überlegenheit über Placebo abgesichert ist. Das ist das von mir so benannte Wirksamkeitsparadox [Es kann Therapiemethoden / Verfahren geben (Akupunktur, Homöopathie etc.), die es extrem schwer haben zu belegen, dass sie mehr sind als ein komplexes Placebo und trotzdem - meinethalben als Placebo - wirksamer sind als das Wirksamste, was die moderne Medizin zu bieten hat. S.80] ... Wir haben gesehen: Placebokontrollierte doppelblinde Studien [siehe randomisierte kontrollierte Studie unten] versuchen das zu belegen, was die Pharmakologie "spezifische Wirksamkeit" [Effektstärke] nennt. Sie tun dies, indem sie die Effekte, die eine pharmakologische Substanz (im Grunde könnte es auch der Effekt einer chirurgischen oder sonstigen Behandlung sein, doch meistens sind  es eben Arzneimittel, die so getestet werden) gegenüber einem Placebo hat, statistisch absichern.

Diese statistische Absicherung beruht auf zwei Annahmen:
die eine Annahme lautet, dass der Effekt klinisch bedeutsam ist; damit wurde entschieden, dass es sinnvoll sei, die Effektstärke wissenschaftlich zu untersuchen und zu belegen. Die andere Annahme besagt, dass das "Rauschen", die Hintergrundeffekte, die in den Placebogruppen gemessen werden, über alle Untersuchungen und Behandlungen hinweg ungefähr gleich sind ... Die Fehlinterpretation von "Placebo" als eine feste Größe als eine Art therapeutisches Urmeter, das man anlegen kann. Aber genau dieses gibt es nicht ... weil sich die Effektivität von Placebos von Studie zu Studie, von Behandlungsmethode zu Behandlungsmethode verändert ... die letzte Annahme ist sehr problematisch ... In Placebogruppen klinischer Studien werden mindestens drei Effekte gleichzeitig kontrolliert: 1.) der natürliche Verlauf einer Krankheit (Effekt der Zeit) 2.) Keine Messung ist perfekt (methodische Artefakte: Labormaße, Fragebögen, statistische Fehler u. a.) 3.) Variable Größen wie das psychologisch-therapeutische Potential einer Behandlung, die psychologischen Effekte einer Therapie, diejenigen Effekt, die durch Erwartung, Steigerung der Hoffnung, Entspannung, Minderung der Angst zustande kommen = "Effekte der Selbstheilung" ... Das medizinische Schimpfwort dafür ist "Placeboeffekte" ... Placeboeffekte und Therapieeffekte gehen in klinischen Studien Hand in Hand. Es ist wie bei einem alternden Ehepaar: Wenn es dem einen gut geht, geht es dem anderen auch gut und umgekehrt. S.80-84

Man hat bei depressiven Menschen in der Tat - vor allem in Obduktionsstudien, aber neuerdings auch mit radioaktiver Bildgebung - gesehen, dass das Serotoninsystem [Stimmung, Schlaf, Appetit, Sexualität] bei ihnen weniger aktiv ist als bei anderen Menschen ... Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI, "Selective Serotonin Reuptake Inhibitors") ... führen dazu, dass das Serotonin, das zum Übertragen von Nervenimpulsen freigesetzt und anschließend wieder von der [Nerven-] Zelle aufgenommen wird, länger verfügbar bleibt, indem die Wiederaufnahme blockiert wird ... Daher ist ja auch die Idee nahe liegend, diesem [Transmitter-] System zu helfen, indem man mehr Serotonin verfügbar hält. Und man sollte denken, dass das auch therapeutisch extrem wirksam ist. Wie sieht nun die Datenlage aus? Alle SSRI sind in einer langen Serie von Doppelblindstudien gegen Placebo getestet worden. Wenn man der offiziellen Sprachregelung folgt, dann sind sie erfolgreich, denn sie sind Placebo überlegen [siehe vorher]. Wenn man alle publizierten Studien heranzieht, dann findet man einen signifikanten [nicht zufällig, p
0,05, siehe unten] Effekt, der auch klinisch einigermaßen bedeutsam ist. Er ist zehnmal so groß [0,5] wie der oben erwähnte von Aspirin [ungefähr 0.05] zur Vorbeugung [Primärprävention] von Herzinfarkt und ungefähr so groß wie der, den wir zur Beschreibung der Wirksamkeit von Achtsamkeitsmeditation [bei chronischen Schmerzen, Angstzuständen und Ähnlichem] bei chronischen Gesundheitsproblemen gefunden haben. Wenn man aber genauer hinsieht, dann entdeckt man Folgendes: Die meisten dieser Studien sind (direkt oder indirekt) von der pharmazeutischen Industrie durchgeführt oder bezahlt worden, die solche Substanzen entwickelt. Denn sie hat ja auch ein Interesse daran, dass diese Substanzen auf den Markt kommen. In den USA müssen die pharmazeutischen Unternehmer alle Studien bei der Zulassungsbehörde [FDA, Food and Drug Administration] ... einreichen. Es genügt, wenn eine oder zwei Studien eine [statistisch!] signifikante Überlegenheit über Placebo zeigen, dann erhält das Präparat eine Zulassung. Dass dabei auch so manche negative Studie dabei ist, bei der keine Überlegenheit über Placebo herausgekommen ist, das zählt nicht, solange hin und wieder eine Überlegenheit gezeigt werden kann. Was passiert nun mit den negativ ausgegangenen Studien? Sie bleiben in den Archiven der FDA oder in den Schubladen der Pharmaindustrie ... Nur selten werden solche negativen Befunde publiziert.

Es gibt zwar mittlerweile eine laute Lobby von [unabhängigen] Forschern, die fordert, dass alle Befunde - auch die negativen - publiziert werden müssen. Warum? Weil nur so die Effektstärke, die eine Intervention hat, ohne Verzerrung geschätzt werden kann, wenn man etwa viele solcher [negativen] Studien in Metaanalysen zusammenführt und statistisch ausrechnet, wie groß eben dieser Effekt ist ... Durch das Unterschlagen der schlechten Ergebnisse wurde der Gesamtbefund verzerrt ... Der Effekt von SSRI und anderen pharmakologischen Substanzen wird kolossal überschätzt ... Für den Endverbraucher aber ist statistische Signifikanz nur ein Teil der Botschaft. Er will wissen, wie groß der Effekt denn wohl ist, den man mit einer solchen Intervention im Normalfall erzielt - nicht nur, ob sich ein solcher Effekt statistisch von Placebo unterscheidet. Und um das zu wissen, muss man eben alle Daten, alle Studien [auch die negativen] in die Rechnung mit einbeziehen ...

Nun haben einige Forschergruppen unabhängig voneinander die Archive der FDA aufgesucht und die Daten der negativ ausgegangen Studien mit eingerechnet. Sie fanden: Von insgesamt 74 durchgeführten [Antidepressiva] Studien blieben knapp ein Drittel unpubliziert. Nur drei der negativ ausgegangenen Studien waren publiziert. 22 blieben unpubliziert und elf negative Studien wurden ["geschönt"] so publiziert, dass sie als positiv dargestellt wurden. Nimmt man nur die publizierten Daten, so hat es den Anschein, als wären 94% der Studienergebnisse positiv. Nimmt man alle Befunde, so sinkt dieser Prozentsatz auf nur noch 51% ... Während in der publizierten Literatur die Effektstärke der SSRI in Metaanalysen etwa 0,5 beträgt, sinkt sie, wenn man die negativen Studien korrekt mit einrechnet, auf 0,3 [Erick H. Turner, M.D., Annette M. Matthews, M.D., Eftihia Linardatos, B.S., Robert A. Tell, L.C.S.W., and Robert Rosenthal, Ph.D: "Selective Publication of Antidepressant Trials and Its Influence on Apparent Efficacy"N Engl J Med 2008; 358:252-260 ] ...

Wenn man nun einmal zur Abwechslung nicht nur auf den Unterschied sieht, den man wahrnimmt, wenn man die pharmakologische Depressionstherapie mit Placebo vergleicht, sondern auf den Effekt, den die [SSRI-Antidepressiva] Therapie insgesamt hat, so ist dieser wiederum eigentlich erstaunlich hoch. Daher kommt es auch, dass diese Medikamente so beliebt sind. Sie scheinen gut zu wirken. Manche Forscher sind der Meinung, dass dies nur deswegen so ist, weil eben die Placebokomponente der Behandlung so stark ist: Man hat ein plausibles Model ("Ihr Serotoninspiegel ist zu wenig aktiv, wir sorgen dafür, dass mehr Serotonin zur Verfügung steht"). Man hat die mächtige Maschinerie der biologischen Psychiatrie im Hintergrund, mit all den hübschen Studien, die in Hochglanzbroschüren präsentiert werden - mit Diagrammen, deren Beschriftungen tunlichst nicht so üppig sind. All das flößt Vertrauen ein. (Es kommt hinzu, dass eine Depression ja ohnedies eine Krankheitsbild mit so manchen Schwankungen und Unwägbarkeiten ist.) Im Patienten wird die Hoffnung geweckt: Jetzt passiert das Wunder. Und in der Tat, das Wunder mag eintreffen. Denn viele Patienten in solchen Studien, auch unter Placebo, verspüren eine Besserung ... Der englische Psychologe [Prof.] Irving Kirsch [b.1943] ... zog [aus seinen Studien] die Schlussfolgerung, dass etwa 75% des gesamten Effekts der Antidepressiva Therapie auf die Placebokomponente zurückzuführen sind [1.) Irving Kirsch University of Connecticut, Thomas J. Moore The George Washington University School of Public Health and Health Services, Alan Scoboria and Sarah S. Nicholls University of Connecticut : The Emperor's New Drugs: An Analysis of Antidepressant Medication Data Submitted to the U.S. Food and Drug Administration. Prevention & Treatment, Volume 5, Article 23, posted July 15, 2002] und nur bei sehr schwer depressiven Patienten der pharmakologische Effekt wissenschaftlich-statistisch vom Placeboeffekt zu trennen ist [Kirsch, I., Deacon, B.J., Huedo-Medina, T.B., Scoboria, A., Moore, T.J., & Johnson, B.T. (2008) Initial severity and antidepressant benefits: A meta-analysis of data submitted to the Food and Drug Administration. PLoS Medicine 5(2): e45. doi:10.1371/journal.pmed.0050045]. Anders ausgedrückt: Erst wenn der Patient keine Hoffnung, keine Erwartung und keine eigene Dynamik mehr mobilisieren kann, erst dann zeigt sich der pharmakologische Effekt. Ansonsten sind der psychologische und der pharmakologische Effekt so miteinander verquickt, dass es schwierig ist, die beiden auseinanderzudividieren ... Damit zeigt sich auch: Die Annahmen der biologischen Psychiatrie stimmen teilweise - aber eben auch wirklich nur teilweise. In einer neueren Untersuchung, in der die pharmakotherapeutische Behandlung der Depression in der niedergelassen Praxis abgebildet wurde, hat sich dieses zweifache Bild bestätigt ... STAR*D-Studie [mit 4041 Patienten] [Pigott HE, Leventhal AM, Alter GS, Boren JJ.: Efficacy and effectiveness of antidepressants: current status of research. Psychother Psychosom. 2010;79(5):267-79. Epub 2010 Jul 9] ... Hier wurden nicht nur SSRI eingesetzt, sondern auch atypisch wirkende Medikamente und solche, die das Noradrenalinsystem und das Dopaminsystem ansprechen - alles mit eigentlich mäßigem Erfolg" Aus: Harald Walach: „Weg mit den Pillen!: Selbstheilung oder warum wir für unsere Gesundheit Verantwortung übernehmen müssen - Eine Streitschrift." Kapitel 5. Wie Placeboeffekte die Kraft zur Selbstheilung lehren. auszugsweise Seite 61-68, 70-74, 81-84. IRISIANA 2011. [Meine Ergänzungen]


""Ich werde gefallen", "Ich werde helfen", In den Augen der Pharmaindustrie ist es eine Anmaßung, dass etwas hilfreich sein kann, ohne chemische Wirkung zu zeigen. Immer wieder wird darauf hingewiesen, wie viel besser ein neuer Wirkstoff helfe als Placebo. Placebokontrollierte randomisierte Blind- und Doppelblindstudien beweisen das - schon diese Begriffe flößen Respekt ein. Aber ebenso gut könnte man dieses Verhältnis von der anderen Richtung her betrachten, nämlich: wie erstaunlich gut in all diesen Studien Placebo wirkt! Wie groß wäre da die Versuchung, den Gedanken fort zu spinnen und zu überlegen, wie viel Geld man mit dem Einsatz von Placebo einsparen könnte. Aber das hat der Staat - mit massiver Unterstützung der Pharmalobby - sofort untersagt. Der Einsatz physiochemisch nicht wirksamer Substanzen ist (außer zu Studienzwecken) strikt verboten. ... Während die Schulmedizin mit gewaltigem finanziellem Aufwand versucht, die Placebowirkung der Arzneimittel wegzuforschen, ringt die Homöopathie um Anerkennung ihrer nicht zu leugnenden Wirksamkeit. Beide Seiten, Schulmedizin und Homöopathie, müssen dabei lediglich anerkennen, dass die Placebowirkung im gesamten Gesundheitswesen weiter verbreitet und tiefer verankert ist, als es die kühnsten Forschungsberichte erwarten lassen - und dass sich niemand für Placebowirkungen schämen muss." Aus:
Günther Loewit (b.1958, österreichischer Arzt, Schriftsteller): „Der ohnmächtige Arzt. Hinter den Kulissen des Gesundheitssystems“ Kapitel: Heilkunst und Wissenschaft. Unterkapitel: Wunder Placebo. Die geheimnisvolle Heilkraft. Seite 173f. Homöopathie und Schulmedizin. Seite 175HAYMON 2010

"Ein Placebo verliert viel an Wirkung, sobald er als solches erkannt wird. Dafür ein paar Merksätze für die Ärzte:

Vermeiden sie negative oder zweideutige Aussagen die Patienten beunruhigen oder ängstigen.

Skepsis und Unsicherheit fördern den Nocebo-Effekt und können die Wirkung der besten Arzneimittel aufheben.

Patienten sollten möglichst mit Namen angesprochen werden. Augenkontakt signalisiert Interesse am Gegenüber.

Beim Erstkontakt soll sich der Arzt mit Namen vorstellen, dem Patienten einen bequemen Stuhl anbieten und lächeln. Das baut Hemmschwellen ab und
animiert zu mehr Offenheit. Eine freundschaftliche Berührung an der Schulter und vor allem Sich-Zeit-Nehmen tun gut.

Formelle Kleidung unterstreicht die Glaubwürdigkeit des Arztes. Ohrstecker oder sichtbare Tätowierungen wirken kontraproduktiv.

Wichtigste Informationsquelle über den Zustand des Patienten sind nicht in erster Linie die Laborwerte sondern der Patient selbst. Im Schnitt fallen Ärzte den Patienten nach 18 Sekunden zum ersten Mal ins Wort. Schon 90 Sekunden ungestörter Redezeit wären ein enormer Gewinn.

Medikamente wirken besser, wenn die Patienten wissen, was sie bekommen. Eine Spritze hilft bei Schmerzpatienten besser als eine Tablette.

Wichtig ist die Verabschiedung. Wenn Patienten, begleitet vom Arzt, mit gutem Gefühl das Sprechzimmer verlassen und die wichtigsten Fragen beantwortet sind, kommt der Placeboeffekt voll in Schwung. Aus: Bert Ehgartner: „Gesund, bis der Arzt kommt. Ein Handbuch zur Selbstverteidigung“ Seite 60, LÜBBE 2010

Wundermittel im Kopf - Die erstaunliche Heilkraft der Einbildung
pdf >>>
Jörg Blech, Der Spiegel Special 6 2007
http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=53533410&aref=image036/2007/11/05/ROSPC200700600060017.PDF&thumb-false


"Die Befunde der Wissenschaftler lassen keinen Zweifel: Egal ob kranke Menschen Arzneimittel nehmen, sich operieren lassen oder einfach mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten reden - jede medizinische oder psychologische Zuwendung ist angetan, Selbstheilungskräfte des Körpers freizusetzen. Die menschliche Vorstellungskraft könne im Körper Mechanismen in Gang bringen, die jenen ähneln, die von Arzneimitteln aktiviert werden." Aus: Jörg Blech:  "Wundermittel im Kopf - Die erstaunliche Heilkraft der Einbildung" Der Spiegel Special 6 2007

Bei Medikamenten kann man den Placeboeffekt noch leichter nachvollziehen. Aber der Placeboeffekt wurde auch bei Operationen - sog. Placebochirurgie - nachgewiesen. www.aerztezeitung.de/medizin/fachbereiche/chirurgie/article/517816/schein-op-placebo-effekt-taeuscht-chirurgen.html


"Placeboeffekte in der Pharmakologie, das kann man sich ja noch gut vorstellen. Da wird etwas verabreicht, von dem keiner so recht weiß, was es ist. Aber in der
Chirurgie? Die muss doch eindeutige kausale Effekte haben, oder? Hat sie sicher auch in vielen Fällen, gerade wenn es um offensichtliche und akute Krankheiten geht: kaputte Knochen, innere oder äußere Verletzungen, defekte Gelenke, Primärtumoren. Was wir jedoch nicht wissen, ist, wie stark die Effekte der Psyche sind, die ja auch hier eine Rolle spielen ... Man muss wissen, dass nach minimalinvasiven Bypass-Operationen der Bypass bei bis zu 50% der Patienten wieder zufällt. [PW Serruys, HE Luijten, KJ Beatt, R Geuskens, PJ de Feyter, M van den Brand, JH Reiber, HJ ten Katen, GA van Es, PG Hugenholtz: "Incidence of restenosis after successful coronary angioplasty: a time-related phenomenon. A quantitative angiographic study in 342 consecutive patients at 1, 2, 3, and 4 months" Circulation. 1988 Feb;77(2):361-71. Thoraxcenter, Erasmus University, Rotterdam, The Netherlands]

Es ist nun äußerst interessant zu sehen, dass bei etwa einem Drittel der Patienten, bei denen die Umleitung wieder zugefallen waren (und also der Blutfluss wieder reduziert war), trotzdem keine Angina-pectoris-Symptome auftraten, obwohl man das erwarten würde. Und bei einem Viertel traten solche Symptome auf, obwohl sie objektiv frei von zugefallenen Blutgefäßen waren. [A Leaf, MB Jorgensen, AK Jacobs, G Cote, DA Schoenfeld, J Scheer, BH Weiner, JD Slack, MA Kellett, AE Raizner, et al.: "Do fish oils prevent restenosis after coronary angioplasty?" Circulation. 1994 Nov;90(5):2248-57. Massachusetts General Hospital, Charlestown 02129. Es wurde nicht nur der Effekt von Fischöl untersucht, sondern es wurden auch die in der Folge notwendigen Angioplastie Operationen erfasst und der Wiederverschluss (Restenose) der Gefäße gemessen]

Nimmt man diese beiden Gruppen zusammen, dann hat man eine erhebliche Zahl an Patienten, bei denen die Linderung der Beschwerden kaum etwas mit der operativ veränderten Mechanik der Blutversorgung zu tun hat, und eine beinahe ebenso große Zahl an Patienten, bei denen die Verbesserung der mechanischen Blutversorgung keinen Einfluss auf die Symptomatik hat. Anders ausgedrückt: Ein Drittel der Heilungen, die Patienten durch operative Eingriffe [Angioplastie, STENT, DES, Minimalinvasiver Baypass etc.] erleben, ist auf die psychologischen Effekte der Erwartung, der Erzeugung von Hoffnung, der Linderung von Angst oder der Entspannung zurückzuführen. Ein Viertel profitiert nicht von solchen Operationen. Diese Patienten haben vermutlich ein Problem, das anders angegangen werden müsste - jedenfalls nicht mit einem mechanisch-chirurgischen Ansatz ...

Der vielleicht stärkste Hinweis auf die Mächtigkeit psychologischer Effekte in der Chirurgie stammt von einer Studie von Bruce Moseley [US-Orthopäde]. Er und sein Team untersuchten
Patienten mit Arthroseproblemen [Abnutzungsproblemen] am Knie ... Solche Probleme werden sehr häufig arthroskopisch [knopfloch-chirurgisch] behandelt ... Mosely teilte nun 180 Arthrosepatienten auf drei Gruppen auf: Eine erhielt gar keine richtige Operation, sondern nur einen oberflächlichen [Haut] Einschnitt. Eine erhielt einen Teil der Operation, nämlich das Eindringen ins Gelenk und das Auswaschen. Die dritte Gruppe erhielt die volle Operation inklusive ausschaben. Diejenigen, die die Patienten untersuchten und dokumentierten, ob sich die Beschwerden gebessert hatten, wussten nicht, in welcher Gruppe die Patienten waren. Nach zwei Jahren stellte sich heraus, dass sich die Patienten der drei Gruppen alle in gleichem Ausmaß besser fühlten. Es war kein Unterschied zwischen den Gruppen feststellbar ... Der Erfolg der arthroskopischen Behandlung der Kniegelenksarthrose ... beruht auf dem Nimbus, den die Chirurgie vermittelt. Dieser löst bei den Patienten wohl das Gefühl aus, dass sie sich jetzt - behandelt mit dem mächtigsten Instrument der modernen Medizin - eigentlich nur noch besser fühlen können. Erwartungen und Hoffnung werden erzeugt, Ängste beruhigt und Entspannungen gefördert. Und wie wir mittlerweile wissen [Psycho-Neuro-Immuno-Endokrinologie, Interleukine, cholinerger anti-inflammatorischer Reflex, Endorphine etc.], können solche psychologischen Effekte direkt in die Entzündungsprozesse und die Schmerzverarbeitung eingreifen." [J. Bruce Moseley, M.D., Kimberly O'Malley, Ph.D., Nancy J. Petersen, Ph.D., Terri J. Menke, Ph.D., Baruch A. Brody, Ph.D., David H. Kuykendall, Ph.D., John C. Hollingsworth, Dr.P.H., Carol M. Ashton, M.D., M.P.H., and Nelda P. Wray, M.D., M.P.H: "A Controlled Trial of Arthroscopic Surgery for Osteoarthritis of the Knee" N Engl J Med 2002; 347:81-88July 11, 2002] Aus: Harald Walach: „Weg mit den Pillen!: Selbstheilung oder warum wir für unsere Gesundheit Verantwortung übernehmen müssen - Eine Streitschrift." Kapitel 8. Placeboeffekte in der Chirurgie. auszugsweise Seite 117, 121f. IRISIANA 2011. [Meine Ergänzungen]


"Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten der oben erwähnten Berufsgruppen [Ärzte, Heiler Energetiker, Scharlatane, Kurpfuscher, Schamanen, Medizinmänner, Geistheiler usw.], die direkt am Patienten arbeiten, gibt es eine auffällige Parallele - alle treten direkt (manchmal auch indirekt) mit ihren Patienten in Interaktion. Hier ist wiederum die Schlussfolgerung zulässig, dass
die Behandler bei ihren Patienten einen Denkprozess auslösen, der die Selbstheilungskräfte aktiviert - das gilt selbstredend ebenso für den Schmerz wie auch für seine Ursachen. Einen derartigen Denkprozess haben Heiler, die vom Chef der Onkologie des Wilheminenspitals in Wien, Dr. Heinz Ludwig, in dessen Abteilung eingeladen wurden, ausgelöst." Aus: Karl Isak (Psychologe, Sozial- &Wirtschafts- &Kommunikationswissenschaftler, Pädagoge): „Schmerzen wegdenken: Helfen Sie sich selbst. Eine psychologische Schmerztherapie“
Kapitel: Schmerzen in die richtigen Hände legen. Seite 141. GOLDEGG 2012

Handauflegen wirkt tatsächlich - Ungewöhnliche Forschungsarbeit im Wiener Wilhelminenspital: Aus: Innere Medizin - Springer Medizin, am 18. Oktober 2005
Mediziner wollten wissen, ob heilende Hände tatsächlich Einfluss auf die Befindlichkeit von Krebspatienten haben – und engagierten als „Placebo“ einen Schauspieler.

„Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Organe.“ So umriss Prof. Dr. Heinz Ludwig bei einer Pressekonferenz am vorvergangenen Donnerstag
[06.10.2005] die Intention der 1. Medizinischen Abteilung des Wiener Wilhelminenspitals, im Zentrum für Onkologie und Hämatologie das gesamte Spektrum der modernen Krebsbehandlung anzubieten: neben der pharmakologischen Therapie auch Ernährungsberatung und komplementäre Verfahren wie Homöopathie, Qi Gong oder Aromatherapie.

Die Lebensqualität verbessern
Ludwig weiß aus Erfahrung: „Wer Krebs hat, sucht überall Unterstützung.“ 80 Prozent der Patienten greifen auf zusätzliche alternative Behandlungsmethoden zurück, vor allem Krebskranke im fortgeschrittenen Stadium, das massive Beeinträchtigungen der Lebensqualität mit sich bringt. Besonders Frauen und Menschen mit höherem Bildungsgrad sind den Zusatztherapien zugetan. Das Angebot der alternativen Heilkunst gegen Symptome wie Müdigkeit, Schmerzen, Übelkeit, Depression, Angst, Atemnot und Appetitlosigkeit ist groß. In Deutschland wird der Markt solcher Therapien auf 750 Millionen Euro geschätzt, auf Österreich umgelegt wären das rund 74 Millionen Euro. So vertrauen sich immer mehr Krebspatienten auch Wunderheilern an, die Handauflegen praktizieren – und zahlen dafür zuweilen exorbitante Honorare, selbst wenn die therapeutischen Effekte durch keinerlei wissenschaftliche Forschungen belegt sind.

Grund genug für Ludwig und sein Team, zusätzlich zur klassischen klinischen Forschung Studien zur ganzheitlichen Krebsbehandlung zu betreiben und den Effekten der heilenden Hände auf den Grund zu gehen: 80 Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium nahmen an dieser randomisierten Studie teil. Jeweils 40 sollten von einem selbst ernannten Heiler bzw. von einem sozusagen als „Placebo“ engagierten Schauspieler behandelt werden. Der Schauspieler war zuerst inkognito als Patient beim Heiler in die Lehre gegangen, hatte sich eine Biografie, die über seine vermeintlichen Heilkräfte Aufschluss gab, zurechtgelegt, Handgriffe und Habitus studiert. So wurde nach der Begrüßung jedem Patienten von seinem Betreuer einige Sekunden die Hand aufgelegt, abwechselnd auf den Kopf, den Bauch oder die Schulter.

Mit dem direkten Körperkontakt sollen Energieblockaden aufgespürt und gelöst werden. Doch offenbar ist noch etwas anderes im Spiel: „Wenn man beispielsweise einer Krebspatientin mit Haarausfall die Perücke abnimmt und ihr die Hand auf den Kopf legt, ist das eine sehr intime Berührung, die Verbindung schafft“, berichtete der Schauspieler Marcel Mollik, der selbst überrascht war, wie sehr sich die von ihm Behandelten öffneten. Jeweils vor und nach der Sitzung beurteilten die Patienten ihren Allgemeinzustand anhand einer Wohlbefindlichkeitsskala.

Positive Wirkungen
Zwar gab der Heiler während der Studie plötzlich auf, da er sich angeblich durch die Auswahl der Patienten benachteiligt fühlte. Die Auswertung der Daten ergab jedoch, dass Handauflegen durchaus positive Wirkungen hat.
„Der Allgemeinzustand der Patienten verbesserte sich signifikant, die Schmerzen und Depressionen wurden gelindert, die Kranken waren entspannter und innerlich ruhiger“, berichtete Dr. Gudrun Pohl, die Leiterin der Studie. Allerdings stellte sich auch heraus, „dass es keinen Unterschied machte, ob der Heiler oder der Schauspieler die Behandlung vornahm“. Der positive Effekt beruhte augenscheinlich nicht auf irgendwelchen Heilkräften, sondern auf der menschlichen Zuwendung. „Für uns bedeuten die Ergebnisse dieser Studie ein klares Signal“, resümierte Ludwig. „Es braucht keinen Wunderheiler, um Unterstützung zu geben.“ Und: „Wir Mediziner sind oft so beschäftigt mit den naturwissenschaftlichen Fragen, dass wir alles andere gern delegieren. Das natürliche Verlangen der Patienten nach Empathie darf dabei nicht in den Hintergrund treten.“
Aus: Innere Medizin - Springer Medizin, am 18. Oktober 2005, www.springermedizin.at/artikel/5749-handauflegen-wirkt-tatsaechlich

"Diese Studie ist ein Hinweis darauf, dass von außen Selbstheilungskräfte initiiert werden können, was wiederum beweist, dass man sich auch selbst heilen kann. Dann liegt die Verantwortung aber bei einem selbst - beim eigenen Denken."
Aus: Karl Isak (Psychologe, Sozial- &Wirtschafts- &Kommunikationswissenschaftler, Pädagoge): „Schmerzen wegdenken: Helfen Sie sich selbst. Eine psychologische Schmerztherapie“ Kapitel: Schmerzen in die richtigen Hände legen. Seite 142. GOLDEGG 2012

"Wenn Lebensfördernde Überzeugungen die Macht haben, Krankheiten rückgängig zu machen und unsere Körper zu heilen, dann müssen wir uns fragen, welchen Schaden negative Überzeugungen anrichten können. Welche Wirkung hat zum Beispiel die Art, wie wir über das Altern denken, auf die Art, wie wir altern? Welche Konsequenzen hat es, wenn die Medien uns immer wieder erzählen, was uns alles fehlt, statt unsere Gesundheit zu feiern? ..., dass allein die Vorstellung, in einer unsicheren Welt zu leben, zum Stress beiträgt ... sie befinden sich in einem alarmierten Schwebezustand des "Kämpfe oder ergreife die Flucht!", ohne zu wissen, wogegen sie kämpfen sollten oder wohin sie fliehen könnten ... unser Körper hat das Gefühl, nicht sicher zu sein, und reagiert, als wäre er direkt bedroht." Aus: Gregg Braden: Seite 83f ebenda (oben)

"Der Noceboeffekt beschreibt also negative Konsequenzen und der Placeboeffekt positive Konsequenzen von Botschaften wie z. B. bei Diagnosen, Medikamentenbeschreibungen, Beipackzetteln oder ärztlicher Aufklärung. In beiden Fällen erzeugt das eigene Denken neuronale Reaktionen, die sich schließlich auf den Körper auswirken. Auslöser sind meist Expertenmeinungen, die eine hohe Glaubwürdigkeit haben. Aber eigentlich verantwortlich ist das eigene Denken, wie bei Carl Wallenda [1905-1978]. Wallenda war der Chef einer berühmten Seilkünstlerfamilie [The Flying Wallendas], der 1978 als 73-Jähriger zu Tode stürzte [zwischen den zwei Türmen des Condado Plaza Hotel in San Juan, Puerto Rico]. Nun ist Hochseillaufen ohne Netz eine zweifellos gefährliche Akrobatik. Das psychologisch Interessante daran war allerdings, dass der Routinier bereits wochenlang vor dem Ereignis daran dachte, dass er zu Tode stürzen würde. Darüber berichtete seine Ehefrau und sogar in einem Interview gab er entsprechende Hinweise. Wallenda hatte sich also auf das tragische Ereignis hinprogrammiert. Deshalb nennt man einen Zusammenhang zwischen Denken und den daraus resultierenden Ereignissen auch "Wallenda-Effekt"." modifiziert/Aus: Karl Isak: „Schmerzen wegdenken: Helfen Sie sich selbst. Eine psychologische Schmerztherapie“ Seite115f. GOLDEGG 2012

No
cebo Effekt - Ich werde schaden - Negative Kommunikationssituationen und Erwartungen - Negativer Erwartungseffekt - Negative Übertragungskraft:
Die Panikmache und ihre negativen Auswirkungen auf die Gesundheit. Wenn der "Geist" durch negative Suggestionen (Vorstellungen, Überzeugungen) die Gesundheit schädigt. Suggestion [James Braid (1795-1860), schottischer Arzt, Hypnose (Neurypnologie 1843)], eine Beeinflussungsform von Fühlen, Denken und Handeln, ist die Kunst, etwas so wahrscheinlich erscheinen zu lassen, dass es dann tatsächlich eintritt. Wie stark doch die Fähigkeit menschlicher Kommunikation ist!

Nach Prof. Dr. med. Arthur J. Barsky (Professor of Psychiatry at Harvard Medical School) et al. spielt die "Erwartungshaltung des Patienten" die entscheidende Rolle für den Erfolg der Behandlung, also die Überzeugung, dass eine Behandlung für ihn nicht funktionieren oder unangenehme Nebenwirkungen haben wird.  Arthur J. Barsky, MD; Ralph Saintfort, MD; Malcolm P. Rogers, MD; Jonathan F. Borus, MD: "Nonspecific Medication Side Effects and the Nocebo Phenomenon" JAMA. 2002; Bd. 287(5): 655-656.

"Ähnlich wie die [Quanten-] Physiker entdeckt haben, dass die Erwartungen des Beobachters während eines Experiments das Ergebnis des Experiments beeinflussen, kann die Aussage eines Arztes - "Na ja, versuchen wir es mal mit diesem Mittel, vielleicht hilft das ein bisschen" - entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg der Behandlung sein. Selbst der zarteste Hinweis eines Arztes auf die Wirksamkeit einer Behandlung kann zum Versagen führen - und manchmal sogar tödlich sein. In der berühmten Framingham Herz-Studie, die 1948 unter der Leitung des National Heart Institute (NHLBI) durchgeführt wurde, ist genau so ein Fall dokumentiert. Die Studie begann mit 5209 Männern und Frauen aus Framingham, Massachusetts, im Alter zwischen 30 und 62 Jahren. Das Ziel der Untersuchung war, eine durchschnittliche Gruppe von Menschen über einen langen Zeitraum zu beobachten, um die unbekannten Ursachen von Herzerkrankungen zu erforschen. 1971 begann eine Folgeuntersuchung mit den Kindern der ersten Untersuchungsgruppe und zurzeit läuft eine weitere Studie mit den Enkeln. Alle zwei Jahre wurden die Teilnehmer auf bekannte Risikofaktoren hin untersucht. Obwohl sie aus allen Bevölkerungsschichten kamen, spielte "die Überzeugung der jeweiligen Person in Bezug auf das Risiko einer Herzerkrankung" eine überraschende Rolle. Es zeigte sich zum Beispiel, dass "Frauen, die glaubten, mehr zu Herzerkrankungen zu neigen, viermal häufiger daran erkrankten als Frauen mit ähnlichen Risikofaktoren, die das nicht glaubten". Aus medizinischer Sicht ist zwar nicht ganz klar, warum diese Wirkung existiert, aber niemand zweifelt mehr daran, dass es eine Verbindung gibt zwischen dem, was wir über unseren Körper glauben, und dem, was in unserem Leben geschieht." Rebecca Voelker: "Nocebos Contribute to Host of Ills"Journal of the American Medical Association 275 no. 5 (1996): 345-47. Aus: Gregg Braden: „Der Realitäts-Code. Wie Sie Ihre Wirklichkeit verändern können“  Seite 86f. KOHA 5.Auflage 2011

Die Unfähigkeit einem Patienten ausreichend "Optimismus und Hoffnung" zu vermitteln.
Die unmenschliche und zugleich verwerfliche Aussage mancher Ärzte einem schwer Kranken gegenüber: "Sie haben noch sechs Monate zu leben" oder "Es gibt nichts mehr, was ich für Sie tun kann" (siehe auch Prognose/Ungewissheit)

Solche Äußerungen sind nicht nur psychologisch unklug sondern zudem auch noch falsch.
Niemand kennt und weiß die Zukunft und es gibt immer etwas, das wir tun können.

"Wenn wir nicht mehr heilen können, dann können wir lindern. Und wenn wir nicht lindern können, dann können wir trösten. Und wenn wir nicht trösten können, dann sind wir immer noch da."
Aus: Stefan Einhorn (b.1955, Molekular Onkologe, Karolinska Institut Stockholm): „Die Kunst ein freundlicher Mensch zu sein“ HOFFMANN 2007

Einflüsse auf den Nocebo Effekt von Patientenseite sowie von Seiten des Behandelnden (Therapeuten):


PATIENT


mangelnde Motivation

Misstrauen

Erwartung einer Verschlimmerung

Krankheitsgewinn

fehlende Bereitschaft zur Mitarbeit

Ängstlichkeit

Ideologien


NOCEBO


"Ich werde schaden"

Negative
Suggestion
Kommunikation
Erwartungshaltung
Selbsterfüllende Prophezeiung

Konditionierung
mentale Intervention
Assoziation
Autosuggestion
Imagination
Konversion
Resonanz
usw.


THERAPEUT

schlechte Informationsvermittlung

schlechter Ruf

fehlende Empathie

Ideologien

ängstigende Beipackzettel

nebenwirkungsreiche Behandlung

keine Zeit, kein Interesse


Welche Menschen sind besonders gefährdet, Opfer des Nocebo Effektes zu werden?
Aus: Dr. Doris Wolf: Nocebo - der Glaube kann krank machen 2011 in www.lebenshilfe-abc.de/nocebo.html


Menschen, die
dazu neigen, sich Katastrophen auszumalen

ihren Körper kritisch und ängstlich beobachten

stets damit rechnen, dass ihnen Schlimmes widerfahren wird

eine schwere körperliche Krankheit erlebt haben und deshalb Angst vor einer erneuten Erkrankung haben

zwänglich, ängstlich oder depressiv sind.

Wie sich vor dem Nocebo-Effekt schützen?

Folgende Strategien können Sie einsetzen:

1. Meiden Sie die Gesellschaft von Menschen, die ständig nur über Krankheiten und Gebrechen reden.

2. Unterbrechen Sie bewusst Katastrophenphantasien über Krankheiten und wenden Sie sich positiven Dingen zu.

3. Suchen Sie, wenn Sie sich schon mit Krankheiten befassen, nach Lösungswegen, falls Sie erkranken sollten.

4. Lesen Sie Biographien und Berichte von Menschen, die die Krankheit überwunden haben.

5. Richten Sie Ihre Gedanken auf [persönliche] Gesundheitsvorsorge und werden Sie aktiv.

6. Suchen Sie nach Beweisen, weshalb es Sie nicht treffen wird, statt sich mit einer möglichen Erkrankung zu befassen.

7. Erfragen Sie in Beipackzetteln genauer die Wahrscheinlichkeit eines Auftretens des Symptoms.

Das Terrain der Selbstbestimmung erobern >>>
Aus: Maja Storch: „Mein Ich-Gewicht: Wie das Unbewusste hilft, das richtige Gewicht zu finden“
7. Kapitel: Von Kathedralen und Schwarzwälder Kirschtorten: Ab sofort wird alles anders.
Das Terrain der Selbstbestimmung erobern. Seite 180-182. GOLDMANN 4.Auflage 2009 (2007)


Test: Sind Sie Nocebo-gefährdet?


Je mehr Fragen Sie zustimmen, desto anfälliger sind Sie für den Nocebo-Effekt.

+ Sind Sie eher ein negativ eingestellter Mensch?
+ Reden Sie mit anderen häufig über Krankheiten?
+ Studieren Sie Todesanzeigen oder Berichte über Katastrophen?
+ Beobachten Sie täglich sorgfältig Ihren Körper, ob noch alles in Ordnung ist?
+ Lesen Sie Beipackzettel von Medikamenten intensiv?
+ Leiden Sie unter Ängsten?
+ Reagieren Sie bei Stress mit körperlichen Symptomen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Magenschmerzen, Rückenschmerzen?
+ Können Sie abends schlecht abschalten?
+ Neigen Sie zum Grübeln?
+ Glauben Sie, dass der Sinn des Lebens im Leiden besteht?
+ Gönnen Sie sich nur selten etwas Positives?
+ Nehmen Sie sich nur selten Zeit für Dinge, die Sie begeistern?


So wie der Glaube an die Heilung gesund macht, so machen die Erwartung, krank zu werden oder der Glaube, krank zu sein, krank!"

"Negative Suggestion spielt aber in vielen Lebensbereichen eine Rolle. Vor allem aus der Onkologie ist bekannt, dass Patienten aus Studien genommen werden, weil sie unerträgliche Nebenwirkungen bekommen. Wenn man dann den Code bricht, sieht man, dass die Patienten in der Placebogruppe waren. [G. Chvetzoff, IF. Tannock: "Placebo effects in oncology" JNCI J Natl Cancer Inst (2003) Jan 1;95(1):19-29. Department of Medical Oncology, Centre Leon Berard, Lyon, France.] Wie kann es sein, dass solche Reaktionen überhaupt vorkommen? Das ist ganz einfach nachzuvollziehen: In jeder klinischen Studie muss das Einverständnis des Patienten eingeholt werden. Dazu erhalten die Patienten ausführliche Informationen: über die Art der Durchführung einer Studie, wie oft sie kommen müssen, wie groß die Belastung und der Zeitaufwand sein wird, mit welchen Substanzen sie rechnen müssen und natürlich auch, mit welchen Wirkungen und Nebenwirkungen. Die Patienten erhalten sozusagen den gesamten Beipackzettel vorgelesen. Der ist natürlich bei Tumor hemmenden Krebsarzneien gewaltig lang und enthält auch sehr gravierende Symptome als Nebenwirkungen. Patienten, die diese Information verinnerlicht haben, können leichter das Gefühl bekommen, dass sie das auch betreffen werde [negative Suggestion, Selbsterfüllende Prophezeiung]. Je mehr sie sich diesem Gefühl hingeben, desto wahrscheinlicher wird das tatsächliche Auftreten dieser Ereignisse und Symptome." Aus: Harald Walach: „Weg mit den Pillen!: Selbstheilung oder warum wir für unsere Gesundheit Verantwortung übernehmen müssen - Eine Streitschrift." Kapitel 7. Noceboeffekte und die Kultur des Bewusstseins. auszugsweise Seite 111f. IRISIANA 2011. [Meine Ergänzungen]

Nur das, was ich im positiven - wie leider auch im negativen - Sinne denken kann, kann auch Wirklichkeit werden!
[positive o. negative Suggestion, Selbsterfüllende Prophezeiung]

"Placebo- und Noceboeffekt sind die Vorder- und Rückseite derselben Medaille. Kognitive Prozesse (siehe oben) beeinflussen den Behandlungseffekt und die wichtigen Selbstheilungs-prozesse. Scott u. Mitarb. (2008) wiesen nach, dass der Plazebo- und der Nozeboeffekt durch entgegengesetzte Endorphin- und Dopamineffekte definiert sind und dass das zerebrale Netzwerk für beide Effekte – Plazebo und Nozebo – das gleiche ist. Für die Praxis könnte dies u.a bedeuten, dass bei der Aufklärung vor einem Eingriff die damit verbundenen Chancen und nicht so sehr die Risiken in den Vordergrund gestellt werden sollten. Auf jeden Fall ist es von Vorteil, sich für die Aufklärung genügend Zeit zu nehmen und dem Patienten gegenüber die Nebenwirkungen von Medikamenten vernünftig und realistisch zu relativieren.
Aus: Dieter F. Braus: „Ein Blick ins Gehirn. Eine andere Einführung in die Psychiatrie“ Seite 83 THIEME 2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage 2010 (2004)

"Die Sendereihe "Placebo: Mind over Matter" (Plazebo: Der Geist beherrscht den Körper) des Discovery-Channel von 2003 zitiert den Arzt Clifton Meador (b.1931), welcher sich über dreißig Jahre lang mit der potentiellen Macht des Nocebo-Effekts beschäftigte. 1974 hatte Meador bei dem Patienten Sam Londe Speiseröhrenkrebs festgestellt. Diese Krankheit galt zu jener Zeit als hundertprozentig tödlich. Londe's Krebs wurde behandelt, aber unter Medizinern war klar, dass sein Krebs wiederkehren würde. Daher war niemand überrascht, als er wenige Wochen nach der Diagnose starb. Die Überraschung war jedoch groß, als man bei der Autopsie (Obduktion, Leichenöffnung) nur sehr wenig Krebs in seinem Körper fand, jedenfalls nicht genug, um daran zu sterben ... Meador sagte dem Discovery-Channel: "Er starb mit Krebs, aber nicht an Krebs." Woran war Londe gestorben, wenn nicht an Krebs? Starb er, weil er glaubte, dass er sterben würde? Dieser Fall verfolgte Meador noch drei Jahrzehnte nach Londe's Tod. "Ich dachte, er hätte Krebs. Er dachte, er hätte Krebs. Jeder um ihn herum dachte, er hätte Krebs. Habe ich ihm irgendwie die Hoffnung genommen?"
Aus: Bruce H. Lipton (b. 1944, Zellularbiologe, Epigenetiker, Ph.D., USA): “Intelligente Zellen – Wie Erfahrungen unsere Gene steuern” (Biology of Beliefs: Unleashing the Power of Consciousness, Matter and Miracles) KOHA VERLAG 3.Auflage 2007

Nach all dem, lasst uns eine "Kultur des Bewusstseins" [n. Thomas Metzinger, b. 1958, dtsch. Philosoph] entwickeln und auch im Alltag praktizieren.

"Was ist damit gemeint? Wir sahen, oben, wie mächtig negative psychologische Vorstellungen und Erwartungen
[Nocebo]. Wir sahen auch, dass Selbstheilungseffekte vor allem durch positive Gedanken, Erwartungen, Hoffnungen und tiefe Entspannung zustande kommen [Placebo]. Der Begriff "Kultur des Bewusstseins" meint nun, dass wir es nicht dem Zufall überlassen sollten, welche Vorstellungen und Gedanken wir in uns hegen und pflegen, sondern dass wir solche Zustände bewusst kultivieren können. Wenn ein Fluch, der im Bewusstsein den Gedanken und die Vorstellung auslöst: "Ich bin verloren", dazu führt, dass ein Mensch tatsächlich stirbt; wenn der Glaube, Blausäure geschluckt zu haben, obwohl es sich um Traubenzucker handelte, zu Blausäurevergiftungssymptomen führt; wenn die positive Erwartung "Die Blutzufuhr zu meinem Herzen ist wiederhergestellt" zu einem Abflauen der Angina-pectoris-Symptome führt; obwohl die Vorstellung womöglich falsch ist - wenn also unser Bewusstsein so starken Einfluss auf unser körperliches Geschen hat, dann wird es doch höchste Zeit, dass wir uns dieser Kraft etwas mehr bedienen... Wer sich darin übt, auf diese leise innere Stimme zu hören und sich dafür auch Zeit nimmt, der kommt zum einen weniger in Gefahr, sich von sich selbst zu entfremden, und hat zum anderen im Ernstfall eher die Chance, genauer zu hören, was ihm jetzt gut tu und wie es weitergehen könnte."
Aus: Harald Walach: „Weg mit den Pillen!: Selbstheilung oder warum wir für unsere Gesundheit Verantwortung übernehmen müssen - Eine Streitschrift." Kapitel 7. Wie Noceboeffekt und die Kultur des Bewusstseins. auszugsweise Seite 112, 187. IRISIANA 2011. [Meine Ergänzungen]

"Die [Vorsorge-] PRÄVENTIONSPOLITIK, das hat Anfang der 1980er Jahre Robert Castel [1933-2013, frz. Soziologe] herausgestellt, nimmt nicht mehr die persönlichen Gefährdungen in den Blick, sondern statistische Korrelationen und Bevölkerungsgruppen, die nach Risikoprofilen begutachtet werden. Damit wird dem Menschen ein "soziales Schicksal" zugewiesen, das zu steuern ihm selbst überlassen wird. So sitzen heute Paare in der Entscheidungsfalle, die in der humangentischen Beratung aufgefordert sind, sich in völliger Freiheit für diesen oder jenen Embryo zu entscheiden (1) ... Eine solche, an Gewinnkriterien ausgerichtete, ökonomisierte [verwirtschaftliche] Gesundheitsversorgung hat die Standardisierung und Normierung von Patientinnen und Patienten, von Krankheiten [Diagnosen] von Therapien und von Pflege zur Folge. Nicht mehr das individuelle, reale Krankheits- und Gesundheitserleben der Menschen oder sozialer Zusammenhänge steht im Zentrum des Handelns ["Medizin als Heilkunde"], sondern die Anwendung statistisch ermittelter Durchschnittstherapien auf statistisch hergestellte Durchschnittsmenschen ["Risikomedizin", Epidemiologie]... In einem solchen ökonomisierten Gesundheitssystem werden kranke Menschen mit ihrem Leiden, ihren Nöten und ihren Vorstellungen zunehmend als Störfaktor wahrgenommen, ebenso wie das individuelle Wissen und die Erfahrung all derer, die als Therapeutinnen und Therapeuten oder Pflegende darin arbeiten. Sie sind angehalten, ihre Erfahrungen und Kenntnisse zu ignorieren und den standardisierten Verfahren den Vorrang zu geben ..." Aus: Reimer Gronemeyer (b.1939, dtsch. Soziologe, Theologe, „Aktion Demenz e.V.): "Das 4. Lebensalter - Demenz ist keine Krankheit" Demenzpflege: Gehen wir in die falsche Richtung? Demenz und Medikamente oder: Wie man sich in die Demenz frisst S.162, Es geht darum, ins Bett zu pflegen. Das Elend der Qualitätskontrolle - die Vision der Milieutherapie S.179 Pattloch 2013. (1) Silja Samerski (deutsche Kulturwissensschaftlerin): “Die Entscheidungsfalle - Wie genetische Aufklärung die Gesellschaft entmündigt” WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2010

Das Präventionsparadox
:
Es werden sehr viele Menschen durch die Screening Tests (Siebetests) geschleust, aber nur bei ganz wenigen findet sich das, was gesucht wird!
lat. praevenire: "zuvorkommen", lat. paradoxos: "wider Erwarten", "wunderbar", "seltsam"; Paradoxie, Paradoxon

Das sogenannte Präventionsparadox wurde Anfang der 1980er-Jahre vom britischen Epidemiologen Geoffrey Rose [1926-1993, "The Strategy of Preventive Medicine" 1993] am Beispiel der koronaren Herzkrankheiten beschrieben. Es stellt ein grundlegendes Dilemma der Bevölkerungs- und Risikogruppenbezogenen Prävention und Krankheitsprävention dar. Seine Kernaussage ist:
"Eine präventive Maßnahme, die für Bevölkerung und Gemeinschaften einen hohen Nutzen bringt, bringt dem einzelnen Menschen oft nur wenig - und umgekehrt". Aus: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung -BZgA: www.leitbegriffe.bzga.de/bot_angebote_idx-161.html

"Gesundheit ist kein individuelles Persönlichkeitsmerkmal. Es wird zwar sehr wohl erkannt, dass sich individuelle Gesundheit nicht allein durch persönliche Anstrengungen erzeugen lässt, weil Gesundheit und Krankheit von einem komplexen Gefüge aus strukturellen Lebensbedingungen, milieugeprägter Lebensweise und individuellem Lebensstil bestimmt werden. Zu leicht wird jedoch vergessen, dass die Bevölkerungsgruppen, die das größte Erkrankungsrisiko tragen, im Durchschnitt auch die geringsten Möglichkeiten und Fähigkeiten haben, die Gesundheitsförderung in ihrem Verhalten zu berücksichtigen. Das liegt daran, dass die unterprivilegierten Schichten über weniger Freiheiten und finanzielle Möglichkeiten verfügen als Bessergestellte. Gesundheitsförderliches Verhalten muss man sich also zunächst einmal leisten können. Für diesen Zusammenhang wurde der Begriff des Präventions-Paradoxons geprägt. Will sagen: Die Ansätze der Prävention greifen oft deswegen nicht, weil die Ansätze zur Prävention in aller Regel diejenigen zuerst erreichen, die ihrer am wenigsten bedürfen. Und umgekehrt werden durch die Betonung der Eigenverantwortung diejenigen weiter benachteiligt, die ohnehin schon benachteiligt sind. Das zeigt, dass man mit dem Pathos der Eigenverantwortung eben nicht die Menschen erreicht, bei denen eine Bewahrung oder Verbesserung der Gesundheit von vitalem Interesse ist. Die Betonung der Eigenverantwortung ist hier eine zu einseitige Strategie, denn diesen Menschen fehlt es nicht an gutem Willen oder primär an Aufgeklärtheit, ihnen mangelt es an inneren Ressourcen und vor allem an günstigen strukturellen Bedingungen. Vor diesem Hintergrund ist der progrediente Abbau des Sozialen in der heutigen Zeit bedenklich. Denn je mehr man die soziale Sicherung zurückschraubt, desto mehr beraubt man die ohnehin unterpriveligierten Schichten der Chance, eigenverantwortlich zu werden. Dass das System in weiten Teilen dennoch so aufgebaut ist, liegt daran, dass das [wirtschaftliche] ökonomische Denken so weit verinnerlicht worden ist, dass wir gar nicht merken, wie sehr sich unser Gerechtigkeitsverständnis darunter verändert. Denn es ist nicht weniger als ein Wandel weg von der Bedarfsgerechtigkeit hin zu einer Leistungsgerechtigkeit. Und man verkennt, dass vieles im Leben eben nicht selbstverschuldet ist, sondern dass es soziale Benachteiligungen gibt, die erst ausgeglichen sein müssen, bevor wir überhaupt von einer Leistungsgerechtigkeit ausgehen können. Wir schauen heute nur darauf, dass rein theoretisch keinem der Zugang zu den sozialen Leistungen verwehrt wird, unterschätzen aber dabei, wie unterschiedlich die Ausgangsbedingungen für diesen Wettbewerb sind. Das undifferenzierte Paradigma der Eigenverantwortung droht auf diese Weise unsere Gesellschaft zu entzweien: in zu würdigende Gesunde und zu sanktionierende Kranke." Aus: Giovanni Maio (b.1964, dtsch.Mediziner, Philosoph, Bioethiker): "Geschäftsmodell Gesundheit - Wie der Markt die Heilkunst abschafft" IX. Gesundheit als Pflicht? Krankheit als Schuld?4. Individualisierung der Gesundheitsrisiken S.136f. Herausgegeben von Dr. med. Bernd Hontschik medizinHuman - Band 15 SUHRKAMP 2.Auflage 2016 (2014), www.hontschik.de, www.igm.uni-freiburg.de/Mitarbeiter/maio; Siehe auch Giovanni Maio bei ZITATE: Karl Kraus: Die Diagnose >>>  LEISTUNGEN: Komplementärmedizin >>>  LAGE: Zillertal Infos >>>  Giovanni Maio: Die Vier Kernfesten der Heilberufe >>>

Vorsorgeuntersuchung - Eine Form des Screenings - Eigentlich der Versuch von Früherkennung und Prävention von Krankheit
Das Dilemma der Früherkennung: Die Zwickmühle der Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten


"... Ich bin nicht gegen Vorsorge. Ich bin allerdings gegen mangelnde Offenheit. Die möglichen Vorteile und Nachteilte einer Vorsorgeuntersuchung oder eines angeblich vorsorgenden Verhaltens müssen von Ärzten und anderen Anbietern deutlich gemacht werden, statt die Vorsorge unkritisch zu propagieren oder gar mit Übertreibungen anzupreisen. Auf der Basis von internationalen Empfehlungen und Artikeln in hochrangigen Fachblättern lässt sich mittlerweile nämlich recht genau abschätzen, wie viele Tumore etwa bei der Krebsfrüherkennung übersehen werden oder wie oft es zu einem Fehlalarm kommt, der die Menschen verunsichert und ängstigt. Nur wenn realistisch die Chanceen und Risiken dargestellt werden, können Patienten und solche, die es nicht werden wollen, erfahren, was sie von der Vororge erwarten können ...

Früherkennungstests haben zwar ein ausgezeichnetes Image. Was kann schon schlecht daran sein, wenn ein Krebs früh entdeckt wird? Je früher die Diagnose, desto erfolgreicher die Therapie und umso besser die Prognose, so die verbreitete Ansicht. Doch diese Schlussfolgerung stimmt längst nicht immer. Schließlich nutzen Untersuchungen zur Krebsvororge Patienten nur dann, wenn sie ihr Leben verlängern oder die Lebensqualität verbessern.

Dies trifft aber nicht auf alle Tests zur Krebsfrüherkennung zu - manche verlängern nur das Leiden. Dies gilt etwa, wenn der Tumor schon Metastasen gebildet hat und die Therapie das Leben nicht mehr verbessern oder verlängern kann. dies gilt auch, wenn ein Krebs nie metastasiert, nie Beschwerden macht und auch nicht zum Tode führt. Siehe: Gilbert Welch: "Overdiagnosed" in Leistungen: Angewandte Allgemeinmedizin & Geriatrie >>>

Zudem wird der Nutzen der Früherkennung systematisch überbewertet, weil in vielen Studien rückblickend untersucht wird, welche Vor- und Nachteile sie bringt. Es ist jedoch bekannt, dass Menschen, die Früherkennungstests wahrnehmen, insgesamt gesünder leben und mehr auf sich achten. Vergleicht man sie mit jenen Menschen, die keine Früherkennung in Anspruch nehmen, wird der mögliche Nutzen überschätzt. Diejenigen, die zur Früherkennung bereit sind, haben schließlich sowieso die bessere Prognose.

Ein weiteres Dilemma in der Debatte um die Früherkennung auf Krebs ist die Asymmetrie ["Ungleichheit"] in der Argumentation. Das hohe Lied auf die Vorsorge lässt sich schnell und einfach singen, es lautet in etwa so: Mit Hilfe regelmäßiger Vorsorge lässt sich Krebs früher erkennen, besser behandeln, und die Menschen haben deshalb eine bessere Prognose. Das leuchtet jedem sofort ein. Das lässt sich in zehn Sekunden vermitteln. Hierfür sind nur ein paar Schlagworte nötig.

Die Kritik an der Vororge ist hingegen schwer zu erklären - und sie erfordert mehr Zeit. Dazu sind mindestens fünf Minuten notwendig - und auch dann sind sicher noch nicht alle bisherigen Anhänger der Vorsorge vom Gegenteil überzeugt. Zudem ist der Begriff der Vorsoge schwammig und irreführend. So wird er zum Beispiel für Screening auf Krebs [siehe unten] verwendet, doch das ist falsch. Besser sollte hier von Früherkennung gesprochen werden. Vorsorge dient dazu, eine Krankheit zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern. Die Beschwerden treten später oder gar nicht auf. Tests zur Früherkennung bewirken hingegen in vielen Fällen das Gegenteil. Sie lassen eine Erkrankung früher kenntlich werden und nehmen die Diagnose vorweg. Wenn auch noch keine körperlichen Beschwerden auftreten, so stellt sich doch mit der Diagnose ["Arbeitshypothese"] siehe Robert N. Braun in Leistungen: Angewandte Allgemeinmedizin & Geriatrie >>>, Zitate:Karl Kraus: Die Diagnose >>> die Erwartung der Beschwerden siehe unten Nocebo, Placebo, Zitate: Bernie Siegel: Krebs - Denken - Fühlen - Essen >>> ein. Der ehemals symptomlose Gesunde fühlt sich jäh als Kranker, selbst wenn er beschwerdefrei ist.

Um die Kritik am Konzept der Krebsfrüherkennung, die als Vorsorge verschleiert wird deutlich zu machen, soll zunächst dargelegt werden, was Vorsorge im idealen Falle leisten können sollte - dadurch wird evident, wieweit manche Maßnahmen zur Früherkennung von Krebs von diesem Anspruch entfernt sind.

1) Prävention setzt voraus, dass sich aus gegenwärtigen Anzeichen zukünftige unerwünschte Folgen sicher prognostizieren lassen.

2) Prävention setzt voraus, dass sich das Befinden ohne die präventiv gedachte Intervention verschlechtern würde.

3) Prävention setzt voraus, dass Risiken am effektivsten vermindert werden können, je früher der präventive Eingriff stattfindet.

4) Prävention setzt voraus, dass sich die geplante Vororge in Form eines Screenings oder anderer Maßnahmen in ein Konzept umsetzen lässt.

"In der grundlegenden Bedeutung des Begriffs bezeichnet Prävention ein Handlungsprinzip: Praevenire heißt zuvorkommen [verhindern, vereiteln]. Etwas wird getan, bevor ein bestimmtes Ereignis oder ein bestimmter Zustand eintreten, damit es nicht dazu kommt oder zumindest der Zeitpunkt des Eintretens hinausgeschoben und der zu erwartende Schaden auf ein Mindestmaß begrenzt werden. Da es nichts gibt, was nicht als Bedrohung wahrgenommen oder zur Bedrohung deklariert werden könnte, kann auch alles zur Zielscheibe vorbeugender Anstrengungen werden. Ob Karies oder Herzinfarkt, Drogenkonsum oder Jugendgewalt, ob körperliche Deformation oder psychische Erkrankung, oder Terroranschläge oder Entwicklung von Massenvernichtungsmitteln, ob "humanitäre" oder Naturkatastrophen - überall lauern Risiken, drohen Krisen und tut folglich Vorbeugung Not. Prävention will nichts schaffen, sie will verhindern ... Präventionsprogramme gleichen Kreuzzügen, ihre Logik ist die der antizipierenden [vorhersehenden] Säuberung: Gegen welches Übel auch immer sie antreten, es soll eliminiert werden ... Biologische Prozesse, menschliches Verhalten und erst recht soziale Phänomene lassen sich jedoch in den meisten Fällen nicht auf eindeutige Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge reduzieren, und selbst, wenn Kausalerklärungen Plausibilität [Richtigkeit, Wahrheit] beanspruchen können, gilt das nur im Rückblick. In Bezug auf die Zukunft sind dagegen nur Wahrscheinlichkeitsaussagen möglich ... Zum Risikosignal und Ausgangspunkt präventiven Handelns kann letztlich alles werden, was von Sollwerten abweicht oder sich als Vorzeichen solcher Abweichungen identifizieren lässt. Praktisch funktioniert Prävention als Ausrichtung und Selbstausrichtung an Normalitätsstandards, die damit den Status sozialer Normen erlangen. "Keeping the normals normal", lautet die Maxime ..." Prof. Dr. Ulrich Bröckling (b. 1959, Prof. f. Ethik, Politik und Rhetorik an der UNI Leipzig): "Der moralische Zwang zur Vorsorge" auszugsweise Seite 24, 25 In: Werner Bartens: "Vorsicht Vorsorge! Wenn Prävention nutzlos oder gefährlich wird" suhrkamp 2008, medizin Human Band 7, herausgegeben von Dr. Bernd Hontschik. Prof. Dr. Ulrich Bröckling: "Vorbeugen ist besser ... Zur Soziologie der Prävention" www.zeithistorische-forschungen.de/sites/default/files/medien/material/2013-3/Broeckling_2008.pdf

Leider zeigt sich (und wird später im Buch genauer dargelegt),

1) dass sich aus gegenwärtigen Indizien eben außerordentlich oft nicht zukünftige unerwünschte Folgen sicher prognostizieren lassen. Die Häufigkeit der Fehlalarme bei der Krebsfrüherkennung zeigt dies, aber auch die Zahl der Überdiagnosen und Übertherapien. Siehe: Gilbert Welch: "Overdiagnosed" in Leistungen: Angewandte Allgemeinmedizin & Geriatrie >>>

2) dass sich das Befinden bei vielen Menschen ohne die präventive Intervention eben nicht automatisch verschlechtern würde. Es verschlechtert sich in manchen Fällen durch die Früherkennung und ihre Folgen. Im besseren Fall bleibt die Bilanz neutral, etwa bei der großen Gruppe der Menschen, bei denen kein Krebs vorliegt und auch keiner entdeckt oder fälschlicherweise vermutet wird.

3) dass die Risiken, früher zu sterben oder stärker zu leiden eben nicht immer gemindert werden, je früher der vorbeugende Eingriff stattfindet. Stattdessen wird das Leiden vorverlegt - durch invasive Untersuchungen und Therapien und nicht zuletzt durch die Erzeugung von Angst und Ungewissheit.

4) dass die Teilnahme der Bevölkerung an bisherigen Screening-Programmen sehr gering ausgeprägt ist und sie sich daher kaum in ein bevölkerungsweites Konzept umsetzen lassen.

Warum es so schwierig ist, mit Früherkennung Leiden zu vermindern, zeigt ein Blick auf die Art und Weise, wie sich [sog.] bösartige Tumore im Körper ausbreiten. Im Wesentlichen können vier verschiedene Krebstypen unterschieden werden:

Typ 1: Der Tumor entsteht und kann mittels konsequenter Früherkennung entdeckt werden, bevor Absiedelungen (Metastasen) entstehen. Die früh eingeleitete Therapie verhindert das weitere Krebswachstum und bringt womöglich sogar eine Heilung, die frühe Diagnose führt zu gewonnenen und beschwerdefreien Lebensjahren. In diesem Fall ist die Früherkennung sinnvoll und echte Vorsorge.

Typ 2: Der Tumor entsteht, bildet aber auch sehr früh Metastasen. Die frühe Diagnose durch Früherkennung und die früh begonnene Therapie können den Krebs nicht mehr heilen. Früherkennung führt in diesem Fall zu keiner Verlängerung des Lebens, sondern nur zu einer Verlängerung des Leidens. [Es gibt aber trotzdem "Spontanheilungen! (1:60.000, Herbert Kappauf "Wunder sind möglich - Spontanheilung bei Krebs" Herder 2003]

Typ 3: Der Tumor entsteht, bildet aber nie Metastasen. Die früherer Diagnose in Folge der Früherkennung führt zu einem früheren Therapiebeginn. Da der Tumor nicht tödlich ist, wird das Leben durch Früherkennung nicht verlängert, womöglich aber das Leiden durch die Nebenwirkungen der Therapie.

Typ 4: Der Tumor entsteht, wächst aber so langsam oder bleibt zeitlebens so klein, dass er nie auffallen oder Bewschwerden machen würde. Mit Hilfe der Früherkennung wird er aber entdeckt und in der Folge eine Therapie eigeleitet. Durch die Behandlung wird das Leben aber nicht verlängert, sonderm die unnötige Diagnose ("Überdiagnose") und Therapie ("Übertherapie") belasten den Patienten nur."
Aus: Werner Bartens: "Vorsicht Vorsorge! Wenn Prävention nutzlos oder gefährlich wird" suhrkamp 2008. Auszugsweise aus: Vorwort Seite 7, Der präventive Blick. Das Dilemma der Früherkennung Seite 20-23, medizin Human Band 7, herausgegeben von Dr. Bernd Hontschik
Siehe: Gilbert Welch: "Overdiagnosed"
in Leistungen: Angewandte Allgemeinmedizin & Geriatrie >>>


Vorsorgeuntersuchung [eigentlich: "Früherkennungstest"]- Gesundenuntersuchung - Gesundheitscheck
Aus: www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/Vorsorgeuntersuchung_Neu_LN.html

Die Vorsorgeuntersuchung bietet allen Personen ab dem 18. Lebensjahr mit Wohnsitz in Österreich einmal pro Jahr ein umfangreiches Untersuchungsprogramm. Dieser "Gesundheitscheck" bringt persönliche Vorteile: Ergeben die medizinischen Untersuchungen erste Hinweise für eine Erkrankung, dann wurde Zeit gewonnen [?], um gegen zu steuern. Ein individuelles Beratungsgespräch mit der Ärztin/dem Arzt soll über einen gesundheitsfördernden Lebensstil aufklären und Unterstützung bei Veränderungsbedarf bieten. Sie erfahren, wie Sie besser auf Ihre Gesundheit achten können.


"Medizinische Versorgung muss neu verstanden werden
Ein gesundheitspolitisches Dogma unserer Zeit ist die Neuerfindung der Vorsorgemedizin. Dabei wird völlig vergessen, dass das alte Hausarztmodell die besten vorsorge-medizinischen Ergebnisse gebracht hat. Die Politik glaubt in Anbetracht überfüllter Spitalsambulanzen durch die Stärkung des medizinischen Vorsorgegedankens die Entstehung von Krankheiten schon im Keim verhindern zu können. Rein theoretisch kann dem nicht widersprochen werden. Doch in der Praxis kann das monotone Kontrollieren und Protokollieren somatischer Werte nie und nimmer einen gesunden und glücklichen Menschen machen. Dem steht schon alleine die Unterschiedlichkeit der Menschen im Weg, auf die die heutige Form der Vorsorge-untersuchung keine Rücksicht nimmt.
Sie ignoriert die Bedeutung der Psyche und des sozialen Umfeldes für die Gesundheit vollkommen. Denn wenn jeder Patient, dem ein Arzt einmal das Rauchen untersagt hat, tatsächlich nicht mehr rauchen würde, gäbe es keine Zigarettenindustrie mehr. Das Gleiche gilt für Alkohol und richtige Ernährung. Patienten machen aber nun einmal nicht immer, was ihnen ärztlicherseits vorgeschlagen wird. Natürlich können bei Vorsorgeuntersuchungen durch Zufallsbefunde Krankheiten schon in einem frühen Stadium mit besseren Heilungsaussichten diagnostiziert werden. Und vielleicht hilft sie dem einen oder anderen Patienten auch durch den von ihr ausgehenden Placeboeffekt. Zugleich führen Vorsorgeuntersuchungen aber zu einer Flut von neuen Patienten und fehlerhaften Befunden. Viele Blutdruckwerte sind wegen der Nervosität der Probanden falsch erhöht, Harnproben nicht korrekt abgegeben und daher fälschlich pathologisch. Blutsenkungen sind zu hoch, weil der Proband gerade einen grippalen Infekt hinter sich hat, von dem der untersuchende Mediziner aber nichts weiß. Immer ist irgendein Parameter außer der Norm. Denn es gibt keinen vollständig gesunden Menschen. Aber immer können nicht normgerechte Werte behandelt werden - auch wenn sie dem Patienten bis zur Untersuchung keinerlei Probleme verursacht haben. Daher muss der Nutzen dieser Art von Medizin kritisch hinterfragt werden. Insbesondere der von einigen Versicherungen eingeschlagene Weg, Selbstbehalte oder Versicherungskosten von den Ergebnissen einer Vorsorgeuntersuchung abhängig zu machen, sollte uns nachdenklich machen. Die Gesamtkosten des Systems werden durch einen solchen Schritt nicht sinken, also werden die finanziellen Lasten zu Gunsten der jungen und gesunden Menschen auf die Alten und Kranken verschoben werden. Ein junger, schlanker Nichtraucher muss seit 2012 bei der SVA nur noch einen 10%igen Selbstbehalt bezahlen, während ein 60-jähriger übergewichtiger Diabetiker weiterhin 20% der Behandlungskosten selbst tragen muss. auch dann, wenn die erbrachte medizinische Leistung (z.B. eine Wundversorgung) mit der körperlichen Ausgangslage überhaupt nichts zu tun hat. Als Alternative zu dieser Vorsorgemedizin bietet sich eine Stärkung bzw. Wiedereinführung des klassischen Hausarztmodells an ... Damit würde auch die Vorsorge wieder in den Händen der kompetentesten Partner im Gesundheitssystem liegen. Denn der jahrzehntelange Begleiter und Berater in Gesundheits- und Lebensstilfragen steht dem Patienten emotional weit näher als jeder Politiker. Und ein Hausarzt braucht keine elektronische Vorsorgeuntersuchungs-formulare, um seinem Patienten sinnvolle medizinische Ratschläge geben zu können.
Naturgemäß war die starke Stellung der Hausärzte den Machthabern im Gesundheitssystem ein Dorn im Auge, und so wurde die medizinische Kleinstversorgungseinheit "Patient - Hausarzt" ganz gezielt zerschlagen ... Und internationale Studien belegen, dass bis zu 80% der im Gesundheitssystem erbrachten Leistungen im Rahmen von Haus- und Facharztpraxen abgewickelt werden können ... Die so genannte "Spitzenmedizin" - das wären unter diesem Blickwinkel die restlichen 20 bis 30% notwendiger Untersuchungen und Behandlungen - ist selbstverständlich unverzichtbarer Bestandteil des Gesundheitssystems. Allerdings muss der Zugang zu diesen kostenintensiven Leistungen neu geregelt werden."
Aus: Dr. med. Günther Loewit (b.1958, österreichischer Arzt). Buch: „Wie viel Medizin überlebt der Mensch?“ Kapitel: Drei Forderungen an eine ethische Medizin. 3. Medizinische Versorgung muss neu verstanden werden. Auszugsweise Seite 272 - 276. HAYMON 2.Auflkage 2013 www.guenther-loewit.at/ [meine Ergänzung] Siehe ZITATE:  Maria Montessori / Das Recht seine Persönlichkeit >>>
2. Kinder brauchen ein gesünderes Lebensumfeld und LEISTUNGEN:
Palliativmedizin >>> 1. Menschen müssen sterben dürfen. Siehe dazu auch LEISTUNGEN: 1. Angewandte Allgemeinmedizin & Geriatrie >>>

Die Vorsorgeuntersuchung verfolgt zwei Ziele - Drei [Vier] Arten von Krankheitsprävention
Aus: www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/Vorsorgeuntersuchung_Neu_LN.html

1.) Die Vermeidung von gesundheitlichen Risikofaktoren - Primärprävention [Krankheitsverhütung, Vorsorge] - Vermeidung von Krankheitsursachen durch gezielte Förderung der Gesundheit

Die Primärprävention wendet sich vorwiegend an gesunde Menschen und hat die Vermeidung von Krankheitsursachen und somit die Erhaltung und Verbesserung der Gesundheit zum Ziel. Im Mittelpunkt steht, Risikofaktoren von bestimmten Krankheiten zu erkennen und die gesundheitsschädigenden Einflüsse zu vermeiden. Dazu zählen Maßnahmen wie Schutzimpfungen, gezielte Bewegung oder gesunde Ernährung. Neben der Primärprävention unterscheidet man Maßnahmen der Früherkennung und der Rehabilitation.

Auf dem Weg in die Gesundheitsdiktatur:
Wie mit Gesundheitsmoral Menschen diskriminiert werden.
Von Siegern und Verlieren pdf >>>
Aus: Dr. med. Gunter Frank: „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil III: Die gesellschaftlichen Auswirkungen schlechter Medizin. Kapitel: Auf dem Weg in die Gesundheitsdiktatur:
Wie mit Gesundheitsmoral Menschen diskriminiert werden.
Von Siegern und Verlieren. Seite 222- 229 KNAUS 5. Auflage 2012

2.) Die Früherkennung von Krankheiten - Sekundärprävention [Krankheitsfrüherfassung, Früherkennung] - Maßnahmen zur Früherkennung, Vermeidung und Frühbehandlung einer Krankheit

Bereits vorhandene, aber noch keine Beschwerden verursachende Krankheiten sollen in einem Frühstadium oder Vorstadium entdeckt und durch Präventionsmaßnahmen oder eine frühzeitig einsetzende Therapie verhindert beziehungsweise verzögert werden. Dadurch soll verhindert werden, dass Krankheiten in einem Frühstadium weiter fortschreiten. Beispiele für Sekundärprävention sind Früherkennungsuntersuchungen wie die Vorsorgeuntersuchung Neu oder der Mutter-Kind-Pass sowie die frühzeitige Beratung oder Therapie.

Erstens soll verhindert werden, dass Krankheiten entstehen, indem ein Gesundheitsrisiko rechtzeitig erkannt und reduziert wird.
Zweitens sollen Krankheiten in einem möglichst frühen, noch gut therapierbaren Stadium entdeckt werden, um bessere Heilungschancen zu erreichen.

Ein Schwerpunkt der Vorsorgeuntersuchung liegt auf Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen. Diese Krankheiten zählen bundesweit zu den häufigsten Todesursachen. Erhebungen der Statistik Austria zufolge erleiden in Österreich jährlich rund 12.000 Menschen einen Herzinfarkt. Ungefähr die Hälfte der Betroffenen stirbt an den Folgen. Die Krebserkrankungen nehmen mit ca. 25 % den zweiten Platz in der Reihenfolge der Todesursachen ein. Ziel der Vorsorgeuntersuchung ist auch, die Häufigkeit von Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen und die Todesfälle zu senken.


3.) Die Wiederherstellung der Gesundheit, Vermeidung von Krankheitsverschlechterungen - Tertiärprävention [Rückfallprophylaxe] - Rehabilitation

Konzentriert sich nach einer Erkrankung auf die Wiederherstellung der Gesundheit. Ziel der Tertiärprävention ist, einen Rückfall, eine Chronifizierung oder einen Folgeschaden zu verhindern beziehungsweise zu lindern. Zu den Maßnahmen gehören z.B. Heilgymnastik, Heilmassagen oder Ernährungsberatung.

"Viele Aussagen zur Vorsorgeuntersuchung [Früherkennung] sind lediglich Variationen desselben Themas - alle werben auf die eine oder andere Weise dafür, intensiv nach Anomalien [1] zu suchen, weil dies der beste Weg sei, gesund zu bleiben. Manchmal werden solche Behauptungen in bester Absicht aufgestellt. Patientenschutzgruppen und einige Ärzte raten den Menschen, sich untersuchen zu lassen, weil sie das für richtig halten. Andere vertreten eher eigene Interessen: Unternehmen, die medizinische Versorgung anbieten, Krankenhäuser und manche Ärzte raten den Menschen, sich vorsorglich untersuchen zu lassen, weil sie daran verdienen. Unabhängig von den Beweggründen sollten Sie wissen, ob diese Behauptungen von harten Fakten gestützt werden. Fangen wir mit der unbequemen Wahrheit an: Allzu oft sind keine harten Fakten zu finden. Das hat seinen Grund. Die meisten Gesunden bekommen die Krankheit, die wir früh diagnostizieren wollen, spät oder nie. Um zuverlässige Informationen über den Wert der Früherkennung bei den wenigen Menschen zu sammeln, die erkranken werden, müssen wir also lange Zeit viele Gesunde beobachten. Und eine große Langzeitstudie ist sehr teuer. Das lässt sich an einem Beispiel eindrucksvoll belegen: Eine typische randomisierte Mammografiestudie, an der rund 50.000 Frauen über zehn Jahre hinweg teilnahmen, kostete einen zweistelligen Millionen[Dollar]betrag. Dass es nur wenige solcher Studien gibt, ist daher kaum überraschend, obwohl wir sie brauchen. Die Millionen, die wir zahlen würden, um den Wert früher Diagnosen zu ermitteln, verblassen jedoch im Lichte der Milliarden, die wir für Vorsorgeuntersuchungen ausgeben, ohne zu wissen, ob sie etwas nützen. Da es nur wenige harte Fakten gibt, sollten Sie also wissen, wann man Ihnen einreden will, dass wir über hinreichende Informationen verfügen. Viele Aussagen zur Früherkennung - Werbung, Stellungnahmen von Behörden, Websites und sogar Nachrichten - sind eindeutig irreführend; sie übertreiben meist die Risiken und schüren die Ängste, damit Sie aktiv werden. Wenn der Nutzen einer Früherkennung unbekannt ist, wird er häufig einfach unterstellt; wenn ein Nutzen bekannt ist, wird oft übertrieben und behauptet, X beugt Y vor, obwohl X verringert das Risiko für Y eher zuträfe. Besonders irreführend ist der häufige Missbrauch der Zahl der Überlebenden, zum Beispiel innerhalb eines Zeitraums von fünf oder zehn Jahren. Es ist bekannt, dass diese Zahlen erschreckend tendenziös [parteiisch, voreingenommen, unsachlich] sind, wenn es um Früherkennung geht. Oft geben die Anhänger der Früherkennung sehr überzeugende Anekdoten zum Besten: von Menschen, denen eine frühe Diagnose angeblich das Leben gerettet hat. Die Kehrseite der Medaille - Überdiagnosen [und Übertherapien] - wird hingegen verschwiegen. Botschaften, die sich an die Öffentlichkeit wenden und scheinbar eine Menge harter Fakten enthalten, können ziemlich trügerisch sein. Sie verfolgen den Zweck, uns vom [scheinbaren] Nutzen der Früherkennung zu überzeugen. Eine ausgewogene Darstellung der Vor- und Nachteile ist nicht beabsichtigt ... Das führt uns zu der Frage, was wir von der Krebsfrüherkennung im Allgemeinen halten sollen. Es ist verführerisch anzunehmen, dass der beste Test derjenige ist, der die meisten Karzinome findet. Aber das Ziel besteht nicht darin, mehr Karzinome zu finden, sondern darin, Leben zu retten. Ob die Vorsorgeuntersuchung Leben rettet, erfahren wir nur mithilfe einer randomisierten Studie. Das wird oft vergessen. Stattdessen gehen wir einfach davon aus, dass eine Technik, die mehr Tumore entdeckt, auch mehr Menschenleben rettet. Werbestrategen machen sich diese Unterstellung zunutze. Fallen Sie nicht darauf herein ...


Geschichte mit gutem Ende
Good-outcome Story


Geschichte mit schlechtem Ende
Bad-outcome Story


Typisches Beispiel


Betty ließ sich untersuchen, und ihre Krankheit wurde früh erkannt. Jetzt geht es ihr gut, und sie ermutigt andere zum Screening [zur Vorsorgeuntersuchung].


Bill ignorierte den Rat, zum Screening [zur Vorsorgeuntersuchung] zu gehen. Jetzt leidet er an einer fortgeschrittenen Krankheit (oder er ist gestorben). Er (oder seine Familie) bedauert seinen Fehler.


Beabsichtigte Botschaft


Wer zur Vorsorgeuntersuchung geht, kann die Folgen der Krankheit vermeiden. Screening rettet Leben. Lassen sie sich untersuchen.


Alle, die an Krankheiten leiden, hätten dies durch Früherkennung vermeiden können. Screening rettet Leben. Lassen Sie sich untersuchen.


Alternative Interpretation


1. Betty hätte vielleicht keine Diagnose gebraucht ["Selbstheilung"] (d.h., es liegt eine Überdiagnose vor).

2. Betty würde es ebenso gut gehen (und sie wäre nicht so lange Patientin gewesen), wenn die Diagnose erst nach dem Auftreten von Symptomen gestellt worden wäre.

3. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Es ist immer noch möglich, dass Betty an ihrer Krankheit stirbt (oder leiden muss)., trotz der frühen Diagnose und Behandlung.


1. Bills Krankheit wäre vielleicht trotz Vorsorgeuntersuchung übersehen worden.

2. Bills Krankheit wäre vielleicht trotz der frühen Diagnose nicht besser therapierbar gewesen.






Tabelle 10.1. Zwei exemplarische Geschichten, ihre beabsichtigten Botschaften und ihre alternativen Interpretationen. [Welch S.226]


Wenn es solche [randomisierten] Studien gibt, wissen Sie immer noch nicht, ob das Screening den Menschen hilft. Sie wollen wissen, in welchem Umfang es hilft: Wie stark hat die Früherkennung das absolute Sterberisiko (oder das Risiko für ein Fortschreiten der Kankheit) verändert? Und sie wollen wissen, was die Menschen durchgemacht haben, um von der Untersuchung zu profitieren: Wie viele Menschen wurden untersucht, wie oft kam es zu einem Fehlalarm, wie viele Überdiagnosen gab es, und wie viele Menschen mussten unter unnötigen Behandlungen leiden? Diese Daten sind nicht so leicht erhältlich, wie sie sein sollten ... Aber in Wahrheit werben viele Stellungnahmen für die Früherkennung, obwohl ihnen keine randomisierten Studien zugrunde liegen. Sie enthalten stattdessen bequeme, aber fehlerhafte Zahlen (wie die Überlebensrate in 5 Jahren), persönliche Anekdoten über Leute, deren Leben "gerettet" wurde, oder furchteinflößende Behauptungen über eine neue Epidemie. Keine dieser Aussagen enthält die Information, die Sie wirklich brauchen: Senkt die Früherkennung das Sterberisiko? ... Wie kommt es zu Überdiagnosen? Zuallererst haben die Ärzte ein natürliches Interesse an Diagnosen. Dafür werden wir ausgebildet: Wir hören den Patienten zu, untersuchen und testen sie, um herauszufinden, was ihnen fehlt. Immer häufiger machen wir uns jedoch Gedanken darüber, was ihnen in Zukunft fehlen könnte - das heißt, wir denken über Früherkennung [Screening] nach. Deshalb sind Überdiagnosen möglich. Überdiagnosen kommen nur vor, wenn wir Diagnosen stellen und Menschen als anormal ["von der Norm abweichend"] oder als gefährdet einstufen, noch bevor sie Symptome haben. Aber was treibt uns dazu, mehr Frühdiagnosen zu stellen? Wenn Sie nur eines der kritischen Bücher über das Gesundheitssystem gelesen haben, kennen Sie wahrscheinlich eine Antwort: Es geht nur ums Geld, und die Hauptschuldige ist die Pharmaindustrie. Mehr Diagnosen bedeuten mehr verordnete Medikamente und mehr Profit. Wenn Sie einen Arzt nach dem Grund der vielen Frühdiagnosen fragen, wird er wahrscheinlich auf die Rechtsanwälte verweisen (mit ein paar saftigen Adjektiven). Vielleicht hören Sie auch den Ausdruck Patientenwillen [-wunsch]. Und wenn Sie mit einem Vertreter des Gesundheitswesens sprechen oder mit einer Organisation, die sich für Menschen mit bestimmten Krankheiten einsetzt, hören Sie eine weiter palusible Antwort: echte Überzeugung. Viele Leute glauben wirklich, dass mehr frühe Diagnosen uns helfen, länger und glücklicher zu leben. Die Wahrheit ist, dass alle diese Anworten teilweise richtig sind. Es gibt ein komplexes Gemenge von Kräften, das der Früherkennung [Screening] und folglich auch den Überdiagnosen den Treibstoff liefert." Aus:
Dr. H. Gilbert Welch (M.D., M.P.H.), Dr. Lisa Schwartz, Dr. Steve Woloshin: “Die Diagnosefalle: Wie Gesunde zu Kranken erklärt werden” Kapitel 10: Die Faktenlage S.218ff; Prüfen Sie beide Seiten der Medaille S.239; Kapitel 11: Durchschauen Sie das System S. 240. Übersetzung: Martin Rometsch, 1. Auflage RIVA 2013. „Overdiagnosed: Making People Sick in the Pursuit of Health“ Chapter 10: Thatt the Facts p136f, Consider both sides of the story p150; Chapter 11: Get the System p151. Beacon Press 2012 (2011). [1] Anomalie = Abweichung von "Normalzuständen" [asymptomatischer Zufallsbefund, falscher Alarm, falsch positiver Test]. Doch wie groß ist das Risiko, dass diese Abweichungen zu einer Gefahr für die Betroiffenen werden? Und folglich: Wie groß ist der Nutzen, den Betroffene von der Behandlung ihrer Anomalien haben? Mindestens ebenso gravierend ist eine weitere Frage, über die aber zu selten gesprochen wird: Wie groß ist die Gefahr, dass die vorsorgliche Diagnose und die daraus resultierende Behandlung den Betroffenen Schaden zufügt? Und: Wie ist das Nutzen-Schaden-Verhältnis? [Welch: Vorwort S.10]

"Überragende Ärzte verhindern Krankheiten.
Mittelmäßige Ärzte heilen noch nicht ausgebrochene Krankheiten.
Unbedeutende Ärzte behandeln bestehende Krankheiten."

Chinesisches Sprichwort, ca 2000 v.u.Z

Ergänzung:
4.) Die Quartärprävention - Verhinderung unnötiger Medizin - Achtsamkeit gegen Überbehandlung - Vermeidung von Überbehandlung und -medikalisierung

Das zugrundeliegende Prinzip "Primum non (nihil) nocere" - "Zuerst einmal nicht schaden" - geht zurück auf den römischen Arzt Scribonius Largus [um 50 n.u.Z], welcher als Leibarzt von Kaiser Tiberius Claudius (10 v.u.Z - 54 n.u.Z) tätig war.

"Wie wär's mit einem Gesundheits-Check? Das ist zurzeit sehr en vogue, vermittelt es doch das gute Gefühl, man könne das Risiko für Herzinfarkte, Krebs oder Schlaganfälle exakt berechnen und durch geeignete Maßnahmen umgehend verringern. Dazu werden verschiedene Risikofaktoren abgefragt, meist beginnend mit Alter und Geschlecht. Und da fängt dann auch schon das Dilemma an, denn die meisten chronischen Krankheiten häufen sich im Alter. Spätestens ab Mitte 50 kassiert der Leser daher automatisch Minuspunkte. Auch sind Männer meist schlechter dran als Frauen, sodass schon das Ankreuzen der Geschlechterfrage bei männlichen Teilnehmern für weitere Negativpunkte auf dem Risiko-Konto sorgt. Sehr beliebt sind auch Fragen wie "Fühlen Sie sich manchmal müde und abgespannt?" oder "Leiden Sie gelegentlich unter Kopfschmerzen?". Bei derart vagen Formulierungen muss man förmlich "ja" ankreuzen - und weitere Risikopunkte sammeln. Folglich findet sich der um seine Gesundheit bemühte Zeitgenosse unversehens in einer Risikogruppe wieder und glaubt, nun dringend etwas für seine Gesundheit tun zu müssen. Damit hat der Fragebogen das Ziel erreicht, denn augenscheinlich geht es bei diesen pseudomedizinischen Tests darum, möglichst vielen Menschen eine bestimmte Diät, Vitaminpillen, L-Carnitin oder gar Hormonpräparate anzudienen. Besonders pikant: Britische Forscher fanden heraus, dass sogar die bislang weitgehend akzeptierte Ermittlung des Infarktrisikos anhand verschiedener Risikofaktoren (Framingham Risk Score) das tatsächliche Risiko um 50% überschätzt [P. Brindle, J. Emberson, F. Lampe et al.: "Predictive accuracy of the Framingham coronary risk score in British men: prospective cohort study". BMJ 327:1267 (2003)]. Das größte Problem üblicher Checklisten ist jedoch, dass sowohl die Fragen als auch die Bewertung der Antworten von den Vorstellungen der Verfasser über die Ursachen der jeweiligen Erkrankungen geprägt sind. Zum Beispiel von der Vorstellung, dass Fett und Cholesterin unsere Adern verstopfen und so zum Herzinfarkt führen. Diese Ansicht ist vielen von uns derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie unser generelles Verständnis von gesunder Ernährung dominiert: fett- und cholesterinarm muss sie sein. Doch damit kann man ganz schön daneben liegen. Kostprobe gefällig? Dann beantworten Sie doch bitte einmal die folgenden Fragen: überschreitet Ihr Cholesterinspiegel die magische Grenze von 200 mg/dl? Achten Sie deswegen besonders auf das Fett im Essen? Kaufen Sie Magermilchjoghurt und fettarmen Käse?  Haben Sie Ihr Salatöl schon gegen eine Flasche Light-Dressing ausgetauscht? Sind Schweinefleisch und Butter in Ihrem Haus längst tabu? Langen Sie dafür bei Kartoffeln, Nudeln und Brot mit gutem Gewissen kräftig zu? AUSWERTUNG: Wenn Sie diese Fragen überwiegend mit ja beantwortet haben, dann folgen Sie exakt den Empfehlungen vieler Ernährungsberater und Fachgesellschaften zur Verhütung von Herzinfarkt und Schlaganfall - und Sie machen vermutlich alles falsch." Aus: Ulrike Gonder: „Fett!: Unterhaltsames und Informatives über fette Lügen und mehrfach ungesättigte Versprechungen“ 6 Fette - Krankheiten. Seite 111f. HIRZEL  4.aktualisierte Auflage 2009 (2004).

Die Erfolgsgeschichte der Vorsorgeuntersuchung
Aus: www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/Vorsorgeuntersuchung_Neu_LN.html
Laut dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger trägt die Vorsorgeuntersuchung einen wesentlichen Anteil an der in den letzten Jahrzehnten gestiegenen Lebenserwartung: Als die Vorsorgeuntersuchung 1974 in Österreich eingeführt wurde, lag die durchschnittliche Lebenserwartung der Frauen bei ungefähr 75 Jahren und jene der Männer bei 67 Jahren. Heute leben Frauen durchschnittlich um sieben und Männer um acht Jahre länger.
Auch bei einzelnen Erkrankungen zeigt sich die Wirksamkeit der Vorsorgeuntersuchung [?]. Seit der Einführung einer einfachen Abstrichuntersuchung (PAP-Abstrich) konnte die Sterblichkeitsrate bei Gebärmutterhalskrebs in den letzten zwei Jahrzehnten um 50 Prozent gesenkt werden. Darüber hinaus hat die frühzeitige Behandlung von Bluthochdruck dazu beigetragen, dass die Todesfälle durch Schlaganfall seit 1980 um 45 Prozent zurückgegangen sind.

"Auch heute sind Gesundheitsempfehlungen schon omnipräsent. Sie dringen immer tiefer in unsere Lebenswirklichkeit ein, sei es der Privatbereich, der öffentliche Raum von Supermarkt bis Restaurant oder die Arbeit, Schule und sogar der Kindergarten. Sie zielen immer eindringlicher auf unsere Essenswahl, unsere Freizeitgestaltung und das Einkaufs-verhalten. Sündigen wir, vergehen wir uns an Gesundheit und Gesellschaft. Dies wird uns in immer drastischeren Bildern vermittelt. Infolgedessen gibt es immer mehr Menschen, die andere, die in der Öffentlichkeit gesundheitsschädliches Verhalten zeigen, öffentlich maßregeln. Wenn eine schwangere Frau öffentlich raucht, dann weiß sie, dass ihr Verhalten nicht optimal für ihr Baby ist. Ich finde es auch nicht gut, und wäre sie meine Patientin, würde ich sie in der Sprechstunde darauf ansprechen. Es ist aber dennoch ihr Recht zu rauchen. Genauso wie es ihr Recht ist, einen Sportwagen zu fahren, bergzusteigen, Ski zu fahren, Fußball zu spielen, in einem gefliesten Bad zu duschen oder Holz zu spalten. Auch das sind Tätigkeiten, bei denen man sich potentiellen Gesundheitsgefahren aussetzt. Wer dieses Recht anzweifelt, verlässt den Boden einer lebenswerten, freien Gesellschaft. Die Raucherin öffentlich anzupöbeln bis hin zu Handgreiflichkeiten, ist aber heute weitgehend akzeptiert und findet sogar Beifall der Umstehenden. Wenn diese Frau dann noch eine Cola in der Hand hält und dabei einen Hamburger verzehrt, droht ihr verbale Lynchjustiz. Doch geht es solchen Kämpfern für eine gesunde Gesellschaft wirklich um die Gesundheit des Babys? Oder suchen sie eher nach einem Grund, sich über andere erheben zu können, um sie zu demütigen? Seit vor etwa 60 Jahren infolge der Framingham-Studie [Beobachtungsstudie] ein neuer Gesundheitsbegriff etabliert wurde, lässt sich Gesundheit anhand definierter Normwerte beurteilen. Sie erscheint dadurch jederzeit überprüf- und korrigierbar. Wer dagegen verstößt und diesen künstlichen Normen nicht entspricht, gilt als jemand, der die Abweichung aufgrund seines ungesunden Lebenswandels selbst verschuldet hat. Wer solche Schwäche zeigt, dem wird sehr nachdrücklich nahe gelegt, wieder auf den rechten Weg zurückzufinden, da er sonst mit Sanktionen zu rechnen habe. Und diese beschränken sich nicht mehr nur auf öffentliche Ächtung und Vermittlung eines schlechten Gewissens, inzwischen werden für gesundheitsschädigendes Verhalten schon handfeste gesellschaftliche und staatliche Strafen verhängt. Das geht von höheren Versicherungspolicen über schlechtere Karriere-chancen bis hin zum staatlichen Berufsverbot. ... Geht es also wirklich um Gesundheit? Bis auf das Rauchen haben alle anderen klassischen Risikofaktoren von Fett über Übergewicht bis zu Bewegungsmangel in den großen Studien, die den Studien-TÜV [EbM 1a, 1b, kontrollierte Studien] bestanden haben, keinerlei bedeutsamen Einfluss auf den Gesundheitszustand und das Krankheitsrisiko eines Menschen belegen können ... Fest steht jedoch für mich, dass der Einfluss von Risikofaktoren auf die allgemeine Volksgesundheit maßlos übertrieben wird.." Aus:
Dr. med. Gunter Frank: „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil III: Die gesellschaftlichen Auswirkungen schlechter Medizin. Kapitel: Auf dem Weg in die Gesundheitsdiktatur: Wie mit Gesundheitsmoral Menschen diskriminiert werden. Seite 219ff. KNAUS 5.Auflage 2012

Das Untersuchungsprogramm
Aus: www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/Vorsorgeuntersuchung_Neu_LN.html
Die Schwerpunkte des Untersuchungsprogramms der Vorsorgeuntersuchung liegen auf der Früherkennung und Prävention
bestimmter Krankheiten.
Das Untersuchungsprogramm umfasst:

Früherkennung von Risikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen
Früherkennung von Risikofaktoren für Stoffwechselerkrankungen (z.B. Diabetes mellitus)
Früherkennung häufiger Krebserkrankungen (Gebärmutterhalskrebs, Brustkrebs, Darmkrebs)
Prävention von Suchterkrankungen
Prävention von Parodontalerkrankungen und
Prävention von Erkrankungen des höheren Alters.


Früherkennung von Risikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Österreich Todesursache Nummer eins. Laut Statistik Austria sterben pro Jahr ungefähr 32.000 Menschen (43 % der Sterbefälle) an den Folgen dieser Erkrankungen. Die Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – insbesondere für Herzinfarkt – sind erhöhte Cholesterin- und Blutzuckerwerte, Übergewicht und Rauchen. Zur Früherkennung einer Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems wird bei der Vorsorgeuntersuchung ein "individuelles" Risikoprofil (1) erstellt. Dabei werden die Lebensgewohnheiten (zum Beispiel Rauchen oder Alkoholkonsum) mit körperlichen und internistischen Werten – wie Gewicht oder Blutdruck – in Beziehung gesetzt. Daraus ermittelt die Ärztin oder der Arzt, wie hoch das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung ist.

(1)
"... Ein solches Risikoprofil "individuell" zu nennen - so wie die Medizin, die dieses verwalten soll, "personalisierte Medizin" - ist jedoch trügerisch. Ein RISIKOPROFIL ist ein statistisches Konstrukt, ein zusammengestelltes Bündel aus standardisierten Merkmalen bzw. Markern, die mit Krankheitsereignissen statistisch assoziiert sind. Die sogenannte personalisierte Medizin behandelt nicht konkrete Menschen, sondern statistische Fälle ("Wahrscheinlichkeits-Gespinste", "gesichtslose Abstrakta", "statistische Doppel") - Ableitungen von künstlichen Kollektiven, von Populationen [sog."epistemische Verwirrung/Verwandlung" = Experten/Patienten/Klienten verwechseln [verwandeln] das statistische Konstrukt (Risikoprofil), über das sie Aussagen machen, mit der [in die] konkrete(n) Person, die sie ansprechen ... führt zu unsinnigen, ja geradezu absurden Aussagen (S.84f)] ... Ganz gleich, ob in der Kriminalistik oder Medizin, die modernen Risikotechnologien (oder aktuarischen, also versicherungsmathematischen Technologien, wie Jonathan Simon [b.1959, US-amerik. Soziologe, Kriminologe, Rechtswissenschaftler] schreibt [A]) gehen nicht mehr von konkreten Menschen aus ... Statistische Wahrscheinlichkeiten haben eine [mathematisch] sehr präzise, aber [auf den Einzelnen bezogen, eine sehr] begrenzte Aussagekraft. Sie sagen etwas darüber aus, was in einer langen Serie gleichartiger Experimente oder Ereignisse geschieht - aber sie sagen nicht voraus, wie ein Einzelexperiment ausgehen wird. Per definitionem beziffern Wahrscheinlichkeiten Häufigkeiten in Grundgesamtheiten, machen jedoch keine Vorhersagen über den Einzelfall ... Kluft zwischen Einzelfall und Serie ... Den frühen Statistikern des 19. Jahrhunderts war diese Kluft zwischen dem Berechenbaren und dem Konkreten, zwischen den Gesetzmäßigkeiten von Populationen und dem Einzelnen noch bewusst ... verstanden sie ihre Mitmenschen noch nicht als Risikoprofile ... Der belgische Mathematiker [Lambert Adolphe Jacques] Quetelet [1796-1874] ... erfand den "Durchschnittsmenschen" (L'homme moyen"), eine statistisch konstruierte Normalität ... warnte ... ausdrücklich davor, von den statistischen Gesetzen irgendwelche Rückschlüsse auf einzelne Menschen zu ziehen: "Diese Gesetze haben, eben nach der Art ihrer Ermittlung, nichts Individuelles mehr an sich, und deshalb wird man sie nur unter gewissen Einschränkungen auf die Individuen anwenden können. Jede Anwendung, die man auf einen einzelnen Menschen machen wollte, wäre im Wesentlichen falsch, ebenso wie wenn man nach den Sterblichkeitstabellen den Zeitpunkt feststellen wollte, wann eine bestimmte Person sterben müsste" (B) ... Wandert das Risiko aus der Statistik in die Arztpraxis oder ans Krankenbett aus, verwandelt es sich grundlegend:
Ärzte (und Patienten) [fehl-]interpretieren Risikofaktoren als objektive, klinische Krankheitszeichen ("objective clinical signs of disease")(C) ... Solche "klinischen Risiken" sind strenggenommen keine richtigen Risiken, wie Lorna Weir [Prof.f. Soziologie, York Universität/Toronto] (D) betont, weil sich die Zukunft eines einzelnen Patienten gar nicht berechnen lässt; sie beruhen auf einer Vermischung unvereinbarer Denkweisen, nämlich die Feststellung von Risikofaktoren einerseits und Diagnose von Normalität und Anormalität andererseits: "Clinical risk comprises an unstable amalgam of incompatible forms of reasoning"(D) ... Die Risko-Attestierten gehen dann beispielsweise davon aus, dass sie das vorhergesagte Schicksal treffen wird - so wie Frauen, denen ein hohes Brustkrebsrisiko attestiert wurde ... Patienten, denen ein Risiko bescheinigt wird, wähnen sich daher oft am Rande des Abgrundes. Sie fühlen sich nicht mehr gesund ("Risiko behaftete Gesunde": "präsymptomatisch Kranke", "gesunde Kranke") und meinen , sich auf direktem Weg zu einer beängstigenden Erkrankung zu befinden ... Obwohl sie kerngesund sind, verwandelt das Risikoattest ihren Körper in eine Quelle latenten Unheils (eines erschreckenden "Leidens an einer Vorhersage", "Leidens am Noch-Nicht", "Leidens am Zustand Ich-bin-noch-nicht-krank", "Leidens an Risiko-Angst") ... Diese Art und Weise der Aussage, die Rede in spekulativen Möglichkeiten ("Versuch der Vorwegnahme/-hersage der Zukunft", "Konstrukt von Probabilitäten"), nennt die Grammatik den Modus irrealis, die Unwirklichkeitsform. Sie bezeichnet das, was nur vorgestellt, möglich, spekulativ und fantastisch ist ... Wer im Modus irrealis lebt, kann nicht bei Sinnen bleiben und wird von Experten und technischen Apparaten abhängig ..." Aus: Silja Samerski (b.1970, deutsche Soziologin, Biologin, Philosophin): "Die Entscheidungsfalle - Wie genetische Aufklärung die Gesellschaft entmündigt" Glossar: Risikoprofil S.138, 3 Die informierte Entscheidung. Wie genetische Berater ihre Klienten zur Selbstbestimmung befähigen 3.2 Zweite Verwandlung der Person: Klienten als Risikoträger 3.2.1 Ein folgenreiches Missverständnis: Risiko als Diagnose S.68, Anmerkungen: Nr. 84 S.158f, 3.2.3 Die pathogenen Auswirkungen ärtzlich attestierter Risiken S.75,76, 3.2.4 Leben im Modus irrealis (Unwirklichkeitsform) S.80f, 3.2.5 Das genetische Risiko S.84f WissenschaftlicheBuchGesellschaft 2010. [A] Jonathan Simon: "The Ideological Effects of Actuarial Practices" p.790 Law and Society Review, 22 (4): 771-800. (B) Francois Robert Ewald: "Der Vorsorgestaat" (L'Etat-providence 1986) S.196 Suhrkamp 1993 (C) Sandra M. Gifford (1986): "The Meaning of Lumps: A Case Study of the Ambiguities [Mehrdeutigkeiten] of Risk" S.222. In: Craig Robert Janes, Ron Stall, Sandra M. Gifford (Hg.) "Anthropology and Epidemiology: Interdisciplinary Approaches to the Study of Health and Disease" Dordrecht Reidel Publishing Company pp 213-246. (D) Lorna Weir: "Pregnancy, Risk and Biopolitics: On the Threshold of the Living Subject" S.19 Routledge 2006

Früherkennung von Risikofaktoren für Stoffwechselerkrankungen
Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) zählt zu den häufigsten Stoffwechselkrankheiten und hat sich in Österreich mittlerweile zu einer Volkskrankheit entwickelt. Laut der Österreichischen Diabetes Gesellschaft sind bereits zwischen 7 und 8 % der österreichischen Bevölkerung von Diabetes betroffen, wobei ein Großteil der Betroffenen an Typ-2-Diabetes leidet. Lange Zeit unbehandelt kann Diabetes zu schweren Folgeschäden führen. Dazu zählen beispielsweise Herzinfarkt, Schlaganfall, Arteriosklerose oder diabetisches Fußsyndrom. Umso wichtiger ist Diabetes - Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen. Aus diesem Grund ist das Screening nach Diabetes mellitus ein wesentlicher Bestandteil der Vorsorgeuntersuchung. Um das Diabetes-Risiko zu beurteilen, prüft die Ärztin/der Arzt die Krankengeschichte und fragt nach Diabetes-Fällen in der Familie. Mithilfe der Blutzuckermessung können Krankheiten, die mit einem zu hohen oder zu niedrigen Blutzuckerspiegel einhergehen, diagnostiziert werden, so zum Beispiel Diabetes mellitus.

Die Prostata-Früherkennung rettet viele Männerleben?
pdf >>>
Aus: Udo Pollmer, Susanne Warmuth, Gunter Frank: „Lexikon der Fitness-Irrtümer: Missverständnisse,
Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten von Aerobic bis Zerrung“ Seite 402 - 407 PIPER 2003


"Prof. Dr. Richard J. Ablin [Amerikanischer Wissenschaftler, Pathologe, Entdecker von PSA (1970)] veröffentliche in der New York Times (9.3.2010) einen Kommentar mit dem Titel "The Great Prostate Mistake" ("Der große Prostata-Fehler") - www.nytimes.com/2010/03/10/opinion/10Ablin.htm - Darin heißt es: "Der [PSA]Test ist kaum effektiver als das Werfen einer Münze" ("the [PSA]test is hardly more effective than a coin toss"), und: "[PSA]Er kann nicht zwischen den zwei Arten von Prostatkrebs unterscheiden - zwischen dem, der Sie umbringt, und dem, der das nicht tut" ("[PSA]can't distinguish between the two types of prostate cancer - the one that will kill you and the one that won't") Warum ist seine Auffassung so wichtig? Weil er das PSA (1970) entdeckt hat. Und er hat nie davon geträumt, dass seine Entdeckung eine derartige "[PSA]vom Profit getriebene öffentliche Gesundheitskatastrophe" ("[PSA]profit-driven public health disaster") auslösen würde. Vielleicht fragen Sie sich nun, ob die Prostatakrebs-Vorsorgeuntersuchung ein Sonderfall ist. Dem ist nicht so. Sie liefert uns vielmehr einige Erkenntnisse über die Probleme der Früherkennung bei anderen Krebsarten." Aus: Prof. Dr. H. Gilbert Welch (M.D., M.P.H.), Dr. Lisa Schwartz, Dr. Steve Woloshin: „Overdiagnosed: Making People Sick in the Pursuit of Health“ ("Überdiagnosen - Wie man Menschen im Streben nach Gesundheit krank macht" Kapitel 4: Wir suchen intensiver nach Prostatakrebs. S.110 RIVA 2013) Chapter 4 We Look Harder for Prostate Cancer. p 60. Beacon Press 2012
Richard J. Ablin, Ronald Piana: "The Great Prostate Hoax: How Big Medicine Hijacked the Psa Test and Caused a Public Health Disaster" Palgrave Macmillan 2014

"Denn Krebs, darüber gibt es heute kaum noch Zweifel, das ist auch unsere Ernährung, die reichlich [trans-, Omega 6] Fett und zu viele Schadstoffe aufweist, das ist die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, das sind die Chemieprodukte, mit denen wir hantieren, die Pillen, die wir schlucken. Krebs ist um uns und in uns. Krebs ist unser Tribut an die Industrialisierung, eine Folge des ungezügelten Wirtschaftswachstums, das auf die Qualität der Umwelt keine Rücksicht nahm. Nur eines ist Krebs ganz sicher nicht: unabänderliches biologisches Schicksal."Aus: www.zeit.de/1981/41/krebsnest-mitteleuropa

"Die Krebsgefahr nimmt zu, immer mehr Menschen erkranken und sterben daran, in Deutschland inzwischen jeder Vierte, und der Weltkrebsbericht der Weltgesundheitsorganisation sieht für 2025 jährlich mehr als 20 Millionen Neuerkrankungen an Krebs voraus. Bald ist Krebs vielleicht sogar die weltweit häufigste Todesursache überhaupt. Kein Wunder also, dass mit solchen Zahlen so trefflich Angst zu machen ist ... Aber wieso eigentlich? Schalten wir doch einmal – bei diesem Thema sicher nicht leicht – unsere Emotionen und unsere Ängste eine Weile ab und stattdessen unsere grauen Gehirnzellen zum Denken ein. Dann wird nach einer Weile klar, dass diese Zahlen ein geradezu notwendiges, wenn auch trauriges Nebenprodukt einer im Prinzip durchaus erfreulichen Entwicklung sind. Denn je mehr Menschen in einem Land oder in einer Region an Krebs sterben oder erkranken, desto länger leben sie dort auch, desto höher ist dort die an der Lebenserwartung gemessene Umweltqualität und desto höher der Standard der Hygiene und Medizin ... meldet man die weltweit höchste Lebenserwartung in Japan und in der Schweiz. Gleichzeitig ist dort auch die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu sterben, am höchsten. In Südafrika werden die Menschen im Durchschnitt nur 50 Jahre alt. Und weniger als 10 Prozent sterben an Krebs. Wo möchten Sie lieber leben? In einem Land mit wenig Krebs oder mit viel? Auch wenn Krebs für den Einzelnen eine sehr ernste, häufig sogar lebendsbedrohliche Diagnose darstellt und die Erforschung der Ursachen zu Recht eine hohe Priorität genießt, ist eine hohe Krebsmortalität [Krebssterblichkeit] ein eher positives Qualitätsmerkmal. Sterben in einem Land viele Menschen an Krebs, geht es den Menschen eher gut, sterben wenige Menschen, geht es den Menschen eher schlecht. Teilt man die an Krebs Verstorbenen nach Altersklassen ein, enthüllt sich sogar das Gegenteil einer wachsenden Krebsgefahr ... nimmt die Krebsmortalität mit steigendem Lebensalter dramatisch zu, und zwar zu früheren Zeiten genauso wie heutzutage ... Überraschend ist vielmehr etwas anderes: In allen Altersklassen geht die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu sterben, mit der Zeit zurück! (Zumindest für deutsche Frauen und die Jahre 1970 und 2012) Das macht die Warnung vor der Krebsgefahr nochmals um mehrere Grade unglaubwürdiger. Denn von einer "Explosion" der Todesursache Krebs kann sogar aus zwei Gründen keine Rede sein. Die mit Abstand wichtigste Ursache für die insgesamt zunehmende Mortalität [Sterblichkeit] ist einmal der mehr als erfreuliche Umstand, dass immer mehr Menschen in die Altersgruppe 80 plus hineinwachsen, und darüber sollt man sich doch eher freuen. Und dann geht sogar in diesen hohen Altersklassen das Todesrisiko Krebs zurück! Es bleibt zwar absolut gesehen hoch, war aber früher höher ... Nach dem Zentrum für Krebsregisterdaten am Robert Koch Instiut ist die Zahl der Krebsneuerkrankungen [Inzidenz] zwischen 2000 und 2010 bei Männern um 21 Prozent und bei Frauen um 14 Prozent angestiegen. Doch auch diese Zunahme ist überwiegend mit unserer zunehmenden Alterung zu erklären..." Aus: Thomas K. Bauer, Gerd Gigerenzer, Walter Krämer: „Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet - Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“ 15. Der Mythos von der Krebsgefahr. Seite 181-183. CAMPUS 2014

Früherkennung häufiger Krebserkrankungen
Krebserkrankungen sind mit ca. 19.000 Sterbefällen pro Jahr die zweithäufigste Todesursache in Österreich. Die Früherkennung einer Krebserkrankung macht den Einsatz von Therapieverfahren möglich, die weniger belastend sind als Therapien von fortgeschrittenen Krebserkrankungen.

Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs
Zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs wird Frauen ab dem 18. Lebensjahr bei der Vorsorgeuntersuchung der sogenannte PAP-Abstrich (Krebsabstrich) empfohlen.

Das Geheimnis der Finnen: In Finnland gehen Frauen später und seltener zu den Gynäkologen, um einen Krebsabstrich machen zu lassen. Dennoch liegt die Sterberate beim Gebärmutterhalskrebs deutlich niedriger. http://ehgartner.blogspot.co.at/2010/06/das-geheimnis-der-finnen.html

Früherkennung von Brustkrebs
Die Vorsorgeuntersuchung umfasst für Frauen ab dem 40. Lebensjahr alle zwei Jahre eine Mammografie (Röntgenuntersuchung der Brust). Weitere Informationen erhalten Sie unter Brustkrebs-Früherkennung neu: Mit System und Qualität.


Prävention von Darmkrebs

Frauen und Männer ab dem 50. Lebensjahr können die erweiterte Darmkrebs-Früherkennung in Anspruch nehmen. Sie umfasst – zusätzlich zum jährlichen Hämoccult-Test (Untersuchung des Stuhls auf Blut) – alle zehn Jahre eine Darmspiegelung (Koloskopie).

Krebsvorsorge: Zervix-, Mamma-, Kolorektal-, Prostata-Karzinom - Ein Mythos?
pdf >>>
"Die meisten Patienten nehmen Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch, um nicht an Krebs zu erkranken. In der überwiegenden Zahl der Vorsorgeuntersuchungen wird auch kein Tumor gefunden und die Sorgen des Patienten sind zerstreut. Wird jedoch ein Tumor gefunden, sind Hausarzt und Patient meist überzeugt, dass sich die frühe Diagnose günstig auf die Heilungschancen auswirke.

Als existentiell bedrohlich für Patient und Arzt werden jene Krebserkrankungen empfunden, die bei der Vorsorgeuntersuchung nicht erkannt werden. Um diese sog. Intervall-Karzinome zu minimieren neigen wir zu häufigeren Untersuchungen und zur Ausweitung des Programms. Eine Spirale von unerfüllbaren Hoffnungen, Absicherungsmedizin und Überbehandlung wird dadurch in Gang gesetzt. Mit dem Einzug der Evidenz-basierten Medizin in die Praxis fühlen sich auch glühende Verfechter des Screenings [Reihenuntersuchung, Suchtest, Siebtest] durch Diskussionen um Überdiagnose, verzogene Diagnose, Überbehandlung, Quality-Life-Years ect. verunsichert.

Üblicherweise sind Informationsmaterialien und Beratungen zu Vorsorgeuntersuchungen kampagnen- und interessensgeleitet, überredent, unausgewogen und irreführend. International wurden jedoch ethische Leitlinien und wissenschaftliche Kriterien definiert, wie eine Beratung von Gesunden über Früherkennungsuntersuchungen erfolgen sollte. Dem Nutzen von Früherkennungsmaßnahmen steht ein nicht unerheblicher möglicher Schaden für das Individuum gegenüber. Aus diesem Grund muss den potentiellen Teilnehmern eine so genannte informierte Entscheidung möglich sein. Dies sieht ausdrücklich auch ein Abstandnehmen von den Untersuchungen vor...
" TGAM Newsletter Dez. 2012


Prävention von Suchterkrankungen Aus: www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/Vorsorgeuntersuchung_Neu_LN.html
Das Untersuchungsprogramm legt einen eigenen Schwerpunkt auf die Prävention von Suchterkrankungen. Dabei wird der Konsum von Tabak, Alkohol und Medikamenten erhoben sowie Unterstützung und Hilfe bei der Entwöhnung angeboten.

Prävention von Parodontalerkrankungen
Parodontitis (bakterielle Zahnbetterkrankung) gilt ab dem 30. Lebensjahr als größter Risikofaktor für Zahnausfall. 70
% der Zahnverluste werden durch eine chronische Parodontitis verursacht. Die Erkrankung verläuft oft schmerzfrei und bleibt daher häufig unbemerkt. Ziel der Vorsorgeuntersuchung ist es, das Risiko für Parodontitis zu erkennen und durch geeignete Vorbeugung den Verlauf der Erkrankung zu verlangsamen oder zu stoppen.

Prävention von Alterserkrankungen
Bei Menschen, die über 65 Jahre alt sind, wird bei der Vorsorgeuntersuchung ein vermehrtes Augenmerk auf die Hör- und Sehleistung gelegt. Fast ein Drittel der über 65-Jährigen leidet an einer Hörstörung oder Sehbeeinträchtigung. Nachlassendes Hörvermögen wird von vielen Menschen nicht rechtzeitig erkannt. Mit einer entsprechenden Behandlung kann die Lebensqualität erheblich gesteigert werden.
Aus: www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/Vorsorgeuntersuchung_Neu_LN.html

"Vorsorge - Vom Sein vor der Sorge. Jeder weiß es, wir hören es immer und ständig: Vorsorgen sei besser als Heilen. Vollkommen logisch, vollkommen klar. - Der Vorsorge muss in einer aufgeklärten Heilkunde eigentlich der wesentliche Platz geboten werden. Also dann, auf zur Vor-Sorge! 1 Überblick: Auf der Straße treffen sich zwei Freunde, der eine sagt: "Immer wenn ich von der Gesundenuntersuchung komme, fühle ich mich so krank, elend und zum Sterben." "Wen wundert's? - Ist ja der Sinn der Übung!" Der Klinikvorstand: "Es gibt keine gesunden Menschen, nur schlecht untersuchte!" Der Poet: "Vorsorgeuntersuchung - Umkleiden mit dem Mantel der Angst." Der Versicherungsdirektor: "Vorsorge? Wollen Sie, dass ich zu Lachen anfange? - Ein Patientenrekrutierungs- und -bindungsprogramm, sonst nix - politisch abgesegnet." Der Philosoph: "Vorsorge, eigentlich: Vor der Sorge sein. Vor der Sorge kann nur sein, der lebt. Wer lebt? 2 Die Matrix: Leben - was ist das? Im allgemeinen ist es so, dass wir unseren Lebensbildern, unseren Lebenslinien folgen, lange Jahre mehr oder weniger automatisch das nachleben, was uns in der Kindheit vorgelebt wurde, gebunden an gesellschaftliche und übernommene familiäre Matrizen, die uns im Wesen meistens nicht entsprechen. Dieses Alte erweist sich dann über kürzer oder länger (nach wie vielen Toden bloß?) als nicht tauglich fürs Leben, und das spüren, das wissen wir. Wir wissen es - meist als Ahnung, als unerfüllte Sehnsucht nach irgend etwas, wir empfinden weiters auch, dass unser "normales, altes Leben" nicht stimmt, da es nicht das Leben ist. Und, was ist das Leben? Kann irgend jemand sagen, was das Leben ist? Meistens fällt es schwer, etwas nicht allzu Platt-Glatt-Biologisches zu antworten. 3 Der Auftrag: Nennen wir das Leben schlicht Auftrag, nicht ein unlustiger Befehl ist es, sondern der Auftrag, den wir in unserem Wesen tragen, der erkannt und erfüllt sein will. Doch warum kann niemand sagen, was das für ein Auftrag ist, wie er heißt, wie er zu erfüllen ist? Da der Mensch ein selbstschöpferisches, selbstverantwortliches Wesen sein könnte, müsste er aus sich selbst heraus die Lebensaufgaben und die Wege zu deren Erfüllung entdecken. 4 Muss: Irgendwann wird müsste bedingungslos zum Muss. 5 Befreiung: Schon sehr früh, in der Schule, machen wir eine wichtige Erfahrung: Ist die Aufgabe getan, haben wir frei, sind wir frei von Sorge - wenn nicht: Furcht, Angst vor Konsequenzen, also Sorge. Weiter: Die getane Arbeit befreit uns von der Arbeit, die getan werden sollte, und wir brauchen keine Sorge zu haben. Erfüllen wir die Arbeit, den Auftrag nicht - was geschieht dann? Das gleiche wie früher in der Schule: wir müssen uns sorgen - weil das Unerledigte die Eigenart hat wiederzukommen, und es kommt sicher wieder. Auch diese Erfahrung macht jeder von uns oft genug und zeitlebens und schmerzhaft. Zusammenfassend wollen wir feststellen: die Erfüllung unserer Aufgaben befreit von Sorge. 6 Aufmerksamkeit und Irrkurs: Vor-der-Sorge-Sein ist gleichsam der Lohn dafür, dass man sein Leben zu erfüllen sucht. Dies ist nur möglich, wenn wir autonom werden, die Dinge prüfen und das Gute behalten. Nur wer aus sich selbst heraus lebt, kann ohne Sorgen, ohne Ängste sein, da getan wird, was getan sein will! Und zwar Tag für Tag, immer, heute. - Zufrieden müde sinkt man abends ins Bett, um nach einer kurzen Schau über die vergangenen Stunden erholsamen Schlaf zu finden. Vor-Sorge ist streng genommen nichts anderes als Aufmerksamkeit, Wahrnehmung dessen, was ist. Ist man Tag für Tag gerädert, stets gehetzt, entkräftet und überarbeitet, ausgezehrt durch die Freudlosigkeit seiner Zeit, Schatten und Trugbildern nachjagend, so wird irgendwann auch der robusteste Körper zusammenbrechen. Dann kommt ein Schuss vor den Bug (so sagt man), vielleicht sind es auch mehrere kleine Schüsse. Was wird geschehen, wenn wir diese Warnzeichen negieren oder unterdrücken, weil wir nicht aufmerksam sein wollen? Das Lebensschiff, da auf Irrkurs, wird an gut bezeichneten Untiefen vorhersehbar auflaufen. Ob wir davor bei einer der propagierten (Vor-)Sorge-Untersuchungen waren oder nicht, ist ziemlich belanglos. Verkehrt ist verkehrt, ob man das nun chemisch-technisch nachweisen kann oder nicht, spielt eine nur unwesentliche Rolle (wohlwollend ausgedrückt). 7 Erwachen zum Auftrag: Was sind dann die erwähnten so genannten Vor-Sorge-Untersuchungen, wem nützen sie? Genau betrachtet sind sie nichts anderes - wir hatten es eingangs erwähnt - als Programme zur Patientenrekrutierung und -bindung. So läuft man zu den so genannten Vor-Sorge-Untersuchungen und lässt sich technisch-chemisch befunden (durch totes Gerät!), als würde man dadurch einsichtsvoller und klüger werden, um die eigenen Lebensaufgaben zu finden. In Wahrheit läuft man ständig davon, flieht von Ablenkung zu Ablenkung und kann darum nicht anders, als in Angst und Sorge zu leben mit allen psychischen und etwas später körperlichen Folgen. Genesung wird geboren aus der Einsicht in den Lauf der Dinge. Einsicht - das ist die hohe Arznei. Dem Menschen, der zur Einsicht, also zur Selbsterkenntnis und Kenntnis gelangen kann, eröffnet sich das Leben. Der Rest - Vergangenheit und Zukunft - ist nicht von Belang, es ist ein Sorgenerfülltes, zähes und freudloses Dahinvegetieren, ein hypnotisiertes Nachlaufen von Werten, die sich - da Trugbilder - immer wieder auflösen. Denn der Tod nämlich, der kommt nicht morgen, er kommt heute, und er muss das Alte, das Untaugliche beenden, das ist seine Aufgabe. Kann das Alte sterben, gebiert sich das Leben ununterbrochen zur Erfüllung des Auftrags. Um Missverständnissen zuvorzukommen: dies geschieht natürlich nicht nach dem Tod des biologischen Körpers, sondern kann während des biologischen Lebens Wirklichkeit werden. Aus: Klaus Bielau:  „Wendezeit der Medizin – Die Erneuerung der Heilkunde“ Seite 37-42. Verlag Zeitenwende 2008

Screening: Die Reihenuntersuchung (Suchtest, Siebtest) an einer "symptomfreien" Population zum Früh-Erkennen einer bestimmten Krankheit. Man spricht von Screening auch außerhalb der Medizin, wenn etwa eine Population auf ein bestimmtes DNA Profil untersucht wird.

"
We Encourage the Well to Get Examined to Determine if They Are Not, in Fact, Sick"
Aus: Prof. Dr. H. Gilbert Welch (M.D., M.P.H.), Dr. Lisa Schwartz, Dr. Steve Woloshin: „Overdiagnosed: Making People Sick in the Pursuit of Health“ ("Überdiagnosen - Wie man Menschen im Streben nach Gesundheit krank macht") Chapter 12 "Get the Big Picture" pp 167-179. Beacon Press 2012 www.youtube.com/watch?v=C-DnznA0m9k

"Das Risiko, unnötig zu einem Krebspatienten zu werden, ist größer als die Wahrscheinlichkeit, vor dem Tod oder einem Tumor bewahrt zu werden
... Sowohl Ärzte als auch Patienten überschätzen den Nutzen der Früherkennung enorm: "Hier gibt es eine kollektive Blindheit von intelligenten Menschen", kritisiert Klaus Koch. www.eufep.at/tl_files/contentpix/downloads/Praesentationen%20Referenten/6A%20-%202%20KOCH%20EUFEP%202011.pdf.

Und Peter Gotzsche, Leiter des Nordischen Cochrane Zentrums in Kopenhagen
...
warnte bereits 2002 in einem Beitrag für das British Medical Journal: "Das größte Risiko für die Bevölkerung heutzutage könnte das unkritische Übernehmen von Screeningtests für Krebs darstellen. Vorstufen von Krebs lassen sich in den meisten gesunden Menschen in der zweiten Lebenshälfte finden. Das Potential des Screenings, Schaden anzurichten und zur Diagnose von "Pseudo-Krankheiten" zu führen, ist erschreckend"...

Krankheiten möglichst früh zu erkennen, erhöht die Chancen, diese auch heilen zu können. Das mag in bestimmten Fällen durchaus stimmen. Doch trifft das für alle
Krankheitsprozesse zu? Die Selbstheilungskräfte des Organismus sind - im Verbund mit einem intakten Immunsystem - genauso in der Lage, eine Störung aufzufangen und zu beheben. Von den allermeisten Krankheiten erfahren wir glücklicherweise nie etwas, weil sie vom Reparatursystem des eigenen Körpers ohne unser Zutun erfolgreich behandelt werden. Außerdem: Wollen wir wirklich alles finden? Bringt es uns tatsächlich einen Vorteil, alle noch so kleinen Veränderungen zu kennen?" Aus: Bert Ehgartner: „Gesund, bis der Arzt kommt. Ein Handbuch zur Selbstverteidigung“  Immer neue Screening-Ideen: S. 166f, Wer suchet, der findet - zum Beispiel Tumore: S.170. LÜBBE 2010 Christian Weymayr, Klaus Koch: “Mythos Krebsvorsorge-Schaden und Nutzen der Früherkennung“ EICHBORN 2003

Screening pdf >>>
TGAM-Newsletter Januar 2014:
"Die möglichst lückenlose Teilnahme an Screening-Programmen gilt als wichtiges gesundheitspolitisches Ziel. Dürfen die Gefahren von Krebs ein wenig pointierter dargestellt werden, um dieses Ziel zur erreichen? Vorsicht, die Regeln der kurativen Medizin können nicht ohne weiteres auf die Untersuchung Gesunder angewendet werden! Wird eine Erkrankung gesucht, die in der Bevölkerung nur selten vorkommt [= niedrige Prävalenz!], kann selbst bei scheinbar hochempfindlichen Tests die Zahl der falschen Befunde weit größer sein als die der richtigen ... Bei niedriger Prävalenz ist der Anteil falsch positiver Resultate stets größer ... Wie können Nutzen und Risiko von Screenings ausgewogen und allgemein verständlich dargestellt werden? ... Dieser TGAM-Newsletter versucht, das Thema Screening von verschiedenen Seiten zu beleuchten."

"Berühmt wurden die Kernsätze - von Peter Gotsche, dem Direktor des Nordischen Cochrane Zentrums in Kopenhagen - seiner im Jahr 2006 publizierten Cochrane-Übersichtsarbeit zu den Folgen des organisierten Mammografie-Screenings, die bis heute gültig sind: "Das bedeutet, dass unter 2000 Frauen, die über einen Zeitraum von 10 Jahren zur Untersuchung (Mammografie) gehen, 1 ist, die davon einen Überlebensvorteil hat. Zusätzlich werden 10 gesunde Frauen, bei denen ohne diese Untersuchung kein Krebs diagnostiziert worden wäre, zu Krebspatientinnen, die unnötigerweise behandelt werden. Es ist deshalb nicht klar, ob das Screening mehr Schaden oder Nutzen stiftet. Ferner wird bei 200 Frauen ein falscher Alarm ausgelöst. Die psychische Belastung bis zur endgültigen Abklärung, ob tatsächlich ein Krebs vorliegt, kann gravierend sein. Frauen, die zum Screening eingeladen werden, sollten vollständig über Vor- und Nachteile informiert werden."...

Plädoyer für mehr Gelassenheit >>>

Von der Brustkrebs-Früherkennung
profitieren viele Frauen?
pdf >>>

Broschüre zur Brustkrebsfrüherkennung mittels Mammografie
pdf >>>
www.cochrane.dk/screening/mammografi-de.pdf
Cochrane Zentrum Kopenhagen: www.screening.dk   www.cochrane.dk

Von Zahlenblindheit zur Präventiven/Vorsorglichen Brustamputation pdf >>>

Per Henrik Zahl (2008) hat mit seinem Kollegen Jan Maehlen vom Norwegischen Institut für Public Health in Oslo nun eine weitere Facette in die Diskussion eingebracht. Nämlich die Frage, wie sich Brustkrebs verhält, wenn er gar nicht behandelt würde. Dazu gingen die beiden recht raffiniert vor. Sie verglichen eine Gruppe von rund 120.000 Frauen
im Alter zwischen 50 und 64 Jahren, die ab 1996 am ersten organisierten norwegischen Mammografie-Screening teilnahmen mit einer Kontrollgruppe von Frauen, die in den Jahren davor noch ohne Screening auskommen mussten. Die Altersgruppe wurde so gewählt, dass die Frauen der Kontrollgruppe im Jahr 1996, wenn die erste Gruppe gerade mit dem Screening begann ihre letzte Untersuchung absolvierten. Damit hatte also auch die Kontrollgruppe am Ende der Untersuchungsperiode einmal ein Bruströntgen.

Die beiden Gruppen unterschieden sich hinsichtlich der Häufigkeit von Brustkrebs dramatisch: In der Screening-Gruppe wurde bei 660 (pro 100.000) Frauen die Diagnose gestellt, in der Kontrollgruppe ohne Früherkennungsprogramm waren es nur 384 Krebsfälle. Zwei Jahre vergingen und "der nicht entdeckte Krebs in der Kontrollgruppe hatte die Chance klinisch evident zu werden", schreiben die Autoren. Tatsächlich verkleinerte sich die Differenz zwischen den beiden Gruppen. Mit 1268 vs. 810 Fällen blieb dennoch die Krebsrate in der Screening Gruppe um 57 % höher. Nach sechs Jahren schließlich erhielten auch die Frauen in der Kontroll-Gruppe ihre erste Einladung zum Mammografie-Termin. Für die Frauen in der Screening-Gruppe war dies bereits der dritte Termin. Und nun wurden auch in der Kontrollgruppe viele Krebsfälle neu diagnostiziert. Dennoch blieb noch immer ein Unterschied von 22 % aufrecht (2580 vs. 2152 Fälle). Dieser Unterschied blieb auch nach weiteren zwei Jahren bei einem zusätzlichen Mammografie-Termin in beiden Gruppen konstant. Was passierte also mit diesen 22 % an Krebsfällen, die spurlos verschwanden? Das ist die Kernfrage, die sich aus dieser in der aktuellen Ausgabe der "Archives of Internal Medicine" publizierten Forschungsarbeit ergibt.

Steven A. Narod et al.: "Breast Cancer Mortality After a Diagnosis of Ductal Carcinoma In Situ (DCIS)" JAMA Oncol. 2015;1(7):888-896. Women’s College Research Institute, Women’s College Hospital, Toronto, Ontario, Canada pdf
>>>

Per Henrik Zahl, Peter C. Gøtzsche, Jan Mæhlen (2004): "Incidence of breast cancer in Norway and Sweden during introduction of nationwide screening: prospective cohort study" BMJ. 2004 Apr 17; 328(7445): 921–924; Norwegian Institute of Public Health, PO Box 4404 Nydalen, N-0403 Oslo, Norway
Per Hendrik Zahl, Karsten Jørgensen, Peter
C. Gøtzsche (2014): "Lead-time models should not be used to estimate overdiagnosis in cancer screening" J Gen Intern Med. 2014 Sep;29(9):1283-6
Peter C. Gøtzsche (b.1949, dänischer Wissenschaftler, FA f. Innere Medizin): „Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität: Wie die Pharmaindustrie unser Gesundheitswesen korrumpiert“ Übersetzung: Martin Rometsch ("Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare" Radcliffe 2013) 1. Auflage RIVA 2015


Der kalifornische Public Health Experte Robert M. Kaplan und der Ulmer Gesundheitsökonom Franz Porzsolt warnen in ihrem Kommentar, die Ergebnisse der Norweger auf die leichte Schulter zu nehmen. "Hier könnte sich eine Erklärung für Phänomene finden, die Wissenschaftler schon seit langem beunruhigen." Randomisierte klinische Studien bestätigen beispielsweise nur sehr selten die propagierten Vorteile des Screenings. Den Effekt über eine große gut gemachte Arbeit zu objektivieren, sei, so die beiden, "zwar wissenschaftlich notwendig, ethisch aber kaum durchsetzbar", zumal sich "ethische Bedenken häufig auf vor gefassten Meinungen basieren, aber nur selten auf Evidenz." Die Studienautoren betonen, dass sich aus ihrer Arbeit keine Schlüsse ableiten lassen, ob Mammografie die Krebssterblichkeit reduziert. "Unsere Ergebnisse bringen aber neue Einsichten auf das wichtigste mit Mammografie verbundenen Schadenspotenzial, nämlich die Entdeckung und Behandlung von Krebsfällen, die sich von selbst zurückgebildet hätten."

Aus: Bert Ehgartner: „Gesund, bis der Arzt kommt. Ein Handbuch zur Selbstverteidigung“ Brustkrebs: Was bringt die Früherkennung? S.190, Jeder fünfte Brustkrebs verschwindet von selbst S.191. LÜBBE 2010.
www.scienceblogs.de/lob-der-krankheit/2008/11/jeder-funfte-brustkrebs-heilt-von-selbst.php; www.stern.de/gesundheit/brustkrebsvorsorge-neue-studie-stellt-screening-infrage-1553454.html

"Sogar Methoden, die eindeutig mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften, werden, sobald sie einmal etabliert sind, zu Lebensrettern hochstilisiert. Gesundheitspolitiker, Urologen, lokale Medien und Patientenorganisationen verteidigen beispielsweise erbittert "ihr" Prostatakrebs-Screening. In Wahrheit ist dieses Screening aber eine der gefährlichsten Maßnahmen, mit denen Männer in der zweiten Lebenshälfte bedroht werden
... Russel P. Harris, ein US-Präventionsexperte, sagte ... Bei der Hälfte aller über 50-jährigen Männer und bei zwei Drittel aller über 70-jährigen würde man Tumoren in der Prostata finden, wenn man danach sucht. Tumoren, die normalerweise so langsam wachsen, dass sie zu Lebzeiten dieser Männer nie gesundheitlich relevant würden.

Dort, wo tatsächlich aggressive Krebsformen auftreten, helfe hingegen auch das Screenning meist wenig, weil sich diese Tumoren so schnell entwickeln und ausbreiten, dass sie sich auch mit jährlichen oder gar monatlichem Screening nicht rechtzeitig entdecken und aufhalten ließen. Diese Männer sterben mit und ohne Screening.

Ins Netz gingen meist nur die langsamen Tumoren. Und die sind harmlos.

Prostatakrebs: Die "glücklichen" Opfer
>>>
Aus: Bert Ehgartner: „Gesund, bis der Arzt kommt. Ein Handbuch zur Selbstverteidigung“  Prostatakrebs: Die "glücklichen" Opfer
S.199-206, LÜBBE 2010.

Prostatakrebs: PSA-Test kann auch schaden. Früherkennung findet oft Krebsgewebe, das nie Beschwerden verursacht hätte.
"Die Zahl der Männer, bei denen Prostatakrebs entdeckt wird, hat sich in den letzten Jahrzehnten mehr als verdoppelt. "Hauptursache dafür ist die Früherkennung durch den sogenannten PSA-Test", sagt Dr. Klaus Koch, Leiter des Ressorts Gesundheitsinformation beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Früherkennung soll das Risiko verringern, an Prostatakrebs zu sterben. Dabei kann der PSA-Test helfen, bei dem im Blut die Menge des prostataspezifischen Eiweiß gemessen wird. Ein Nachteil des Tests ist aber, dass er auch Krebsgewebe entdeckt, das nie zu Beschwerden geführt hätte. "Wird etwas gefunden, macht das nicht nur Angst, sondern zieht oft auch belastende Behandlungen nach sich", sagt Koch. "Diese so genannten Überdiagnosen werden so oft gestellt, dass Prostatakrebs heute die häufigste Krebsart bei Männern ist. ... Wie viele Männer einen Nutzen und wie viele einen Schaden haben, lässt sich heute abschätzen: Studienergebnisse zeigen, dass der PSA-Test innerhalb von elf Jahren 1 von 1000 älteren Männern davor bewahren kann, an Prostatakrebs zu sterben. Dem steht als wichtigster Schaden gegenüber, dass 36 von 1000 Männern eine Krebsdiagnose erhalten, ohne von der frühen Entdeckung zu profitieren ..."
Aus: www.iqwig.de/index.1533.html

P
SA-Screening - Patienten Information pdf >>>
TGAM - Tiroler Gesellschaft für Allgemeinmedin
www.tgam.at/userupload/editorupload/files/files/Patienteninfo/tgam_psa_patienteninfo_2014.pdf

"Ich bestreite gar nicht, dass die moderne Medizin unglaubliche Leistungen zustande bringt und dass heutige Dinge möglich sind, die wir noch im letzten Jahrhundert als unmöglich angesehen hätten. Aber lassen wir doch bitte die Medizin dort arbeiten, wo sie hingehört: als Hilfe für die Kranken. Und halten wir den Kraken im Zaum, wo er sich in seiner unbezähm-baren Gier auch auf die Gesunden stürzen möchte. Wo im Namen der Prävention und sonstiger Götzen der Profitgier sogar schon die ganz Jungen umgarnt werden und jede Altersgruppe eine Zielgruppe darstellt mit genau definierten Zielkrankheiten, die es zu finden und zu behandeln gibt. Selbstbewusste und gut informierte Menschen sind natürliche Feinde für ein derartiges System, weil sie sich von der professionellen Angstmaschinerie nicht mehr so einfach manipulieren lassen" Aus: Bert Ehgartner: „Gesund, bis der Arzt kommt. Ein Handbuch zur Selbstverteidigung“ Schlusswort S.306, LÜBBE 2010. Mit persönlicher,  freundlicher Genehmigung von Bert Ehgartner. Tel., am 30.6.2010, 17 30h. www.ehgartner.blogspot.com






FAKTEN UND FIKTIONEN ÜBER KREBS-SCREENING
Merke: Screening betrifft Menschen ohne Symptome!

Warum wird die Öffentlichkeit so offenkundig getäuscht?
Ich denke, dafür sind zwei unterschiedliche Gruppen verantwortlich zu machen. Die erste besteht aus
überzeugten Anhängern des Screenings, die die wissenschaftliche Evidenz ["Deutlichkeit"] nicht sehen
wollen oder nicht verstehen. Die Angehörigen der zweiten Gruppe sind wirtschaftlich motiviert und haben
einen [Geschäftsplan] Businesplan, der Patienten [Klienten] dem Risiko überflüssiger Eingriffe aussetzt.
Beide Gruppen ergänzen sich meist aufs Trefflichste: Wenn die eine die medizinische Evidenz verdrängt,
dann drückt der anderen ihr Businesplan nicht so aufs Gewissen.
Eine Taktik besteht darin, Screenings
zu erheblich vermindertem Preis oder sogar kostenlos durchzuführen, als "Lockangebot". Das ist die
gleiche Strategie, die Supermärkte und andere Geschäfte anwenden: eine Ware weit unter Preis an-
bieten, um Kunden zu ködern und zu späteren, einträglicheren Käufen zu animieren ..."
(GG S.261f)

1. Wenn ich am Screnning teilnehme, werde ich die Wahrscheinlichkeit,
Krebs zu bekommen, verringern.

Nein, Screening ist nicht Vorsorge. Wie eine Unfallversicherung die Wahrscheinlichkeit
eines Unfalls nicht vermindert, so kann auch Screening die Krankheitshäufigkeit nicht
reduzieren; es kann nur Krebserkrankungen erkennen, die bereits vorhanden sind.


2.
Ein positiver [Screening-] Test bedeutet, dass ich Krebs habe.
NEIN, die meisten Menschen mit positiven Ergebnissen bei Mammographie
und PSA-Tests oder mit okkultem Blut im Stuhl haben keinen Krebs.
[siehe "Spezifität", "falsch positives Ergebnis", "Falschalarm"]

3. Wenn der Test negativ ist, kann ich sicher sein, dass ich keinen Krebs habe.
Sie können zuversichtlich sein, aber nicht sicher. Fehler passieren;
kein Test ist vollkommen.
["Sensitivität", "falsch negatives Ergebnis"]

4. Wenn ich Krebs habe, sterbe ich daran.
Krebs ist nicht unbedingt ein Todesurteil. Die meisten Männer mit Prostatakrebs
sterben nicht an ihm - möglicherweise bemerken sie ihn noch nicht einmal und
sterben mit dem Krebs. Bauchspeicheldrüsenkrebs hingegen tötet die meisten
Erkrankten in kurzer Zeit.


5. Früherkennung hat mein Leben gerettet, weil ich nach der Behandlung
noch immer am Leben bin.

Diese Schlussfolgerung kann richtig oder falsch sein. Sie gilt nicht für Patienten mit einer
"Überdiagnose" ["Pseudokrankheit"] (1,2). Tests können winzige Tumore entdecken, die
nichtprogressiv [langsam wachsend] sind und niemals Ihre Gesundheit beeinträchtigt
hätten. Infolgedessen müssen diese Menschen nutzlose Arzttermine, nutzlose Tests,
nutzlose Medikamente und nutzlose Operationen über sich ergehen lassen.


6. Wenn die Sterberaten [die Sterblichkeit, Mortalität] zurückgehen,
beweist das nicht die Wirksamkeit des Screenings?

NEIN. Den Nachweis liefern randomisierte Studien (vergleiche Icon- und Faktenboxen).
Beispielsweise ist die Sterberate bei Magenkrebs in den westlichen Ländern seit den 30er-
Jahren stark zurückgegangen - ohne Screening. Der Grund ist wahrscheinlich die bessere
Konservierung von Lebensmitteln.


7. Warum ist die Gesamtsterblichkeit [Gesamtmortalität] (oder die Sterblichkeit für
alle Krebsarten zusammengenommen) relevanter für das Verständnis des Nutzens
als die Sterblichkeit bei einzelnen Krebsarten?

Erstens leiden einige Patienten an mehreren Krebserkrankungen. Dann ist nur schwer zu
bestimmen, welche Krebsart den Tod verursacht hat.
Zweitens
können die auf das Screening
folgenden Operationen genauso viele (oder mehr) Patienten das Leben kosten, wie Patienten
dadurch geheilt werden. Diese unglücklichen Patienten sind in der Gesamtsterblichkeit enthalten,
aber nicht in der krebsspezifischen Sterberate. Beachten Sie
drittens den scheinbar paradoxen
Umstand, dass Zigarettenrauchen die Brustkrebssterblichkeit um 1 von 1000 Frauen vermindert
(der gleiche Effekt wie beim Mammografie-Screening [3]). Einige Frauen sterben nämlich so früh
am Rauchen, das sie keinen Brustkrebs mehr bekommen können. Hier scheint das Rauchen
die Brustkrebssterblichkeit zu verringern, steigert aber in Wahrheit die Gesamtsterblichkeit
[Gesamtmortalität].


8. Würde ich nicht am besten fahren, indem ich mich einem Screening
für alle Krebsarten unterzöge?

NEIN, denn einige Screenings schaden mehr, als dass sie nützen. So spricht sich die US-Behörde
für Präventivmedizin ausdrücklich gegen das Screening für Krebserkrankungen an Prostata, Lunge,
Bauchspeicheldrüse, Eierstöcken, Blase und Schilddrüse aus (1,2). PAP-Abstriche bei Gebärmutter-
halskrebs dagegen scheinen Leben zu retten - allerdings wurde das noch nicht in einer
randomisierten Studie getestet.


9. Was kann ich gegen Krebs tun?
Da die Hälfte der Krebserkrankungen durch den Lebensstil verursacht wird, ist Vorsorge
sehr viel wirksamer als Früherkennung. Vermeiden Sie Rauchen, Fettleibigkeit, falsche Er-
nährungsweise und übermäßigen Alkoholgenuss, und steigern Sie das Maß Ihrer körperlichen
Aktivitäten [regelmäßige moderate Bewegung] - etwa durch Spazierengehen - auf drei bis fünf
Stunden pro Woche. Die Veränderung der Lebensweise wirkt sich auch auf die Gesundheit
im Ganzen vorteilhaft aus.


Aus: Gerd Gigerenzer: "RISIKO - Wie man die richtigen Entscheidungen trifft" Teil II: Riskokompetent werden.
Kapitel 10: Gesundheit: Keine Entscheidung über mich ohne mich. Wie angesehene Institutionen sie täuschen.
Interessenkonflikte S.259f, Was wissen Männer und Frauen? S.273-275, (2) u. (3) aus Glossar S. 385 u.S.386
btb 4.Auflage 2014 (2013)

(1) Überdiagnose: Die Entdeckung einer "Pseudokrankheit". Beispielsweise lassen sich durch Screening Veränderungen erken-
nen, die pathologisch die Definition einer Krebserkrankung erfüllen, aber während der Lebenszeit des Patienten keine Symp-
tome hervorrufen würden. Da der technologische Fortschritt immer empfindlichere Screening-Techniken hervorbringt, ist die
"Überdiagnose" zu einem enormen Problem in der Gesundheitspflege geworden. Sie lässt die Zahl überflüssiger Tests an-
steigen, schürt Ängste und trägt zur Kostensteigerung im Gesundheitswesen bei. Sie ist auch einer von zwei Gründen (der
andere ist der "Vorlaufzeit-Bias), warum 5-Jahres-Überlebensraten im Zusammenhang mit Screening irreführend sind:
Die Entdeckung von Pseudokrankeheiten (Überdiagnosen) bläht die 5-Jahres-Überlebensrate auf.
(2) Vorlaufzeit Bias (leadtime-bias): [Der zweite Grund ist, warum 5-Jahres-] Überlebensraten ein irreführendes Bild von den
[scheinbaren] Vorteilen des Screenings vermitteln (der andere ist die Überdiagnose). Selbst wenn sich der Todeszeitpunkt
aufgrund von Screening nicht ändert - das heißt, wenn kein Leben gerettet oder verlängert wird -, verlegt die Früherken-
nung den Zeitpunkt der Diangose vor und führt auf diese Weise zu erhöhten [5-Jahres-] Überlebensraten.
Siehe LEISTUNGEN: Gilbert Welch "Überdiagnosen" in Angewandte Allgemeinmedizin & Geriatrie >>>
[3] Steven Woloshin, Lisa M. Schwartz, H. Gilbert Welch: "Know Your Chances - Understanding Health Statistics"
Berkeley (CA): University of California Press; 2008
Gerd Gigerenzer, Wolfgang Gaissmaier, Elke Kurz-Milcke, Lisa M. Schwartz, Steven Woloshin: "Helping Doctors and Patients
Make Sense of Health Statistics" PSYCHOLOGICAL SCIENCE IN THE PUBLIC INTEREST Vol.8, Nr.2 2007, S.53-96
http://library.mpib-berlin.mpg.de/ft/gg/GG_Helping_2008.pdf



Korrelation (Beziehung, Bezug, Zusammenhang): Die Korrelation ist eine Beziehung zwischen zwei oder mehr statistischen Variablen. Wenn sie besteht, ist noch nicht gesagt, ob eine Größe die andere kausal beeinflusst, ob beide von einer dritten Größe kausal abhängen oder ob sich überhaupt ein Kausalzusammenhang folgern lässt.

Es gibt positive und negative Korrelationen.
Beispiel positive Korrelation (je mehr, desto mehr) ist: "Je mehr Futter, desto dickere Kühe"
Beispiel negative Korrelation (je mehr, desto weniger) ist: "Je mehr Verkauf von Regenschirmen, desto weniger Verkauf von Sonnencreme."

Die Korrelation beschreibt aber nicht unbedingt eine Ursache-Wirkungs-Beziehung in die eine oder andere Richtung. So darf man über die Tatsache, dass man Feuerwehren oft bei Bränden findet, nicht folgern, dass Feuerwehren die Ursachen für Brände seien. Die direkte Kausalität kann auch gänzlich fehlen. So kann es durchaus eine Korrelation zwischen dem Rückgang der Störche im Burgenland und einem Rückgang der Anzahl Neugeborener geben, diese Ereignisse haben aber nichts miteinander zu tun - weder bringen Störche Kinder noch umgekehrt. Das heißt, sie haben kausal allenfalls über eine dritte Größe etwas miteinander zu tun (Scheinkorrelation), etwa über die Verstädterung, die sowohl Nistplätze vernichtet als auch Kleinstfamilien fördert.

„In unserem Bestreben zu verstehen, zu erklären und zu behandeln ist die Versuchung Beziehungen (Korrelationen) generell Kausalität zuzuschreiben, allgegenwärtig und fast unwiderstehlich. Das ist der wichtigste Grund für Irrtümer in der Medizin“
Aus: Petr Skrabanek
(1941-1994, Gerichtstoxikologe), James McCormick (M.D., Dekan der School of Physic Trinity College in Dublin): „Torheiten und Trugschlüsse in der Medizin“ Kirchheim Verlag, Mainz 1995

"Korrelation ist ein statischer Fachbegriff, der die stochastische Abhängigkeit [Stochastik: "Kunst des Vermutens", Teilgebiet der Mathematik] zweier Ereignisse bezeichtnet. Besteht eine Korrelation, so haben die Ereignisse oder Variablen einen mathematisch modellierbaren Zusammenhang. Sie treten statistisch gesehen nicht unabhängig voneinander auf. Eine Korrelation widerlegt also die Nullhypothese, die annimmt, dass stochastische Unabhängigkeit besteht. Es wäre jedoch falsch, einen solchen statistischen Zusammenhang für einen Nachweis von Ursächlichkeit zu halten. Aussagen darüber, ob es zwischen den korrelierenden Ereignissen einen kausalen Zusammenhang gibt, erlaubt die Statistik grundsätzlich nicht ...
Die Verheißung von Wissen, Entscheidung und Machbarkeit entpuppt sich bei genauem Hinsehen als Falle. Den Beratenen [den Fragenden] wird eingeredet, sie müssten entscheiden und Risiken eingehen, ohne das sie jedoch beeinflussen können, was sie tatsächlich betrifft. Die Expertise [Das Gutachten eines Experten] des Genetikers [u.a.], die ihnen als bedeutsames Wissen aufgetischt wird, und die angebotenen Dienstleistungen gründen sich auf statistische Artefakte ["Scheinphänomene", "scheinbarer Kausalzusammenhang"]: auf Risikoprofile und mögliche Ereignisse in Populationen. Diese möglichen Ereignisse - ob Krebserkrankungen oder behinderte Kinder - nimmt der Genetiker als berechenbare Risiken vorweg. Die Höhe dieser Risiken bestimmt er anhand von statistischen Merkmalen der Klientin [der Fragenden], indem er sie zu entsprechenden Populationen zählt und ihr deren Wahrhscheinlichkeiten als vermeintlich ["irrtümlich angenomme, lediglich scheinbare] persönliche Risiken zuschreibt. Was Frau M., Frau K. oder Frau A. durch ihre Entscheidung beeinflussen können, ist dieses Risikoprofil. Wählen sie eine der vorgegebenen Optionen, so verändern sie ein Merkmal, werden daraufhin zu einer anderen Population gezählt und modifizieren somit auch die Höhe der attestierten Risiken. Wählt Frau K. beispielsweise die Option Gentest, verändert sich - durch die Einbeziehung eines genetischen Merkmals - die Eintrittswahrscheinlichkeit für die Krebserkrankung. Sie wird zu einer neuen statistischen Population gezählt, und bekommt deren probabilistischen [wahrscheinlichen] Eigenschaften als neues Risiko zugewiesen. Wählt Frau A. die Option Fruchtwasseruntersuchung, so minimiert sie das Risiko für mikroskopisch erkennbare Chromosomenveränderungen, ruft dafür aber das Risiko für eine induzierte Fehlgeburt auf den Plan. Diese Korrelation zwischen Merkmalen (A) auf der einen Seite und Ereignissen in Populationen auf der anderen Seite suggeriert [unterstellt], dass das, was jemandem in Zukunft passieren könnte, in der Gegenwart manipulierbar wäre. Mithilfe von Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie konstruieren die Berater [die Experten] also eine vorweggenommene Zukunft, die berechenbar und verfügbar erscheint. Was mit Frau K. und Frau A. tatsächlich geschehen wird, steht jedoch auf einem ganz anderen Blatt. Auch, wenn sie ihr Risikoprofil pflichtbewusst managen: Das, was für sie bedeutsam ist, können sie dadurch nicht entscheiden. Wie es ihnen nachher ergangen sein wird, das lässt sich durch Risikomanagement nicht vorwegnehmen. Ob Frau K. irgendwann im Leben einen Knoten in der Brust haben wird, in welchem Alter, und wie die Krankheit dann verläuft, das bleibt offen. Und ob das Kind von Frau A. gesund auf die Welt kommt und ein normales Leben führen kann oder nicht, das kann ebenfalls niemand bestimmen. Dennoch hat die Beratung beide Frauen in eine Zwangslage gebracht. Die Genetiker haben ihnen eingeredet, dass sie auf jeden Fall eine Entscheidung treffen müssen und damit die entsprechenden Risiken eingehen. Nun sitzen sie in der Entscheidungsfalle. Die Pflicht zur informierten Entscheidung macht sie zum decision-maker, wo sie nichts tun können, und erklärt sie verantwortlich, wo sie machtlos sind. Hinterrücks kann ihnen nun das, was passiert, zu Last gelegt werden. Bekommt Frau K. Brustkrebs, sind ihre risikoträchtigen Gene schuld, die sie nicht sorgfältig genug gemanagt hat. Bekommt Frau A. ein behindertes Kind, so war das ihre Wahl; schließlich hat sie sich für die Geburt dieses Risikoprofils entschieden ... Bürger werden nicht zu passiven Verwaltungsobjekten degradiert, sondern zum Risikomanagment in eigener Sache mobilisiert. Sie bekommen keine Laufbahn vorgeschrieben, sondern müssen selbst entscheiden. Genetiker [u.a] weisen ihnen Risikoprofile zu, bieten ihnen verschiedene Laufbahnen als Entscheidungsmöglichkeiten an und fordern sie auf, für alles Weitere selbst die Verantwortung zu übernehmen ... Was Bürger dann lernen, ist, sich selbst als statistisches Artefakt ["Scheinphänomen", "scheinbarer Kausalzusammenhang"] zu behandeln ... Nicht erst die gentechnische Manipulation verwandelt unverwechselbare Menschen in etwas Berechenbares und Machbares, sondern bereits die Pflicht zur informierten Entscheidung ... Ob Trinker-Gen, Raucher-Gen, Brustkrebs-Gen oder Schwulen-Gen - fast jedes "Gen für", das in den vergangenen Jahren lauthals verkündet wurde, vermeldet nichts anderes als die Tatsache, dass ein Genetiker eine oftmals fragwürdige statistische Korrelation zwischen Genotyp und Phänotyp vorgenommen hat ... Ist in der Statistik von "Ursache" die Rede, so bezeichnet das Wort keinen kausalen Zusammenhang, sondern die "Konstanz einer Wahrscheinlichkeit", wie der französische Philosoph Francois [Robert] Ewald [b.1946, frz. Soziologe, Prof. f. Versicherungswesen] den Ursachenbegriff der Statistik (1) zusammenfasst ... In der genetischen Beratung verwandelt sich eine solche Korrelation zwischen DNA [Desoxyribonukleinsäure, Genotyp] und Erscheinungsbild [Phänotyp] jedoch in einen vermeintlich kausalen Zusammenhang ... wird die DNA zur Ursache ... In den Wörtern "Gendefekten" und "Genfehlern" ist diese unterstellte Kausalität ["Genveränderungen als Ursache für ..."] bereits enthalten. Ganz fraglos macht der "Gendefekt" die DNA zur Ursache für die Erkrankung - so, wie ein Zylinderdefekt die Ursache für den Motorausfall ist. Die Rede vom "Genfehler" erlaubt es Genetikern daher, die Frage nach dem komplexen und weitgehend unklaren Zusammenhang zwischen Genotyp und Phänotyp schlicht zu umgehen ... Wird ein Gedankenkonstrukt auf diese Weise verdinglicht und personalisiert, so nennt die Philosophie diesen Vorgang Hypostasierung. Immanuel Kant [1724-1804] spricht von der "Hypostase", wenn man "das, was bloß in Gedanken existiert ... in eben derselben Qualität, als einen wirklichen Gegenstand außerhalb dem denkenden Subjekt annimmt", und nennt sie "bloße[s] Blendwerk" (2) ... In der genetischen Beratung ist das Gen ein solches Blendwerk, eine Hypostase ..."
Aus: Silja Samerski (b.1970, deutsche Soziologin, Biologin, Philosophin): “Die Entscheidungsfalle - Wie genetische Aufklärung die Gesellschaft entmündigt” Glossar S.133, 4. Schluss: Entmündigende Selbstbetimmung 4.1. Die Tyrannei der Entscheidung S.118f, 4.2. Selbstbestimmte Entscheidung als Sozialtechnologie S.119f, 3. Die informierte Entscheidung. Wie genetische Berater ihre Klienten zur Selbstbestimmung befähigen. 3.1 Erste Verwandlung der Person: Klienten als Genträger 3.1.4. Versteckte Ursachen S.58f, 3.1.7 Gene als Blendwerk [Hypostase n. Kant] S.65 WBG - Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2010. (A) Der Begriff "Marker" bezeichnet "Auffälligkeiten" oder Merkmale, die statistisch mit anderen Merkmalen bzw. Krankheitsdiagnosen assoziiert werden. Ein ursächlicher Zusammenhang, oder auch nur eine Hypothese über einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Marker und Erkrankung oder Behinderung ist nicht vonnöten. Marker sind also keinesfalls Symptome oder Hinweise. Die messbare fötale Nackentransparenz auf dem Ultraschallbildschirm wird beispielsweise als Marker bezeichnet, der mit Trisomie 21 assoziiert ist. Marker sind also statistische Merkmale, die mit anderen diagnostizierbaren oder messbaren Zuständen korrelieren. Ist von genetischen oder molekularen Markern die Rede, so sind damit in der Regel DNA-Sequenzen gemeint, die im Genom lokalisiert werden und mit phänotypischen Eigenschaften in Verbindung gebracht werden können. [Samerski, Glossar S.135] (1) Francois Robert Ewald: "Der Vorsorgestaat" (L'Etat-providence 1986) S.183 Suhrkamp 1993 (2) Immanuel Kant: "Kritik der reinen Vernunft" 1.Auflage 1781 in Georg Mohr: "Immanuel Kant - Theoretische Philosophie - Text und Kommentar Band I - Kritik der reinen Vernunft" [Kant 1781, A 384] (Schriften zur theoretischen Philosophie in 3 Bänden) Suhrkamp Verlag 2004


Kausalität:
Die Kausalität (lat. causa = Ursache) bezeichnet die Beziehung (Relation) zwischen Ursache und Wirkung, also die Einheit beider Ereignisse/Zustände zusammen. Die Kausalität (ein kausales Ereignis) hat eine feste zeitliche Richtung, die immer von der Ursache ausgeht, auf  die Wirkung folgt.

Kurz: Ein Ereignis oder der Zustand A ist die Ursache für die Wirkung B, wenn A der Grund ist, der B herbeiführt.

Beispiel:
„Der Tritt auf das Gaspedal verursacht, dass das Auto beschleunigt“.

Sir Austin Bradford Hill (1897-1991), ein englischer Epidemiologe, Statistiker, Pionier der kontrolliert, randomisierten klinischen Studie, hatte in den 1960er-Jahren die heute immer noch gültigen Bradford Hill - Kriterien für Kausalität in der Medizin formuliert.

1. Zeitlicher Zusammenhang (= Temporalität) -> erst Exposition, dann Erkrankung; Latenzzeit

2. Stärke des Zusammenhangs (Stärke des Effekts) -> [Relatives Risiko: Quotient aus P1 (Exponierte)/P0 (Nicht-Exponierte)] RR=11 hat mehr Aussagekraft als RR=1,1. RR = 1: Das Risiko der Exponierten ist gleich groß wie das Risiko der Nicht-Exponierten (kein Zusammenhang). RR > 1: Das Risiko der Exponierten ist größer als das Risiko der Nicht-Exponierten (positiver Zusammenhang, Exposition möglicherweise krankheitsverursachend bzw. krankheitsfördernd). RR < 1: Das Risiko der Exponierten ist kleiner als das Risiko der Nicht-Exponierten (negativer Zusammenhang, Exposition möglicherweise protektiv)

3. Dosis-Wirkungsbeziehung = biologischer Gradient
-> mit steigender (Ein-)wirkung → steigendes/fallendes Risiko

4. Replizierbarkeit der Befunde; Bestätigung der Ergebnisse in anderen Studien -> Wiederholbarkeit mit anderen Daten / Personen

5. Biologische Plausibilität: Übereinstimmung zwischen epidemiologischen Befunden und biologischem Erkenntnisstand

6. Berücksichtigung alternativer Erklärungen -> Confounding ("Störfaktoren") abgeklärt / ausgeschlossen

7. Beendigung einer Exposition: RR der Exponierten nähert sich wieder dem der Nicht-Exponierten

8. Übereinstimmung mit anderen Erkenntnissen (Konsistenz)
und weitere, aber problematisch:

9. Spezifität des Zusammenhangs -> Eine Exposition verursacht nur eine Erkrankung

10.Spezifität der Erkrankung: Erkrankung wird nur von einer Exposition verursacht

Aus: www.mindpicnic.de/cardbox/epidemiologie/94

Mein Chef [Prof. Dr. Dr. Uwe] Stocksmeier [Institut für Sozialmedizin, Prävention und Rehabilitation (IPR) in Tutzing am Starnberger See] hatte mir frühzeitig eingebläut: Aus Korrelationen lässt sich grundsätzlich kein ursächlicher Zusammenhag ableiten - eine Unart, die damals wie heute weit verbreitet ist ... Die Aufgabe des IPR [1977->] war nun ... eine umfassende Dokumentation der wichtigsten Studien zur Frage des Einflusses von Fett auf Koronare Herzkrankheiten anzufertigen und in Form einer Datenbank öffentlich zugänglich zu machen. .. Wir nannten das Projekt ELA (ErnährungsLiteraturAnalyse) ... Bald kannte ich jede [Fett] Studie in- und auswendig und hatte zudem reichlich Hintergrundinformationen und persönliche Meinungen der Studienleiter eingesammelt. Je mehr ich wusste, umso größer wurde meine Frustration. Ich realisierte, dass viele Studien derart erhebliche methodische Probleme aufwiesen, dass ihre Aussagefähigkeit gering war. Anhand der Bradford-Hill-Kriterien erkannte ich, dass die "Fett-these" zum Herzinfarkt weit davon entfernt war belegt zu sein. Im Gegenteil: Sie erschien mir zunehmend wie ein Kartenhaus, das einzustürzen würde, sobald man auch nur einmal an der Fassade kratzt. Es war ein äußerst lehrreicher Prozess. Erst kurz zuvor hatte ich völlig Margarine gläubig die Uni verlassen. Butter hatte ich aus Überzeugung seit einigen Jahren nicht mehr angefasst, stattdessen die "gute" Pflanzenmargarine aufgestrichen ... Was sollte ich tun? Nach meinen Erkenntnissen stimmte die Lehre nicht mit den Forschungsergebnissen überein, ja zum Teil stand sie in krassem Gegensatz dazu. Ich hielt es für meine Pflicht, über diese Diskrepanz ungeschminkt zu berichten. Heute würde ich sagen, ich war reichlich naiv. Denn was mich nun erwarten würde, hätte ich mir nie erträumen lassen." Nicolai Worm, Ulrike Gonder: „Mehr Fett! - Warum wir mehr Fett brauchen, um gesund und schlank zu sein – Liebeserklärung an einen zu unrecht verteufelten Nährstoff“ 1.Kapitel: Zwei "Fette" Schicksale, Unterkapitel: 30 Jahre im Widerstand. Seite 12-14. Systemed Verlag 2. Auflage 2010; www.nel.gov

Monokausalität
bezeichnet genau ein Ereignis (Kausalität), bei der sich das Endergebnis B auf genau einen verursachenden Auslöser A zurückführen lässt.

Beispiel: Ein Stein A löst sich und fällt (Ursache) dabei auf ein Glasdach wodurch die Glasscheibe B zerplatzt (Wirkung).

Zusätzlich gibt es eine Monokausalität mit gleichzeitig mehreren Wirkungen.

Beispiel:
Eine Explosion (Ursache) A, die gleichzeitig mehrere Zerstörungen von unterschiedlichen Objekten als Wirkung B1 + B2 usw. hat.

Eine Kausalkette ergibt sich, wenn jede Wirkung selbst wieder zur Ursache für eine neue Kausalität wird und somit zu einem neuen Kausal-Ereignis wird. Daher ist die Kausalkette eine streng zeitliche Aneinanderreihung von hintereinander ablaufenden Kausalitäten, während die Multikausalität gleichzeitige Ursachen benötigen. Somit unterscheidet sie sich die Kausalkette von der Multikausalität dadurch, dass es nur eine anfängliche Ursache A und mehreren voneinander abhängigen Kausalfolgen (Kausalitäten) A < B < C ... gibt, die aber nur ein Ergebnis ... Z zur Folge (Wirkung) haben.

Beispiel: Eine typische Kausalkette sind umfallende Dominosteine, bei dem der angestoßene Stein A als Wirkung sein Umfallen hat und dadurch Ursache für den nächsten Stein B ist, der kippend wird. Für den Dominostein B ist der Stein A die Ursache für sein eigenes Kippen da die zeitliche Richtung A < B < C ... ist. Der kippende Stein B ist wieder Ursache für den noch stehenden Stein C und so weiter.

Bei der Multikausalität wirken mehrere Auslöser (Ursachen) zusammen oder nebeneinander zur gleichen Zeit.

Beispiel: Sturm A und Regen A* vernichten die Ernte (B + B*): Daher sind Sturm und Regen multikausal für die Vernichtung der Ernte, denn der Sturm hätte gereicht, die Ernte zu vernichten und der Regen hätte das gleiche Ergebnis zur Folge.

Die Multikausalität unterscheidet sich somit von der Monokausalität dadurch, dass es mindestens zwei Verursacher A + A* gibt und mindestens zwei Wirkungen B + B*, die ein Ergebnis Z* erzielen.

Die Polykausalität ist ein vermischtes Kausal-Ereignis (oder mehrere) von einer Monokausalität mit mindestens einer Kausalkette oder mit mindestens einer Multikausalität.

Beispiel: Der fallende Stein A, der die Scheibe B zertrümmert und eine Kausalkette einleitet, wobei die Scherben B' der Glasscheibe noch Spannstoffe C zerschneiden, die dadurch an ein glühendes Gitter D geraten, wodurch die Lagerhalle E niederbrennt.

Intuition ("Magie des Herzens - Seelen Intuition", "Eingebung", "Anschauung", "Betrachtung", "Innere Schau", "Bauchgefühl", "gesunder Menschenverstand", "Innere Stimme", "Geistesblitz", "Entscheidungsinstanz des Inneren Bewusstseins", "Stimme lichtvoller Gegenwärtigkeit")
eine Form von unbewusster Intelligenz:

"Man spürt deutlich [Herbert A.] Simons (1) Unverständnis für die "Mythologisierung der Experten-Intuition", wenn er schreibt:
"Die Situation liefert einen Hinweisreiz; dieser Hinweisreiz gibt dem Experten Zugang zu Informationen, die im Gedächtnis gespeichert sind, und diese Informationen geben ihm die Antwort. Intuition ist nicht mehr und nicht weniger als Wiedererkennen.(1) ... Zu richtigen Intuitionen ["die unwillkürlichen Operationen von System 1"] kommt es dann, wenn Experten gelernt haben, vertraute Elemente in einer neuen Situation wiederzuerkennen und in einer Weise zu handeln, die ihr angemessen ist ... Leider entspringen nicht alle Intuitionen von Fachleuten echtem Sachverstand ... Wir überschätzen tendenziell unser Wissen über die Welt, und wir unterschätzen die Rolle, die der Zufall bei Ereignissen spielt. Überzogenes Vertrauen in die Vorhersagbarkeit der Welt wird durch die illusorische Gewissheit [2] retrospektiver einsichten gestützt ... Ich hoffe auf Gespräche am Kaffeeautomaten, die die Lektionenen, die wir aus der Vergangenheit lernen können, auf intelligente Weise erkunden, während sie der Verlockung rücklickender Verzerrung und der Illusion der Gewissheit [2] widerstehen ..." Aus: Daniel Kahneman (b.1934, israelisch-US-amerikanischer Psychologe, 2002 Wirtschafts-Nobelpreis): „Schnelles Denken, langsames Denken“ Einleitung, S.23f u. 26; Übersetzer: Thorsten Schmidt („ Thinking, Fast and Slow“ Farrar, Straus and Giroux 2011) Penguin Verlag 10.Auflage 2012
(1) Herbert A. Simon (1916-2001, US-amerikanischer Sozialwissenschaftler, Wirtschaftsnobelpreis 1978): "What is an Explanation of Behavior?" Psychological Science 3,1992: S.150-161.
(2) Siehe INFOS:Rat suchen - Illusion der Gewissheit >>>


Intuition ist daher nicht das Gegenteil von Rationalität [Berechnung, Begründung, Vernunft]. Wir brauchen sowohl Intuition ["die unwillkürlichen Operationen von System 1" n. D.K] als auch Denken ["die bewußt u. willkürlich gesteuerten Operationen von System 2" n. D.K], um rational zu sein. Schon Fjodor Dostojewski [(1821-1881), russischer Schriftsteller] wusste: "Wäre alles auf Erden rational, würde nichts geschehen!" [Zitat: G.Gigerenzer: "Risiko" btb 2014, S.169]

"Ein Bauchgefühl oder eine Intuition ist ein Urteil, das (1) rasch im Bewusstsein auftaucht, (2) dessen tiefere Gründe uns nicht vollkommen bewusst sind und das (3) stark genug ist, um uns danach handeln zu lassen. Ein Bauchgefühl zu haben heißt, dass man spürt, was man tun sollte, ohne erklären zu können, warum. Wir wissen mehr, als wir sagen können. Eine Intuition ist weder Laune noch ein sechster Sinn, sondern eine Form unbewusster Intelligenz. Definitionsgemäß kann man die Gründe nicht wissen, erfindet sie aber möglichweise im Nachhinein, wenn man gedrängt wird, welche zu nennen. Intuition ernst zu nehmen heißt, die Tatsache zu akzeptieren, dass sie eine Form von Intelligenz ist, die man nicht artikulieren kann. Fragen Sie nicht nach Gründen, wenn jemand mit guter Erfahrung ein schlechtes Bauchgefühl hat. In Kapitel 2 [1] habe ich die Ansicht vertreten, dass wir in einer ungewissen Welt neben Kalkulation ["Berechnung"] auch Intuition brauchen. Da die meisten Teile unseres Gehirns unbewußt arbeiten, wären wir töricht, wenn wir das dort gespeicherte Wissen außer Acht ließen. Sogar die Großhirnrinde, in der die Flamme des Bewusstseins brennt, ist - wie die älteren Teile unseres Gehirns - gespickt mit unbewussten Prozessen. Trotzdem wird vielfach die Auffassung vertreten, Berechnung sei die einzig mögliche Grundlage für gute Entscheidungen und Intuition nur ein schlechter Ersatz, auf den man am besten verzichten sollte ... Heute wird sie [die Intuition] als unzuverlässige und verdächtige Richtschnur des Handelns belächelt. Statt ihrer intuitiven Erfahrung zu vertrauen, bauen immer mehr Trader [Wertpapierhändler am Finanzmarkt] auf Computerprogramme, zählen Fußballtrainer die Ballkonkontakte ihrer Spieler, stellen Ärzte Maschinen zwischen sich und ihre Patienten. Wie sind wir an diesen Punkt gelangt? Das grundlegende Missverständnis ist die Überzeugung, dass sich alle Probleme durch Logik oder Berechnung [Kalkulation] lösen ließen - dass wir in einer Welt des [bekannten, kalkulierbaren] Risikos und nicht der Ungewissheit leben würden ..." Aus: Gerd Gigerenzer: "Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“ ("Risk Savvy – How to Make Good Decisions" New York: Penguin 2013) Teil II: Risikokompetent werden. Kapitel 6: Führungsstil und Intuition, S.143, [1] Teil I: Die Psychologie des Risikos. Kapitel 2: Gewissheit ist eine Illusion S.30-60, Die Verleumdung der Intuition, S.144, Vom Wesen des Führens S.167, Kapitel 7: Spiel und Spaß S.169, btb Verlag 4.Auflage 2014"

"Intuition schafft Verbindung von unserem rationalen Bewusstsein zu unserem Unterbewusstsein.
Leider bringt man schon unsere Kinder dazu, ihre Intuition zu vergessen. Wir haben gelernt, dass das einzige Wissen, das etwas wert sei, aus der Außenwelt stamme und durch unsere fünf Sinne zu erfahren sei. Schon in der Schule bringt man uns bei, zu denken, nicht zu fühlen und nur das zu schätzen, was mit Vernunft und Verstand verarbeitet werden kann. Auf unseren Universitäten und in der Welt der Wissenschaft gelten nur wissenschaftliche bewiesene Fakten. Alles bezieht sich auf die Materie. Intuition ist eine völlig andere Art von Wissen, es ist die Wahrnehmung jenseits der körperlichen Sinne ... Es handelt sich um einen geistigen Prozess, der Körper, Herz und Seele einbezieht. Die Intuition hat Zugang zu einem viel größeren und tieferen Wissensreservoir. Sie bedient sich der schöpferischen Kräfte des Universums, die in uns und um uns existieren ... Es ist nicht Sache der Intuition etwas zu beweisen. Die Intuition weiß, dass es so ist. Wenn jemand Beweise haben will, dann ist es der Intellekt. Also ist es Sache des Intellekts, zu beweisen." Aus: Martin Weber: „Der Mensch im Gleichgewicht. Gesundheit neu gedacht mit Herz, Logik und Intuition“ Seite 82,83, ENNSTHALER 2.Auflage 2009

Für Carl Gustav Jung (1875-1961), Schweizer Mediziner, Psychologe und Begründer der Analytischen Psychologie, ist die Intuition eine von den vier psychologischen Grundfunktionen - Denken, Fühlen, Empfinden, und Intuition. "Die Wahrnehmung zukünftiger Entwicklungen mit all ihren Optionen und Potentialen
...
Der psychologische Typus bestimmt und begrenzt von Anfang an das Urteilsvermögen jedes Menschen.“

"Um jedoch richtig und schnell genug entscheiden zu können, muss eine Bewertung der Situation vorliegen. Deswegen werden alle Lebenserfahrungen nicht nur abgespeichert [unbewusstes Bewertungssystem, Erfahrungsgedächtnis, Extensionsgedächtnis n. Julius Kuhl], sondern zusätzlich mit einer Wertung versehen. Alles, was wir erleben, bewerten wir mit einem "Gut für mich" oder "Schlecht für mich". Je mehr Erfahrungen ich gesammelt habe, desto mehr kann ich diese Bewertungen nutzen, um sie mit der aktuellen Situation zu vergleichen und daraus eine gute Entscheidung zu treffen. Sind die Vergleiche eher positiv, wird die Maus zur Beute hinrennen, sind sie negativ, wird sie flüchten. Auch wir Menschen bewerten ständig Situationen danach, ob Gefahr drohen könnte oder eine Belohnung zu erwarten ist. Wenn wir beispielsweise einem Menschen bei der Arbeit oder als neuer Nachbar zum ersten Mal begegnen, wird unser Gehirn diese Person anhand von Kleidung, Mimik, Gesten und der Art, wie sie spricht, mit den Vorerfahrungen vergleichen, die wir mit anderen Menschen gemacht haben. Fällt der Vergleich positiv aus, werden wir innerhalb von 300 Millisekunden, also blitzschnell, ein diffuses positives Gefühl gegenüber dieser Person entwickeln - oder eben ein negatives. Auch gemischte Gefühle sind möglich, wenn etwas gleichzeitig Gefahr und eine Belohnung bedeutet. Im Volksmund nennt man diese Gefühle "Bauchgefühle", in der Hirnforschung nennt man sie "somatische Marker" (Soma = Körper). Sie sind eine sehr wichtige Entscheidungshilfe, die uns ermöglicht, schneller und richtige Entscheidungen zu treffen." Aus:
Dr. med. Gunter Frank: „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil III: Die gesellschaftlichen Auswirkungen schlechter Medizin. Kapitel: Das Geschäft mit der Angst: Wie schlechte Medizin uns seelisch krank und manipulierbar macht. Die Macht des Unbewussten. Seite 190f.  KNAUS 5.Auflage 2012

Das unmittelbare Erkennen von Vorgängen oder Zusammenhängen vom Gefühl her.
Intuition ist die Fähigkeit, Einsichten in Sachverhalte, Sichtweisen, Gesetzmäßigkeiten oder die subjektive Stimmigkeit von Entscheidungen durch sich spontan einstellende Eingebungen zu erlangen, die auf unbewusstem Weg zustande gekommen sind.

"Die Hypothese der somatischen Marker geht von folgender Annahme aus: Gefühle markieren bestimmte Aspekte einer Situation oder bestimmte Ergebnisse möglicher Handlungen. Das Gefühl nimmt diese Markierung entweder offen vor, etwa als "Bauchgefühl", als instinktives Empfinden, oder verdeckt mittels Signalen, die unterhalb der Bewusstseinsschwelle empfangen werden. Auch das Wissen, das wir beim Denken verwenden, kann ganz explizit oder partiell verborgen sein, zum Beispiel, wenn wir intuitiv auf eine Lösung kommen. Mit anderen Worten, das Gefühl ist an der Intuition beteiligt, jenem raschen kognitiven Prozess, bei dem wir zu einer bestimmten Lösung gelangen, ohne uns aller beteiligten logischen Schritte bewusst zu sein...Die Qualität der Intuition hängt vom Niveau unseres bisherigen Denkens ab - davon, wie gut wir unsere bisherigen Erfahrungen in Beziehung zu den Gefühlen klassifiziert haben, die ihnen vorausgingen oder nachfolgten, und davon, wie genau wir die Erfolge oder Mißerfolge früherer Intuitionen eingeschätzt haben. Intuition ist einfach rasche Kognition, in deren Vollzug das dafür erforderliche Wissen dank des Gefühls und umfassender früherer Praxis teilweise unterschwellig bleibt." Aus: Antonio R. Damasio (b.1944, portugiesischer Neurowissenschaftler):
“Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn” (Descartes' Error: Emotion, Reason, and the Human Brain, Putnam 1994) Vorwort. Seite V,F LIST 7.Auflage 2012 (2004)

Der weltbekannte österreichische Quantenphysiker Prof. Dr. Anton Zeilinger (b.1945) bemerkt:
"Über meine Intuition habe ich nicht nachgedacht. Die nehme ich einfach hin. Sie ist ein Teil meiner Person. Die Intuition zeigt mir, gibt mir ein Gefühl, in welcher Richtung ich weitermachen soll. Ob das tatsächlich der richtige Weg ist, kann man nie mit Sicherheit wissen. Zumindest hat er mir Glück gebracht, sowohl in der Wissenschaft als auch in meinem persönlichen Leben. Bisher hat alles funktioniert."
Aus: Jakob Bösch (Schweizer Psychiater, PD): „Versöhnen und Heilen: Spiritualität, Wissenschaft und Wirtschaft im Einklang“ Sind wir die Schöpferkraft? Seite 55. AT VERLAG 2008. www.philosophische-praxis.at

"
Nervenzellen des Gehirns, die im eigenen Körper einen bestimmten Vorgang, zum Beispiel eine Handlung oder eine Empfindung, steuern können, zugleich aber auch dann aktiv werden, wenn der gleiche Vorgang bei einer anderen Person nur beobachtet wird, heißen Spiegelnervenzellen bzw. Spiegelneurone [n. Prof. Giacomo Rizzolatti 1992]. Ihre Resonanz setzt spontan, unwillkürlich und ohne Nachdenken ein. Spiegelneurone benutzen das neurobiologische Inventar des Beobachters, um ihn in einer Art inneren Simulation spüren zu lassen, was in anderen, die er beobachtet, vorgeht. Die Spiegelresonanz ist die neurobiologische Basis für spontanes, intuitives Verstehen, die Basis dessen, was als "Theory of Mind" [TOM] bezeichnet wird. Sie ist nicht nur in der Lage, bei der in Beobachterposition befindlichen Person Vorstellungen anzuregen, Gedanken und Gefühle hervorzurufen, sie kann unter bestimmten Voraussetzungen auch den biologischen Körperzustand verändern ... Der gemeinsame Pool von körperbezogenen Handlungsvorstellungen ist die Voraussetzung dafür, dass wir uns gegenseitig intuitiv als Menschen unter Menschen erleben und dass wir unsere Handlungen, Ziele und Empfindungen intuitiv, das heißt vor jedem intellektuell-analytischen Nachdenken, verstehen können. Sobald ein anderer Mensch in unsere Wahrnehmung tritt, spielt er in unserem Gehirn auf dieser Klaviatur." Aus: Joachim Bauer: "Warum ich fühle, was du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone” 2. Die neurobiologische Entdeckung: Was Speigelneurone leisten. Zusammenfassung Seite 55f. 5. Dein Bild in mir, mein Bild in dir: Spiegelung und Identität. Zusammenfassung Seite 94. HEYNE 18.Auflage 2012 (2005)

Intuition steht letztlich hinter aller Kreativität. Der danach einsetzende Intellekt (Verstand) führt nur noch aus bzw. prüft bewusst die Ergebnisse, die aus dem Unbewussten kommen.

"Intuition ist ein gefühltes Wissen, das plötzlich ins Bewusstsein gelangt, dessen tiefere Gründe man selbst nicht kennt und das dennoch stark genug ist, uns zum Handeln zu bewegen
... Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt ... Die Frage ist nicht, ob überhaupt, sondern in welchen Situationen wir uns auf Intuition verlassen sollten ... Bauchentscheidungen ersparen uns nicht nur sehr viel Zeit, sondern führen unter bestimmten Voraussetzungen auch zu besseren Ergebnissen als Entscheidungen, die erst nach langem Abwägen aller zur Verfügung stehenden Informationen getroffen werden. Paradox formuliert, besteht die Lebenskunst in einer Welt der Informationsüberflutung heute demnach darin, intuitiv zu wissen, was sich nicht zu wissen lohnt."
Aus: Gerd Gigerenzer (b.1947,dtsch.Psychologe, Kognitionspsychologe) : „Bauchentscheidungen – Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition“ GOLDMANN 2008 (2007)

"Intuition bedeutet, dass die Weisheit Ihres Unterbewußtseins zu Ihnen spricht; Sie können einen überwältigenden Drang verspüren, etwas zu tun, oder Ihnen kann plötzlich, blitzartig, eine Eingebung kommen. Intuition bedeutet, dass Sie aus Ihrem Inneren unterrichtet werden." Aus: Dr. Joseph Murphy (1898-1981, Amerikanischer Philosoph, Psychologe, Vertreter der Neu-Geist Bewegung, New Thought): „Das I-Ging-Orakel Ihres Unterbewusstseins“ (Secrets of the I Ching 1970) Kapitel 3: Synchronizität: Inneres Erleben und äußere Erfahrung hängen zusammen. Zusammenfassung S.42 Ariston 6.Auflage 1988 (1980)

"
Über die Art und Weise, wie Ihr Gehirn diese Vorgänge (permanent Entscheidungen zu treffen) regelt, hat Antonio Damasio [b.1944, portugiesischer Neurowissenschaftler] geforscht. Und er ist dabei zu überraschenden Ergebnissen gekommen. Zum einen hat er festgestellt, dass an den meisten Entscheidungen, die wir in der Alltagsprache "vernünftig" nennen und von denen wir glauben, dass sie nach dem Spock-Modell ("mit dem Verstand"; Commander Spock aus der Science Fiction-Serie "Raumschiff Enterprise) ohne die Beteiligung von Emotionen zustande kommen, in Wirklichkeit doch Emotionen beteiligt sind. Außerdem hat er herausgefunden, dass nicht nur
Emotionen, sondern auch Körperempfindungen (Wahrnehmungen des eigenen Körpers = somatische Marker = Körpersignale: Diese Vorstellungsbilder/Innere Filme steuern das Vermeidungs-/oder Annäherungsverhalten, "Stop or Go") einen wesentlichen Bestandteil von klugen Entscheidungen darstellen. Ein Kribbeln im Bauch oder ein Zittern im Knie kann unter Umständen mehr Einfluss auf Entscheidungen ausüben als zwanzig Aktenordner mit Fakten. Das "Bauchgefühl", das viele Menschen als Phänomen bei sich selbst zwar bemerkten, aber als Entscheidungsgrundlage nicht ernst nehmen, hat durch die Arbeiten von Damasio seinen offiziellen Eintritt in die Welt der seriösen Wissenschaft gefunden ... Warum funktionieren diese Körpersignale nur nach dem einfachen Schema "Stop!" oder "Go!"? Dies hängt mit der Art und Weise zusammen, wie sich das emotionale Erfahrungsgedächtnis [n. Gerhard Roth, b.1942] im Lauf der Evolution entwickelt hat. Das Gehirn speichert Erfahrungen, um es "seinem" Menschen zu ermöglichen, sich so zu verhalten, dass er ein möglichst großes Ausmaß a) an Überlebensfähigkeit und b) an Wohlbefinden erreichen kann. Die Erfahrungen, die in diesem Wissensspeicher angesammelt werden, wirken sich darum direkt auf das Verhalten aus. Um die gespeicherten Erfahrungen für das Verhalten Ziel gerichtet nutzen zu können, müssen sie bewertet werden: Soll die Botschaft "Stop!" oder "Go!" lauten?... Somatische Marker ("Signalsprache des Selbst") helfen dem Menschen allerdings dabei, die Fülle an Vorstellungsbildern, die angesichts einer anstehenden Entscheidung vom Gehirn erzeugt wird, in einem Auswahlverfahren zu sichten und anhand seiner gesammelten Lebenserfahrung wichtige Vorentscheidungen zu treffen ... Damasios Theorie der somatischen Marker sagt also aus, dass Gefühle und Körperempfindungen keinen Störfaktor für klares Denken darstellen, sondern im Gegenteil ein wesentlicher Bestandteil kluger Entscheidungen sind." Aus: Maja Storch: „Das Geheimnis kluger Entscheidungen: Von Bauchgefühl und Körpersignalen“ Seite 27f, 41f, 43f. Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe, 5. Auflage PIPER 2013 (2011, 2003); Maja Storch, Julius Kuhl (b.1947, Prof. f. Differentielle Psychologie & Persönlichkeitsforschung): „Die Kraft aus dem Selbst. Sieben PsychoGyms für das Unbewusste“ HUBER 2012

Prognose: (Vorwissen, Voraus-Kenntnis, Prophezeiung, Prädiktion, "Spekulation in die Zukunft"
) Die Prognose bezeichnet die Vorhersage eines Ereignisses, Zustands oder einer Entwicklung.

In der Medizin versteht man unter der Prognose die "Aussicht auf Heilung nach der Diagnose einer bestimmten Krankheit".

Die
Unsicherheit der Prognose gilt nach beiden Richtungen:
Nicht nur können "Krankheiten mit infauster (schlechter) Prognose" ausheilen, es können auch "harmlose Leiden" unversehens tödlich enden!

Ein banaler Knochenbruch kann eine tödliche Fettembolie nach sich ziehen und eine kaum beachtete "Grippe" kann in eine schwere Pneumonie mit tödlichem Kreislaufversagen übergehen. Die Medizin umschreibt diesen Tatbestand mit dem Wort Komplikation.

Die Möglichkeit der Komplikation besagt, dass jeder
Prognose nur ein statistisch-empirisch begründeter Wahrscheinlichkeitswert (Überlebens-/ Heilungs- wahrscheinlichkeit) zukommt, nicht aber ein definitiver Urteilswert.

Die Prognose ändert sich mit dem Verlauf einer Erkrankung und ist z. B. von der zur Verfügung stehenden Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten abhängig.

"Über die Zukunft können wir nichts wissen, denn sonst wüssten wir es ja!"

Sir Karl Raimund Popper (1902 in Wien - 1994 in London) österreichischer und britischer Philosoph, Soziologe und Wissenschaftstheoretiker.
Er gilt als Begründer des Kritischen Rationalismus


"Man kann nicht in die Zukunft schauen, aber man kann den Grund für etwas Zukünftiges legen - denn Zukunft kann man bauen."
Antoine Marie Roger Vicomte de Saint-Exupéry (1900-1944) Französischer Schriftsteller und „Postpilot"

"Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen"
Niels Bohr
(1885-1962), dänischer Physiker, 1922 Nobelpreis

Ungewissheit: Ein Ereignis (Krankheit, Krebs, usw.) oder ein Merkmal, das nicht gewiss ist, sondern eintreten oder auch nicht eintreten kann, nennt man ungewiss. Wenn die Ungewissheit auf Grund empirischer Beobachtungen oder kausalen Wissens qualifiziert werden kann, so nennt man sie Risiko.

"Medizinische Untersuchungen und Therapien sind unsicher, und oft auch nicht eindeutig und können Nebenwirkungen haben! Gewissheit ist normalerweise nicht erreichbar! In einer Welt voller Ungewissheiten kann Gewissheit ein gefährliches Ideal sein!"
Harold Bursztajn M.D.
, Associate Clinical Professor of Psychiatry Co-Director, Program in Psychiatry & the Law Harvard Medical School: Buch: “MEDICAL CHOICES, MEDICAL CHANCES; HOW PATIENTS, FAMILIES, AND PHYSICIANS CAN COPE WITH UNCERTAINTY” 1981 (“Medizinische Entscheidungen - Medizinische Chancen. Wie kann man mit Ungewissheit umgehen?) A MERLOYD LAWRENCE BOOK 1981 ISBN: 0-440-05750-7”

Schlechte Medizin: Der Regelbruch wird zum Standard pdf >>>
Irreführung, Schlamperei und Manipulation - Das Märchen von den Risikofaktoren - Framingham: Die Mutter aller Studien
Gunter Frank (b.1963, deutscher Arzt, Buchautor): „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Seite 70 – 103. KNAUS 2012 ► Irreführung, Schlamperei und Manipulation: Weglassen der Vergleichsgruppe - Weglassen der Gesamtbewertung - Aufweichen des Studien-TÜV - Kompletter Ausfall einer Überprüfung - Unterschiede in Titel, Zusammenfassung und Gesamttext einer Studie - Subjektive Datenauswahl – Ersatzparameter - „Der anerkannte Standard in der Forschung“.  Seite 70 – 79. ► Das Märchen von den Risikofaktoren. Seite 79 - 83. ► Framingham: Die Mutter aller Studien. Seite 83 – 103. Meilenstein Cholesterin – Meilenstein Blutdruck – Meilenstein Übergewicht – Meilenstein Bewegungsmangel – Meilenstein ungesunde Ernährung – Meilenstein Rauchen.

Risiko - "Statistische Erkrankungswahrscheinlichkeit", "Ein unerfreuliches Ereignis", "Gefahr", "Wagnis":
Wenn die mit einem Ereignis oder Merkmal verknüpfte Ungewissheit auf Grund empirischer Beobachtungen oder kausalen Wissen bewertet werden kann, so nennt man sie Risiko. Ein Risiko ist die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines negativen Ereignisses. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein positives Ereignis (Losgewinn) eintritt, wird Chance genannt. Häufigkeiten und Wahrscheinlichkeiten können Risiken und Chancen ausdrücken.

"Die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung ergibt sich aus der statistischen Betrachtung großer Bevölkerungsgruppen, in denen ein Teil der Individuen erkrankt ist. Je nachdem wie stark die Erkrankungsraten mit einem bestimmten Faktor - etwa den Rauchgewohnheiten - korrelieren (in Beziehung gesetzt werden), wird das von ihm ausgehende Risiko eingestuft. Die errechneten Wahrscheinlichkeiten sind jedoch keine wirklichen Vorhersagen, sondern bloß statistische Beschreibungen der speziell untersuchten Gruppe. Die einzige sichere Vorhersage ist also, dass in anderen, aber genau gleich zusammengesetzten Gruppen annähernd die gleichen Korrelationen und Wahrscheinlichkeiten herauskämen." Prof. H. Frederik Nijhout (Biologe, Duke Uni in Durham North Carolina, USA) "Metaphors and the Role of Genes and Development 1990; "Der Kontext macht's" Genetik Spektrum d. Wissenschaft April 2005)

Anders als im alltäglichen Sprachgebrauch muss hier der Begriff „Risiko“ nicht mit schädlichen Einwirkungen oder Konsequenzen verknüpft sein, sondern er kann sich gleichermaßen auf ein positives, ein neutrales oder ein negatives Ereignis oder Merkmal beziehen.

In der Fachsprache der Wissenschaftler bedeutet Risikofaktor lediglich, dass zwischen zwei Parametern, zum Beispiel Plasmacholesterin und kardiovaskulärer Erkrankung, ein statistischer Zusammenhang besteht. Risikofaktor heißt aber nicht, dass das "Cholesterin" auch die Ursache des Herzinfarktes ist.

"Der Kampf gegen das Cholesterin, gleicht dem Versuch, durch Beseitigung eines Zeugen ein Verbrechen verhindern zu wollen"
Uffe Ravnskov [MD, PhD (b.1934), Lund / Schweden, www.ravnskov.nu]: “The Cholesterol Myths - Exposing the Fallacy that saturated Fat and Cholesterol cause Heart Disease“
New Trends Publishing 2000, "Mythos Cholesterin - Die zehn größten Irrtümer" HIRZEL 3.Auflage 2005 ISBN 3-7776-1247-2, herausgegeben von Udo Pollmer)

"Die moderne Labormedizin arbeitet häufig mit dem Begriff des "Surrogatparameters" [Ersatzparameter/-marker; anstatt mit einer patientenrelevanten Endpunktbestimmung: z.B.: weniger Herzinfarkte, weniger Schlaganfälle, längere Lebenserwartung, bessere Lebensqualität, Schmerzfreiheit, Zunahme der Beweglichkeit usw.]. Darunter versteht man - vereinfacht dargestellt - einen Wert, der eine zuverlässige Auskunft darüber gibt, welcher Effekt einer medikamentösen Maßnahme auf die Lebensdauer des behandelten Patienten zu erwarten ist. Im Fall einer Herzerkrankung heißt der Surrogatwert LDL- [Low Density Lipoprotein] Cholesterin. Und die Aussage, die wir erwarten können wollen, lautet: Ein gesenkter LDL-Wert [< 100mg/dl] bei einem Patienten, der einen Herzinfarkt erlitten hat, bedeutet, dass der Patient länger leben wird, als ohne diese Maßnahme. Vereinfacht gesagt setzt man also die Höhe des im Blut des Patienten gemessenen LDL-Cholesterins mit dem Erfolg einer medikamentösen Behandlung gleich. Nun gibt es tatsächlich eine Reihe von Untersuchungen, die belegen, dass unter dem Einfluss von gewissen pharmakologischen Substanzen, den so genannten Statinen, gesenkte LDL-Werte im Blut erzielt werden können. Dieser Effekt führt, vereinfacht ausgedrückt, zu einer Durchmesser-zunahme der Blutgefäße und dadurch zu einem längeren Überleben von Herzinfarktpatienten. Gleichzeitig gibt es aber auch andere Medikamente, die zwar ebenso das messbare LDL im Blut senken, den eigentliche gewünschten Effekt, die Lebenserwartung von Infarktpatienten zu erhöhen, aber nicht erreichen. Das heißt: Diese Medikamente [1] sind in der Theorie erfolgreich, weil sie den Surrogatwert LDL positiv beeinflussen, versagen aber in der Realität bei ihrer eigentlichen Aufgabe, das Überleben zu verlängern. Die pharmakologische Substanz, von der hier die Rede ist, wird seit mehr als zehn Jahren zur Senkung des LDL-Cholesterins verwendet und hat seit der Zulassung allein in Deutschland einen jährlichen Umsatz von 220 Millionen Euro erwirtschaftet. Anders gesagt: Alleine im Bereich von Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten werden in Deutschland jährlich Medikamente im Wert von mindestens 220 Millionen Euro ohne jeden erwiesenen Nutzen für den Patienten verordnet. Einzig und allein der Nutzen für die Pharmaindustrie ist erwiesen." Aus: Günther Loewit (b.1958, Österr. Arzt): „Wie viel Medizin überlebt der Mensch?“ Kapitel: Das Notwendige und das Mögliche. Herzinfarkt und sprudelnde Kassen Seite 203f. HAYMON 2.Auflage 2013 www.guenther-loewit.at

[1] CHOLESTERINSENKER EZETIMIB (EZETROL): Die seit 1994 publizierten Langzeitinterventionsstudien mit CSE-Hemmern haben nicht nur den lebensverlängernden Nutzen von Pravastatin (MEVALOTIN, PRAVASIN) und Simvastatin (DENAN, ZOCOR) nachgewiesen. Die Studien haben auch eine Klärung der Indikationen und Ziele einer cholesterinsenkenden Therapie gebracht. In der Primärprävention stellt der isolierte Risikofaktor einer Hypercholesterinämie - abgesehen von den seltenen familiären Formen - keine begründete Indikation für ein Statin mehr dar. In der Sekundärprävention bei symptomatischer Atherosklerose profitieren andererseits nicht nur Patienten mit erhöhten Cholesterinwerten, sondern auch diejenigen mit Werten im unteren Normbereich. Ein optimaler LDL-Zielwert kann anhand der vorliegenden Daten nicht definiert werden. Der klinische Nutzen einer Statinbehandlung scheint nach den Daten der Heart Protection Study [Lancet 2002] sogar unabhängig von der LDL-senkenden Wirksamkeit zustande zu kommen. Die Erfahrung mit dem Me-Too-Präparat [Analogpräparat, Nachahmerprodukt] Cerivastatin (LIPOBAY, ZENAS), das wegen lebensbedrohlicher Schadwirkungen aus dem Handel gezogen werden musste (a-t 2001; 32: 36, 2001; 32: 88-9), bekräftigt darüber hinaus den Grundsatz, nur diejenigen Mittel präventiv zu verwenden, die in Langzeitstudien mit positiven Ergebnissen geprüft worden sind. Vor diesem Hintergrund ist es nicht nachzuvollziehen, dass der Cholesterinsenker Ezetimib (EZETROL) auf der Basis von Surrogatparametern ohne Einschränkungen für sämtliche Formen der Hypercholesterinämie zugelassen wird. Der Wirkmechanismus des Mittels unterscheidet sich von denen der bisher verfügbaren Stoffklassen. Ezetimib hemmt die Absorption des Cholesterins aus dem Darm, d.h. die Aufnahme des Nahrungscholesterins und des Cholesterins aus dem enterohepatischen Kreislauf. Der Effekt geht offenbar mit einer Zunahme der endogenen Cholesterinsynthese einher ..." Quelle: www.arznei-telegramm.de/html/2002_11/0211110_01.html

"Der Arzneimittelexperte Prof. Peter Sawicki [b.1957, Internist, Diabetologe], ehemals Leiter des Kölner Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), hat die Studien zum Cholesterin überprüft. Er meint: "Der Effekt der Cholesterinsenkung ist so gut untersucht wie kaum etwas in der Medizin. Man kann sagen, dass gesunde Menschen bezüglich einer Lebensverlängerung nicht davon profitieren. Man kann aber auch sagen, dass Menschen, die einen Herzinfarkt schon hatten oder die eine Herzkranz-gefäßerkrankung haben, schon einen Nutzen davon haben; sie leben länger. Es sind aber nicht so viele. Es müssen hundert Menschen behandelt werden, damit 2 länger leben [NNT]. Nur ist auch nicht belegt, dass diese Menschen tatsächlich durch Cholesterinsenkung ihr Leben verlängern. Vielmehr gibt es Anhaltspunkte dafür, dass die Statine, also die Präparate, die das Cholesterin senken, auch an anderen Stellen des Stoffwechsels wirken [pleiotrope Effekte]. Und es könnte gut sein, dass das Cholesterin gar nichts damit zu tun hat." Sein Fazit: "Man hat früher gedacht, das Cholesterin wäre der Hauptbösewicht beim Herzinfarkt. Diese Meinung mussten wir in den letzten Jahren revidieren. Es ist nicht so." Offenbar spielt das Cholesterin im Essen auch gar nicht die wesentliche Rolle: "Es ist nicht belegt, dass die Menge des Cholesterins, die wir mit der Nahrung zu uns nehmen, tatsächlich ursächlich verantwortlich ist für Erkrankungen. Das meiste Cholesterin wird ja in der Leber hergestellt. Und dies bedeutet, dass der Körper Mechanismen besitzt, um sich vor einem Cholesterinmangel zu schützen, weil Cholesterin ja ein wesentlicher und wichtiger Bestandteil unseres Körpers ist." Cholesterin wird zur Stabilisierung der Zellwand gebraucht und zur Produktion von Hormonen [Sexual-/Nebennierenrinden Hormone], auch bei der Produktion von Vitamin D. Wenn er zu wenig Cholesterin hat, kann der Körper weniger Vitamin D produzieren. Manche Organe enthalten viel Cholesterin, das Herz besteht zu 10% daraus, das Gehirn zu 20%, die Nebennieren bis zu 50%. Der Körper achtet daher sorgfältig und wirksam auf seine Cholesterinwerte. Warum also gegen den Körper kämpfen? Der Heidelberger Arzt und Autor Gunter Frank ("Lizenz zum Essen") sagt: "Es geht wieder einmal um sehr viel Geld. Der weltweite Umsatz mit Diät-, Margarine- und Fettersatzproduktion ist gigantisch, und medikamentöse Cholesterin-senker sind die umsatzstärksten Medikamente der Welt." Aus: Hans Ulrich Grimm: „Vom Verzehr wird abgeraten. Wie uns die Industrie mit Gesundheitsnahrung krank macht“ DROEMER 2012Seite 192f

Wenn zum Beispiel nur Zigarettenrauchen als einziger Risikofaktor zur Wirkung kommt, wirkt sich das (statistisch gesehen) auf die Lebenserwartung kaum negativ aus. Kommen aber zum Rauchen noch andere Risikofaktoren - Synergetik / Synergismus - wie eine Vorschädigung der Lunge durch eine chronische Bronchitis, eine erbliche Vorbelastung und eine bestimmte Art von Stress hinzu, steigt das Risiko, frühzeitig an Krebs zu erkranken, um ein Vielfaches an.
Ronald Grossarth Maticek (1980): Synergetic effects of cigarette smoking, systolic blood pressure, and psycosocial risk factors for lung cancer and coronary heart disease. Psychotherapy and Psychosomatics 34:267-272

NNH - Number Needed to Harm - Anzahl die benötigt wird um Schaden hervorzurufen
Diese Zahl gibt an, wie viele Personen durchschnittlich behandelt werden müssen, bis ein Nebenwirkungsereignis (Schaden) auftritt.

Die NNH sollte stets in Relation zur Number Needed to Treat (NNT) gesetzt werden.

Die NNT sollte deutlich kleiner als die NNH sein, und vor jeder Bewertung einer Substanz (Medikament) wäre eine Abwägung zwischen diesen beiden Parametern notwendig.

Wird durch eine Prophylaxe 1 Todesfall verhindert, wird eine höhere NNT in Kauf genommen als zur Beseitigung reiner Befindlichkeitsstörungen.

NNT - Number Needed to Treat
- Anzahl der notwendigen Behandlungen
Die NNT ist eine statistische Kennzahl, die angibt, wie viele Patienten mit einer bestimmten Krankheit über einen bestimmten Zeitraum (z.B. 1Jahr) behandelt werden müssen, um bei einem Patienten ein Krankheitsereignis/Tod zu verhindern.
- Maß für die Wirksamkeit einer Therapie.

Ein Beispiel: Wenn durch 2-jähriges Mammographie-Screening (ab 49.Lj) das Leben 1 von 1.000 teilnehmenden Frauen gerettet wird, so ist die NNT gleich 1.000. Anders ausgedrückt: Die übrigen 999 Frauen haben keinen Nutzen im Sinne einer Sterblichkeitsminderung

Man kann aber auch eine NNT angeben, wenn man
das Risiko einer Behandlung bemessen will.


Ein Beispiel:
Wenn bei 1 von 7.000 Frauen, die die Antibabypille als Verhütung nehmen, eine Thrombembolie auftritt,
dann ist die NNT bei Pille und Thrombembolie gleich 7.000. Anders ausgedrückt: Bei 6.999 Frauen liegt diese Nebenwirkung nicht vor.


Die NNT berechnet sich aus 100 dividiert durch die
absolute Risikoreduktion (ARR in %), d.h. also, wenn z.B. das Risiko von 2,6 % auf 2,3 % reduziert wird, dann beträgt die Absolute Risikoreduktion 0,3 % und es müssen 333 Patienten behandelt werden, um 1 Ereignis im Beobachtungszeitraum zu verhindern.

ARR - Absolute Risikoreduktion: Ein Maß für die Wirksamkeit einer Therapie/Behandlung oder eines Verhaltens, wobei der absolute Anteil der Personen angegeben wird, die durch diese Therapie oder dieses Verhalten geheilt oder gerettet werden.

Wenn z.B. eine Therapie die Todesfälle durch die betreffende Krankheit von 6 auf 4 von jeweils 1.000 Patienten vermindert, so beträgt die absolute Risikoreduktion (ARR) 2 von 1.000 bzw. 0,2%.

"So gibt es eine Veröffentlichung aus der Nurses Health Study, in der es heißt, gesättigte Fette würden das Herzinfarktrisiko erhöhen [1]. In dem eingangs erwähnten Buch "Fit mit Fett" [2] wird darauf Bezug genommen. Darin steht: Wenn "nur 5% der aufgenommenen gesättigten Fettkalorien ... ausgetauscht wurden gegen gesunde, ungesättigte Fette ... dann gingen die Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 40% zurück" [2]. Das hört sich gut an, ist aber falsch ... In der Originalarbeit [1] wurde lediglich eine theoretische Berechnung zu der Frage angestellt, was wohl durch eine Ernährungsumstellung erreicht werden könnte. Ob dieser Effekt tatsächlich eintritt, weiß kein Mensch ... Doch damit nicht genug: Diese Berechnung einer theoretisch möglichen Risikoänderung beruhte auf einem Studienergebnis, das - wie die Statistiker sagen - nicht signifikant war. Was bedeutet das? Ein nicht signifikantes Ergebnis kann wahr sein, es kann auch auf Zufall beruhen. Jedenfalls müsste es in weiteren Studien bestätigt werden, bevor man Ernährungsempfehlungen daraus ableiten darf. Ein weiterer Fallstrick ist der in Aussicht gestellte Gesundheitsvorteil. Das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung sollte in unserem Beispiel ja um grandiose 40% zurückgehen, falls ein Teil der Fette ausgetauscht würde ... Wie wichtig die Unterscheidung zwischen beiden Risikoformen [absolutes- / relatives Risiko] ist, möge das folgende, stark vereinfachte Beispiel zeigen: Nehmen wir an, dass 2000 Personen an einer kontrollierten Studie teilnehmen, um die Wirksamkeit eines Medikaments gegen eine schwere Krankheit zu testen. 1000 Personen nehmen das Medikament ein, die anderen 1000 ein Scheinmedikament ohne Wirkstoff (Placebo). Nach einem Jahr sind in der Placebogruppe zwei Teilnehmer an der Krankheit gestorben, in der Medikamentengruppe einer. Das relative Risiko ist in diesem Beispiel um stolze 50% gesunken, denn im Vergleich zur Placebogruppe gab es in der Medikamentengruppe nur halb so siele Todesfälle. Das absolute Risiko eines einzelnen Studienteilnehmers sinkt dagegen nur um 0,1%, nämlich von 0,2% (2 von 1000) auf 0,1% (1von 1000). Das heißt auch: Die Wahrscheinlichkeit, binnen eines Jahres nicht an dieser Krankheit zu sterben, beträgt mit Medikament 99,9% und ohne Medikament 99,8%. Was heißt das für die oben genannten Zahlen [40%] aus der Nurses Health Study?" Das angeblich um 40% verringerte Infarktrisiko ist natürlich ebenfalls ein relatives Risiko. Das absolute Risiko vor und nach dem hypothetischen "Ölwechsel" muss bei etwa bei einem halben Prozent [0,5%] liegen."Aus: Ulrike Gonder: „Fett!: Unterhaltsames und Informatives über fette Lügen und mehrfach ungesättigte Versprechungen“ Fette Lügen - Fallstricke  - Relativ gut und absolut daneben. Seite 11,12. 4.aktualisierte Auflage HIRZEL 2009 (2004). [1] Hu Frank B. et al: „Dietary fat intake and the risk of coronary heart disease in women“. New England Journal of Medicine 337:: 1491–1499. 1997. [2] Ulrich Strunz, Andreas Jopp: "Fitt mit Fett" Heyne, München 2002

ABSOLUTE ZAHLEN SAGEN MEHR - In Gesundheitsinformationen finden Sie häufig Angaben wie die folgenden:

♥ "Durch eine gesunde Lebensweise kann das Herzinfarktrisiko um 81% gesenkt werden (1)" [leider eine irrefürhende rel% Angabe!]

♥ "Brustkrebs-Früherkennung mithilfe der Mammografie-Reihenuntersuchung reduziert das Risiko, an Brustkrebs zu sterben, um 20% (2). [ebenfalls eine irreführende rel% Angabe!]


Meist bleibt unklar, worauf sich diese Prozentangabe beziehen?
Wie viele Frauen werden durch das Mammografie-Screening gerettet?
Wie viele Frauen und Männer können durch eine gesunde Lebensweise einen Herzinfarkt verhindern?

Erst wenn Sie solche absoluten Zahlen kennen, können sie einschätzen, wie stark das Risiko einer Erkrankung tatsächlich sinkt.

Mit [rel.%-] Prozentangaben wirken Nutzen und Risiko oft viel größer, als sie tatsächlich sind.
Suchen Sie daher nach Informationen, die Ihnen absolute Zahlen nennen.

Die folgenden Beispiele zeigen Ihnen, warum.

Beispiel: Absolute Zahlen - Bevölkerungsweite Reihenuntersuchung zur Früherkennung von Brustkrebs - Mammografie-SecreeningbrAus mehreren großen Studien (2) ist folgendes bekannt:

♥ Von 1.000 Frauen im Alter von 50 bis 59 Jahren, die 10 Jahre lang nicht am Mammografie-Secreening teilgenommen haben, sterben 7 an Brustkrebs.

♥ Von 1.000 Frauen, die 10 Jahre lang am Mammografie-Screening teilgenommen haben, sterben 6 an Brustkrebs.

♥ Das Mammografie-Screening verringert also die Todesfälle für Brustkrebs von 7 auf 6 Frauen pro 1.000 Frauen
..

Man kann auch sagen: Das Risiko sinkt um [rel.] 14%. (Diese Angabe nennt man die relative Risikoreduktion.) Denn einer von sieben Todesfällen entspricht rund 14%.
Der Effekt des Screenings bezieht sich jedoch auf jeweils 1.000 Frauen.

Mit anderen Worten: Das Mammografie-Screening verhindert einen Todesfall pro 1.000 Frauen.
Das sind 0,1%. (Diese Angabe nennt man die absolute Risikoreduktion.)

Beide Angaben beschreiben den gleichen Sachverhalt. Sie wirken jedoch völlig unterschiedlich.

Der höhere Zahlenwert von [rel.] 14% legt einen größeren Nutzen nahe, als wenn man sagt: "1 von je 1.000 Frauen wird gerettet."
"

Aus: SV Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger: "Kompetent als Patientin und Patient. Gut informiert entscheiden" Seite 24. Wien 2013. www.hauptverband.at/kompetentalspatient
(1) Langemak, Shari (2007), Wie gesunder Lebensstil vor Krankheiten schützt, in Die Welt, 11.08.2009, www.welt.de/welt_print/wissen/article4297107/Wie-gesunder-Lebensstil-vor-Krankheiten-schuetzt.html
(2) Fitzpatrick-Lewis, Donna u.a (2011), Breast Cancer Screening. Hamilton, Ontario, Canada: McMaster University, Canadian Task Force, http://canadiantaskforce.ca/wp-content/uploads/2012/09/Systematic-review.pdf


RRR - Relative Risikoreduktion
: Ein Maß für die Wirksamkeit einer Therapie/Behandlung.
Es wird dabei der relative Anteil der Patienten, ohne Bezug zur Gesamtmenge (Zahl der Studienteilnehmer) angegeben, die durch diese Therapie gerettet werden können.

Wenn z.B. eine Therapie die Todesfälle durch die betreffende Krankheit von 6 auf 4 von jeweils 1.000 Patienten vermindert, dann beträgt die relative Risikoreduktion (RRR) 2 von 6 bzw. 33,3%.

"Die relative Risikoreduktion (RRR) wird häufig angegeben, weil ihr Zahlenwert größer ist als der der absoluten Risikoreduktion (ARR). Bei der Angabe relativer Werte bleibt unklar, wie groß das Risiko wirklich ist; das führt oft zu falschen Interpretationen oder zu Missverständnissen. Wenn beispielsweise eine Therapie die Anzahl der Todesfälle von 6 auf 4 von 10.000 (anstatt von 1.000) senkt, dann ist die relative Risikoreduktion (RRR) mit 33,3% dieselbe, obwohl die absolute Risikoreduktion (ARR) jetzt nur noch 0,02% beträgt."
Gerd Gigerenzer: „Das Einmaleins der Skepsis - Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken“ Berlin Taschenbuch 2004

"Ein einfaches Beispiel macht das Problem - Missbrauch des relativen Risikos - deutlich. Wenn sie sich anstelle eines Loses für die Fernsehlotterie 2 Lose kaufen, verdoppeln Sie Ihr relatives Risiko, den Jackpot zu knacken, doch Ihr absolutes Risiko bleibt unverändert bei annähernd Null. Durch den Bezug auf das relative Risiko kann man also behaupten, eine Therapie verdopple die Heilungschancen, obwohl sie in Wahrheit völlig nutzlos ist. Deshalb muss man mit dem Begriff des relativen Risikos in der Medizin sehr vorsichtig umgehen, ganz besonders die Wissenschaftsberichterstattung der Medien. Sie sollte auf Behauptungen, die mit Veränderungen des relativen Risikos begründet werden, ganz verzichten und nur mit absoluten Zahlen argumentieren. Kein anderer Begriff wird so schnell fehl gedeutet wie der des relativen Risikos." Aus:
Dr. med. Gunter Frank (b.1963, deutscher Arzt, Buchautor): „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil I: Schlechte Medizin in der täglichen Behandlung. Kapitel: Millionenfache Fehlbehandlungen: Alltag in deutschen Arztpraxen und Krankenhäusern. Der Missbrauch des relativen Risikos. p 33. KNAUS 5.Auflage 2012

"
Der Trick mit dem Relativen Risiko [Täuschungsmanöver]: Wenn man etwa eine Gruppe von 3.000 jungen Frauen täglich eine Stunde joggen lässt, und es erkranken innerhalb eines Jahres zwei von ihnen an Brustkrebs, während in der gleich großen Vergleichsgruppe ohne Sport drei Fälle auftreten, dann hat der Sport das relative Brustkrebsrisiko rein rechnerisch um 33 % gesenkt. Das ist für den einen Menschen, der vom Krebs verschont wird, durchaus relevant, der Effekt für die gesamte Gruppe hält sich allerdings in Grenzen, denn er liegt in absoluten Zahlen nur bei 0,33 Promille. Stirbt aber eine Frau durch die sportlichen Aktivitäten am plötzlichen Herztod, holen sich drei andere einen Kreuzbandriss und ein weiteres Dutzend erleidet die typischen Ermüdungsbrüche, von denen sich anschließend eine Patientin durch den Gips eine Unterschenkelthrombose mit Lungenembolie und Todesfolge einhandelt, dann sieht die Gesamtbilanz sogar negativ aus. Trotzdem kann man immer noch zu Recht behaupten, dass Sport gesund sei, weil er die Brustkrebsrate (Angst!) um ein Drittel [rel. %!] gesenkt habe."
Aus: Udo Pollmer, Susanne Warmuth, Gunter Frank: „Lexikon der Fitness-Irrtümer: Missverständnisse, Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten von Aerobic bis Zerrung“ Trau, schau, wem - ein Blick in die Trickkiste. Seite 151f. PIPER 2003

"Kleine Unterschiede - große Fehlerwirkung ... Ich erlebe es häufig, dass Ärzte, Hochschulmediziner und auch Fachjournalisten partout [unbedingt] den Unterschied zwischen absoluten und relativen Zahlen nicht verstehen wollen und sich auch nicht die Mühe machen, das Kleingedruckte in Studien zu lesen. Als Folge lassen sie sich von irreführenden Prozentangaben allzu leicht blenden. Deshalbt sollte die Darstellung von Studienergebnissen in relativen Zahlen grundsätzlich vermieden werden. Und Medizinjournalisten sollten die Ersten sein, die diesen alten Verkaufstrick bloßstellen. Erst absolute Zahlen zeigen, ob eine medizinische Behandlungsmethode einen nennenswerten Nutzen besitzt oder nicht ..." Aus: Dr. med. Gunter Frank: "Gebrauchsanweisung für ihren Arzt - Was Patienten wissen müssen" II. Faktencheck. Wie Sie den allgemeinen Nutzen einer medizinischen Empfehlung überprüfen können. Checkliste, Teil 2: Fragen zur Qualität der erhaltenen Antworten. Punkt 7: Werden die Studienergebnisse in relativen oder absoluten Zahlen wiedergegeben? Kleine Unterschiede - große Fehlerwirkung. Seite 69f. 2. Auflage KNAUS 2014

Die Fitness-Empfehlungen sind wissenschaftlich gesichert - Trau, schau, wem - ein Blick in die Trickkiste
pdf >>>
Aus: Udo Pollmer, Susanne Warmuth, Gunter Frank: „Lexikon der Fitness-Irrtümer: Missverständnisse,Check
Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten von Aerobic bis Zerrung“ Seite 148 - 158 PIPER 2003


Bullshit:
= Mist, Scheiß, Phrasendrescherei, Geschwätz, Gefasel, Geschwafel, Blödsinn, Unsinn reden, Humbug, Schwindel, Täuschung, Mogelei, Bluff.

Der Begriff „Bullshit“ stammt vom amerikanischen Philosophen Harry Gordon Frankfurt (b.1929) – Prof. em. für Philosophie an der Princeton Universität in New Jersey (USA). Buch: „Bullshit“
SUHRKAMP 2006  [On Bullshit 2005 (1986)]. Seine Arbeitsgebiete umfassen Ethik, Philosophie des Geistes, Handlungstheorie und die Philosophie des 17. Jahrhunderts.
Sein gewählter Buchtitel klingt unappetitlich und wirkt provokativ.


Das Werk soll jedoch eine eindringliche Anleitung zum bewussten und verantwortlichen Umgang mit unserer menschlichen Sprache sein.

„Gerade in dieser fehlenden Verbindung zur Wahrheit – in dieser Gleichgültigkeit (Indifferenz)
gegenüber der Frage, wie die Dinge wirklich sind – liegt meines Erachtens das Wesen des Bullshits
."

Warum gibt es soviel Bullshit?
„Bullshit ist immer dann unvermeidbar, wenn die Umstände Menschen dazu zwingen, über Dinge zu reden, von denen sie nichts verstehen. Die Produktion von Bullshit wird also dann angeregt, wenn ein Mensch in die Lage gerät oder gar verpflichtet ist, über ein Thema zu sprechen, das seinen Wissensstand hinsichtlich der für das Thema relevanten Tatsachen übersteigt.“

„Die gegenwärtige Verbreitung von Bullshit hat ihre tieferen Ursachen auch in diversen Formen eines Skeptizismus, der uns die Möglichkeit eines zuverlässigen Zugangs zur objektiven Realität abspricht und behauptet, wir könnten letztlich gar nicht erkennen, wie die Dinge wirklich sind.“

"Es ist ungleich einfacher, Bullshit zu erzählen, als sich in mühseliger Kleinarbeit um die Quellen und Belege seiner Behauptungen zu kümmern. Umso schneller lässt sich Bullshit heute über die weltweiten medialen Kommunikationsmöglichkeiten verbreiten, bis keiner mehr weiß, was davon noch der Wahrheit entspricht. Und weil es so mühsam ist, das Wahre herauszufiltern, interessieren sich schließlich immer weniger Menschen dafür. Genau so erlebe ich den gesundheitlichen Medienzirkus. Die einzige echte Epidemie, die das Gesundheitswesen überrollt, ist der aktuelle Bullshit-Tsunami. Man kann heute alles schreiben und mit allem begründen ... Das jemand Bullshit verbreitet, merken Sie daran dass
der Vortragende unrealistische Erfolge propagiert, für die er schon längst den Nobelpreis hätte bekommen müssen. jemand so argumentiert: "Eine Studie in Amerika hat gezeigt ... ", ohne dass er in der Lage ist, Autor [Quelle] und genauen Inhalt zu nennen. jemand mit genau solchen exakten Aussagen konfrontiert wird und dann behauptet, Studien seien ja nicht wichtig. als Beweis ein Prominenter präsentiert wird, der mit der Methode wunderbar gesund und schlank geworden ist. auf berechtigte Fragen ausweichend reagiert wird und man sich auf höhere Werte beruft oder Argumente nennt, die zwar interessant sind, mit der Frage aber nichts zu tun haben. Wenn auch nur einer der Punkte erfüllt ist, dann wissen Sie: Vorsicht, akute Bullshit-Gefahr!" Aus:
Dr. med. Gunter Frank: „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil III: Die gesellschaftlichen Auswirkungen schlechter Medizin. Kapitel: Das Geschäft mit der Angst: Wie schlechte Medizin uns seelisch krank und manipulierbar macht. Bullshit: Wie Patienten verschaukelt werden. Seite 205f, 207f. KNAUS 5.Auflage 2012

Zur Vermeidung von Bullshit
ist also nicht nur die Unterscheidung zwischen dem, was wahr ist, und dem, was falsch ist, aufrecht zu halten, sondern auch darauf zu achten, dass sprachliche Handlungen und Aussagen nicht gleichgültig (indifferent) sind gegenüber der Wahrheit, d.h. „gegenüber der Frage, wie die Dinge wirklich sind.“

Im Gegensatz zum Lügner, der absichtlich unwahre Behauptungen aufstellt und die Wahrheit daher auch kennen muss, interessiert sich der "Bullshitter" gar nicht für die Wahrheit, denn da es ihm nur um leeres Getue geht, hat er für sie keinerlei Verwendung. Somit ist der Bullshit für die Wahrheit eine noch größere Gefahr als die Lüge.

Dr. med. Gunter Frank schreibt in seinem Buch "Gebrauchsanweisung für Ihren Arzt - Was Patienten wissen müssen" zum Thema "Wie Sie die Qualität der Information [einer medizinischen Empfehlung] beurteilen können" Folgendes: "Will man mit wissenschaftlichen Studien die Zukunft vorhersagen, stößt man auf ein Problem: den ZUFALL. Die Natur ist so unglaublich vielfältig, dass es niemals gelingen wird, alle möglichen Varianten in einer wissenschaftlichen Berechnung zu berücksichtigen. Und so kommt es vor, dass Studienergebnisse Sachverhalte zu belegen scheinen, die in Wirklichkeit gar nicht zutreffen. Diese Abweichungen von der Wirklichkeit nennt man "statistische Fehler" , und die zufälligen Fehlermöglichkeiten kommen natürlich auch in medizinischen Studien zum Tragen ... Zwei Hauptfehler [1. Fehler = falsch positives Ergebnis; 2. Fehler = falsch negatives Ergebnis; siehe unten] müssen in einer guten Studie so weit wie möglich ausgeschlossen werden ... Der Zufall schien lange ein übermächtiger Gegner der Wissenschaft zu sein. Aber ein 18-Jähriger konnte dieses knifflige Problem lösen. Der deutsche Mathematiker Johann Carl Friedrich Gauß (1777-1855) hatte in jungen Jahren die entscheidende Idee. Man kann Ergebnisse zwar nicht exakt vorhersagen, aber man kann die Wahrscheinlichkeiten berechnen, mit der sie eintreffen. Gauß schuf damals die Grundlagen für die mathematische Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung, mit der man Risiken und Chancen in Prozenten ausrechnen kann. Begriffe wie "Gauß'sche Glockenkurve", "Standardabweichung" und "Stichprobe" sind heute in der Wissenschaft gang und gäbe. Zwar kann man auch mit Statistik und Wahr-scheinlichkeitsrechnung keine 100-prozentige Treffsicherheit erreichen, ein Restrisiko, falsch zu liegen, bleibt (prinzipiell) immer bestehen ... In medizinischen Studien werden die Ergebnisse von besonders vielen schwer zu berechnenden Faktoren beeinflusst. Studienteilnehmer sind keine identischen Würfel, sondern unterscheiden sich in vielfältiger Weise. Genetik, Lebensumstände, die Situation in Familie oder Beruf oder noch unbekannte Wechselwirkungen - alles Mögliche kann die Testergebnisse eine Studie beeinflussen. Weil es unmöglich ist, sämtliche Einflussfaktoren zu erfassen (und Studien dann auch schlicht nicht mehr durchführbar wären), hat man sich auf einen Kompromiss geeinigt. Eine medizinische Studie gilt dann als gut, wenn sie den Fehler erster Ordnung zu 95 und den Fehler zweiter Ordnung zu 80 Prozent ausschließt. Das bedeutet, das positive Ergebnis [Trefferquote/Sensitivität] einer Studie läßt sich auf 95 Prozent der Gesamtbevölkerung übertragen, und das negative Ergebnis [Spezifität] auf 80 Prozent ..." Aus: Dr. med. Gunter Frank: "Gebrauchsanweisung für ihren Arzt - Was Patienten wissen müssen" II. Faktencheck. Wie Sie den allgemeinen Nutzen einer medizinischen Empfehlung überprüfen können. Wie Sie die Qualität der Information beurteilen können. Seite58-62. 2. Auflage KNAUS 2014

Sensitivität
(Trefferquote)
: wörtlich: „Empfindlichkeit“
„Die tatsächlich Kranken“

Die Sensitivität eines Tests auf eine Krankheit ist der Anteil der positiv getesteten Personen von allen getesteten Personen, die die betreffende Krankheit auch tatsächlich haben.

Die Sensitivität ist also gleich der bedingten Wahrscheinlichkeit
p(positiv/krank)
eines positiven Testergebnisses, wenn die Krankheit vorliegt.

Sensitivität und Falsch negativ Rate addieren sich zu 100 %.

Falsch-negativ-Rate:
Ist der Anteil negativer Testergebnisse bei Menschen mit betreffender Krankheit oder Merkmal. (Fehler 2.Art, siehe unten)

Der Test fällt negativ aus, obwohl das überprüfte Merkmal (Infektion, Schwangerschaft, Krebs, AIDS usw.) tatsächlich vorliegt!

Beim Mammographie-Screening liegt die Falsch negativ Rate beispielsweise zwischen 5 und 20 %, je nach dem Alter (49.-69.LJ.) der untersuchten Frauen. Das bedeutet, bei 5 bis 20 % der untersuchten Frauen mit Brustkrebs ist das Testergebnis negativ, d.h.: das Karzinom wird übersehen.

Siehe auch unter: www.mammographie-screening-online.de

Wie "sicher" ist der HIV-Test ?
pdf >>>
Dr. med. Dr. Public Health Reinhard Bornemann - Internist, Epidemiologe I. Med. Klinik Städtische Kliniken Bielefeld-Mitte Fakultät für Gesundheitswissenschaften Universität Bielefeld. http://dresden.aidshilfe.de/wp-content/uploads/testsicherheit1.pdf

Spezifität: wörtlich: „Eigentümlichkeit“, „Besonderheit“
„Die tatsächlich Nichtkranken“

Die Spezifität eines Tests auf eine Krankheit ist der Anteil der negativ getesteten Personen von allen getesteten Personen, die die betreffende Krankheit tatsächlich nicht haben.

Die Spezifität ist also gleich der bedingten Wahrscheinlichkeit
p(negativ/nicht krank) eines negativen Testergebnisses, wenn die Krankheit nicht vorliegt.

Spezifität und Falsch positiv Rate addieren sich zu 100 %.

Falsch-positiv-Rate:
Ist der Anteil positiver Testergebnisse bei Menschen ohne die betreffende Krankheit/das Merkmal tatsächlich zu haben. (Fehler 1
.Art, siehe unten)

Der Test fällt positiv aus, obwohl das überprüfte Merkmal (Infektion, Schwangerschaft, Krebs, AIDS usw.) tatsächlich nicht vorliegt!

Beim Mammographie-Screening liegt die Falsch-positiv-Rate beispielsweise zwischen 5 und 10 %, je nach Alter (49.-69.LJ.) der untersuchten Frauen. Das bedeutet, bei 5 bis 10 % der untersuchten Frauen ohne Brustkrebs ist das Testergebnis falsch positiv, das heißt, es wird der Verdacht auf ein Karzinom gestellt, das gar nicht vorhanden ist.

Falsch positiv Rate und Falsch negativ Rate eines Tests hängen voneinander ab: Verringert man die eine, so erhöht man im Allgemeinen die andere.

Würden Sie einen Feuermelder kaufen, der eine Fehlalarmquote von 5 % (falsch positiv, Fehler 1. Art) hat und der bei 20 % der Brände (falsch negativ, Fehler 2. Art) keinen Alarm schlägt? (siehe unten!)

Warum werden diese wichtigen Erkenntnisse und Informationen im "Österreichischen Brustkrebs-Früherkennungsprogramm" (Beginn Jänner 2014) verschwiegen? www.frueh-erkennen.at

TGAM: Aktueller wissenschaftlicher Kenntnisstand zum Mammographie-Screening (2014) pdf >>>
Aus: www.tgam.at/userupload/editorupload/files/files/Verein/MG-Meeting2014/tgam_mammogr_patienteninfo_kurz_24jan2014.pdf

ÖGAM: Möglichkeiten und Grenzen des Brustkrebs-Screening.Wie Hausärzte Frauen bei einer informierten Entscheidung unterstützen können pdf >>>
(2014) www.oegam.at/service/downloads/?no_cache=1&tx_drblob_pi1%5BdownloadUid%5D=616


"... Der Umgang mit KOMPLEXITÄT und UNSICHERHEIT ist eine nicht unbekannte Aufgabenstellung in der Medizin - vor allem in der Allgemeinmedizin, die sich mit dem gesamten Menschen und seinen UNWÄGBARKEITEN beschäftigt. Auch in diesem Fall müssen wir damit leben, dass es echte GEWISSHEITEN nicht gibt. Weder der Nutzen noch der Schaden sind eindeutig quantifizierbar, und es gibt keine Anhaltspunkte, aufgrund derer man klar vorhersagen könnte, welche Frau [von der Mammographie] profitieren wird und welche nich. Selbst im Nachhinein ist es nicht immer möglich zu klären, ob eine Behandlung lebensrettend war oder möglicherweise gar unnötig ..." Aus: ÖGAM: Möglichkeiten und Grenzen des Brustkrebs-Screenings. Wie Hausärzte Frauen bei einer informierten Entscheidung unterstützen können“ Auszugsweise aus Vorwort. Seite 4.
1.Auflage Jänner 2014.

TGAM: Aktuelle Debatte zum Thema Mammographie-Screening (2014) pdf >>>

Wahrscheinlichkeit
p(A):
 p: power = Macht,  probability = Wahrscheinlichkeit
Ein Maß für die Ungewissheit, die mit einem Ereignis oder mit dem Vorliegen eines Merkmals verknüpft ist.
Oder anders formuliert: Eine Einstufung von Aussagen und Urteilen nach dem Grad der Gewissheit (Sicherheit).

Nahezu alles im sozialen Leben wird durch die seltenen, aber Folgenschweren Erschütterungen und Sprünge hervorgerufen. Dennoch konzentrieren sich fast alle, die sich eingehender mit dem sozialen Leben befassen, auf das "Normale" und benutzen für ihre Schlussfolgerungen "Glockenkurven"-Methoden [Wahrscheinlichkeitsverteilung um den Mittelwert (= Median = Zentralwert), Häufigkeitsverteilung, Normalverteilung n. Carl Friedrich Gauß (1777-1855)], die uns so gut wie gar nichts sagen. Weshalb das so ist? Weil die Glockenkurve [GIP = Großer Intellektueller Betrug] große Abweichungen ignoriert und nicht mit ihnen umgehen kann, uns aber das Gefühl gibt, wir hätten die Ungewissheit gebändigt." Aus: Nassim Nicholas Taleb (b.1960, philosophischer Essayist, Forscher in den Bereichen Statistik, Zufall und Epistemologie): „Der schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“ (The Black Swan: The Impact of the Highly Improbable“ Random House 2007) Seite 10. Carl Hanser 2008

"The Median isn`t the Message" pdf >>>

Diognosed with Mesothelioma on VII/1982
"What does "median mortality of eight months" signify in our vernacular?
Stephen Jay Gould (1941 -2002) US-amerikanischer Paläontologe, Geologe, Evolutionsbiologe
Median = Zentralwert/Mittelwert, Mean = Average/Durchschnitt
Aus: http://jonathantreasure.com, www.statisticshowto.com/probability-and-statistics/skewed-distribution/


"Die Power ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein tatsächlicher vorhandener Unterschied zwischen zwei Therapien in einer Studie bemerkt wird."

Die Väter des Hypothesentests, Jerzy Neyman (1894-1981, polnischer Mathematiker) und Egon Pearson (1895-1980, britischer Statistiker; Sohn von Karl Pearson (1857-1936), den Begründer der modernen Statistik) schrieben im Jahre 1933 folgendes: "No test based upon a theory of probability can by itself provide any valuable evidence of the truth or falsehood of a hypothesis" - "Kein Test, der auf einer Wahrscheinlichkeitstheorie beruht, kann von sich aus nützliche Belege für die Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Hypothese liefern". Das bedeutet, dass die Statistik den letzten Beweis gar nicht liefern kann. Für einen ausreichenden Beweis für die Alltagstauglichkeit eines Ergebnisses muss immer die Erfahrung in die Beurteilung mit einfließen. Ein einfaches Beispiel - "Die Forellen-Studie" soll diesen Zusammenhang verdeutlichen.

Nehmen wir an, wir haben einen Fischköder entwickelt, von dem wir glauben, dass er besonders gut Forellen anzieht. Wir wollen dies im Rahmen einer kontrollierten Studie [EbM 1a] testen. Dafür werfen wir den Köder 100-mal in den Fluss, an 10 verschiedenen Stellen und an verschiedenen Wochentagen. Wir betreiben viel Aufwand, um den Zufall bei der Bewertung unserer Fangergebnisse auszuschließen. Wenn wir zusammenrechnen, was wir mit dem neuen Köder gefangen haben, kommen wir auf einen Forellenanteil von 63 %. Klingt nicht schlecht, aber etwas können wir nicht wissen, obwohl es für unser abschließendes Urteil wichtig ist: Wir kennen nicht den Anteil von Forellen an der Gesamtmenge der Fische im Fluss. Beträgt der Anteil nur 10%, ist das Angelergebnis von 63 % hervorragend und spricht für die Wirksamkeit des Köders. Liegt der Anteil bei 80 %, spricht unser Angelergebnis mit 63 % eher dafür, dass der Köder Forellen verscheucht. Nun kann man ins Labor ein Aquarium stellen, es mit Fischen füllen, von denen 50 % Forellen sind. Mache ich hier meine Angelversuche mit dem Forellenköder, dann ich den Erfolg besser einschätzen. Angle ich 50 % Forellen, wirkt er, bei weniger als 50 % ist er nicht so gut. Aber auch bei diesem Versuchsaufbau fehlt etwas: Es sind die Einflussfaktoren der Natur, die ich mit meinem Laborversuch ausgeschaltet habe und die das Ergebnis stark beeinträchtigen können. Denn vielleicht verhalten sich Forellen unter bestimmten Wind- und Strömungsverhältnissen anders, oder eher die Wassertemperatur spielt eine Rolle. Man kann es drehen und wenden, wie man möchte, statistische Studien können niemals den ultimativen Beweis dafür liefern, ob eine Therapie tatsächlich hilft. Sie können nur die Wahrscheinlichkeit angeben ... Aber ob der Forellenköder tatsächlich einen guten Fang beschert, entscheidet am Ende der Angler selbst ... Ich lasse einen erfahrenen Angler ein ganzes Jahr lang mit diesem Köder angeln und bitte ihn danach um seine Meinung. Das ist keine Statistik, sondern Empirie, das heißt Wissen, das auf Erfahrung beruht. Hier schließt sich im Idealfall der Kreis. Eine Idee entwickelt sich aus Erfahrung, sie wird statistisch auf ihre wahrscheinliche Wirkung hin geprüft, die Endbeurteilung ihres Nutzens trifft dann wieder der erfahrene Praktiker. Es ist es gedacht, und so sollte es sein. Wenn man also statistische Studien als wissenschaftliches Argument für Empfehlungen und Therapien nutzt, darf man nicht sagen, dass die Studien einen Zusammenhang bewiesen haben. Korrekterweise müsste man vielmehr sagen, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es sich in Wirklichkeit auch so verhalten wird. ... Aufgrund all dieser Fallstricke würde kein Biometriker auf die Idee kommen, dass medizinische Statistik einem Arzt die Therapien für seine Patienten vorschreiben kann ... Wir Menschen bestehen nun einmal nicht aus statistischen Mittelwerten, sondern die Natur möchte eine Streuung von Merkmalen, das heißt, wir sind einfach unterschiedlich." Aus:
Dr. med. Gunter Frank (b.1963, deutscher Arzt, Buchautor): „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil I: Schlechte Medizin in der täglichen Behandlung. Kapitel: Gute Medizin: Klare Regeln sind nicht verhandelbar. Die Forellenstudie. Seite 64. Weitere Fallstricke. Seite 67. KNAUS 5.Auflage 2012

Doch selbst wenn man einmal theoretisch ideale Forscher und ideale Studien annimmt, so bleibt festzuhalten, dass die Medizin immer noch eine "Kunst von Wahrscheinlichkeiten" oder im besten Falle eine "Wissenschaft der Unsicherheiten" ist, wie es William Osler (1849-1919), der als Vater der modernen Medizin gilt, ausdrückte. Geändert hat sich daran nichts. Donald Miller, Professor für Chirurgie an der University of Washington, über die heutige Medizinforschung: "Wissenschaftliche Beweisstandards sind nicht einheitlich und exakt definiert. Messstandards, die Art der Berichterstattung und Bewertung der Ergebnisse variieren genau wie die Experimentierpraktiken. Die Wissenschaft preist objektive Sicherheit, doch oft treten subjektive Meinungen und ein Konsens unter Forschern an die Stelle von echter Unwiderlegbarkeit." In: Prof. Dr.med. Donald W. Miller, Jr. : "On Evidence, Medical and Legal," presented to the Seattle Surgical Society ( May 22, 2006). Aus: Torsten Engelbrecht, Claus Köhnlein: „Virus Wahn - Vogelgrippe (H5N1), SARS, BSE, Hepatitis C, AIDS: Wie die Medizin Industrie ständig Seuchen erfindet und auf Kosten der Allgemeinheit Milliarden Profite macht“ S.12. EMU 3.Aufalge 2006

Eintrittswahrscheinlichkeit (Schadenswahrscheinlichkeit, Schadenshäufigkeit) bezeichnet den statistischen Erwartungswert oder die geschätzte Wahrscheinlichkeit, für das Eintreten eines bestimmten Ereignisses in einem bestimmten Zeitraum in der Zukunft.

Wenn ein Ereignis A nicht eintreten kann, dann ist seine Wahrscheinlichkeit p(A) gleich null.
p(A) = 0 = unmögliches Ereignis

und wenn es mit Sicherheit eintritt, ist p(A) gleich eins
.
p(A) = 1 = sicheres Ereignis

In allen anderen Fällen liegt die Wahrscheinlichkeit p(A) zwischen null und eins! Werte in der Nähe von 0 = unwahrscheinliches Ereignis

Werte in der Nähe von 1 = wahrscheinliches Ereignis

Wie der Nobelpreisträger (1965) Richard Feynman(1918-1988) sagte: "Wir wissen nicht, wie sich ein Ereignis unter vorgegebenen Umständen voraussagen lässt. Unsere Möglichkeiten beschränken sich auf die Vorhersage der Eintrittswahrscheinlichkeit zweier verschiedener Geschehnisse." Aus: Gregg Braden: „Der Jesaja Effekt. Das verborgene Wissen von Prophezeiungen und Gebeten alter Kulturen neu entschlüsselt“ (The Isiah Effekt: Decoding the Lost Science of Prayer and Prophecy“ 2000) Seite 144: Zeitbeugung KOHA 2009


Zufallswahrscheinlichkeit,
Signifikanzniveau - Die Konvention eines 5-%igen Signifikanzniveaus p≤ 0,05
In der wissenschaftlichen Literatur gilt ein Ergebnis im allgemeinen genau dann als "signifikant" (gültig), wenn die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Zufallsbefund (ein zufälliges Ergebnis) handelt, höchstens 5 % beträgt, was mit dem Ausdruck  p ≤ 0,05 angegeben wird. D.h.: Von 100 "gleichen" Studien ist zu erwarten, das  jede 20. Studie (5 %, 5 Studien) nicht signifikant ist, d.h. die Ergebnisse beruhen auf reinen Zufall.
(Von 10.000 gleichen Studien ... 500 Studien nicht signifikant ... die Ergebnisse beruhen auf reinen Zufall)

"
In science, a "p value" indicates the strength [power] of associations; anything less than 0.05 we consider proof of an association." Aus: John Jacob Cannell (b.1948, MD): „Athlete's Edge: Faster, Quicker, Stronger with Vitamin D“ Chapter 9: Is Athletic Performance Associated With Vitamin D Levels? Vitamin D and Athletic Performance in Non-Elite Athletes. p 135. Here and Now Books 2011

Der
p-Wert ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Studie zufällig ein positives Ergebnis zeigt, obwohl die untersuchten Behandlungen sich in Wirklichkeit nicht unterscheiden. Wenn die Wahrscheinlichkeit kleiner als 5 % ist, nennt man das Ergebnis statistisch signifikant.

"Wenn man ein unwirksames Medikament in 20 Studien gegen Placebo testen würde, ist aufgrund statistischer Schwankungen damit zu rechnen, dass dabei in 1 Studie ein falsch positives Ergebnis herauskommen würde, das heißt, man würde in 5% der Fälle irrtümlich annehmen, das Medikament sei wirksam. Da dies aber sehr unwahrscheinlich ist, nimmt man an, dass das Medikament mit 95% Sicherheit wirkt ... Wenn nun aber nur das positive Ergebnis veröffentlicht wird und die 19 negativen im Papierkorb landen, bedeutet dann die Signifikanz von 5% tatsächlich immer noch, dass auch die Irrtumswahrscheinlichkeit 5% beträgt? ... Zunächst einmal ist es nicht absurd, dass positive Ergebnisse eher veröffentlicht werden als negative. Das Phänomen ist als die so genannte
publication bias bekannt ... In jedem Fall ist die Irrtumswahrscheinlichkeit höher als die Signifikanz; übrigens auch dann, wenn nicht ein, sondern mehrere Endpunkte untersucht werden ... Die Signifikanz hat nur etwas mit der Studie zu tun, für die sie berechnet wurde, und nichts mit anderen veröffentlichten oder nicht veröffentlichten Studien ... Die Signifikanz entspricht der Wahrscheinlichkeit, dass der Fehler begangen wird, ein unwirksames Medikament als wirksam zu deklarieren. Die Irrtumwahrscheinlichkeit ist jedoch etwas ganz anderes: Sie ergibt sich aus dem Verhältnis von richtig positiven zu der Gesamtzahl positiver Ergebnisse ... Worauf es ankommt, ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem positiven Studienergebnis das geprüfte Medikament wirklich wirksam ist, vom Verhältnis der positiven und negativen Studienergebnisse und damit vom "Riecher" der jeweiligen Forschungsgruppe abhängt ... Die Signifikanz täuscht eine Sicherheit des Ergebnisses vor, die so nicht existiert. Für alle guten und sehr guten Studien, die auf dem 5%-Niveau signifikant sind und mit denen wir unser therapeutisches Tun begründen, gilt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um ein Zufallsergebnis handelt, nicht bei 5%, sondern irgendwo zwischen 10% (sehr selten) und 40% (häufig) liegt." Aus: Wolfgang Weihe: "Klinische Studien und Statistik: Von der Wahrscheinlichkeit des Irrtums" Dtsch Arztebl 2004; www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=41130

Das Signifikanzniveau (p-Wert) ist rein willkürlich festgelegt, aber eine allgemein und international akzeptierte Konvention.

"... was Forscher meinen, wenn sie das Wort "
bedeutend" verwenden. Wenn Sie oder ich das Wort verwenden, dann bezeichnen wir damit normalerweise etwas Großes oder Ausgeprägtes, aber wenn Forscher dasselbe Wort benutzen, dann reden sie über eine "statistische Bedeutung". Wenn sich zeigen lässt, dass die Wahrscheinlichkeit, allein durch Zufall auf einen Unterschied zu stoßen, relativ gering ist, dann heißt es, der Unterschied ist "statistisch bedeutsam", unabhängig vom Ausmaß des Unterschieds. Forscher berechnen routinemäßig die statistische Bedeutung ihrer Erkenntnisse, das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass die von ihnen beobachteten Unterschiede kein einfacher Zufall sind.
Anthony Colpo (b.1968, US-Wissenschaftsjournalist):  „Der große Cholesterin-Schwindel. Warum alles, was man Ihnen über Cholesterin, Diät und Herzinfarkt erzählt hat, falsch ist!“ (The Great Cholesterol Con) KOPP 2009

In den letzten Jahrzehnten hat die "statistische Signifikanz" eine herausragende Rolle in der Wissenschaft bekommen und sich zur heiligen Kuh entwickelt. So ist das Hauptkriterium für die Annahme eines Manuskripts zur Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift in sehr vielen Disziplinen ein "signifikantes" Ergebnis, was eine wahre Jagd nach Signifikanzen ausgelöst hat.
Allerdings können auch Ergebnisse, die diese Bedingungen erfüllen, falsch sein! Die Toleranz dafür wird aber auf 5 % begrenzt, das heißt, ein fünfprozentiges Risiko für falsch positive Ergebnisse gilt als akzeptabel.
(Fehler 1.Art, siehe unten)

Die große Bedeutung, die signifikante Ergebnisse und damit die Signifikanztests durch diese Veröffentlichungspolitik gewonnen haben, verstellt zum Teil den Blick auf andere wichtige Aspekte, zum Beispiel, ob das statistisch signifikante Ergebnis überhaupt irgendeine Frage von Relevanz (Bedeutsamkeit) beantwortet.

Übrigens wurde früher fast ausschließlich mit einem Signifikanzniveau von 0,27 %, das heißt p≤ 0,0027, gearbeitet. [Lothar Sachs: "Angewandte Statistik" Springer Verlag 5. Auflage 1978] D.h.: Von 10.000 gleichen Studien ist zu erwarten, dass  27 Studien  nicht signifikant sind, d.h. die Ergebnisse beruhen auf reinen Zufall. Da stieß man nicht auf so viele signifikante Ergebnisse und musste entsprechend weniger publizieren.

"Die medizinische Fachwelt hat nach mehr als 30 Jahren ausgezeichneter Propaganda erfolgreich die vollkommen iatrogene "Pseudokrankheit" genannt "Hypercholesterinämie" und die damit zusammenhängende Störung namens "Cholesterin-Neurose" geschaffen. Nach Jahrzehnten erfolgloser Versuche, diese "Krankheit" durch eine fettarme Ernährung und ein ganzes Arsenal von Cholesterin senkenden Medikamenten zu heilen, ist die medizinische Fachwelt über die magische Kugel gestolpert, die Heilung dieser gefürchteten künstlichen Krankheit - Statine" Peter Langsjoen (b. 1954, MD,FACC, US-Kardiologe, International Coenzyme Q10 Association (IQA), www.icqa.org) Seite 120, in Anthony Colpo: „Der große Cholesterin-Schwindel. Warum alles, was man Ihnen über Cholesterin, Diät und Herzinfarkt erzählt hat, falsch ist!“ (The Great Cholesterol Con) KOPP 2009

Für einen Wissenschaftler sind die gegenwärtig Monat für Monat erscheinenden "neuen Erkenntnisse" in der biomedizinischen Forschung selbst auf engen Spezialgebieten kaum noch zu bewältigen.

Die Wissenschaftspolitik fördert heute nur die Informations-Qantität, während die Qualität kaum Beachtung findet, höchstens in dem Sinne, dass die "Qualität" einer Zeitschrift anhand der Quantität der Zitierungen bewertet wird.

Der
Impact factor - Journal Impact Factor (JIF) - Einflussfaktor entspricht der durchschnittlichen Anzahl der Zitate, die ein Artikel dieser Zeitschrift innerhalb der ersten beiden Kalenderjahre nach seinem Erscheinen erzielt. Der Impact Faktor einer Fachzeitschrift misst, wie oft andere Zeitschriften einen Artikel aus ihr zitieren. Ein Bewertungssystem, mit dem man die Gewichtung des wissenschaftlichen Einflusses für jede einzelne Fachzeitschrift (z.B. Lancet, JAMA, NEJM, etc.) ermittelt.

Seitdem gilt es, in Zeitschriften mit hohem Impact Factor zu publizieren. Die Bewertung wird ständig aktualisiert und von Thomson Science, einer Abteilung der Agentur Reuters - http://thomsonreuters.com/products_services/science/free/essays/impact_factor - verwaltet und gegen Gebühr zu Verfügung gestellt. Wissenschaftsbewertung wird so zu einem einträglichen Geschäft.

"Auch die Bewertung eines Wissenschaftlers wird heute mithilfe des Impact Factors vorgenommen. Seine Bedeutung wird anhand eines Punktesystems ermittelt. Besonders viele Punkte gibt es, wenn er eigene Artikel in besonders hoch gewichteten Zeitschriften publiziert. Punkte gibt es auch, wenn man in Publikationen anderer Kollegen zitiert wird ... Mit vielen Punkten wiederum rückt er auf der Rangliste der höchstbewerteten Wissenschaftler nach oben und gewinnt weltweit an Ansehen. Ganze Hochschulfakultäten lassen sich mittlerweile untereinander vergleichen, indem man die Punkte des jeweiligen Impact Factors der dort tätigen Wissenschaftler addiert. Je höher die Punktezahl, desto besser die Universität ... Der Impact Factor - Die Zementierung des Irrtums in der Wissenschaft. Die Antwort lautet: Weil der Irrtum heute nicht an eine Person geknüpft ist, die dann irgendwann die Bühne freimacht, sondern an ein System. Die medizinische Wissenschaft produziert heute weitgehend Forschung, die nicht dem Erkenntnisgewinn, dem Herausfinden von Vor- und Nachteilen einer Therapie dient, sondern nur dem einen Zweck, die Lehrmeinung zu verteidigen, auch dann, wenn sie schon längst zur Ideologie geworden ist. Damit verrät sie das, was eine Wissenschaft eigentlich ausmacht: Objektivität und produktiver Streit um die beste Lösung. Sie ist zum Feind echter Wissenschaft geworden." Aus: Gunter Frank: „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil II: Die Ursachen schlechter Medizin. Kapitel: Ideologie verdrängt Wissenschaft: Wie Irrtümer zementiert werden. Der Impact Factor: Die Zementierung des Irrtums in der Wissenschaft. Seite 177, 175. KNAUS 2012.

Aber
Masse allein - "massenweise überflüssige Publikationen ohne Erkenntnisgewinn" - nützt nichts!
Wenn die guten Arbeiten in der Informationsflut versinken, dann haben wir es mit Desinformation zu tun. "Die Leidtragenden sind die Patienten, und viele von ihnen bezahlen es mit ihrem Leben." [S.183]

"Der Impact Factor baut auf der Annahme auf, dass ein Wissenschaftler immer dann zitiert wird, wenn seine Arbeit besonders bedeutend für den wissenschaftlichen Fortschritt ist, und dass eine Fachzeitschrift nur dann hoch bewertet ist, wenn sie den Erkenntnisstand der aktuellen Forschung besonders gut abbildet. Doch diese Annahme ist grundfalsch. Es geht um etwas ganz anderes. Es beginnt mit einigen formalen Einschränkungen: Bei der Bewertung werden nur englischsprachige Zeitschriften berücksichtigt, Buchbeiträge gar nicht und nur solche Publikationen und Zitierungen, die nicht mehr als 2 Jahre zurückliegen. Nicht unbedingt gut für eine gründliche, aber eben auch längerfristig angelegte Forschung ... Festzuhalten bleibt, dass das System des Impact Factors großen Einfluss auf das Verhalten der Wissenschaftler und die Ausrichtung ihrer Forschung hat. Heute wird man nicht zur anerkannten Forscherpersönlichkeit, indem man aussagekräftige Bücher zu einem Thema verfasst ... Heute macht man Karriere, wenn es einem gelingt, ein Forschungsergebnis in möglichst kleine Teile zu zerhacken und diese in möglichst vielen Zeitschriften unterzubringen, sodass am Ende eine diffuse Huldigung der bestehenden Lehrmeinung herauskommt ... Wenn die Punktezahl sinkt, gibt es weniger Geld und damit weniger Forschungsmittel ... ,dass es unmöglich wird, die eigenen Forschungsideen umzusetzen. So ist ein schlechtes Ranking eine Art selbsterfüllende Prophezeiung. Doch noch schlimmer. Der Impact Factor fördert Schummelei. Um die Zitierungspunkte zu sammeln, zitieren sich Autoren vor allem selbst. Außerdem vor allem Autoren aus Zeitschriften mit hohem Impact Factor, das erhöht die Bedeutung der eigenen Arbeit. Prof. Alfred Kieser [b.1942, Prof. f. Betriebswirtschaftlehre u. Organisationstheorie] drückt es zutreffend so aus: "Zeitschriften mit einem hohen Impact Factor haben also nicht nur deswegen ein hohes Prestige, weil sie häufig zitiert werden, sie werden auch häufig zitiert, weil sie ein hohes Prestige aufweisen." So beißt sich die Katze in den Schwanz. Beliebt ist auch, dass weniger bekannte Wissenschaftler die besser bekannten zu gemeinsamen Forschungsarbeiten zu motivieren versuchen ... mit dem Nutzen, als Mitautoren angeführt zu werden ... Thematisch haben solche Artikel besonders große Chancen, veröffentlicht zu werden, die ein aktuelles Thema bearbeiten, dabei aber tunlichst darauf achten, bereits Etabliertes zu bestätigen ... Das bedeutet nichts anderes als die Bankrotterklärung des freien Denkens an der Universität ... Und so kommt es, dass das, was Thomas Kuhn den Paradigmawechsel in der Wissenschaft nannte, nicht mehr stattfindet. Die Revolution fällt aus. Der Irrtum ist zementiert." Aus: Gunter Frank: „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil II: Die Ursachen schlechter Medizin. Kapitel: Ideologie verdrängt Wissenschaft: Wie Irrtümer zementiert werden. Der Impact Factor: Die Zementierung des Irrtums in der Wissenschaft. Auszugsweise Seite 178-183. KNAUS 2012.

Was wir brauchen, ist nicht mehr, sondern
"bessere" Forschung!

"Komplexität zu reduzieren ist zwar sinnvoll, um Durchsicht zu gewinnen, was aber nicht selten zu Lasten der Einsicht in die tieferen Zusammenhänge von Lebensprozessen geht. Zwar ermöglicht die naturwissenschaftliche Methode des Experiments verallgemeinerbare Vorhersagen von Abläufen, Wissen also, das weitgehend widerspruchsfreie Aussagen zulässt, doch der Preis ist eine hohe Abstraktion von den komplexen Zusammenhängen des Lebens, wobei die Abhängigkeit von der Versuchsanordnung, also von den Fragestellungen, die der Mensch an die Wirklichkeit heranträgt, bestehen bleibt. Der Mensch als Subjekt ist immer auch Teil der Gewinnung von Wissen. Die reine Objektivität des Wissens gibt es nicht, denn das Subjekt agiert mit einer derart unvorhersagbaren Komplexität, dass widerspruchsfreie und eindeutige Aussagen, die das menschliche Handeln und das menschliche Schicksal betreffen, nicht möglich sind." Aus: Michael von Brück (b.1949): „Wie können wir leben? Religion und Spiritualität in einer Welt ohne Maß“ Seite 13, C.H.BECK 2009


Signifikanz
(engl.: significance, "Bedeutsamkeit", "Aussagekraft", "Stellenwert", lat. significans: bezeichnend, anschaulich)
Bezeichnung von Ergebnissen, bei denen es unwahrscheinlich ist, dass sie durch Zufall zustande kamen.

Ein Maß der Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit einer Aussage über ein Stichprobenmerkmal im Verhältnis zur Grundgesamtheit.

Bezeichnet die bei jedem Test vorgegebene Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Fehlers 1. Art (falsch positives Ergebnis), d.h. die Wahrscheinlichkeit der Ablehnung einer richtigen Nullhypothese
(keinerlei Effekt).

Mit anderen Worten: Das Signifikanzniveau ist die meist in Prozenten ausgedrückte "Zufalls-Irrtumswahrscheinlichkeit" (p≤ 0,05), die für den Fall der Annahme der Alternativhypothese angibt, wie viele falsche Entscheidungen getroffen würden, wenn derselbe Test hundert Mal wiederholt würde.

Ein 5 %iges Risiko für falsch positive Ergebnisse gilt als akzeptabel!

"Der Verkauf und die Applikation von Medikamenten verläuft heute in der Regel nach dem Dogma, was verschrieben wird (oder werden darf), ist statistisch signifikant wirksam und muss deshalb auch im Einzelfall ungeprüft helfen. Der Unsicherheit in der individuellen Wirksamkeit der Arznei wird in der Aufklärung des Patienten nicht in vollem Ausmaß Rechnung getragen. Was geschähe aber, wenn dem mündigen Patienten die Wirksamkeit einer Arznei wahrheitsgemäß nur mit der aus den Voruntersuchungen bekannten "statistischen Wahrscheinlichkeit" versprochen würde. Bei redlicher Aufklärung müsste man ihn darüber informieren, dass nicht bekannt ist, wie er als Individuum auf die für ihn bestimmte Therapie anspricht. Das hätte ernsthafte Auswirkungen für alle Therapiemethoden mit bekannt schädlichen Nebenwirkungen. Eine an die Realität angepasste Hilfe bestünde dann in relevanten Fällen in der Verordnung von Einzelproben, die der Patient vor ihrer Anwendung zunächst erproben müsste, um herauszufinden, was dem Kranken wirklich hilft. Unmengen nutzloser Arzneimittel, die heute bereits die Reinheit unseres Grundwassers bedrohen, Fehlbehandlungen, induzierte Krankheiten durch Nebenwirkungen und der Verlust an Vertrauen in die Medizin ließen sich durch diese Maßnahme deutlich verringern."
Fritz Albert Popp (b.1938, dtsch. Biophysiker): „Biophotonen – Neue Horizonte in der Medizin – Von den Grundlagen zur Biophotonik“ 3. überarbeitete u. erweiterte Auflage, HAUG 2006 (1983)

Unter
Hypothese (Unterstellung, Behauptung, Voraussetzung, Grundlage) versteht man in der Statistik eine anhand empirischer Daten zu prüfende Annahme. Man unterscheidet als Gegensatzpaar Nullhypothese (H0) und Alternativhypothese.

Häufig sagt die Nullhypothese aus, dass ein bestimmter Zusammenhang nicht besteht. Diese These soll verworfen werden, so dass die Alternativhypothese als möglich (wahrscheinlich) übrig bleibt.

Diese Logik verwirrt den Anwender oft, sodass auch der umgekehrte Weg möglich ist, die Nullhypothese wird als richtig angenommen.
Beispiel: Nullhypothese (H0): "Wenn jemand ein Kind ist, dann ist er älter als 18 Jahre"; Alternativhypothese: Wenn jemand ein Kind ist, dann ist er nicht älter als 18 Jahre.

Kein Test ist perfekt!

Prinzipiell sind 2 Arten von falschen Ergebnissen möglich:

Fehler 1. Art (alpha-Fehler, "falsch positiv"):

Die zufällige Zusammenstellung der Stichproben kann dazu veranlassen, die Nullhypothese zu verwerfen, obwohl sie in Wirklichkeit richtig ist.


Z.B.: wird vermutet, dass ein Mittel XYZ gegen Bluthochdruck wirksam ist, obwohl die beiden Testgruppen sich in Wahrheit Blutdruck mäßig nicht unterscheiden. Die Höhe dieser Irrtumswahrscheinlichkeit nennt man das alpha-Risiko (Signifikanzniveau alpha). Man sagt auch, die Entscheidung ist bei Unterlaufen eines alpha-Fehlers falsch positiv.

Der Fehler 1. Art entspricht dem Irrtum eines automatischen Feuermelders, der Alarm schlägt, obwohl es nicht brennt! Oder dem Nachweis von Blut im Stuhl, obwohl kein Dickdarmkrebs vorliegt.

Auf eine medizinische Diagnose bezogen, heißt dass: man geht von einem positiven Befund aus (Beispiel: Patient krank), obwohl dies unzutreffend ist. Eine diagnostische Methode mit einem hohen alpha-Fehler schlägt also relativ oft "Alarm", obwohl der Patient in Wahrheit nicht als krank einzustufen wäre.

Tests mit hoher Spezifität [p (negativ/nicht krank), "Die tatsächlich Nichtkranken“] haben einen geringen Fehler 1. Art (falsch positiv).

Fehler 2. Art (beta-Fehler; "falsch negativ"):
Die zufällige Zusammenstellung der Stichproben kann dazu veranlassen, die Nullhypothese beizubehalten, obwohl sie in Wirklichkeit falsch ist.

Z.
B.: wird vermutet, dass ein Mittel XYZ gegen Bluthochdruck unwirksam ist, obwohl die beiden Testgruppen sich in Wahrheit Blutdruck mäßig unterscheiden. Die Höhe dieser Irrtumswahrscheinlichkeit nennt man das beta-Risiko. Man sagt auch, die Entscheidung ist bei Unterlaufen eines beta-Fehlers falsch negativ.

Der Fehler 2. Art entspricht dem Irrtum eines automatischen Feuermelders, der trotz eines Feuers nicht Alarm schlägt! Oder es findet sich kein Blut im Stuhl, obwohl Dickdarmkrebs vorliegt.

Auf eine medizinische Diagnose bezogen, heißt das:
die diagnostische Methode findet nichts (klinischer Jargon: "ohne Befund'"- o.B.), obwohl der Patient objektiv als krank einzustufen wäre.

Eine Methode mit einem hohen beta-Fehler/ Fehler 2.Art ist also diagnostisch recht unempfindlich.

Tests mit hoher Sensitivität [ p (positiv / krank),  „Empfindlichkeit“ „Die tatsächlich Kranken“] haben einen geringen Fehler 2. Art (falsch negativ).

„Die Statistik sagt uns nur, wie wahrscheinlich es ist, dass wir vermuten, das Medikament sei wirksam, wenn es das in Wirklichkeit gar nicht ist. Die „statistisch signifikanten“ Ergebnisse sind zwar weitgehend sinnlos, aber sie fördern die Medizinerkarriere. Was soll’s, macht doch jeder so ... Kein Test, der auf einer Wahrscheinlichkeitstheorie beruht, kann von sich aus nützliche Belege für die Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Hypothese liefern ...Wir irren uns, wenn wir glauben, wir irrten uns nur ausnahmsweise. Das Gegenteil trifft zu: Wir irren uns ständig und systematisch."
Hans Peter Beck Bornholdt (b.1950), Hans Hermann Dubben (b.1955): „Der Schein der Weisen – Irrtümer und Fehlurteile im täglichen Denken“ Kapitel: „Die Lebenslüge der medizinischen Forschung“ Hoffmann und Campe 2001,  „Der Hund, der Eier legt – Erkennen von Fehlinformation durch Querdenken“ rororo 2001

3-Arten von Wahrscheinlichkeiten:
Regelmäßig zu Missverständnissen führen Einzelfall-Wahrscheinlichkeiten und bedingte Wahrscheinlichkeiten.

1. Einzelfall Wahrscheinlichkeit: Eine Wahrscheinlichkeit, die sich auf ein einzelnes Ereignis bezieht, für das keine Bezugsmenge bekannt ist oder angegeben wird.

Bezugsmenge: Eine Menge von Ereignissen oder Individuen mit einem bestimmten Merkmal, auf die sich eine Wahrscheinlichkeit oder Häufigkeit bezieht.

Wenn man sagt, „es besteht eine 30%ige Wahrscheinlichkeit, dass es morgen regnet“, so betrifft dies ein einzelnes Ereignis: Entweder es regnet morgen oder es regnet morgen nicht. Bei der Vorhersage, dass es im Mai an zehn Tagen regnet, wird dagegen eine Häufigkeit angegeben.

Häufigkeit: Die Häufigkeit gibt an, wie oft ein bestimmtes Merkmal in einer Menge von Personen oder Ereignissen auftritt.

Diese Aussage kann wahr oder falsch sein, aber die Angabe einer Einzelfall- Wahrscheinlichkeit kann niemals widerlegt werden (es sei denn, die Wahrscheinlichkeit ist null oder eins.).

Einzelfall-Wahrscheinlichkeiten können zu Missverständnissen führen, wenn Menschen sich unterschiedliche Bezugsmengen hinzudenken!

So lässt sich die Behauptung, dass es „morgen mit 30%iger Wahrscheinlichkeit regnet“, unterschiedlich verstehen: Es regnet in 30% der Zeit oder es regnet in 30% der Gegend oder es regnet in 30% der Tage, die dem morgigen Tag gleichen.

Solche Irreführungen kann man vermeiden, indem man Häufigkeiten angibt, denn bei Häufigkeiten ist stets eine Bezugsmenge gegeben!

Bei der Häufigkeits-Interpretation muss eine Wahrscheinlichkeit auf einer großen Anzahl von Beobachtungen beruhen und als relative Häufigkeit eines Ereignisses in einer eindeutigen Bezugsmenge angegeben werden, beispielsweise als relative Häufigkeit von Lungenkrebs bei weißen amerikanischen Männern, die mindestens zwanzig Jahre lang Zigaretten rauchten. Keine Bezugsmenge, keine Wahrscheinlichkeit. Bei der Häufigkeits-Interpretation kommt es nicht darauf an, was man in Bezug auf das Ergebnis beim Würfeln glaubt, und man untersucht auch nicht die Konstruktion des Würfels, um die Wahrscheinlichkeit herauszufinden, eine Sechs zu würfeln. Man ermittelt diese vielmehr, indem man sehr oft würfelt und die relative Häufigkeit berechnet, mit der die Sechs fiel. Gemäß der Häufigkeits-Interpretation wäre Christiaan Neethling Barnards [1922-2001, südafrikanischer Herzchirurg und Pionier auf dem Gebiet der Herztransplantationen (1967)] Abschätzung der 80-Prozent-Chance bedeutungslos, weil es damals noch keine vergleichbaren Transplantationen gegeben hatte. Und bei ganz strikter Auslegung ist es überhaupt unzulässig, für ein einzelnes Ereignis wie das Überleben eines bestimmten Menschen eine Wahrscheinlichkeit anzugeben. Die Vertreter der Häufigkeits-Interpretation sind also sehr vorsichtig, wenn Ungewissheiten in Risiken umgesetzt werden sollen. Sie akzeptieren die Angabe von Risiken [Ungewissheit] nur dann, wenn eine große Menge empirischer Daten vorliegt. So neigen die Gerichte dazu, dieser Interpretation zu folgen, und lassen Aussagen über Risiken nur dann als Beweise zu, wenn sie auf empirischen Häufigkeiten anstatt auf einer subjektiven Meinung beruhen."
Aus: Gerd Gigerenzer (b.1947, dtsch. Psychologe, Kognitionspsychologe): „Das Einmaleins der Skepsis - Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken“ (Calculated Risks: How to Know When Numbers Deceive You. Simon & Schuster 2002) Seite 47f: "Häufigkeit". BVT 7.Auflage 2011, 2004 (2002),


2.
Bedingte Wahrscheinlichkeit p(A/B):
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis A eintritt, wenn ein Ereignis B eingetreten ist, wird normalerweise als p(A/B) geschrieben.
Ein Beispiel dafür ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Screening - Mammogramm positiv ausfällt, wenn Brustkrebs vorliegt; die bedingte Wahrscheinlichkeit beträgt 0,9. Wenn eine Frau Brustkrebs hat, dann beträgt die Wahrscheinlichkeit 90%, dass das "Brust-Röntgen" (Mammogramm) positiv ist!
siehe: www.mammographie-screening.de

Screening:
Ein auf bestimmte Kriterien ausgerichteter orientierender "Siebtest"

Bedingte Wahrscheinlichkeiten werden häufig falsch verstanden, und zwar auf zwei unterschiedlichen Weisen:

I) Die Wahrscheinlichkeit von A unter der Voraussetzung, dass B vorliegt, wird verwechselt mit der Wahrscheinlichkeit von A und B.

II) Die Wahrscheinlichkeit von A unter der Voraussetzung, dass B vorliegt, wird verwechselt mit der Wahrscheinlichkeit von B unter der Voraussetzung, dass A vorliegt.

Vergleichsweise leicht zu verstehen sind dagegen relative Häufigkeiten, die als Wahrscheinlichkeiten (oder Prozente) ausgedrückt werden.

3. Relative Häufigkeit:
Eine der drei wichtigsten Interpretationen von Wahrscheinlichkeit (neben dem Überzeugungsgrad und dem Design).
Die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses wird als dessen relative Häufigkeit in einer Bezugsmenge definiert. Sie wird berechnet, indem die absolute Häufigkeit eines Merkmals in einer zugrundeliegenden Menge durch die Anzahl der Objekte in dieser Menge geteilt wird.


Historisch gesehen, gingen Häufigkeiten durch die Sterblichkeitsstatistiken
, die wiederum die Grundlage der Berechnungen von Lebensversicherungen bildeten, in die Wahrscheinlichkeitstheorie ein.

Relative Häufigkeiten sind auf wiederholte Ereignisse beschränkt, die in großer Anzahl zu beobachten sind. Dabei handelt es sich um die absolute Häufigkeit dividiert durch die zahlenmäßige Erfassung der Objekte in der Grundgesamtheit, d.h. die Anzahl n der Wiederholungen des Zufallsexperiments.

Zum Beispiel: In einer Umfrage werden 453 Personen nach ihrem Alter befragt. Bei der Auszählung stellt man fest, dass 197 Personen in die Klasse "von 20 Jahre bis unter 30 Jahre" fallen. Damit ist die relative Häufigkeit dieser Klasse 197/453 = rel. 43,48%

Die absolute Häufigkeit (Grundanteil, Prävalenz, hier 453 Personen) ist ein Maß der deskriptiven Statistik.
Sie gibt an, wie viele Merkmalsträger zu einer bestimmten Merkmalsausprägung in einem Datensatz existieren. Somit hängt sie vom Umfang des betrachteten Datensatzes ab.

Für den Vergleich unterschiedlicher Datensätze wird ein normiertes Maß, die relative Häufigkeit verwendet.

Die Wissenschaftliche Objektivität
"Es muss doch irgendwo so etwas wie wissenschaftliche Objektivität geben." Diesen Satz höre ich oft, wenn ich mit Branchenfremden über Themen wie die Ärztekongresse oder die medizinischen Journale spreche. Wissenschaftlich objektiv wird mit richtig und wahr gleichgesetzt. Was in einer klinischen Studie gezeigt wurde, ist demnach richtig und wird von vielen nicht mehr hinterfragt. Wer die Studien kontrolliert, sagt, was "richtig" ist und was "falsch" ist. Wer sich genauer mit den klinischen Studien befasst, stellt rasch auch hier fest, dass viele der damit generierten Informationen das Etikett "wissenschaftlich erwiesen" sehr zu Unrecht tragen. Grundsätzlich war die Idee, die Zulassung neuer Medikamente durch klinische Studien abzusichern, eine gute. Denn es ist in der Medizin zu unterscheiden zwischen der eminence based medicine, die auf dem Erfahrungsschatz und der Beurteilung von Experten basiert, und der evidence based medicine, die unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten einen Nachweis für diagnostische und therapeutische Handlungen fordert. Die evidence based medicine erfordert ausdrücklich, dass Ärzte bei einer Behandlung patientenorientierte Entscheidungen nach Möglichkeit auf der Grundlage von empirisch nachgewiesener Wirksamkeit treffen. Klinische Studien und Anwendungsbeobachtungen sind scheinbar das probate Mittel, um das zu gewährleisten. Dass für die Durchführung von klinischen Studien und Anwendungsbeobachtungen vorgesehene Prozedere wiegt einen bei oberflächlicher Betrachtung in falscher Sicherheit. Denn Standard ist hierbei die sogenannte doppelblind randomisierte Vorgehensweise. Das bedeutet, dass die an der Studie teilnehmenden Ärzte genauso wenig wie die dafür ausgewählten Patienten wissen, ob sie das zu prüfende Medikament, ein Vergleichsmedikament oder ein Placebo erhalten haben. Die Auswertung der Ergebnisse nach Abschluss der Studie erfolgt ebenfalls blind. Wenn sich dabei am Ende ein "statistisch signifikanter" Unterschied bei den Patienten, die das Medikament erhalten haben, gegenüber jenen, die ein Placebo oder ein Vergleichsprodukt erhalten haben, zeigt, gilt ein Medikament als wirksam und das Studienergebnis wird üblicherweise als positiv bezeichnet. Ein Ergebnis wird aber auch dann als positiv bezeichnet, wenn es bereits veröffentlichte Daten bestätigt. Scheinbar alles in Ordnung also, aber eben nur scheinbar. Denn die Pharmakonzerne, die den Großteil der Studien in Auftrag geben, könnten noch mehrere Ansatzpunkte haben, um die Studienergebnisse ihrem Bedarf entsprechend ausfallen zu lassen. Zum Beispiel beim Design der Studien. Es fängt damit an, dass sie selbst festlegen können, was als Verbesserung zu bewerten ist. Das heißt, sie legen selbst fest, was, wie, wann, und vor allem durch wen bewertet wird. Ich schaute mir das bei einem der Medikamente, die zur Behandlung der Multiplen Sklerose neu entwickelt werden, genauer an. "Verbesserungen" bedeutete in diesem Fall, dass ein an Multipler Sklerose erkrankter Patient eine Strecke von 7,6 Metern durchschnittlich in weniger als eine Sekunde schneller zurücklegen konnte als beim letzten Mal. Eine Sekunde weniger auf 7,6 Meter für einen in seiner Gehfunktion beeinträchtigen Menschen - das konnte genauso gut von Kriterien wie Tagesverfassung bis hin zur Wetterlage abhängen und bedeutete in Wirklichkeit gar nichts. Die Placebo-Gruppe benötigte für die Strecke durchschnittlich 11,6 Sekunden. In der Behandlungsgruppe waren es durchschnittlich 10,8 Sekunden. Die paar Zehntelsekunden wurden in mehreren Grafiken schön "aufgebläht", damit jeder den schönen Unterschied, der nur auf dem Papier existierte, gut sehen und auch nicht anzweifeln konnte. Perfektes Marketing. Wer zweimal annähernd gleich schnell durch einen Raum geht, weiß, was ich meine. Eine Stoppuhr wird einem nur einen pseudoobjektiven Messparameter liefern, der in Wirklichkeit nichts aussagt. Ein paar Zahlen, um das Medikament zuzulassen und sündhaft teuer zu vermarkten: ein bisschen mehr als 600 Euro pro Monat und Patient. Eine der wesentlichen Nebenwirkungen des Medikaments sind schwere Krampfanfälle."
Aus: Fahmy Aboulenein (b.1973, Doz.Dr.med., Österreichischer Arzt, Neurologe, MS-Spezialist): "Die Pharma-Falle - Wie uns die Pillen-Konzerne manipulieren" Die Wissenschaftliche Objektivität (S.143 - 146) edition a 2016

Evidenzbasierte Medizin (EbM, Evidence-based Medicine) - "Nachweisorientierte Medizin": [lat. evidens: einleuchtend, augenscheinlich; Evidenz: "Offensichtlichkeit" (obviousness), Deutlichkeit, Einsichtigkeit, völlige Klarheit, die demnach keiner Untermauerung durch weitere Daten bedarf; im Englischen bedeutet Evidence: Beweis, Beleg, Hinweis, Zeugenaussage]

Eine auf Beweismaterial (klinische Studien) gestützte Medizin.

"Klinische Studien im Visier der Öffentlichkeit" pdf >>>
Prof. em. Dr. med. Frank. P. Meyer (b.1969, ehemaliger Institutsdirektor der Klinischen Pharmakologie an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg.
Nachdruck aus Ärzteblatt Sachsen-Anhalt 7/2000: www.laekh.de/upload/Hess._Aerzteblatt/2001/2001_04/2001_04_08.pdf


EbM ist jede Form von medizinischer Behandlung, bei der Patienten orientierte Entscheidungen ausdrücklich auf der Grundlage von nachgewiesener Wirksamkeit getroffen werden. Der Wirksamkeitsnachweis erfolgt dabei durch statistische Verfahren (Signifikanz p<0,05). Die EbM steht damit im Gegensatz zu Behandlungsformen, bei denen kein solcher auf statistische Wahrscheinlichkeitsberechnung beruhender Wirksamkeitsnachweis vorliegt.

Evidence based thinking about health care: www.medicine.ox.ac.uk/bandolier

"Die "Evidence-based Medicine" (EbM), die "nachweisorientierte Medizin" ist eine junge Strömung in der Medizin, die fordert, dass bei jeder Behandlung eines Krankheitsbildes einzig und alleine diejenige Behandlungsmethode zur Anwendung kommt, für die empirisch [erfahrungsgemäß] die beste Wirksamkeit nachgewiesen werden konnte. Ausgearbeitete "Leitlinien" sollen den Arzt auf dem Weg der "nachweisorientierten Medizin" halten und begleiten. So weit die Theorie. Dieser Ansatz steht in seinem Grundgedanken im Gegensatz zur therapeutischen Freiheit des Arztes, wie sie im Ärztegesetz verankert ist. Und er ist schon philosophisch gesehen fragwürdig, da der Nachweis immer erst nach der Behandlung des betroffenen Patienten erfolgen kann ... Besondere Unterstützung finden die Ideen der EbM naturgemäß in nicht-ärztlichen Kreisen wie bei der Pharmaindustrie, den staatlichen Geldgebern, den verschiedenen Gesundheitsplattformen, den Qualitätssicherern, der Patientenanwaltschaft und den Kassenfunktionären. Diese wollen den Medizinern "besser auf die Finger schauen können", das "Wunder der Ärztlichkeit" besser begreifen und kontrollieren können, aus welchen Interessen auch immer. Aber ein Wunder ist nur so lange ein Wunder, wie es unbegreiflich bleibt. Ärzte bleiben nur Ärzte, solange sie sich ihrer individuellen Wirkung und Ausstrahlung bewusst sein können. Ansonsten werden sie zu reinen Wissensvermittlern, Anwendern von erlerntem. Die Kosten, die ein Arzt dem System verursacht, werden umso höher sein, je mehr seine eigene Wirkung ausgeschaltet wird. Denn Patienten suchen Halt und Sicherheit. Und genau diesen halt, diese Sicherheit bietet die EbM nicht. EbM kann und wird nur bei einem theoretischen Idealpatienten funktionieren ... Unter dem Vorwand, die Kosten, die in den Augen der systemverantwortlichen von den Ärzten und nicht von den Patienten verursacht werden, in den Griff zu bekommen, werden für alle Mediziner verpflichtende Behandlungspfade zu den häufigsten Erkrankungen ausgearbeitet. So sollen Untersuchungen und Behandlungen auf ein notwendiges Mindestmaß beschränkt werden. Die Praxis weicht allerdings erheblich von der Papierform ab. So fordert zum Beispiel die EbM, dass eine entsprechende wissenschaftliche Methode zu jedem Zeitpunkt, an jedem Ort, mit beliebig vielen Patienten wiederholbar sein und zum selben Ergebnis führen muss [siehe INFOS: Denkrahmen - Erkenntniserwerb >>>
Analysierbarkeit, Quantifizierbarkeit, Reproduzierbarkeit]. Genau das kann aber nicht funktionieren, denn der Ort, die Zeit, die Persönlichkeiten von Patient und Arzt stellen individuelle Parameter dar und werden immer zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Zwei Patienten mit derselben Diagnose müssen nicht denselben Leidensdruck haben - aber der Leidensdruck bestimmt die individuelle Bereitschaft zu Kooperation und die Tiefe der Arzt-Patient-Beziehung. Zwei gleichartige Befunde können völlig unterschiedliche Beschwerdebilder zur Folge haben. Hormonelle Einflüsse, Tag und Nacht [Chronobiologie], Glück und Unglück und unendlich viele weitere Variablen machen es unmöglich, die Wirkung einer Behandlungsmethode exakt vorherzusagen. Ein und derselbe Arzt wird von zwei verschiedenen Menschen verschieden wahrgenommen. Das führt zu verschiedenen Übertragungen und Gegenübertragungen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt setzt eine Dynamik in der Arzt-Patient-Beziehung ein, die nicht mehr festgeschrieben werden kann. Selbst wenn zwei Ärzte denselben Satz formulieren würden, er hätte verschiedene Auswirkungen auf verschiedene Patienten ["Der Hörer, nicht der Sprecher, bestimmt die Bedeutung einer Aussage" Siehe ZITATE: Heinz von Foerster / Ständig entscheiden wir >>> u. Friedemann Schulz von Thun / Mein Inneres Team >>>]. Denn die Medizin ist eine Kunst, die nur zu einem Teil mit wissenschaftlichen Methoden erklärt werden kann ... Gleiches Leiden [z.B. Zahnschmerz], aber zwei Leidenswege, zwei Behandlungen [Extraktion, Wurzelbehandlung], verschiedene Kosten. Aber ein Ergebnis: Heilung. Befreiung vom Leidensdruck. Zwei wieder zufriedene Patienten, über verschiedene Wege, Behandlungspfade ... Ein zufriedener Arzt wird anders reagieren als ein von bürokratischen Hürden und juridischen Auflagen zermürbter Kollege. Ein ausgeschlafener Arzt reagiert anders als ein von 48-Stunden-Diensten ausgelaugter. Ein Arzt, dem durch Vorgaben im Behandlungspfad das Besondere an der Medizin genommen worden ist, wird weniger Empathie zur Anwendung bringen als ein stolzer, selbstbewusster Kollege. Und selbstverständlich wird ein freiberuflich tätiger Mediziner finanzielle Aspekte in seinem Behandlungsweg anders bewerten als ein fix bezahlter angestellter Arzt. Die Aufzählung könnte beliebig verlängert werden. Und all diese Faktoren werden über das Arzt-Patient-Verhältnis in die Untersuchung und Behandlung ein und desselben Problems mit einbezogen werden ... Und trotzdem wird es zu dem kommen, was des Patienten sehnlichster Wunsch ist: Heilung im besten Fall, Erleichterung. Weil der Patient das System so lange fordern wird, bis er in irgendeiner Weise zufrieden gestellt ist." Aus: Günther Loewit (b.1958, österreichischer Arzt): „Der ohnmächtige Arzt. Hinter den Kulissen des Gesundheitssystems“ Kapitel: Heilkunst und Wissenschaft. Unterkapitel: Der Arzt und sein Patient. Normbehandlung. Auszugsweise Seite 194, 196f, 198-200. HAYMON 2010 [Meine Ergänzungen]

Zuallererst dem Patienten verpflichtet, nicht der EBM pdf >>>   Sinnorientierte Medizin pdf
>>>
Prim. Univ.-Prof. Dr. Johannes Bonelli, Internist,                                                                       Imago Hominis, Band 11, Heft 4. Seite 251-264
Direktor von IMABE - Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik in Wien

ÖÄZ 15.8.08, Seite 20


"Die individuelle Patient-Arzt-Beziehung ist angewiesen auf die Urteilskompetenz und Entscheidungsautonomie des Arztes. Therapiefreiheit ist ein wesentliches Element der ärztlichen Professionalität. Der Arzt ist immer dem individuellen Patienten verpflichtet, auf dessen Besonderheiten er eingehen muss; auch kann er ernsthafte Bedenken gegen die etablierte Methode haben. Dennoch bedeutet Therapiefreiheit nie Therapiebeliebigkeit; der Arzt unterliegt der berufsspezifischen Sorgfaltspflicht, er muss sich am fachärztlichen Standard orientieren und nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Die evidenzbasierte Medizin (EbM) wurde konzipiert als Lernkonzept für Ärzte, um Übersicht und Transparenz in den täglich wachsenden Datendschungel zu bringen, neue Evidenzen kritisch zu bewerten und rasch in die Praxis umzusetzen. Dieses externe Wissen sollte in einer Bottom-up-EbM [unterstützend] die ärztliche Expertise nie ersetzen, sondern unterstützen und stärken. Erweitert um die Patientenperspektive, soll dies eine hochwertige Patientenversorgung ermöglichen. Ein Missbrauch als Kochbuchmedizin dagegen würde die EbM-Vertreter auf die Barrikaden rufen. Die beabsichtigte Stärkung der ärztlichen Expertise, die auch das klinische Urteil und die ärztliche Erfahrung umfasst, wurde dann aber vernachlässigt. Stattdessen entstand durch eine Liaison mit der Administration eine Top-down-EbM [dirigierend], deren explizites Ziel nun die Einschränkung der ärztlichen Therapiefreiheit ist. Hier wird EbM ein Instrument zur zentralen Steuerung und Rationalisierung der Medizin mit der Konsequenz ihrer zunehmenden Verrechtlichung. Auch wenn zum Beispiel Leitlinien keine juristisch bindenden Anweisungen sind, haben sie dennoch eine quasigesetzliche Verbindlichkeit. Als Orientierungshilfe für Juristen ermöglichen sie den Zugriff des Rechts auf fachliche Aspekte der Medizin und öffnen das Tor zur Defensivmedizin: Befolgung der Leitlinien kann Haftungsimmunisierung erwarten lassen; Abweichung muss dagegen rechtfertigt werden, mit der Gefahr, dass dies misslingt. Diese EbM stößt inzwischen bei vielen Ärzten auf Ablehnung ... Dennoch ist die externe Evidenz immer nur ein Baustein, der die ärztliche Entscheidung unterstützt, nie aber die ärztliche Expertise ersetzen kann, da diese Evidenz immer nur ein begrenztes Spektrum der Medizin abbildet und selbst von Verzerrungen nicht frei ist. Therapiefreiheit des Arztes ist auch in einer EbM berechtigt, wesentlich und notwendig: 1.) Jeder Patient ist individuell. 2.) Evidenz ist limitiert, einseitig und fehleranfällig, sie muss kritisch bewertet, eingeordnet und ergänzt werden. 3.) Auch Evidenzgestützte Therapien helfen nur einem Bruchteil der Patienten mit der betreffenden Indikation; in dieser systemimmanenten Unsicherheit sind Arzt und Patient auf das eigene Urteils- und Entscheidungsvermögen angewiesen. 4.) Der Arzt verfügt über eine andere Erkenntnis- und Handlungsmethodik und ein anderes Beobachtungsfeld als klinische Studien; er bringt von daher wichtige Erkenntnisse in die medizinische Entscheidung ein, die ein essentieller Wissensgewinn für den einzelnen Patienten und für die medizinische Gemeinschaft sind. Aufgrund seines Arbeitsfelds steht der Arzt den patientenrelevanten Fragestellungen näher und ist den Limitierungen der klinischen Studien stärker ausgesetzt als der Akademiker oder die pharmazeutische Industrie ..." Aus: Dr.med. Gunver Sophia Kienle: "Evidenzbasierte Medizin und ärztliche Therapiefreiheit: Vom Durchschnitt zum Individuum" Dtsch Arztebl 2008; 105(25): A-1381 / B-1193 / C-1161 www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=60581, Institut für angewandte Erkenntnistheorie und medizinische Methodologie (IFAEMM) Freiburg, http://www.ifaemm.de;

"Die epochalen medizinischen Entdeckungen ... sind von einzelnen, genialen, enthusiastischen, an Kranken orientierten, vom Heilungswillen getriebenen, in ihrer Handlungsfreiheit wenig eingeschränkten Ärzten und Forschern erbracht worden - mit ungenügender wissenschaftlicher Qualität, mangelhafter Statistik und geringen Patientenzahlen. Mit dem modernen System der Forschungstechnologie und -kontrolle wären Penizilline, Sulfonamide, Cephalosporine (u. a.) ... vermutlich nie entdeckt worden. Das aus der täglichen Sorge und Behandlung kranker Menschen entwickelte, fachkundige und wissenschaftlich geschulte ärztliche Urteil, das heute als unwissenschaftlich und unvalide gilt, hat diese segensreichen Entdeckungen ermöglicht."
Aus: Gunver S. Kienle, Markus Karutz, Harald Matthes, Peter  Matthiessen, Peter Petersen, Helmut Kiene:  "Evidenzbasierte Medizin: Konkurs der ärztlichen Urteilskraft?" Dtsch Arztebl 2003; 100(33): A-2142 / B-1784 / C-1688 www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=38060

"Oft hört man, vor allem von Autoren, die der herkömmlichen Denkschulung verpflichtet sind, dies und jenes sei "nicht wissenschaftlich". Wenn man diese Aussage genauer überprüft, ist damit gemeint: "Dieser Befund ist eine Anomalie [Problem, Abweichung] und passt nicht in unser gegenwärtiges Paradigma [Denkrahmen, implizite Voraussetzung] oder dazu, wie wir die Welt im Moment verstehen." Und oftmals gehört auch noch, quasi als Nachsatz, dazu: "Deswegen gehört es aus unserem Weltverständnis getilgt; wir sollten es nicht mehr erwähnen, wir sollten es nicht mehr tun, wir sollten nicht mehr dafür bezahlen." Solche Sätze hört man gerne von Kritikern der Homöopathie oder der Komplementärmedizin im weiteren Sinne. Doch Anomalien gehen nicht weg... Wir lernen daraus noch etwas anderes: Es ist extrem wichtig zu unterscheiden zwischen Kontroversen [Debatte, Streit, Auseinandersetzung], die sich ergeben, weil innerhalb eines gewissen Denkmodells Fragen ungelöst sind oder unterschiedlich beantwortet werden, und solchen, die entstehen, weil das herrschende Denkmodell selbst, ein gültiges Paradigma, durch Anomalien infrage gestellt wird ... Solche Streitpunkte sind relativ leicht zu klären: Man untersucht die Frage methodisch sauber und weiß es anschließend. Davon zu unterscheiden sind Streitereien, die sich ergeben, weil zwei Diskussionspartner die paradigmatischen Grundlagen oder die jeweiligen Voraussetzungen nicht teilen. Hier geht es immer um einen komplett anderen Denkrahmen. Das Problem dabei ist Folgendes: Die Bezweiflung der paradigmatischen Grundannahmen des Diskussionspartners findet fast immer implizit statt und wird selten thematisiert. Das ist einfach deshalb so, weil uns unsere Grundannahmen selten bewusst sind. Sie sind wie die Luft, die wir atmen ... Man rührt nämlich an Tabuzonen, wenn man paradigmatische Grundlagen anzweifelt. Deswegen sind die Dispute so heftig, werden oftmals unfreundliche Vokabeln benutzt und nicht selten wird dem Partner die Kompetenz abgestritten. Oftmals kommt ein zusätzliches Problem hinzu: Das in Zweifel stehende Phänomen ist meistens auch in sich schlecht untersucht. Kunststück, vorher hat sich ja niemand drum gekümmert ... Eine Anomalie attackiert meistens ein herrschendes Denkmodell und es ist mit dessen Methoden in der Regel schlecht zu untersuchen." Aus: Harald Walach (b.1957, Prof. Dr. Dr. Dipl. Psych, klinischer Psychologe, Philosoph, Wissenschaftshistoriker): „Weg mit den Pillen!: Selbstheilung oder warum wir für unsere Gesundheit Verantwortung übernehmen müssen - Eine Streitschrift“ Kapitel 3. Wir sehen nur, was wir kennen, Seite 28-30. IRISIANA 2011.

"Auf der Terrasse eines großen internationalen Hotels in Venedig ... Drei Ärzte diskutieren über die Bedeutung klinischer Studien. Zunächst wurden die 5 Standardargumente der kritischen Ärzte besprochen:
1.) Eine Studie kann schlecht geplant und schlampig durchgeführt sein.
2.) Die Ergebnisse können gefälscht oder geschönt sein.
3.) Auch ein signifikantes Ergebnis ist definitionsgemäß in 5% der Fälle falsch.
4.) Signifikanz ist nicht gleich Wirksamkeit.
5.) Der Durchschnitts-Patient der Studie unterscheidet sich vom konkreten Patienten in der Praxis. Aber selbst wenn man alle diese Bedenken außer Acht lässt und von idealen Studien und idealen Forschern ausgeht,
ist es - das war die ungeheuerliche Behauptung von Salviati - nicht möglich, von der Signifikanz einer Studie auf die Irrtums-wahrscheinlichkeit zu schließen..."
Aus: Wolfgang Weihe: "Klinische Studien und Statistik: Von der Wahrscheinlichkeit des Irrtums" Dtsch Arztebl 2004; 101(13): A-834 / B-699 / C-679 www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=41130

"Evidence Based Medicine (EbM) orientiert sich über Prozentzahlen an Mittelwerten, aber nicht am leidenden Einzelmenschen. Dem praktizierenden Arzt und den Patienten, diesen seit Jahrtausenden unveränderten Eckpfeilern der Heilkunde, muss es indessen um das erkrankte Individuum gehen, weniger um artifizielle Kollektive, wenn sie nicht den phänomenologisch gesicherten und bewährten Boden unter den Füßen verlieren wollen."
Aus: Claus C. Schnorrenberger, Beate Schnorrenberger: „Taschenatlas Zungendiagnostik – Mit Therapiehinweisen zu Akupunktur, Rezeptur und Diätetik“ HIPPOKRATES 2.Auflage 2007 (2002)

"Für die Behandlung akuter Erkrankungen ist die Sachlage klar. Gilt es doch, durch eine optimale Therapie Organschäden oder gar den Tod zu verhindern. Bei chronischen Erkrankungen, erst recht bei Multiorgan-Erkrankungen wird die EbM sehr zweifelhaft. Der Arzt wird entmündigt und ferngesteuert. Er ist verpflichtet, wissenschaftliche "Erkenntnisse" umzusetzen und wird zum Erfüllungsgehilfen klinischer und industrieller Forschung. Trotz hoher Wertschätzung durch die Betroffenen und erfolgreicher Resultate werden andere adjuvante Therapie Maßnahmen ausgeschlossen, wie z.B. Osteopathie, Akupunktur oder Mikronährstoff-Therapien. Die Entwicklung neuer Therapien liegt heute fas ausschließlich in den Händen der Industrie. Diese ist in der Therapiefindung wenig produktiv. Die Pharmaindustrie investiert in teure Forschungen nur bei Gewinn versprechenden Projekten. Dabei bezieht sie durch Sponsoring Hochschulmediziner ein, die dann natürlich nicht Interessen ungebunden handeln. Weitere Erfolg versprechende Therapien, die keine Aussicht auf eine breite Vermarktung oder Patentierbarkeit bieten, werden aus kommerziellen Gründen kaum überprüft ... Die EbM richtet sich nach isolierten Organ-Erkrankungen, der Kranke wird Facharzt bezogen aufgesplittert ... Diverse Fachärzte laborieren an den Einzelsymptomen, treiben unbewusst die Behandlungskosten in die Höhe und treten auf der Stelle. Sie leben in der Evidenzfalle. Glücklicherweise bewahrten sich zahlreiche Ärzte ihre Handlungsfreiheit. Sie behandeln trotz EbM die Migräne mit Coenzym Q10 und B-Vitaminen oder spritzen Vitamin B12 bei Gelenks- oder Wirbelsäulenschmerzen. Sie haben eben ihre Beobachtungen und Erfahrungen über diese nebenwirkungsfreien und günstigen Präparate gesammelt ... Auch Selbsthilfegruppen laufen Gefahr, in die Evidenzfalle zu tappen. Sie werden von "Leithirschen" betreut, die aufgrund ihrer Qualifikation mit fachlichen Tunnelblick die EbM vertreten ... Auf mögliche Ursachen und Auslöser der Krankheit hin befragt, werden diese "Leithirschen" nur schwerlich eingestehen können, etwas nicht gewusst zu haben. Je höher ihre Reputation, desto beharrlicher werden sie auf ihre Meinung bestehen. Der Autoritätsglaube von Mitgliedern der Selbsthilfegruppen tut dann sein Übriges."
Bodo Kuklinski (b.1944, FA innere Medizin, Umwelt- und Nährstoffmedizin): „Das HWS-Trauma. Ursache, Diagnose und Therapie“ Seite 225/226,234 AURUM 3.Auflage 2008 (2006)

"Die moderne Medizin versucht seit Jahrzehnten, alles Individuelle aus ihren Verfahrensweisen zu eliminieren. Den Gipfel hat diese Tendenz in den Forderungen der "evidence-based medicine" (EBM) gefunden. Statistiken und groß angelegte multizentrische Studien sollen zeigen, was im Einzelfall die bestmögliche Behandlung darstellt. Die so herausgearbeiteten Leitlinien (Guidlines) über Diagnoseschritte und therapeutische Maßnahmen werden dann von Politikern und Gesundheitsökonomen in den Rang von verpflichtenden Vorgehensweisen bei bestimmten Bewschwerdebildern erhoben. Aufgabe des Arztes ist es nicht mehr, den individuellen Patienten in seiner Gesamtsituation zu beurteilen, sondern nur mehr, die festgelegten Schritte der jeweiligen Guidline abzuarbeiten. In manchen Fällen ein Vorteil, oft aber ein Nachteil für die Patienten. Die Heilkunde wird durch die EBM ihrer Kunst und der Patient seiner Seele beraubt. Die Arzt-Patient-Beziehung verliert ihren Nimbus [Ansehen, Glanz] des Besonderen. Der Ärztestand wird von den Machtausübenden nicht mehr als Bedrohung empfunden. Wie aber soll eine Medizin, die alles und jedes genau beschrieben und festgelegt hat, mit dem diffusen und unbestimmten Bild des Sterbens umgehen? Wie soll sie auf die Summierung unterschiedlicher Beschwerdebilder eines Menschen, der im Sterben liegt, reagieren? Welche allgemeingültigen Verfahrensweisen können im Kampf gegen den Todfeind der Medizin herausgearbeitet und festgelegt werden? Soll wirklich bis zum Eintreten des Todes diagnostiziert und therapiert werden? Denn eines steht fest: Keinesfalls darf ein Patient mit medizinischem Einverständnis versterben. Sterben stellt immer ein Versagen der Medizin dar. Im medizinischen Fachjargon heißt es, dass der Kampf gegen den Tod verloren wurde. Diese ärztlich-medizinische Grundhaltung macht verständlich, warum bis zum letzten Atemzug des Patienten gegen und mit dem Tod gerungen wird. Und wenn der natürliche Tod schon nicht verhindert werden kann, dann soll er wenigstens herbeioperiert oder herbeitherapiert werden. Dann war die Medizin wenigstens nicht untätig. Hat nicht einfach zugeschaut. Nicht anders kann man die Tatsache interpretieren, dass immer mehr Menschen im Anschluss an eine letzte Operation sterben. Selbst Palliativmediziner bleiben erschreckend oft bis zum letzten Augenblick aktiv. Wechseln Medikamente, intensivieren die Schmerztherapie und stören den - an sich friedlichen - Tod bei seiner Arbeit. Forscher der Queen Mary University in London (1) haben die Daten von 46.000 Patienten analysiert, die während sieben Tagen im April 2011 in einem von 500 europäischen Spitälern zu einer Operation angemeldet waren. Dabei wurden Patienten mit ambulanten Eingriffen sowie Patienten mit Herz- oder Gehirnoperationen vom Ergebnis ausgeschlossen, da sie im Normalfall spezielle Vorbereitungspfade durchschreiten und damit nicht medizinischen Standardverfahren entsprechen. In allen übrigen Fällen wurde erfasst, ob die Patienten in den Tagen nach der Operation [postoperativ] verstarben, wie lange sie im Krankenhaus blieben und ob sie im Rahmen des untersuchten Eingriffes je auf der Intensivstation waren. Das Ergebnis der im renommierten Medizinjournal The Lancet veröffentlichten Studie (1): Die durchschnittliche Todesrate in den ausgewählten 500 Spitälern lag bei 4% - deutlich über den Erwartungen der Forscher, die aufgrund früherer Studien weit niedrigere Werte erwartet hätten. Erstaunlich war auch die große Schwankungsbreite der Sterblichkeitsraten. Sie reichte von 1,2% in Island bis zu 21,5% in Lettland. Um diese Zahlen ins rechte Licht zu rücken: Das durchschnittliche europäische Operationsprogramm würde bei einem perioperativen Todesrisiko von 4% augenblicklich zum Erliegen kommen. Selbst bei hochkomplexen kardiologischen Operationen liegt das Sterblichkeitsrisko weit unter einem Prozent. Operieren wir also zu viel? Oder zum falschen Zeitpunkt? Eine im British Medical Journal veröffentlichte Studie (2) zeigt, dass am Freitag oder am Wochenende operierte Patienten häufiger an den Folgen des Eingriffes sterben als am Montag oder am Wochenanfang operierte Menschen. Untersucht wurden circa vier Millionen Operationen in den Jahren 2008 bis 2010. Es zeigte sich, dass am Wochenende Operierte ein 82% höheres Sterberisiko hatten. Das Sterberisiko nahm von Montag an mit jedem Wochentag signifikant zu. 6,7 von 1.000 Patienten überlebten die ersten 30 Tage nach der Operation nicht. So viel zu Qualitätsmangement und Normierung. Weitere Forscherteams werden nach den Ursachen für das erschreckende Ergebnis der Studie suchen. Und sie werden erschöpfte und übermüdete Ärzte und Spitalsangestellte finden und neue, noch bessere, noch schwerer einzuhaltende Regeln vorschlagen. Viele operative Eingriffe gegen Ende des Lebens sollen das Leben verlängern und das Sterben des Patienten verhindern. Dennoch führt in vielen Fällen gerade eine Operation zum Tod. Wobei: Im Wortlaut des Gesundheitssystems versterben Patienten immer trotz eines durchgeführten Eingriffes, aber so gut wie nie wegen einer Operation." Aus: Günther Loewit: "Sterben - Zwischen Würde und Geschäft" Guidelines für das Sterben S.274-277 HAYMON 2014 (1) Rupert M Pearse et al: "Mortality after surgery in Europe: a 7 day cohort study" The Lancet Volume 380, No. 9847, p1059–1065, 22 September 2012 (2) Paul Aylin et al: "Day of week of procedure and 30 day mortality for elective surgery: retrospective analysis of hospital episode statistics" BMJ 2013; 346

Prof. Dr. Archibald Leman Cochrane (12. Januar 1909 in Galashiels, Schottland - 18. Juni 1988 in Dorset, England) war ein britischer Epidemiologe und Begründer der Evidenzbasierten Medizin.

Der englische Schiffarzt James Lind (1716-1794), mit seiner ersten klinischen Studie über die Wirksamkeit von Vitamin C bei Skorbut ("A Treatise of the Scurvey" 1753), war für Archi Cochrane das entscheidende prägende Vorbild.

Von 1932 bis 1935 ist A. Cochrane in psychoanalytischer Behandlung bei Theodor Reik (in Berlin, Wien und Den Haag). Sein 1934 begonnenes Medizinstudium am University College Hospital, London unterbricht Cochrane, um von 1936-1937 auf Seiten der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg teil zu nehmen. Das Studium schließt er am 14. März 1938 ab. Als Kriegsteilnehmer im "Royal Army Medical Corps" (seit 1939) gerät Cochrane 1941 auf Kreta in deutsche Kriegsgefangenschaft und ist zunächst in Griechenland (Saloniki) Lagerarzt, dann in Deutschland interniert. Nach dem Zweiten Weltkrieg führt er Studien über Pneumokoniose ("Staublunge") an walisischen Bergarbeitern, von 1947-1948 in den USA über die Epidemiologie der Tuberkulose durch. Mit der Veröffentlichung seines bahnbrechenden Buches "Effectiveness and Efficiency - Random Reflections on Health Services" (1972) gilt er als "Vater der Evidenzbasierten Medizin".

Besonders während der Zeit der Kriegsgefangenschaft in Griechenland war ihm als Lagerarzt bewusst geworden, dass viele der Grundannahmen der Medizin lediglich auf überlieferten Vorurteilen beruhen. "Ich erwartete Hunderte Fälle (Gefangenenlager Saloniki mit ca. 15.000 Soldaten), die allein an Diphtherie sterben würden, weil keine Therapie zur Verfügung stand. Tatsächlich zu beklagen waren jedoch nur vier Todesfälle, wobei drei dieser Gefangenen auch noch gleichzeitig an Schussverletzungen laboriert haben ... Das zeigt sehr klar die relative Bedeutungslosigkeit der Therapie im Vergleich mit der Kraft des menschlichen Körpers."

In Zukunft sollten medizinischen Methoden nur dann angewendet werden, wenn es gesicherte Beweise für deren Nutzen gab. Er beschäftigte sich mit statistischen Methoden, schuf Standards für klinische Studien und definierte die Zufallszuteilung (Randomisierung, siehe unten) in eine Behandlungs- (Verum-) und eine Kontroll- (Plazebo) Gruppe als Grundvoraussetzung, damit eine Studie Aussagekraft besaß.

Siehe: www.cochrane.de/de/Biographie_Archie_Cochrane.htm

1.) "...Die EBM führt also ... leicht zu einer geradezu gefährlichen Polypharmakotherapie, die ... dem Patienten manchmal mehr schadet als nützt ... Die Gefahr einer Medizin, die vorwiegend auf statistischer Signifikanz basiert, besteht gerade darin, Patienten nach Mehrheitsverhältnissen im Kollektiv zu behandeln, ohne ihre individuellen Bedürfnisse zu berücksichtigen. Metaanalysen, Entscheidungsbäume und pauschale Richtlinien können zwar für den Arzt eine große Hilfe in Diagnose und Therapie sein, ihm aber niemals eine Therapieentscheidung im Einzelfall aufzwingen oder umgekehrt ihm die Verantwortung dafür abnehmen." Prim. Univ.-Prof. Dr. Johannes Bonelli, Internist, Direktor von IMABE - Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik in Wien; ÖÄZ 15.8.08, Seite 20

The Cochrane Colaboration: Internationale Organisation unabhängiger, hoch qualifizierter Wissenschaftler, deren systematische Übersichtsarbeiten zu allen Bereichen der Medizin die wissenschaftliche Spreu vom Weizen trennt. Damit soll Medizinern ermöglicht werden, sich rasch einen Überblick zum aktuellen Stand der Forschung zu verschaffen, auch wenn das eigene Studium oder die letzte Fortbildung schon ein paar Jahre her ist. www.cochrane.org


"Im Übrigen liegt eine gewisse Ironie darin, dass wir möglicherweise am ehesten einen Zugang zu den "schnellen und einfachen Faustregeln" erhalten können, wenn wir die kognitiven Prozesse jener hervorragenden Ärzte verstehen lernen, die ständig vorzügliche Entscheidungen treffen, ohne sich in erkennbarer Weise an den Kanon der Evidenzbasierten Medizin zu halten."
Univ.-Prof. Dr.med. Christopher David Naylor (b.1954), University of Toronta / Canada; Aus: Gerd Gigerenzer (b.1947): „Bauchentscheidungen – Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition“ Seite 169, GOLDMANN 2008 (2007)

Der Begriff  EbM wurde Anfang der 90er Jahre von Gordon Henry Guyatt (b.1953) aus der Gruppe um David Lawrence Sackett (1934-2015) an der McMaster University, Hamilton, Kanada, geprägt.
Evidence-Based Medicine Working Group: "Evidence-Based Medicin: A New Approach to Teaching the Practice of Medicine" JAMA 1992 Nov 4;268(17):2420-5, www.cebma.org/wp-content/uploads/ebm-a-new-approach-to-teaching-the-practice-of-medicine.pdf

2.) "... Der häufigste und folgenschwerste Irrtum in der modernen wissenschaftlichen Diskussion ist die Meinung, dass hoch signifikant gleichbedeutend ist mit hoch wirksam. Signifikanz p<0,05 bedeutet aber: Unter der Annahme, dass die neue Therapie nicht besser ist als die Standardbehandlung, tritt der erwartete Effekt trotzdem mit fünf Prozent Wahrscheinlichkeit rein zufällig auf. Die Ärzte wollen aber nicht wissen, wie groß die Zufallswahrscheinlichkeit falsch positiver Ergebnisse ist, sondern sie möchten Auskunft darüber haben, ob eine Therapie wirksam ist oder nicht. Diese Information wird nicht durch die statistische Signifikanz einer Studie allein geliefert. Diese ergibt bestenfalls eine theoretische Evidenz für eine Therapie, die dann aber erst durch die statistischen Kriterien einer Plausibilitätsprüfung bezüglich ihrer tatsächlichen Wirksamkeit beim individuellen Patienten überprüft werden muss." Prim. Univ.-Prof. Dr. Johannes Bonelli
, Internist, Direktor von IMABE - Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik in Wien; ÖÄZ 15.8.08, Seite 20

"Welche Qualität haben Studien, mit denen die medizinische Empfehlung begründet wird? Im Alltag einer Sprechstunde oder eines Krankenhauses haben Ärzte meist nicht die Zeit, jede einzelne Studie, mit der sie die eigenen Empfehlungen begründen, auf die Einhaltung der Regeln zu überprüfen. Außerdem sind Mediziner (leider) nur unzureichend mathematisch ausgebildet und deshalb dazu oft gar nicht in der Lage. Deshalb hat sich in der Medizin ein Bewertungssystem durchgesetzt, die sogenannte Evidenzbasierte Medizin (EbM). Mit diesem System kann man mit einem Blick feststellen, ob sich Studienergebnisse sinnvoll auf eigene Patienten übertragen lassen. Die Evidenzbasierte Medizin teilt Studien nach ihrer Qualität in vier Klassen ein. Doch nur die erste Klasse besitzt die statistische Qualität, bei der man von einer hohen Wahrscheinlichkeit ausgehen kann, dass positive oder negative Studienergebnisse auch tatsächlich auf die Gesamtbevölkerung zutreffen ... Von allen medizinischen Studien erreicht meiner Schätzung nach höchstens ein Prozent die Evidenzklasse 1. Damit sind die anderen 99 Prozent nicht automatisch völlig wertlos, die Flut medizinischer Studien und Publikationen mit sehr begenztem wissenschaftlichem Nutzen wird allerdings immer lautstärker von der Fachwelt beklagt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ihre Ergebnisse auf Menschen außerhalb der Studie anwenden lassen, sinkt von Stufe 1 bis Stufe 4 rapide. Die Aussagekraft einer 1er-Studie kann auch von hundert 2er-Studien, die ein ganz anderes Ergebnis erbrachten, nicht "überstimmt" werden. Aus statistischen Gründen bleibt eine 1er-Studie immer wegweisend. Das beste wissenschaftliche Argument für eine Therapie ist ein Nutzenbeleg auf dem Boden einer hochwertigen systematischen Übersichtsarbeit ("Review"). Hierzu werden alle Studien zu einer medizinischen Fragestellung (beispielsweise, ob ein hoher Blutdruck gesundheitsgefährdend ist) gesichtet. Danach werden alle 1er-Studien herausgefiltert und nur diese für die Beurteilung der Frage benutzt. alle 2er-, 3er- und 4er-Studien und Meinungen bleiben unberücksichtigt. Nur dann ist die Übersichtsarbeit hochwertig. Es gibt Übersichtsarbeiten, die auch 2er- und 3-er-Studien in die Gesamtbewertung einbeziehen, doch diese können in ihrer Aussage leichter in die Irre führen. Ich unterstelle dabei eine Absicht, da man auf diese Weise unangenehme Erkenntnisse aus 1er-Studien hinter Studien schlechterer Qualität verstecken kann ..."
Aus: Dr. med. Gunter Frank: "Gebrauchsanweisung für ihren Arzt - Was Patienten wissen müssen" II. Faktencheck. Wie Sie den allgemeinen Nutzen einer medizinischen Empfehlung überprüfen können. Checkliste, Teil 2: Fragen zur Qualität der erhaltenen Antworten. Punkt 6: Welche Qualität haben die Studien, mit denen die Empfehlung begründet wird? Seite 64. 2. Auflage KNAUS 2014

Eine Einteilung nach EbM-Kriterien von Studien / Veröffentlichungen ermöglicht Aussagen über die Evaluierung (Beschreibung, Analyse und Bewertung) und über den Evidenzgrad (Studientyp + Qualitätsbewertung).

EbM - Klassen: nach Centre for Evidence-based Medicine 2009, www.cebm.net, www.ebm-netzwerk.de

Klasse Ia
:
Evidenz durch Meta-Analysen (Systematische Übersichtsarbeit, systematic Review) von mehreren randomisierten, kontrollierten Studien.

Klasse Ib
:
Evidenz aufgrund von mindestens einer randomisierten, kontrollierten Studie.
Randomisierte, kontrollierte Einzelstudie mit engem Konfidenzintervall (Vertrauensintervall, Mutungsintervall).

Klasse IIa
:
Evidenz aufgrund von mindestens einer gut angelegten, jedoch nicht randomisierten und kontrollierten Studie. Systematischer Review von Kohortenstudien.

Klasse IIb
: Evidenz aufgrund von mindestens einer gut angelegten quasi-experimentellen Studie. Einzelne Kohortenstudie/randomisierte, kontrollierte Studie von geringer Qualität.

Klasse III
: Evidenz aufgrund gut angelegter, nicht-experimenteller deskriptiver Studien wie etwa Vergleichsstudien, Korrelationsstudien oder Fall-Kontroll-Studien.
Klasse IIIa: systematischer Review von Fall-Kontroll-Studien.
Klasse IIIb: einzelne Fall-Kontroll-Studie.


Klasse IV:
Nichtexperimentelle Beobachtungsstudien/Kohorten- und Fall-Kontroll-Studien von geringer Qualität.

Klasse V: Evidenz aufgrund von Berichten der Experten-Ausschüsse oder Expertenmeinungen/Konsensusverfahren bzw. klinischer Erfahrung anerkannter Autoritäten.

"Wir Menschen bestehen nun einmal nicht aus statistischen Mittelwerten, sondern die Natur möchte eine Streuung von Merkmalen, das heißt, wir sind einfach unterschiedlich. Deshalb empfiehlt die EbM auch nicht, stur nach Statistik zu therapieren, sondern spricht von einem Behandlungskorridor. Liegt Empfehlungsgrad A vor, dann ist die Wahrschein-lichkeit, Patienten mit dieser Therapie richtig zu behandeln, hoch. Aber nicht 100%. Ist der Korridor sehr weit, weil es nur B oder C gibt, dann entscheidet oft die persönliche Erfahrung des Therapeuten wirkungsvoller, welche Therapie die richtige ist. Ein guter Arzt wird deshalb bei jedem einzelnen Patienten den Erfolg einer Therapie nicht nur am Ereichen von Normwerten messen, sondern an der Beantwortung der Frage, ob es dem Patienten mit der Therapie besser geht. Ist die Antwort nein, kann es in solchen begründeten Ausnahmefällen sehr sinnvoll sein, sich trotz bester "Beweislage" gegen die Therapie zu entscheiden." Aus: Dr. med. Gunter Frank: „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil I: Schlechte Medizin in der täglichen Behandlung. Kapitel: Gute Medizin: Klare Regeln sind nicht verhandelbar. Weitere Fallstricke. Seite 67f. KNAUS 5.Auflage 2012

Vier Evidenz-Empfehlungsgrade/Klassen:
"Studien TÜV"

A hoch = Nutzen der Empfehlung gut belegt:
Es ist unwahrscheinlich, dass weitere Forschungsarbeiten unser Vertrauen in die Richtigkeit unserer Aussage erschüttern werden.
Es liegen mehrere wissenschaftlich einwandfreie Studien (1a) mit konsistenten Ergebnissen vor.
In besonderen Fällen genügt eine große und qualitativ hochwertige multizentrische Studie.

B
mäßig hoch = Nutzen der Empfehlung statistisch gut möglich:
Weitere Forschungsarbeiten haben wahrscheinlich einen signifikanten Einfluss auf unser Vertrauen in die Richtigkeit unserer Aussagen und könnten uns zu einer Korrektur derselben veranlassen.
Eine qualitativ hochwertige Studie.
Mehrere Studien (1a, 1b, 2a), für die schwere Einschränkungen (Blutdruckstudie für Diabetiker) gelten.

C
niedrig = Empfehlung eher spekulativ:
Weitere Forschungsarbeiten haben höchstwahrscheinlich einen signifikanten Einfluss auf unser Vertrauen in die Richtigkeit unserer Aussagen und werden uns wahrscheinlich zu einer Korrektur derselben veranlassen.
Eine oder mehrere Studien (2a, 2b) , für die schwer wiegende Einschränkungen angezeigt sind.

D
sehr niedrig = Keine statistische Belege für die Richtigkeit vorhanden:
Alle Aussagen sind mit einer großen Ungewissheit behaftet.
Reine Expertenmeinung; Begründung anhand "guter ärztlicher Praxis"
Keine aus Studien gewonnene direkte Evidenz.
Eine oder mehrere Studien ("minderer statistischer Qualität"), für die schwere Einschränkungen gelten.
Aus: http://www.ebm-guidelines.at, Gunter Frank: "Schlechte Medizin. Ein Wutbuch" Seite 60. KNAUS 2012

"Die allermeisten Empfehlungen in der Medizin sind nicht mit hohen Empfehlungsgraden abgesichert. Das muss aber nicht gleich heißen, dass sie alle falsch sind. Das mag daran liegen, dass qualitativ hochwertige Studien [EbM 1a, 1b] teuer sind und auch lange dauern. Es wird auch schlichtweg nicht möglich sein, für jede Fragestellung in der Medizin eine Champions-League-Studie [kontrollierte Studie] durchzuführen. Ich habe auch nichts dagegen, eine Therapie mit einer guten klinischen Praxis zu begründen. Aber nur dann, wenn es sich um Therapien handelt, die der Experte auch tatsächlich selbst beurteilen kann. ... Wie definiert man einen Experten? Wenn Experten sich zwar durch ein hohes wissenschaftliches Amt legitimieren, aber gar nicht in der Lage sind, auch nur eine wissenschaftlich hochwertige Studie zu benennen, die ihre Aussage belegt, dann entfällt für mich die Grundlage, sie als Experten zu bezeichnen. Dann frage ich womöglich mit mehr Erfolg bei einer Großmutter nach, die 6 Kinder durchgefüttert hat, was für sie gesunde Ernährung bedeutet. Besonders wenn nebenwirkungsreiche Therapien oder Therapien mit immenser Breitenwirkung empfohlen werden oder wenn sehr viel Geld damit verdient wird, muss es eine solide Datenbasis geben."
Aus: Dr. med. Gunter Frank): „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil I: Schlechte Medizin in der täglichen Behandlung. Kapitel: Zum Wohle des Patienten? Wem die Lehrmeinung in Wahrheit dient. Der Expertenkonsens. Seite 124. KNAUS 5.Auflage 2012


3.) "... Die Plausibilität
[Stimmigkeit, Glaubhaftigkeit, Wahrheit; plausibel: einleuchtend, verständlich, überzeugend, triftig] kann aber nicht berechnet werden, sondern hängt von unserer ärztlichen Erfahrung, von unserem kritischen Urteil ab - und nicht zuletzt von den individuellen Bedürfnissen der einzelnen Patienten. Erst aus der Kombination all dieser Komponenten kann die Wahrscheinlichkeit abgeschätzt werden, ob eine Therapie im konkreten Fall hilfreich sein kann oder nicht." Prim. Univ.-Prof. Dr. Johannes Bonelli, Internist, Direktor von IMABE - Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik in Wien; ÖÄZ 15.8.08, Seite 20

"Die so genannte "Evidence-Based Medicine" (EBM) die sich allein auf "harte", empirisch messbare Daten stützt, muss sich den Vorwurf machen lassen, GEIST und HERZ zu ignorieren. Was wir stattdessen brauchen, sind Studien, die genau diese Faktoren untersuchen: die Kraft des Geistes und der inneren Haltung des Behandlers sowie des Patienten selbst. So wären dann auch aussagekräftige Studien zur Homöopathie machbar." Aus: Andreas Diemer (Arzt, Diplom Physiker): „Die fünf Dimensionen der Quantenheilung“ S.124.  MensSana 2011

Beobachtungsstudie: Eine Beobachtungsstudie bezeichnet meistens eine patientenbezogene Datenerhebung im Gesundheitsbereich, z. B. über den regulären Einsatz von Medikamenten oder Operationstechniken in Therapien. Bei Beobachtungsstudien werden keine Experimente und keine zusätzlichen Untersuchungen durchgeführt. Sie werden meist als rein explorative (ermittelnde) Studien angelegt, zum Generieren von Hypothesen, oder auch - eingeschränkt – zum Abschätzen der Gültigkeit von Hypothesen. Da eine Beobachtungsstudie stets eine nicht-interventionelle Studie ist, hat sie eine geringere Aussagekraft als eine randomisierte klinische Studie.

Als nicht-interventionelle Studien bezeichnet man im Bereich der medizinischen Forschung Studien, die alle folgenden Kriterien erfüllen:

Es werden keine oder nur zugelassene und handelsübliche Medikamente oder Präparate sowie gängige Medizinprodukte, Geräte oder Verfahren gemäß den in der Zulassung festgelegten Angaben eingesetzt.

Der Patient wird im Rahmen seiner Routinebehandlung therapiert. Dem Arzt werden durch die Studie keine Vorschriften in Form eines vorab festgelegten Prüfplanes zur Behandlung des Patienten gemacht.

Die Diagnoseverfahren und sonstigen Beobachtungsverfahren entsprechen der ärztlichen Praxis. Insbesondere werden keine weiteren Diagnoseverfahren durch die Studie veranlasst.

Die Ergebnisse werden mit Methoden der Epidemiologie analysiert

"Ursachen für die chronischen Fehlinformationen zum Thema Fett und Gesundheit gibt es viele. Ein wesentlicher Grund ist die Methodik der zugrunde liegenden Studien. Es ist extrem aufwendig, Ernährungsstudien durchzuführen, die Aussagen über Ursache und Wirkung zulassen. Vielfach muss man daher auf Beobachtungsstudien zurückgreifen, die jedoch nur statistische Beziehungen aufzeigen, Korrelationen, Assoziationen ... Um ursächliche Beziehungen zu belegen, braucht man gut konzipierte, kontrollierte Interventionsstudien, in denen ein Teil der Probanden seine Ernährung ändert und die anderen nicht. Bei Ernährungsstudien kann dies aber nicht verblindet geschehen, weil die Menschen ja schmecken, ob sie Fleisch oder Soja essen, Butter oder Margarine. Wenn Teilnehmer und Studienteilnehmer allerdings wissen, wer was verzehrt, kann dies die Ergebnisse verfälschen." Aus: Nicolai Worm, Ulrike Gonder: „Mehr Fett! - Warum wir mehr Fett brauchen, um gesund und schlank zu sein – Liebeserklärung an einen zu unrecht verteufelten Nährstoff“ Kapitel: Mehr Fett für Herz und Kreislauf! Unterkapitel: Gesättigte Fettsäuren falsch eingeschätzt - Methodische Probleme. Seite 78f. Systemed Verlag 2. Auflage 2010

Zu den nicht-interventionellen Studien zählen folgende Studienarten:

 
Anwendungsbeobachtungen (AWBs) werden fast ausschließlich von Herstellern für ihre zugelassenen Arzneimittel durchgeführt.

Kohortenstudien werden meist prospektiv durchgeführt. Dabei wird eine ganz bestimmte Gruppe von Personen (die Kohorte) bezüglich ihrer Wahrscheinlichkeit (ob bei ihnen beispielsweise eine bestimmte Krankheit auftritt oder eine bestimmte Arzneimitteltherapie erfolgt etc.) und dem Auftreten möglicher unerwünschter Wirkungen über einen festgelegten Zeitraum beobachtet.

Fall-Kontroll-Studien sind retrospektive Studien; in ihnen werden also erst im Nachhinein Patientendaten ausgewertet. Sie werden typischerweise eingesetzt, um Zusammenhänge zwischen einem Risikofaktor und einer Erkrankung zu untersuchen.

Register-Studien sind retrospektive Untersuchungen, in deren Rahmen praxisbezogene Daten zu Diagnose und Therapie bei einer in einem Register vollständig erfassten Population in einem definierten Indikationsgebiet erhoben werden können.

Eine
epidemiologische Studie ist oft – aber nicht immer – nicht-interventionell.

Man unterscheidet zwischen
Beobachtungsstudien (Querschnittsstudie, Kohortenstudie, Fall-Kontrollstudie) und Interventionsstudien (Vorher-Nachher-Studie).

Querschnittsstudien (engl. cross sectional study) ermitteln eine Momentaufnahme der untersuchten epidemiologischen Daten. Durch den zeitlichen „Schnappschuss“ der epidemiologischen Daten sind die aus der Studie gezogenen kausalen Zusammenhänge zwischen Exposition und Erkrankung schwach und dienen mehr der Generierung von Hypothesen als deren Verifizierung.

Längsschnittstudien (engl. longitudinal study) sind ein Überbegriff für Studien, die regelmäßig Daten der Studienpopulation über einen längeren Zeitraum hinweg erheben. Sie entsprechen periodisch durchgeführten Querschnittsstudien.

Kohortenstudien (engl. cohort studies) untersuchen definierte Gruppen von Menschen mit und ohne Exposition einem Risikofaktor gegenüber über eine längere Zeit und messen am Ende des Beobachtungszeitraums den Erkrankungsstatus. Aus der Anzahl Erkrankter unter den Exponierten dividiert durch die Gesamtzahl an Exponierten kann das Risiko der Exponierten für diese Erkrankung gemessen werden. Analog verfährt man für die Nicht-Exponierten. Das Verhältnis des Risikos der Exponierten zum Risiko der Nicht-Exponierten ist das Risikoverhältnis (auch genannt relatives Risiko (RR) oder engl. risk ratio) und gibt an, wie stark die Exposition das Risiko der Erkrankung erhöht. Beispielsweise erhöht Rauchen von täglich 20 Zigaretten gegenüber Nicht-Rauchen das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, um den Faktor 15. Bei prospektiven Kohortenstudien liegen Studienbeginn und Beginn des Beobachtungszeitraums eng beieinander, die Kohorte wird „in die Zukunft“ (prospektiv) verfolgt und der Krankheitsstatus ist noch unbekannt. Retrospektive Kohortenstudien betrachten bereits vergangene Kohorten, hier sind die Beobachtungen bereits abgeschlossen und der Krankheitsstatus ist bereits bekannt. Sie sind einfacher und kostengünstiger durchzuführen als prospektive Kohortenstudien, allerdings auch anfälliger für "statistische Verzerrer" (engl. bias), speziell bei der Rekrutierung der Studienteilnehmer, die ja in der Vergangenheit lag und nicht mehr zu beeinflussen ist. Beispiele für Kohortenstudien wäre die Untersuchung von Lungenkrebs bei Asbestarbeitern (exponierte Gruppe) einer Firma und deren Büroangestellten (nicht-exponierte Gruppe).

Fall-Kontrollstudien (engl. case control study) gehen methodisch den umgekehrten Weg einer Kohortenstudie. Bei einer Fall-Kontrollstudie ist der Krankheitsstatus bekannt und die Exposition unbekannt. Sie eignet sich insbesondere für seltene Erkrankungen, da eine Kohortenstudie sehr viele Teilnehmer haben müsste, um eine statistisch ausreichende Anzahl Erkrankter zu erreichen. Die Studienpopulation der Fall-Kontrollstudie besteht aus Erkrankten und Gesunden, wobei aus statistischen Gründen auf einen Erkrankten auch zwei oder mehr Gesunde kommen können (1:2 matching, 1:n matching). Erst nach der Zuordnung zu den beiden Gruppen wird die Exposition erfasst, um Beeinflussungen des Ergebnisses durch die Beobachter auszuschließen. Ausgewertet wird die Chance (engl. odds) der Erkrankten, exponiert zu sein. Sie ergibt sich aus der Zahl der Erkrankten mit Exposition dividiert durch die Zahl der Erkrankten ohne Exposition ('nicht' die Gesamtzahl der Erkrankten). Analog wird die Chance der Gesunden berechnet, exponiert zu sein. Die Division der Chance der Erkrankten durch die Chance der Gesunden ergibt das Chancenverhältnis (engl. odds ratio). Es entspricht dem Faktor, um den sich die Chance erhöht, durch die Exposition zu erkranken. In einer Fall-Kontrollstudie muss man das Chancenverhältnis und nicht etwa das Risikoverhältnis berechnen, da man durch die willkürliche Wahl der Anzahl von Kontrollpersonen den Nenner des Risikoterms (der Summe von a+b) verzerren würde. Hingegen würde sich eine Verdoppelung von Kontrollen beim Chancenverhältnis wieder rechnerisch herauskürzen (doppelt so viele im Zähler wie im Nenner). Bei seltenen Erkrankungen entspricht das Chancenverhältnis dem Risikoverhältnis. Fall-Kontrollstudien sind grundsätzlich retrospektiv.


Anzahl Erkrankter   Anzahl Gesunder
Anzahl Exponierter

a

b

Anzahl Nicht Exponierter

c

d

   \mathsf{Odds\ Ratio=\frac {a \cdot d}{c \cdot b}=\frac{\frac {a}{c}}{\frac {b}{d}}}

[modifiziert aus Wiki]

"In den älteren Diätstudien gab es reichlich methodische Mängel: viele waren nicht verblindet, andere schlossen die Omega-3-Fettsäuren mit ein [Oslo Diet Heart Study [3], in den 1960er-Jahren in Ländern wie Norwegen auch Fischöle (Omega-3 FS) zu Margarineherstellung eingesetzt wurden! S.79], die Betreuung der Gruppen [fett und cholesterinarme, kohlenhydratbetonte Diät; Normalkost der Probanden usw.] war unterschiedlich intensiv, die Therapiebefolgung nicht gut überprüft, die Abbruchrate hoch. Dennoch sind sie immer so angesehen worden, als seien es sauber durchgeführte, moderne placebokontrollierte, aussagefähige Wirkstoffstudien. Sogar in den neuen Meta-Analysen tauchen sie immer wieder auf, obwohl man sie korrekterweise hätte ausschließen müssen [1,2,3,7]. Am problematischsten von allen ist eine Studie, die in zwei psychiatrischen Kliniken in Finnland durchgeführt worden war: die Finnish Mental Hospital Study [2]. Aus uns unerfindlichen Gründen wurde sie ebenso wie die Oslo Diet Heart Study [3] auch in die aktuelle Meta-Analyse im Auftrag der WHO/FAO [4] aufgenommen ... eine methodisch sehr wohl akzeptable, kontrollierte Diätstudie wurde nicht berücksichtigt: Die Sidney Diet Heart Study [5] ... ebenfalls ignoriert wurde eine Diätstudie aus London [6] ... Hat man diese beiden Arbeiten [5, 6] vergessen? Ist das Zufall? Oder spielt es eine Rolle, dass einer der Autoren der WHO/FAO-Meta-Analyse, Dr. Murray Skeaff [4], immer wieder von der Margarinelobby für seine Forschungsarbeiten unterstützt wird?...

Die DGE empfiehlt allen Bürgern praktisch dieselbe Ernährung - unabhängig davon, wie alt oder jung, dick oder dünn, bewegungsaktiv oder bequem, krank oder gesund sie sind. Fettarm soll es sein und sehr kohlenhydratreich. Haben sich diese Experten jemals gefragt, was unsere modernen überernährten und bewegungsarm lebenden Menschen mit den Kohlenhydraten anfangen sollen? Die Kohlenhydrate aus der Nahrung dienen als Energielieferanten, sie haben keine andere Aufgabe. Man muss sie jedoch nicht essen, um zu überleben. Der Körper kann selbst genug Traubenzucker (Glucose) herstellen. In Millionen Jahren der Evolution haben sich 2-Stoffwechselwege herausgebildet, die den Körper auch bei Nahrungs- und Kohlenhydratknappheit voll funktionsfähig halten: die Glukoneogenese, die Zuckerneubildung aus Eiweiß, Glyzerin und Milchsäure, sowie die Ketogenese, die Bildung alternativer Brennstoffe aus Fett. Ist man Kohlenhydrate [Zucker und Stärke], müssen sie sofort verarbeitet werden, denn zu viel Blutzucker ist schädlich. Also muss der Zucker raus aus dem Blut. Dazu dient die Insulinausschüttung. Sie unterbricht die Fettverbrennung und schleust den Zucker in die Zellen, wo er zur Energieversorgung verbraucht werden kann. Übrige Kohlenhydrate baut der Körper in Glykogen um, die Kohlenhydratspeicherform, und lagert sie als Reserve in Muskeln [~2/3] und Leber [~1/3] ein. In diese Speicher passen allerdings nur 300 bis 400 Gramm Kohlenhydrate. Sind sie voll, bleibt nur noch die Umwandlung der restlichen Kohlenhydrate in Fett
...

Wer die Kohlenhydratreserven in Leber und Muskeln nicht durch regelmäßige körperliche [oder geistige] Aktivität oder Hunger entleert, kann einen Großteil der Kohlenhydrate des folgenden Mahls nur in den Fettspeichern ablagern... Je fetter Muskeln und Leber, desto weniger wirkt das Insulin auf diese Gewebe, und die Insulinresistenz [und die dafür typische Stoffwechselstörung - das Metabolische Syndrom und/mit Typ-2-Diabetes] wird immer schlimmer... Schließlich wurde ihnen ja empfohlen, täglich 5-kohlenhydratbetonte Mahlzeiten zu essen... Es ließe sich also auch eine Menge Geld im Gesundheitswesen sparen, wenn man die längst belegten Vorteile einer kohlenhydratärmeren Ernährung [Low Carb-, LOGI -(Low Glycemic and Insulinemic) Diet; es wird der Insulinresistenz die Grundlage entzogen!] für Menschen mit Metabolischem Syndrom, Typ-2-Diabetes und deren Folgeerkrankungen endlich anerkennen würde... Was soll man nun essen, um Triglyceride, HDL-Cholesterin und die Größe der LDL-Partikel [-Qualität] günstig zu beeinflussen? Diätetisch wirksam sind nur 2-Maßnahmen: erstens Kalorien reduzieren bzw. Abnehmen [verbesserte Insulinsensitivität senkt die Triglyceride]... eine zweite diätetische Maßnahme, um seinen Stoffwechsel wieder zur Ruhe zu bringen: runter mit den Kohlenhydraten[8,9], rauf mit dem Fett und dem Eiweiß... Je weniger Kohlenhydrate und je mehr Fett gegessen wird, umso mehr große, fluffige LDL-Partikel [bessere LDL-Qualität] schwimmen im Blut, umso höher steigt das HDL Cholesterin und umso niedriger sinken die Triglyceride. All dies senkt das Gefäßrisiko. Je niedriger die Kohlenhydratzufuhr, desto unerheblicher wird es, ob die Fette gesättigt oder ungesättigt sind... Je weniger Kohlenhydrate gegessen werden, desto geringer fällt der LDL-steigernde Effekt der gesättigten Fettsäuren und des Nahrungscholesterins aus [10, 11]...

Zudem senkt eine Ernährung mit weniger Kohlenhydraten und dafür mehr Fett und Eiweiß auch noch den erhöhten Blutdruck [12]. Und das alles, wie gesagt, ganz ohne Gewichtsreduktion... Für die heutigen Gesundheitsprobleme spielt die Art der Fettsäuren, ob gesättigt oder ungesättigt, keine nennenswerte Rolle. Es gibt nur 2-Ausnahmen: erstens
die schädlichen trans-Fettsäuren aus gehärteten und überhitzten Fetten... Die zweite [positive] Ausnahme betrifft die mehrfach ungesättigten Omega 3-Fettsäuren: Sie wirken herz- und gefäßschützend, weil sie gezielt die Triglyceride senken... entzündungshemmend wirken, die Kommunikation der Zellen untereinander verbessern... die Insulinsensitivität erhöhen [13]...

Je weniger blutzuckerwirksame Kohlenhydrate im Magen landen, je geringer also die "Glykämische Last", desto besser fallen die Stoffwechselwerte aus [14]. Auf diesen Zusammenhängen basiert die
LOGI-Ernährung[15]. Sie empfiehlt: Wenn Kohlenhydrate gegessen werden, dann solche mit vielen Ballaststoffen. In der Praxis heißt das: Anstelle von Süßem, stärkereichem Brot und Backwaren, Nudeln, Reis und Kartoffeln lieber mehr Gemüse und Salate, Pilze, Beeren und mit Einschränkungen auch Früchte, Vollkornbrot und Hülsenfrüchte. Dazu mehr Lebensmittel, die hochwertige Fette und Eiweiße liefern: Omega-3-reiche Öle, Nüsse, Butter, Fisch sowie Eier, Milch und Fleisch, idealerweise von Tieren, die sich noch an der frischen Luft bewegen durften..."
Aus: Nicolai Worm, Ulrike Gonder: „Mehr Fett! - Warum wir mehr Fett brauchen, um gesund und schlank zu sein – Liebeserklärung an einen zu unrecht verteufelten Nährstoff“ Kapitel Mehr Fett für Herz und Kreislauf! Unterkapitel: Gesättigte Fettsäuren falsch eingeschätzt - Kaiser ohne Kleider - Seltsame Auswahl. Kapitel: Rettungsversuche - Entgegen aller Evidenz. Kapitel: Mehr Fett für Herz und Gefäße Unterkapitel: Mehr Fett bei metabolischen Syndrom. - Insulinschwemme - Damit das Insulin wieder wirkt - Mehr Fett für den Fettstoffwechsel - Angewandte Wissenschaft: Das LOGI-Prinzip. Seite 80, 82, 84, 85f, 87, 89, 90. Systemed Verlag 2. Auflage 2010. Glykämische Last (GL) = Glykämischer Index (GI) durch 100 mal Kohlenhydratmenge der Mahlzeit pro 100 g; GI = Glykämischer Index gibt in Zahlen die blutzuckersteigernde Wirkung der Kohlenhydrate bzw. der Lebensmittel an. Die Blutzucker steigernde Wirkung von Traubenzucker dient als Referenzwert (GI = 100); Schlecht ist ein GI größer als 70, Mittel sind GI-Werte zwischen 50 und 70, Gut ist ein GI kleiner als 50.

[1] Lee Hooper et al: "Dietary fat intake and prevention of cardiovascular disease: systematic review" BMJ 2001; 322:757.
[2] Miettinen M, Turpeinen O, Karvonen MJ, et al. Effect of cholesterol-lowering diet on mortality from coronary heart-disease and other causes" The Tinnish Mental Hospital Study. Lancet. 1972;2:835–838.
[3] Paul Leren.: "The Oslo diet-heart study. Eleven-year report" Circulation 1970;42: 935-942
[4]
Murray C. Skeaff, Miller J.: "Dietary fat and coronary heart disease: summary of evidence from prospective cohort and randomised controlled trials" Annals of  Nutr Metab. 2009;55(1-3):173-201.
[5] Woodhill, J.M., et al. "Low Fat, Low Cholesterol Diet in Secondary Prevention of Coronary Heart Disease." Advances in Experimental Medicine and Biology, 109 (1978), 317-30.

[6] G. A. Rose, W. B. Thomson, R. T. Williams: "Corn Oil in Treatment of Ischaemic Heart Disease" British Medical Journal 1965 June 12; 1(5449): 1531–1533.
[7] Dariush Mozaffarian, Renata Micha, Sarah Wallace: "Effects on Coronary Heart Disease of Increasing Polyunsaturated Fat in Place of Saturated Fat: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials" PLOS Medicine 2010;7:e1000252 -  "Mit von der Partie waren tatsächlich auch wieder die beiden Problemstudien: die Oslo-Studie [3] mit den herz- und gefäßschützenden Omega-3-Festtsäuren in der Margarine und die chaotische Studie aus der finnischen Psychiatrie [2]. Zudem fasste man die "harten" tödlichen Herzinfarkte mit den weniger "harten" nicht tödlichen Herzinfarkten zusammen und wendete eine andere Berechnungsmethode an. Und siehe da: Jetzt brachte man es doch noch fertig, der fett- und cholesterinbewussten Diät mit weniger gesättigten und mehr Omega-6-ungesättigten Fettsäuren einen präventiven Effekt "nachzuweisen... Bei aller Kritik muss man den Autoren dieser Arbeit zugestehen, dass sie interessante Unteranalysen durchführten. In einer klammerten sie beispielsweise die Finnland-Studie aus der Berechnung aus. Und siehe da, schon war der "Präventionseffekt" nicht mehr eindeutig." [idem, Nicolai Worm S.82]
[8] Ronald M. Krauss, Blanche PJ, Rawlings RS et al.: "Separate effects of reduced carbohydrate intake and weight loss on atherogenic dyslipidemia" Am J Clin Nutr 2006;83: 1025-1031
[9]  Sabine Frisch, Armin Zittermann, Heiner K Berthold, Christian Götting, Joachim Kuhn, Knut Kleesiek, Peter Stehle, Heinrich Körtke: "A randomized controlled trial on the efficacy of carbohydrate-reduced or fat-reduced diets in patients attending a telemedically guided weight loss program" Cardiovascular Diabetology 2009, 8:36
[10] Volek JS, Phinney SD, Forsythe CE et al: "Carbohydrate restriction has a more favorable impact on the metabolic syndrome than a low fat diet" Lipids 2009;44: 297-309
[11] Christy L. Boling, Eric C. Westman und William S. Yancy: "Carbohydrate-restricted diets for obesity and related diseases: An update" Current Atherosclerosis Reports Volume 11, Number 6 (2009), 462-469
[12] Lawrence J. Appel et al: Journal of the American Medical Association 2005;294:2455-2464
[13] Harris WS, Miller M, Tighe AP, et al.: Omega-3 fatty acids and coronary heart disease risk: clinical and mechanistic perspectives. Atherosclerosis 2008, 197:12–24
[14] C. K. Roberts; S. Liu: "Effects of glycemic load (GL) on metabolic health and type 2 diabetes mellitus" J. Diabetes Sci. Technol., 2009, 3, 697–704
[15] Nicolai Worm: "Diätlos glücklich. Abnehmen macht dick und krank. Genießen ist gesund" Systemed Verlag 2002

[In eckeigen Klammern] = meine persönlichen Ergänzungen -
siehe auch OM-Shop -> "Fett lässt alles, was wir essen, besser schmecken...

Open Label – Studie / Offene Studie ( z.B. klinische, praxisorientierte Anwendungsstudie).
Bei dieser Form der klinischen Studie sind sowohl die Studienteilnehmer als auch der Studienorganisator (Arzt)
über das Behandlungsverfahren oder den Wirkstoff und seine Dosierung  informiert. Es ist beiden bekannt, ob Wirkstoff oder Placebo verabreicht wird. Offene Studien sind weniger aufwendig, schneller durchführbar und kostengünstiger als randomisierte kontrollierte Studien. Offene Studien waren und sind die notwendige Voraussetzung für beinahe alle "spannenden" medizinischen Entdeckungen. Sie sind wichtigste Grundlage wissenschaftlicher "Vorerkenntnis" und Überprüfung von Ergebnissen.

4.) "...Dem praktischen Arzt kommt deshalb aufgrund seiner vielfältigen Erfahrung im persönlichen Patientenkontakt eine Schlüsselrolle zu. Seine Aufgabe und ethische Herausforderung ist es, die Errungenschaften der modernen Medizin nicht Selbstzweck werden zu lassen, sondern sie zum Nutzen des einzelnen Patienten einzusetzen. Der Arzt ist zuallererst dem Patientenwohl verpflichtet und nicht einer anonymen EBM-Instanz."
Prim. Univ.-Prof. Dr. Johannes Bonelli, Internist, Direktor von IMABE - Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik in Wien; ÖÄZ 15.8.08, Seite 20

Randomisierte kontrollierte Studie (RCT, Randomized Controlled Trial)
-
Interventionsstudie (Vorher-Nachher-Studie)
ist das beste Studiendesign, um eine medizinische Intervention und deren Effekt auf einen definierten Outcome
(Event, Ereignis: Todesfall, Komplikationen, Verbesserungen, Verschlechterungen) zu untersuchen.

Bei diesem Studiendesign wird eine Gruppe von Patienten oder Probanden nach dem Zufallsprinzip in zwei oder mehrere Gruppen aufgeteilt (randomisiert).

Die eine Gruppe erhält das zu untersuchende Medikament (Verumgruppe, Interventionsgruppe, Study Group), während die andere Gruppe eine konventionelle Therapie (z.B. Vergleichstherapie), ein Placebo (Placebogruppe) oder nichts erhält.

"Seit den späten 1940er-Jahren hat sich als Standard einer Testung für neu entwickelte Medikamente der Doppelblindtest durchgesetzt. Dabei wissen weder Patienten noch Ärzte oder beteiligte Schwestern und Wissenschaftler, welcher Patient ein echtes Medikament erhält und wer ein Scheinmedikament. Die Scheinmedikamente werden in aller Regel so hergestellt, dass sie in Form und Farbe und allen anderen äußeren Charakteristika dem wirklichen Medikament gleichen. Die Idee dahinter ist leicht nachvollziehbar. Wir wissen, wie stark Suggestionen und Erwartungen die Wahrnehmung therapeutischer Effekte beeinflussen. Da ist zum einen die Erwartung, die Patienten haben. Wenn sie wissen, dass sie durch ein richtiges Medikament behandelt werden, ist die Tendenz größer, dieses als wirksam zu beurteilen. Wenn sie nicht wissen, was sie eingenommen haben, dann berichten sie über ihre Befindlichkeit eher neutral. Das gleiche gilt für Ärzte und Krankenschwestern. Die so genannte Verblindung sorgt dafür, dass sie alle Patienten gleich behandeln, überall gleich gut untersuchen und nicht bei denen sorgfältiger nachsehen, bei denen sie wissen, dass sie echte Medikation verabreicht wurde. Auch diejenigen, die messen und untersuchen, sind "blind" und dadurch wird die Gefahr verringert, dass sie unbewusst besser messen oder das Gemessene ein klein wenig freundlicher darstellen. Bereits in den 1960er-Jahren hatte der Psychologieprofessor Robert Rosenthal [b.1933,
"Experimenter effects in behavioral research" New York, Appleton-Century-Crofts 1966] gezeigt, dass es sehr subtile Experimentator-Effekte gibt, wenn die Experimentatoren wissen, welches Ergebnis erwartet wird. Es ließ studentische Experimentatoren mit Laborratten arbeiten und gab ihnen falsche Informationen. Den einen sagte er, die Ratten seien speziell trainiert und sehr intelligent beim auffinden von Nahrung in einem Labyrinth. Den anderen gab er diese Information nicht. Tatsächlich aber waren alle Ratten Neulinge im Labyrinth. Diejenigen Experimentatoren, die erwarteten, dass die Ratten speziell trainiert seien, maßen in der Tat mit ihren Stoppuhren kürzere Zeiten, wenn die Tiere im Labyrinth nach ihrer Nahrung suchte. Ob die Tiere tatsächlich schneller waren oder die Studenten etwas schneller drückten, ist unerheblich. Tatsache ist: Erwartung beeinflusst, was wir messen. Daher ist es guter Standard, bei pharmakologischen Untersuchungen solche Effekte auszuschalten. Denn man will eigentlich nur eines wissen: Hat eine pharmakologische Substanz - ganz unabhängig von allen psychologischen Effekten der Erwartung, des Heilrituals, der Bedeutungsgebung - auch noch einen kausal-pharmakologischen Effekt? Denn das ist ja schließlich die Behauptung. Daher sieht man in solchen Untersuchungen nur auf den Differenzwert zwischen Placebogruppe und der Behandlungsgruppe und stellt die Frage: Ist der Unterschied bedeutsam, und ist er in einem statistischen Sinne signifikant [nicht zufällig]?" Aus: Harald Walach: „Weg mit den Pillen!: Selbstheilung oder warum wir für unsere Gesundheit Verantwortung übernehmen müssen - Eine Streitschrift." Kapitel 5. Wie Placeboeffekte die Kraft zur Selbstheilung lehren. Seite 62-64  IRISIANA 2011

Der Begriff kontrolliert bezieht sich darauf, dass die Resultate (Ergebnisse) in der Interventionsgruppe (Verumgruppe, Studiengruppe, Study Group) mit denen der Kontrollgruppe und damit mit einem Referenzwert ohne Intervention verglichen wurden.

Im Idealfall steht ein neues, möglicherweise erfolgversprechendes Medikament für eine bislang unbehandelbare und nicht sehr akute Erkrankung zur Verfügung. Wird der erwartete Nutzen die möglichen Risiken jedoch tatsächlich übersteigen?

"Bislang orientiert sich die herkömmliche Medizin und Forschung sehr an diesen nur Symptombeschreibenden Diagnosen. Ein und dieselbe Diagnose beruht jedoch ... auf mehreren unterschiedlichen Ursachen. Statistik darf logisch gesehen eigentlich nur Ähnliches miteinander vergleichen. Diagnosen beziehungsweise Symptome mit unterschiedlichen Ursachen bilden jedoch nicht ähnliche, sondern sehr unterschiedliche statistische Daten. Hier wird in der Medizin ein grundlegender wissenschaftstheoretischer Fehler immer wieder, das heißt systematisch, begangen: Letztlich werden Äpfel mit Birnen, also Unähnliches, miteinander verglichen. Auch berücksichtigen die herkömmlichen Forschungsdesigns nicht die Tatsache, dass sehr viele Krankheiten durch verschiedene Ursachen gleichzeitig, also multifaktoriell bedingt sind. Die so genannten "Doppelblindstudien", die heute immer noch als "neuester Stand der Wissenschaft" gelten, sind als  Forschungsdesigns aus wissenschaftstheoretischen Gründen heraus nur für Krankheiten mit einer einzigen Ursache geeignet. Für die Wirksamkeit von Arzneimitteln und die Ausprägung ihrer Nebenwirkungen sind die Entgiftungsmöglichkeiten des Körpers ganz entscheidend. In den Studien werden jedoch meist noch nicht einmal die Unterschiede zwischen Männern, Frauen, Alten und Kindern bei der Entgiftung, also bei der Verträglichkeit von Arzneimitteln beachtet, obwohl es sowohl zwischen Frauen und Männern als auch zwischen Jungen und Alten, Gesunden und Kranken sehr große Unterschiede bei der Entgiftung dieser Medikamente gibt. Außerdem können weitere 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung bestimmte Entgiftungsenzyme aus genetischen Gründen nicht genügend bilden."
Dr. med. Sonja Reiz: "Seelische Beschwerden - Körperliche Ursachen" Schwachstellen der Medizin: Forschung ohne Ursachenbezug. Seite 14. GU 2007

Nach genauer Aufklärung über den Ablauf der Studie, Voruntersuchung der Patienten, Einschluss/Ausschlusskriterien und nach Aufklärung und Einwilligung der Patienten, werden diese nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt.

Beide Gruppen werden ein Präparat erhalten, das keine Hinweise auf die Zusammensetzung bietet. Die Wirksubstanz wird jedoch nur in der Hälfte der Präparate vorhanden sein. Weder Arzt noch Patient wissen, welche Gruppe die Wirksubstanz erhält. Damit sind auch die Erwartungshaltungen auf beide Gruppen gleich verteilt. Diese Studie wird somit
placebokontrolliert und doppelblind genannt. Weiß nur der Patient nicht, was er wirklich bekommt, wird die Studie als einfachblind bezeichnet.

Nach Beginn der Studie werden alle Ereignisse genau aufgezeichnet, Unterschiede im Ansprechen und in der Nebenwirkungsrate werden laufend bewertet. Damit kann die Studie jederzeit abgebrochen werden, falls sich eindeutige Unterschiede im positiven oder negativen Sinn ergeben.

"Es ist nicht einzusehen, wieso es wissenschaftlich "seriöser" sein soll, den Zustand eines behandelten Patienten nicht mit seinem früheren Befinden zu vergleichen, sondern mit dem Befinden von ähnlichen, unbehandelten Patienten. Statistik kann man in beiden Fällen treiben. Es gibt zum Beispiel matched pair-Verfahren, bei denen die Daten je paarweise miteinander verglichen werden und die Ergebnisse dieses Vergleichs zusammenfassend ausgewertet werden können. Oder man kann, wie es in der Medizin jetzt üblich ist, zuerst Gruppen bilden und dann vergleichen. Keine dieser beiden Methoden ist von vornherein "genauer" als die andere: Für beide gibt es statistische Tabellen, auf denen man ablesen kann, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein festgestellter Effekt lediglich durch den Zufall bedingt ist. Deshalb ist anzunehmen, dass Statistikmethoden in der Medizin eine reine Modesache sind. In einigen Jahrzehnten sind vielleicht auch die Doppelblindstudien überholt, deren Image heute schon ziemlich angekratzt ist"
Christian Bachmann (b.1948, Medizin, Biologie, Schweizer Wissenschaftsjournalist): „Die Krebs Mafia – Intrigen und Millionengeschäfte mit einer Krankheit“ Seite 164/165; FISCHER 1983

Randomisierung
bedeutet, dass die Zuordnung zu einer Behandlungsgruppe (etwa Medikament A oder B) nach dem Zufallsprinzip erfolg
t.

"Solange unsere Behörden von randomisierten Studien keine Daten zur Sterblichkeit [Mortalität] verlangen, werden sie schädliche Medikamente zulassen, ohne dass jemand davon weiß ... Randomisierte Studien wurden eingeführt, um uns vor den vielen nutzlosen Produkten auf dem Markt zu schützen; doch seltsamerweise war das Resultat, dass die Pharmariesen heute das Monopol auf wichtige Informationen haben und ihr Wissen nutzen, um die Zulassung für Medikamente zu erwirken, die keinen oder nur geringen Nutzen haben und oft zu schädlich sind. Marcia Angell [b.1939], ehemalige Herausgeberin des New England Journal of Medicine [NEJM], sagte 2010: "Es ist einfach nicht mehr möglich, einem Großteil der veröffentlichten klinischen Forschung zu glauben oder sich auf das Urteil vertrauenswürdiger Ärzte oder angesehener medizinischer Leitlinien zu verlassen. Ich bin nicht glücklich über diese Schlussfolgerung, zu der ich während meiner zwei Jahrzehnte als Herausgeberin nur allmählich und zögernd gelangt bin [1] ... Im Gesundheitswesen hat sich die offene Gesellschaft [2] zu einer Oligarchie [3] aus Konzernen entwickelt, die nur daran interessiert sind, Profite zu machen und die öffentliche Meinung zu manipulieren, einschließlich der Schwächung der Überwachungsbehörden. Unseren Regierungen ist es nicht gelungen, eine Industrie zu regulieren, die immer mächtiger, fast schon allmächtig, wird. Und es ist ihnen nicht gelungen, die wissenschaftliche Objektivität und die akademische Neugier vor dem Kommerz [4] zu schützen ..."
Aus: Peter C. Gotzsche (b.1949, dänischer Wissenschaftler, FA f. Innere Medizin): „Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität: Wie die Pharmaindustrie unser Gesundheitswesen korrumpiert“ Übersetzung: Martin Rometsch (Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare. Radcliffe 2013) Kapitel 21: Das Versagen des Systems schreit nach Revolution. Surrogatmarker sollten nicht akzeptiert werden. Seite 402. Kapitel 5: Klinische Studien: ein gebrochener Gesellschaftsvertrag mit Patienten. Seite 108, 97. 1. Auflage RIVA 2015 [1] Harvey Marcovitch: "Editors, Publishers, Impact Factors, and Reprint Income" PLoS Med [Public Library of Science] 2010; 7:e1000355 [2] Sir Karl Raimund Popper (1902-1994, österreichisch-britischer Philosoph) „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band I: Der Zauber Platons, Band II: Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen“ (The Open Society and Its Enemies, Volume I: The Spell of Plato, Volume II: The High Tide of Prophecy: Hegel, Marx and the Aftermath 1945) [3] Oligarchie: "Herrschaft von Wenigen", "Die gesetzlose, nur an Eigennutz orientierte, Herrschaft der Reichen" [4] Kommerz: "Geschäftsleben", "Handel", "Verkehr", kommerziel: "kaufmännisch", "den Handel betreffend", "Ein allein auf Gewinnerzielung gerichtetes Interesse"

Zweck der Randomisierung:

1) die Einflussnahme des Untersuchers (Befangenheit) auf die Zuordnung einer Behandlung und dadurch auf die Studienergebnisse auszuschließen

2) die gleichmäßige Verteilung von bekannten und nicht bekannten Einflussfaktoren auf alle Gruppen sicherzustellen.

Dazu muss die Anzahl der zu untersuchenden Personen ausreichend groß sein. Form und Durchführung der Randomisierung müssen in der Studie angeführt werden. Alle randomisierten Studien sind auch kontrollierte Studien.

Kritik:

Eine ethisch relevante Frage ist, ob den der Kontrollgruppe zugelosten Kranken durch eine Placebogabe ein (möglicherweise) wirksames Medikament vorenthalten werden darf.

Da aber das Wissen um die Wirksamkeit erst Folge der kontrollierten Studie ist, spricht dies nur dann gegen die Durchführung einer kontrollierten Studie, wenn es bereits andere, nachweislich wirksame Medikamente gegen die Krankheit gibt oder wenn es sich um eine Wiederholung einer früheren Studie mit positivem Ergebnis handelt.

Der zweite Fall kann zu einem echten Konflikt zwischen Ethik und Wissenschaftlichkeit führen.

Bei Medikamenten hingegen, für die bisher nur anekdotische Belege oder grob fehlerhafte (z.B.: unkontrollierte oder nicht verblendete) Studien existieren, liegt kein ethischer Konflikt vor, da es solche schwachen Belege bei allen unwirksamen Mitteln gibt.

"Ohne Placebokontrolle keine echte Vergleichbarkeit. In Therapiestudien sollte die Versuchgruppe (die das neue Medikament oder die neue Behandlung erhält [Verumgruppe]) deshalb immer mit einer Kontrollgruppe [Placebogruppe] verglichen werden, die nicht therapiert wird (Klärung des natürlichen Verlaufs!). Diese Kontrollgruppe sollte ein Placebo bekommen, das ist eine Scheinbehandlung ohne echte Wirkung, zum Beispiel eine Zuckerpille. Da die Personen in der Kontrollgruppe aber glauben, sie erhielten die echte Behandlung, treten manchmal auch hier Besserungen ein, die jedoch nichts mit der neuen Behandlung zu tun haben können. Diese Wirkung einer Scheinbahndlung nennt man Placeboeffekt. Wenn also eine neue Therapie eine eigene positive Wirkung hat, dann muss sie in einer wissenschaftlichen Studie auch besser sein als die Ergebnisse in der Placebogruppe. Doch statt mit einer Placebogruppe werden neue Verfahren in der Medizin häufig mit anderen Behandlungsmethoden verglichen. Auch dies bemängelte Eugen Bleuler bereits vor hundert Jahren mit folgenden Argumenten: "Unsere gewöhnlichen Untersuchungen vergleichen nur verschiedene Behandlungs-methoden miteinander. Wenn also ein Nutzen eines neuen Mittels erwiesen wird, so ist es nur ein relativer. Hat die zur Vergleichung herangezogene Therapie schon etwas genutzt, so ist alles gut. Setzen wir aber einmal voraus, dass sie schädlich gewesen wäre, was ja nicht ganz unmöglich ist, so beweist ein relativer Erfolg des neuen Mittels noch nicht sicher den Nutzen, sondern bloß den geringeren Schaden." Bleuler beschreibt ein auch heute aktuelles Dilemma. Ohne Vergleich mit einer Nichtbehandlung kann ein gutes Studienergebnis leicht in die Irre führen. Doch wenn man eine neue Behandlung testen möchte, dann gibt es durchaus ethische Gründe, sie nicht mit einem Placebo zu vergleichen, sondern mit der etablierten Behandlungsmethode. Hat sich eine Therapie als beste Therapie etabliert, und wird sie somit in Lehrbüchern und Leitlinien empfohlen, dann ist es problematisch, den Testpersonen in der Vergleichsgruppe diese etablierte Therapie vorzuenthalten und stattdessen ein Placebo zu geben. Diese Bedenken sind natürlich berechtigt - aber nur dann, wenn die etablierten Verfahren wirklich ausreichend auf ihren Nutzen gegenüber einer Nichtbehandlung getestet sind! Das ist jedoch leider oft nicht der Fall ... Wir müssen nach wie vor davon ausgehen, dass sehr viele etablierte Therapien gar nicht gegen reines Nichtstun getestet wurden. Manchmal ist sogar schon längst bekannt, dass bei sehr vielen Patienten Nichtstun mindestens genauso gut ist, und trotzdem wird immer weiter verordnet. Das gilt für die Einnahme von diversen Grippemitteln und Schleimlösern über Cholesterinsenker bis hin zu bestimmten Chemotherapien, Vorsorgeuntersuchungen, Kontrollherzkathetern und Operationsverfahren wie Knorpelglättung durch Arthrsokopie ..." Aus: Dr. med. Gunter Frank: "Gebrauchsanweisung für ihren Arzt - Was Patienten wissen müssen" II. Faktencheck. Wie Sie den allgemeinen Nutzen einer medizinischen Empfehlung überprüfen können. Punkt 2: Hat die vorgeschlagene Therapie nachweislich Vorteile gegenüber einer Nichtbehandlung? Ohne Placebokontrolle keine echte Vergleichbarkeit. Seite 36f; Nachweis des geringeren Schadens Seite 39. 2. Auflage KNAUS 2014

Siehe Zitate: Gerhard Kienle: Wenn also von jemandem klinische Versuche am Patienten verlangt werden >>>

"Neue Erkenntnisse in der Medizin wurden aber auch durch Einzelbeobachtungen über klinische Verläufe oder bei Gruppenvergleichen vor und nach Behandlung in Beziehung zu bisher üblichen Resultaten erbracht. So gab zum Beispiel nach dem Verbot des Schlafmittels Thalidomid [Am 26. November 1961 zog Grünenthal Contergan aus dem Handel - Quelle Wiki] der französische Arzt Jacob Sheskin [1964 in einem Leprosorium in Israel] im Nachtdienst einem an Schmerzen und Schlaflosigkeit leidenden Leprapatienten Thalidomid [Contergan], weil nichts anderes verfügbar war. Die nachfolgend beobachtete Abheilung der Lepra war Anlass, dieses Medikament trotz seiner Nebenwirkungen weltweit bei dieser Krankheit an-zuwenden. Bei Massenanwendung von Sulfonamiden während des II. Weltkrieges wurden Blutzucker senkende Wirkungen festgestellt. Der Siegeszug der Sulfonylharnstoffe zur Senkung erhöhter Blutzuckerwerte begann. Die Blutzucker senkende Wirkung des Insulins wurde auch nie durch aufwändige Studien belegt. Es reichten die Resultate des Blutzuckerabfalls aus." Bodo Kuklinski (b.1944, FA innere Medizin, Umwelt- und Nährstoffmedizin): „Das HWS-Trauma. Ursache, Diagnose und Therapie“ Seite 235 AURUM 3. Auflage 2008 (2006)

Design: Eine der drei wichtigen Interpretationen von Wahrscheinlichkeit (neben der relativen Häufigkeit und dem Überzeugungsgrad). Die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses hängt hier von der physikalischen Konstruktion (z.B. eines Würfels) ab.

Historisch gesehen, ging der Begriff „Design“ (engl. “Propensity“, Hang, Neigung), von den Glückspielen (Würfeln und Roulette) in die
Wahrscheinlichkeitstheorie ein. Die Design Interpretation erlaubt einem nur dann, von der Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses zu sprechen, wenn die zu Grunde liegende Konstruktion oder der Mechanismus bekannt sind.

"Das Studien-Design ist für Pharmakonzerne der wichtigste Ansatzpunkt, um die wissenschaftliche Objektivität, sagen wir einmal, "kreativ" zu gestalten. Eine der Regeln dabei lautet: Je mehr Patienten die Studienautoren einbinden, desto leichter ist es aufgrund mathematischer Gegebenheiten, ein "statistisch signifikantes" [nicht auf Zufall beruhendes, p ≤ 0,05] Endergebnis darzustellen. Auch die Auswahl der Patienten ist geeignet, Studienergebnisse zu beeinflussen. Geschlecht, Alter und Herkunft der Patienten sowie ihr bisheriger Krankheitsverlauf können, je nach Materie, um die es in der Studie geht, eine wesentliche Rolle spielen. Nach außen hin sind immer alle Testgruppen gleich, doch in Wirklichkeit können die Studienautoren die Patienten ihren Zielen entsprechend in Gruppen aufteilen. Bei einer Studie über ein Medikament, dass die Zahl der Krankheitsschübe von Multiple Sklerose-Patienten reduzieren soll, können die Studienautoren zum Beispiel alle Patienten, die schon lange keinen Schub mehr gehabt haben in die Placebo-Gruppe einschließen. Es ist bekannt, dass Patienten, die schon lange keinen Schub mehr hatten, rein statistisch gesehen, viel wahrscheinlicher bald wieder einen Schub erleiden werden. Alle anderen Patienten, die eben einen Schub erlitten hatten und deshalb während der Beobachtungsphase nicht so bald wieder einen haben werden, könnten vorzugsweise in die Patientengruppe eingeschlossen werden, die das Studienmedikament erhalten soll. Am Ende wäre dann schon allein deshalb die Schubzahl in der Medikamentengruppe wahrscheinlich geringer als in der Placebo-Gruppe. Die Aussage wäre für jeden klar. Die Behandlung mit dem Studienmedikament wirkt. Wenn die Studienautoren ein neues Medikament nicht mit Placebo sondern mit einem bereits am Markt befindlichen Medikament verlgeichen, ist die Auswahl dieses zweiten Medikaments wichtig. Klarerweise werden sie versuchen, ein ihrer Ansicht nach unterlegenes Medikament zu vergleichen, das für das firmeneigene Medikament möglichst gute Zahlen garantiert, aber gemeinhin als gleichwertig gilt. "Man wird sich ja seine eigenen Zahlen nicht zusammenhauen lassen", wie ein Pharmareferent einmal meinte, um im gleichen Atemzug zu sagen: "aber das Vergleichspräparat ist trotzdem ein ebenbürtiger Gegner gewesen, auch wenn unsere direkte Vergleichsstudie nun deutlich zeigt, wie überlegen, wie viel besser unser Medikament ist. Die Zahlen sprechen klare Worte." Kurz erklärt, mit einem tatsächlich unterlegenen, aber auf dem Papier ebenbürtigen Vergleichsmedikament kann am leichtetesten nachgewiesen werden, dass das neu entwickelte Medikament besser als ein bereits zugelassenes ist, womit es zwangsläufig ebenfalls gute Chancen auf Zulassung hat und umso bessere Verschreibungszahlen, das heißt Verkaufszahlen, hat. "Ist doch klar, dass wir so arbeiten", sagte ein Studienautor einmal zu mir. "Es ist immer gut, Probleme zu lösen, bevor sie auftreten." Es folgte auch hier dieser kleine Nachsatz, der in der Medizin für manche anscheinend alles zu legitimieren scheint: "Macht doch jeder so." Winston Churchills [1874-1965] Satz "Ich glaube nur den Studien, die ich selbst gefälscht habe", gilt so tragischerweise gleichermaßen für die Pharmakonzerne.
Denn die von ihnen in Auftrag gegebenen oder finanzierten klinischen Studien scheinen somit eigentlich nicht mehr dazu da, die Wirkung eines Medikaments zu überprüfen, sondern sie scheinen nur mehr dazu da, die postulierte Wirkung zu bestätigen und gute Zahlen für die Zulassungsverfahren und das Marketing zu produzieren ..." Aus: Fahmy Aboulenein (b.1973, Doz.Dr.med., Österreichischer Arzt, Neurologe, MS-Spezialist): "Die Pharma-Falle - Wie uns die Pillen-Konzerne manipulieren" Die Wissenschaftliche Objektivität: Kreatives Studien-Design (S.146 -148), Unwissenschaftlich erwiesen S.148f edition a 2016

Überzeugungsgrad: Eine der drei wichtigen Interpretationen von Wahrscheinlichkeit (siehe oben; neben der relativen Häufigkeit und dem Design).
Die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses entspricht dabei dem Ausmaß der subjektiven Überzeugung, dass das betreffende Ereignis eintritt.

Historisch gesehen, fand der Überzeugungsgrad vom Rechtswesen her Eingang in die Wahrscheinlichkeitstheorie, als es um die Glaubwürdigkeit von Zeugen ging.

Der Grad der Überzeugung muss sich dabei stets den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit unterwerfen (so müssen sich die einzelnen Wahrscheinlichkeiten zu eins addieren); das bedeutet, nur wenn der Überzeugungsgrad diesen Regeln folgt, kann er als subjektive Wahrscheinlichkeit gelten.

Epidemiologie (gr. epi „auf, über“, demos „Volk“, logos „Lehre“)
Seuchenlehre, Die Lehre der Dynamik von Krankheiten in Populationen:
"Die Epidemiologie befasst sich mit der Untersuchung der Verteilung von Krankheiten, physiologischen Variablen und sozialen Krankheitsfolgen in menschlichen Bevölkerungsgruppen sowie mit den Faktoren, die diese Verteilung beeinflussen." (WHO Definition)

"
Die Seele der Statistik ist der Vergleich ... "Ich muss mich doch darauf verlassen können", mögen StatistikerInnen hier einwenden, "dass die "Diagnosen" der ÄrztInnen auch stimmen". Vielmehr ist richtig, dass man keine wissenschaftlichen Statistiken durchführen darf, ohne das Material genau überprüft zu haben. Alles muss vorher in Frage gestellt werden. Wäre das vor dem Durchführen der großen "Morbiditäts-Statistiken" (1) geschehen, dann hätten die EpidemiologInnen mit Sicherheit darauf verzichtet, sich mit den vorliegenden vielfältigen willkürlichen Bezeichnungen [Summen von vielen persönlichen Fall-Benennungen; individuelle Etikettierung diagnostisch offener Fälle mit diversen persönlich bevorzugten Begriffen; nicht exakt diagnostizierbarer Fall = diagnostisch offenes Beratungsergebnis n. Braun] zu beschäftigen. Es genügt, hier nochmals auf die üblichen "Diagnosen" bei dem zu verweisen, was als Uncharakteristisches Fieber [Klassifizierung einer Gruppe von Symptomen] bezeichnet werden sollte. Die Rede ist von den Begriffen "grippaler Infekt", "fieberhafte Erkältung", "Influenza", "fieberhafte Bronchitis", "Virusinfekt" etc. Dabei wurden diese Begriffe nicht etwa rein alternativ angewendet. Sie haben bei jedem Arzt und jeder Ärztin einen anderen Umfang und damit auch andere Abgrenzungen gegenüber konkurrierenden Bezeichnungen [solche Fälle, welche jeweils mit sehr ähnlichen Symptomen in Erscheinung treten, jedoch zuletzt verschieden klassifiziert werden] wie Luftwegekatarrh, Schnupfen, Husten, Bronchitis u.a.m. sowie auch gegeneinander ... Aus individuell unterschiedlichen "Diagnosen" lässt sich nichts Vernünftiges machen. Gewiss waren einige wenige Zahlen, etwa der Schnittwunden, der Verbrennungen, der Zerumen-Fällen vergleichbar, wo sich individuelle Bezeichnungen erübrigten. Aber diese Minorität fiel gegenüber den unvergleichbaren Fällen, die individuell benannt worden waren, nicht ins Gewicht. Was kam bei diesen "Diagnosen"-Zählungen heraus? Wie gesagt, lediglich Häufigkeitsziffern [Häufigkeit der individuell bevorzugten Begriffe, wie "Bronchitis", "Grippe" etc.] bezüglich der von den TeilnehmerInnen in ihrer Bezeichnungsnot bevorzugten Begriffe... Zu Vergleichszwecken konnte Braun die häufigsten alternativen Bezeichnungen aus britischen Statistiken zusammenfassen und seinen Werten für Uncharakteristisches Fieber gegenüberstellen. Daraus ergaben sich aber bloß Annäherungswerte, gerade noch recht für grobe Vergleiche [2]" Aus: Robert Nikolaus Braun [1914-2007], Waltraud Fink, Gustav Kamenski: „Angewandte Medizin und wissenschaftliche Grundlagen“ S. 81ff.  FACULTAS 2004; [1] William Philip Dowie Logan, AA Cushion: "Morbidity Statistics from General Practise Studies on medical and population subjects" London HSMO 1958, [1] John P Geyman: "Content of family practice. A state wide study in Virginia" J.of Fam.Practise 3: 1-46 1976; [2] RN Braun: "Die Gezielte Diagnostik in der Praxis" SCHATTAUER 1957.
Siehe auch: Angewandte Allgemeinmedizin & Geriatrie >>>


Als
Prävalenz ("Erkrankungshäufigkeit, -zahl", "Basisrate") bezeichnet man die Häufigkeit einer Krankheit oder eines Symptoms in einer Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt.

a.) Periodenprävalenz: Die P. in einem bestimmten Zeitraum (z.B. 1 Jahr) oder als Lebenszeitprävalenz auf die gesamte Lebenszeit bezogen.

b.) Punktprävalenz: die P. zu einem bestimmten Zeitpunkt (z.B. an einem bestimmten Stichtag)

Unter
Inzidenz ("Neuerkrankungen") versteht man die Anzahl neu aufgetretener Krankheitsfälle innerhalb einer definierten Population in einem bestimmten Zeitraum. Der Begriff Inzidenz wird darüber hinaus auch als Maß für die Häufigkeit eines bestimmten Merkmals bzw. Ereignisses verwendet

"Eine fast endlose Zahl von Beobachtungen und Experimenten haben die Hypothese verfälscht, Nahrungscholesterin und Fette sowie ein hoher Cholesterinspiegel spielten eine Rolle bei der Entstehung der Arteriosklerose und der Herz-Kreislauf-Erkrankung. Diese Hypothese wird aufrechterhalten, weil angeblich stützende, aber unbedeutende Erkenntnisse aufgebauscht und die meisten widersprüchlichen Ergebnisse falsch interpretiert, falsch zitiert oder einfach ignoriert werden." Uffe Ravnskov (b.1934, MD,PhD, unabhängiger dänischer Forscher): “The Cholesterol Myths - Exposing the Fallacy that saturated Fat and Cholesterol cause Heart Disease“ New Trends Publishing 2000, “Mythos Cholesterin – Die zehn größten Irrtümer” herausgegeben von Udo Pollmer (1954), HIRZEL 3.Auflage 2005

Man kann die Epidemiologie auch als den "
Nachrichtendienst des Gesundheitswesens" bezeichnen, denn sie erbringt folgende Leistungen:

1.) Information über die Häufigkeit von Krankheiten
2.) Hinweise auf bisher unbekannte Gesundheitsstörungen
3.) Beitrag zur Aufklärung von Risikofaktoren und Erkrankungsursachen
4.) Bestimmung der Verteilung von Erkrankungsursachen und Risikofaktoren in der Bevölkerung oder in der Umwelt (Voraussetzung für präventive Maßnahmen)
5.) Kontrolle der Wirksamkeit von Maßnahmen des Gesundheitswesens

Die Epidemiologie (Bevölkerung bezogen) unterscheidet sich wesentlich von der klinischen Medizin (Individuum bezogen), Methoden und Ergebnisse beider ergänzen sich gegenseitig und zwar sowohl im Bereich der Diagnostik als auch in der Therapie. Aus: www.infektionsnetz.at/TextExtEpidemiologie.phtml

"Die Epidemiologie untersucht die statistische Beziehung, die bei verschiedenen Bevölkerungen zwischen dem Auftreten eines bestimmten Phänomens, in diesem Fall der KHK (Koronare Herzkrankheit), und dem Auftreten derjenigen Faktoren (Wohlstand, Sitzende Tätigkeit, Rauchen, Industriezucker Konsum, gesättigte Fette, Cholesterin, chronischer Stress), die als Grund für dieses Phänomen vermutet werden, besteht
... Nehmen wir einmal an, wir fänden eine durchgängige Beziehung (Korrelation) zwischen der KHK und dem Verzehr gesättigter Fettsäuren. Egal wie stark die Beziehung (Korrelation) zu sein scheint, so wäre sie keineswegs ein Beweis dafür, dass gesättigte Fettsäuren die KHK verursachen. Es besteht immer die sehr reale Möglichkeit, dass ein anderer, noch nicht entdeckter Störfaktor der wahre Schuldige ist. Schließlich ist es kein Geheimnis, dass Bevölkerungen, die größere Mengen an gesättigten Fettsäuren konsumieren, auch mehr verfeinerte Kohlenhydrate, Pflanzenöle, gehärtete Fette, verarbeitete Lebensmittel zu sich nehmen, und dass sich unter ihnen viele Personen befinden, die eine sitzende Tätigkeit ausüben und chronisch gestresst sind. [...] Um als kausal akzeptiert zu werden, muss eine Beziehung (Korrelation) plausibel (einleuchtend, nachvollziehbar) erklärbar sein und sich auch jederzeit und wiederholt durch streng kontrollierte Versuchsreihen wissenschaftlich nachweisen lassen. In Hinsicht auf die Erfüllung dieser wichtigen Kriterien - Plausibilität, Beständigkeit und klinische Beweisbarkeit - scheitert der epidemiologische Beweis, gesättigte Fettsäuren mit der KHK zu verbinden, auf der ganzen Linie."
Aus: Anthony Colpo (b.1968, US-Wissenschaftsjournalist): „Der große Cholesterin-Schwindel. Warum alles, was man Ihnen über Cholesterin, Diät und Herzinfarkt erzählt hat, falsch ist!“ (The Great Cholesterol Con) KOPP 2009

Paradigma
(Pl. Paradigmen bzw. Paradigmata) kommt aus dem Griechischen (parádeigma; para = neben und deiknynai = zeigen, begreiflich machen) und bedeutet Beispiel, Vorbild, Denkmuster
, Abgrenzung, Vorurteil, allgemein gültige Aussage, Einzelparadigma, Glaubenssatz, Summe von Glaubenssätzen, Weltanschauung, Dogma (Religion)

"Ein Paradigma ist eine Aussage, von der man allgemeine Gültigkeit annimmt und die deshalb nicht hinterfragt wird. Ein Paradigma hat den Charakter einer Weltanschauung, und Kritik kommt einer Majestätsbeleidigung gleich. Hat sich ein Paradigma erst einmal durchgesetzt, darf die Welt nur noch innerhalb dieser Weltanschauung erklärt werden. Ein Paradigma des Mittelalters war beispielsweise die Sichtweise, die Erde sei eine Scheibe. Jeder, der damals erklärte, die Erde sei eine sich drehende Kugel, wurde nicht ernst genommen oder ihm drohte Schlimmeres. Von einer sich drehenden Kugel würde man ja herunterfallen, dachte man. Die Gesetze der Schwerkraft waren noch unbekannt. Oft sind große neue Entdeckungen, die ein Paradigma auf einen Schlag ad absurdum führen. Die Menschen reagieren meist beunruhigt und mit Angst, weil sie glauben, dass sich die Welt durch eine neue Sichtweise verändert. Doch die Welt bleibt gleich, es verändert sich nur unsere Vorstellung von der Welt. Da das Wort Paradigma sehr inflationär [aufgeblasen, übertrieben] gebraucht wird, spreche ich bei einem Einzelparadigma besser von "Glaubenssatz" und bei der Summe sich aufeinander beziehender Glaubenssätze von "Weltanschauung". Betrifft ein Glaubenssatz religiöse Fragen, spricht man auch von einem Dogma."
Aus: Gunter Frank (b.1963, deutscher Arzt, Buchautor): „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil II: Die Ursachen schlechter Medizin. Kapitel: Ideologie verdrängt Wissenschaft: Wie Irrtümer zementiert werden. Wissenschaft, Weltanschauung und Ideologie. Seite 167f. KNAUS 2012

"
Wir ... den Begriff "Paradigma" übernehmen und ihn im Wesentlichen im Sinne Kuhns verstehen. Es sei aber betont, dass wir dabei immer den "Gegenpol" im Auge behalten wollen; die Einigung auf ein Paradigma steht immer in der Spannung der experimentellen Bestätigung, die selbst zugleich von den Messergebnissen und von einer Einigung [Konsens] darüber bestimmt wird. Dabei wird wieder die dialektische Natur der Physik deutlich: Wir können die Aporie [These und Antithese sind "wahr"] in den beiden Sätzen fassen: Ein Paradigma setzt Konsensbildung zu einer Anerkennung voraus! - und - Ein Paradigma setzt Bestätigung durch Experimente zu seiner Anerkennung voraus! ..."
Aus: Herbert Pietschmann: "Phänomenologie der Naturwissenschaft" 6. Die dialektische Natur der Physik 6.7 Erklärung und Konsens 6.7.4 Der Begriff "Paradigma" S.182 Ibera 2007
Siehe Infos: Denkrahmen - Erkenntnis
>>>


Seit dem späten 18. Jahrhundert wird das Wort
"Paradigma" als erkenntnistheoretischer Ausdruck benutzt, um wissenschaftliche Denkweisen zu beschreiben. Die populärste Gebrauchsweise des Wortes wissenschaftliches Paradigma ["Lehrmeinung", "Denkrahmen", "Leitbild", "State of the Art"; "Denkkollektiv", "Denkzwang", "Denkstil" ("Entstehung und Entwicklung wissenschaftlicher Tatsachen" 1935) nach Ludwig Fleck (1896-1961)
; "implizite Voraussetzung" nach Robin George Collingwood (1889-1943)] geht auf den amerikanischen Wissenschaftstheoretiker und Wissenschaftshistoriker Thomas Samuel Kuhn [1922-1996 Cambridge, Massachusetts] zurück, der es in diesem Zusammenhang auch als "Lehrmeinung" („konkrete Problemlösungen, die die Fachwelt akzeptiert hat“) übersetzt. Er versuchte damit einen Satz von Vorgehensweisen zu beschreiben.

In seinem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ („The Structure of Scientific Revolution“ 1970) - Wissenschaft als Wechselspiel zwischen Phasen der Normalwissenschaft und der wissenschaftlichen Revolutionen - definiert er ein wissenschaftliches Paradigma als:

• das, was beobachtet und überprüft wird,
• die Art der Fragen, welche in Bezug auf ein Thema gestellt werden und die geprüft werden sollen,
• wie diese Fragen gestellt werden sollen,
• wie die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchung interpretiert werden sollen.


"Der Autor [1] misst epidemiologische Studien an den gängigen Methoden der Biometrie. Das Ergebnis ist niederschmetternd. Die zeitgenössische Epidemiologie missbraucht Daten, um wirklichkeitsfremde Paradigmen glaubwürdig zu machen. Niemand scheint sich an diesem Missbrauch zu stoßen. Eine ungehinderte Diskussion über den Missbrauch findet nicht statt ...
Seit der Framingham Studie [1948] haben sich folgende Glaubenssätze in der Medizin durchgesetzt: 1. Zivilisationserkrankungen werden durch äußere Risikofaktoren verursacht. 2. Diese Risikofaktoren sind: erhöhtes Cholesterin, ungesundes Essen, zu wenig Bewegung und Übergewicht. 3. Risikofaktoren sind messbar durch Abweichung von Normwerten. 4. Bei jedem Menschen lässt sich anhand dieser Abweichung sein individueller Gefährdungsgrad beziffern. 5. Um sich vor Zivilisationskrankheiten zu schützen, müssen bei Abweichungen wieder Normwerte angestrebt werden durch Änderung des Lebensstils und Medikamente. Auch wenn keine Krankheitssymptome vorliegen. 6. Jeder Mensch reagiert auf gleiche Weise auf Therapien, die zum Ziel haben, den Normwert wiederherzustellen. Die daraus abgeleitete Weltanschauung, die sich inzwischen zur folgenden, wirklichkeitsfremden Ideologie entwickelt hat, lautet: Prävention verhindert Zivilisationserkrankungen ... Herbert Immich
[1] sagt nichts anderes, als dass in der Epidemiologie seit Framingham [1948] alles dieser Ideologie geopfert wird, sowohl die Redlichkeit im Umgang mit wissenschaftlichen Daten als auch jegliche kritische Diskussion über Alternativen. Die Epidemiologie wird selbst zur Ideologie, indem sie die Wissenschaft ausgrenzt. Es ist das Ende der Epidemiologie als wissenschaftliches Fach ... Doch nichts passiert. Die Irrtümer werden als Generationen übergreifende Ideologien weitergegeben. Es gibt schon die nächste Generation von Framingham-Forschern, unfähig zur Reflexion über die Fehler ihrer Vorgänger. Wie kann es sein, dass sich ein Irrtum über mittlerweile 60 Jahre halten kann? Und das trotz einer explosionsartigen Zunahme an medizinischen Kongressen und Publikationen, also den Plattformen, wo solche Irrtümer aufgedeckt und fachlich diskutiert werden sollten? Wieso werden Irrtümer in der Medizin zementiert und eisern Jahrzehnte lang durchgezogen, obwohl der Schwindel mit Händen zu greifen ist? Sämtliche wissenschaftlichen Korrektive scheinen außer Kraft gesetzt zu sein. Nichts passiert, die Verbohrtheit nimmt sogar zu."
Aus: Gunter Frank: „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil II: Die Ursachen schlechter Medizin. Kapitel: Ideologie verdrängt Wissenschaft: Wie Irrtümer zementiert werden. Wissenschaft, Weltanschauung und Ideologie. Seite 167. Revolution. Seite 172ff. KNAUS 2012. [1] Prof. Dr. med. Herbert Immich (ehemaliger Heidelberger Ordinarius für Biomathematik): "Paradigma Epidemiologie. Briefe an eine ehemalige Studentin," (Buch zur Framingham-Studie) Selbstverlag, St. Peter-Ording 1991.

Schlechte Medizin: Der Regelbruch wird zum Standard pdf >>>
-
Irreführung, Schlamperei und Manipulation - Das Märchen von den Risikofaktoren - Framingham: Die Mutter aller Studien
Gunter Frank (b.1963, deutscher Arzt, Buchautor): „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Seite 70 – 103.  KNAUS 2012 ► Irreführung, Schlamperei und Manipulation: Weglassen der Vergleichsgruppe - Weglassen der Gesamtbewertung - Aufweichen des Studien-TÜV - Kompletter Ausfall einer Überprüfung - Unterschiede in Titel, Zusammenfassung und Gesamttext einer Studie - Subjektive Datenauswahl – Ersatzparameter - „Der anerkannte Standard in der Forschung“.  Seite 70 – 79. ► Das Märchen von den Risikofaktoren. Seite 79 - 83. ► Framingham: Die Mutter aller Studien. Seite 83 – 103. Meilenstein Cholesterin – Meilenstein Blutdruck – Meilenstein Übergewicht – Meilenstein Bewegungsmangel – Meilenstein ungesunde Ernährung – Meilenstein Rauchen.

Der Trick mit den Normwerten
pdf >>>
Dr. med. Gunter Frank (b.1963, deutscher Arzt, Buchautor): „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil I: Schlechte Medizin in der täglichen Behandlung.
Kapitel: Millionenfache Fehlbehandlungen: Alltag in deutschen Arztpraxen und Krankenhäusern. Der Trick mit den Normwerten. pp 22-25. KNAUS 5.Auflage 2012

"Wenn man in alte Lehrbücher der Medizin schaut, fällt auf, dass das Körpergewicht noch vor wenigen Jahrzehnten kaum eine Rolle spielte. Heute als übergewichtig geltende Menschen wurden damals nicht als gefährdet eingestuft. Das so genannte "Idealgewicht" ist auch nicht von der Medizin, sondern von einer Versicherungsgesellschaft in die Welt gesetzt worden. Die amerikanische Metropolitan Life veröffentlichte 1959 eine Tabelle, die angeblich zeigte, dass schlanke Menschen am längsten leben, und nahm deren Gewicht als "Normal"-gewicht an [1]. Auf Grundlage dieser Tabelle kassierte sie von allen anderen höhere Beiträge - ein gutes Geschäft, bis heute. Dass diese Einteilung falsch ist, werden wir in diesem Buch noch eingehend darlegen. Ich habe mich oft gefragt, warum die moderne Medizin so gerne mit Normalwerten arbeitet und daraus für alle Menschen gleiche Behandlungsschemata entwickelt, die sie sogar in verbindliche Leitlinien zementiert. Vielleicht macht es die Einteilung in "richtig" oder "falsch" auf dem Papier im Praxis- oder Klinikalltag einfacher, wenn ich alle Menschen über einen Kamm schere. In Wirklichkeit werden aber Normwerte für Cholesterin, Blutdruck, Erholungszeit nach einer Operation und vieles mehr dem individuellen Menschen nicht gerecht. Den alten Erfahrungsheilkunden war ein solches Norm-Denken deshalb fremd. Langsam beginnt auch die moderne Medizin zu begreifen, dass man Menschen mit Normwerten nicht optimal behandelt. Inzwischen gibt es beispielsweise schon genetische Labortests, anhand derer Medikamentendosierungen individuell genauer festgesetzt werden können. Viele andere Bereiche werden nachziehen. Noch lehnt die moderne Medizin die Beurteilung nach individuellen Körperbautypen allerdings ab ... Das Grundproblem des Body-Mass-Index (BMI) ... der BMI beschreibt [nur] reine Körpermasse, er unterschiedet nicht zwischen Fett Knochen- und Muskelmasse. Als Körperbaubeschreibung ist der BMI daher nur bedingt tauglich ... Die Ergebnisse ... von Frau Prof. Holle Greil [2] ... der Körperbau- und Gewichtsdaten ... nicht in das vorherrschende Bild eines Normalgewichts passen ... Gedrungener, rundlicher Körperbau und schlaksiger, hagerer Körperbau sind gegensätzliche Endpunkte ein und desselben Körperbaumerkmals, das an die Fettmasse gekoppelt ist. Die Brandenburger Bevölkerung verteilt sich so zwischen dem hagersten und dem rundlichsten Einwohner, dass sich die meisten im mittleren Bereich wiederfinden. Die rundlichsten 20% werden von Frau Greil als "pyknomorph" bezeichnet, die 60% in der Mitte als "mesomorph" und die schlaksigen 20% als "leptomorph" [3] ... Unsere Fettpolster hängen also entscheidend von Geschlecht, Alter und Körperbautyp ab ... Vielleicht kommt die Medizin einmal dahin, anhand der Messverfahren, die Frau Greil weiterentwickelt und standardisiert hat, Körperfett, Knochen- und Muskelmasse getrennt zu beurteilen ... Der BMI von 20ig Jährigen dürfte nie mit dem BMI von 60ig Jährigen verglichen werden, da es für 60ig Jährige völlig normal ist, mehr zu wiegen als 20ig Jährige ... Die Unterschiede in Körperbau und Gewicht sind keine Messgrößen, die eine wertende Einteilung in normal, unter- oder übergewichtig zulassen. Vielmehr ist der Körperbau ein biologisches Merkmal wie die Nasenlänge. Jeder hat je nach Veranlagung seine ganz eigene Körperbauentwicklung. Aus der Fähigkeit, Fettpolster zu entwickeln, ergeben sich die zwei Pole lang/hager und untersetzt/rundlich, zwischen denen sich jeder einzelne abhängig von Geschlecht und Alter bewegt." Aus: Gunter Frank: "Lizenz zum Essen. Warum Ihr gewicht mehr mit Stress zu tun hat, als mit dem, was Sie essen" Körperbau und Gewicht. 1 Körperbautypen. Sackgasse Normwert. Auszugsweise aus Seite 27-33, PIPER 2.Auflage 2008. [1] Holle Greil, U.Trippo: "Physique and Body Composition: Comparison of Methods and results" Collegium antropologicum 22, 1998, S.345-363. [2] Professorin für Humanbiologie und Anthropometrie an der Universität Potsdam. [3] Holle Greil: "Normalgewicht und Optimalgewicht - Beschreibung und Beurteilung der Körpermasse" Anthropologischer Anzeiger 56, 1998, S.313-334; "Age, sex and group specifics on physique and state of nutrition" In: E.Schröder, G.Balansard, P.Cabalion, J.Fleurentin, G.Mazars (Hrsg): "Medicines and foods" Ethnopharmacological approach. Orstom Editions, Paris 1996, S.368-374;  mit M.Möhr: "Anthropometrische Charakterisierung der DDR-Bevölkerung" Ernährungsforschung 41, 1996, S.79-115; "Vorlesung Humanbiologie am Institut für Biochemie und Biologie der Universität Potsdam

Thomas Kuhn meint mit
Paradigma also ein vorherrschendes Denkmuster in einer bestimmten Zeit. Paradigmen spiegeln einen gewissen allgemein anerkannten Konsens über Annahmen und Vorstellungen wider, die es ermöglichen, für eine Vielzahl von Fragestellungen Lösungen zu bieten. In der Wissenschaft bedient man sich in diesem Zusammenhang auch oft Modellvorstellungen (Leitbild), anhand derer man Phänomene zu erklären versucht.


"
Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise
durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt
erklären, sondern vielmehr dadurch, dass ihre Gegner allmählich aus-
sterben ["oder pensioniert werden"] und dass die heranwachsende
Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist."

Max Karl Ernst Ludwig Planck
(1858
- 1947)
B
edeutender deutscher Physiker auf dem Gebiet der Theoretischen Physik.
Er gilt als
Begründer der Quantenphysik. Für die Entdeckung des Planckschen
Wirkungsquantums
(h) erhielt er 1919 den Nobelpreis für Physik.
Aus: "Wissenschaftliche Selbstbiographie" Johann Ambrosius Barth Verlag, Leipzig, 1948, S.22
www.hu-berlin.de/pr/medien/publikationen/humboldt/2007/200804/geschichte/planck
In Gerd Gigerenzer: "Risiko - Wie man die richtigen Entscheidungen trifft"
["Risk Savvy. How to Make Good Decissions" Penguin 2013] Teil III
Früh
in den Starlöchern S.311, btb 4.Auflage 2014


Nach Kuhn ist ein Paradigma solange anerkannt, bis Phänomene auftreten, die mit der bis dahin gültigen Lehrmeinung nicht vereinbar sind. Zu diesem Zeitpunkt werden neue Theorien aufgestellt, die dann meist zwischen den Verfechtern der unterschiedlichen Lehrmeinungen ausgefochten werden. Setzt sich dann eine neue Lehrmeinung durch, spricht man vom Paradigmenwechsel. Meiner Meinung nach, sollte man von Paradigmaerweiterung sprechen


Bereits 1938 - also 32 Jahre vor Thomas Kuhns Buch "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" (1970), heute ein Standardwerk der
wissenschaftstheoretischen Debatte – findet sich bei Gaston Bachelard (1884-1962) einem französischen Philosophen, der sich mit Wissenschaftstheorie und Dichtung gleichermaßen beschäftigte, die Betonung der "Diskontinuität" (Unstetigkeit) als entscheidendes Merkmal wissenschaftlicher Entwicklung.
Gaston Bachelard: "La Formation de l’esprit scientifique. Contribution à une psychoanalyse de la connaissance objective". Paris, 1938; deutsche Ausgabe: "Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes. Beitrag zu einer Psychoanalyse der objektiven Erkenntnis". Übers. von Michael Bischoff, F/M: Suhrkamp, 1978.

Semmelweis Reflex: Darunter versteht man die automatische Zurückweisung oder Ablehnung einer Information oder wissenschaftlichen Entdeckung ohne weitere Überlegung oder Überprüfung des Sachverhaltes. Die Begriffsbildung wird dem amerikanischen Autor Robert Anton Wilson [1932-2007] zugeschrieben.

Alwin Schönberger: "Pseudomedizin: Warum dürfen Ärzte Unsinn behaupten?" profil.at 07.03.2015 >>>

"Ein älterer Herr meinte: "Wie oft habe ich mich zum Narren gemacht, nur um zu beweisen, dass ich kein Idiot bin."
Aus: Nossrat Peseschkian [1933-2010, deutsch-iranischer Neurologe, Psychiater, Psychotherapeut, Begründer der „Positiven Psychotherapie“ (1968)]:
„Das Leben ist ein Paradies, zu dem wir den Schlüssel finden können“ Einführung S.12 HERDER 2013 (2004)


Ignaz Philipp Semmelweis (1818-1865, "Retter der Mütter") war ein ungarischer Arzt im damaligen Österreich-Ungarn. Er studierte an den Universitäten Pest und Wien Medizin und erhielt 1844 seinen Doktorgrad an der Universität Wien. Er erkannte die Ursache für das Kindbettfieber und führte als erster Hygienevorschriften für Ärzte und Krankenhauspersonal (1848, Händewaschung mit Chlorkalk) ein.


Semmelweis war Assistenzarzt in der Klinik für Geburtshilfe in Wien. Es war bekannt, dass in der Abteilung, in der Ärzte und Medizinstudenten arbeiteten, die durch das Kindbettfieber bedingte Sterblichkeit wesentlich höher lag als in der zweiten Abteilung, in der Hebammenschülerinnen ausgebildet wurden. Semmelweis wies seine Studenten daher an, sich nach Leichensektionen die Hände mit Chlorkalk zu desinfizieren – wie sich herausstellte, eine wirkungsvolle Maßnahme, da die Sterblichkeitsrate von 12,3 % auf 1,3 % absank.

"Er wies jeden auf seiner Station an, sich die Hände nicht nur nach der Leichensektion, sondern nach jeder Untersuchung zu desinfizieren. Dadurch gelang es ihm, die Sterblich-keit auf 1,3% zu senken. Ein sensationeller Erfolg, der vielen Frauen auf seiner Station das Leben rettete. Semmelweis konnte seinen Erfolg glaubhaft dokumentieren, und er wusste, dass seine Entdeckung Hunderttausenden von Frauen weltweit das Leben retten könnte, würden seine eindeutigen Erkenntnisse von seinen Fachkollegen anerkannt. Jeder Arzt auf der Welt, der eine Geburtenstation leitete, müsste doch freudig seine Entdeckung begrüßen, mit der endlich die hohe Müttersterblichkeit eingedämmt werden konnte. Doch das Gegenteil war der Fall. Semmelweis' Entdeckung wurde als Majestätsbeleidigung angesehen. Wie konnte ein Arzt schuld sein am Tod einer Patientin - ein absurder Gedanke. Man feindete Semmelweis an oder ignorierte ihn, lud ihn von medizinischen Kongressen aus, seine Karriere an der Wiener Geburtsklinik war zu Ende."
Aus: Dr. med. Gunter Frank (b.1963, deutscher Arzt, Buchautor): „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil I: Schlechte Medizin in der täglichen Behandlung. Kapitel: Millionenfache Fehlbehandlungen: Alltag in deutschen Arztpraxen und Krankenhäusern. Die Tradition des Schreckens. pp 39f KNAUS 5.Auflage 2012

Trotz dieses Erfolgs wurden die Arbeiten von Semmelweis lange Zeit nicht anerkannt.
Erst in seiner Heimatstadt Budapest bekam er eine Professur. Als
1861 seine Arbeit "Ätiologie, Begriff und Prophylaxe des Kindbettfiebers" erschien, wurde ihre Bedeutung verkannt. Seine Studenten hielten Sauberkeit schlicht für unnötig, und viele Ärzte wollten noch immer nicht wahrhaben, dass sie selbst die Verursacher jener Krankheit waren, die sie eigentlich heilen wollten.

"In einem Brief an den Würzburger Prof. Friedrich Wilhelm von Scanzoni [1821-1891, deutscher Gynäkologe, "Über Kindbettfieber" Prager Vierteljahrschrift für die practische Heilkunde 7 (1850) ] schrieb er 1861: "Sollten Sie aber, Herr Hofrat, ohne meine Lehre widerlegt zu haben, fortfahren, Ihre Schüler und Schülerinnen in der Lehre des epidemischen Kindbettfiebers zu erziehen, so erkläre ich Sie vor Gott und der Welt für einen Mörder." Aus:
Dr. med. Gunter Frank (b.1963, deutscher Arzt, Buchautor): „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil I: Schlechte Medizin in der täglichen Behandlung. Kapitel: Millionenfache Fehlbehandlungen: Alltag in deutschen Arztpraxen und Krankenhäusern. Die Tradition des Schreckens. p 40 KNAUS 5.Auflage 2012


Anstatt ihn als Pionier hygienischen Fortschritts zu würdigen, schlugen die von ihm oft heftig angegriffenen Arztkollegen zurück und ließen Semmelweis nach einem nervösen Zusammenbruch im Juli 1865 ohne weitere Diagnose in die Irrenanstalt Döbling bei Wien einliefern. Einigen Quellen zufolge soll Semmelweis' Einlieferung in die Irrenanstalt auf eine Intrige zurückzuführen sein.

1862 hatte er in einem offenen Brief an die Ärzteschaft gedroht, die geburtshelfenden Ärzte öffentlich als Mörder anzuprangern, da sie seine Hygienevorschriften immer noch nicht anwendeten.

Am 13. August 1865, zwei Wochen nach seiner Einweisung, starb er infolge einer kleinen Verletzung, die er sich bei einem Kampf mit dem Anstaltspersonal zugezogen hatte, an einer Blutvergiftung. Anderen Berichten zufolge soll er auf dem Anstaltshof von Pflegern erschlagen worden sein.
Siehe: Georg Sillo Seidl: „Die Wahrheit über Semmelweis – Das Wirken des großen Arzt-Forschers und sein tragischer Tod im Licht neu entdeckter Dokumente – Eine Bild-Biographie“ Semmelweis-Verlag 1984 (Ariston 1978)


"Bemerkenswert an der Geschichte von Ignaz Semmelweis ist vor allem die Reaktion seiner medizinischen Kollegenschaft auf eine, wie sich aus heutiger Sicht zeigt, bahnbrechende Errungenschaft. Skepsis und Opposition, Beharrlichkeit und Intoleranz, meist aus Angst und Unsicherheit entstanden, sind nicht nur Semmelweis entgegengeschlagen. Im Gegenteil, diese Mechanismen scheinen auch heute noch zwei wesentliche Merkmale der so genannten Schulmedizin darzustellen. Wobei der unglücklich wirkende Begriff einer Schulmedizin näher erklärt werden sollte: Ursprünglich umgangssprachlich entstanden, soll mit dem Begriff einer an medizinischen Hochschulen gelehrten Medizin die wissenschaftlich abgesicherte Lehre von der Heilkunde gegenüber der Alternativmedizin abgegrenzt werden. Korrekterweise sollte also eigentlich von einer "Hochschulmedizin" die Rede sein. Und wenn man noch weiter geht, sollte man sich fragen, ob es nicht überhaupt nur eine Medizin geben sollte. Oder verhält es sich in der Medizin wie bei den Religionen, wo mehrere Gemeinschaften den wahren Glauben für sich reklamieren?" Aus: Günther Loewit (b.1958, Österr. Arzt): „Wie viel Medizin überlebt der Mensch?“ Kapitel: Medizin als Spielball der Geschichte. Eine Geschichte von Ignoranz und Selbstgerechtigkeit. Seite 240. HAYMON 2.Auflkage 2013 www.guenther-loewit.at

"Obwohl wenig später Bakterien als Krankheitsverursacher durch Louis Pasteur [1822-1895, französischer Chemiker, Mikrobiologe] und Robert Koch [1843-1910, deutscher Mediziner, Mikrobiologe: Milzbranderreger (1877), Tuberkuloseerreger (1882) 1905 Nobelpreis] entdeckt und identifiziert waren, dauerte es weitere 20 Jahre, bis Semmelweis' Arbeiten in einem medizinischen Buch erstmalig gewürdigt wurden und die Asepsis in den Operationssälen endlich Standard war." Aus:
Dr. med. Gunter Frank (b.1963, deutscher Arzt, Buchautor): „Schlechte Medizin: Ein Wutbuch“ Teil I: Schlechte Medizin in der täglichen Behandlung. Kapitel: Millionenfache Fehlbehandlungen: Alltag in deutschen Arztpraxen und Krankenhäusern. Die Tradition des Schreckens. p 40 KNAUS 5.Auflage 2012 [Meine Ergänungen]

 Erst 1867 wurde vom schottischen Chirurgen Joseph Lister (1827–1912; „Vater der antiseptischen Chirurgie“) das Besprühen des Operationsfeldes mit desinfizierendem Karbol (Phenol) in die Chirurgie eingeführt und damit ein steiler Abfall der Sterblichkeit (Mortalität) im Operationssaal erreicht. Er versorgte als erster Wunden mit in Karbolsäure getränkten Verbänden (Listerscher Verband). Im Zuge dieses Fortschrittes entwickelte sich allmählich eine Ärztegeneration, die die Umsetzung von allgemeinen Hygienemaßnahmen (Hände-, Geräte-, Operationssaal-, Oberflächendesinfektion usw.), auch bei Frauen im Kreissaal, als selbstverständlich erachteten und die wissenschaftliche Welt wurde sich posthum der Bedeutung von Ignaz Semmelweis' Erkenntnissen gewahr.

"Die Tatsache, dass Ärzte offenen Auges die Realität leugnen, wäre nichts Neues. Auch heute stehen persönlicher Ruhm, Ehrgeiz und autoritäres Gehabe im Mittelpunkt vieler medizinischer Diskussionen. Und auch Gesundheitsbehörden und -politiker üben sich fleißig in diesen Disziplinen. Man denke nur an alle Versuche, die individuelle Behandlungs-freiheit der Ärzte durch strikte Vorgaben einzuengen. Laut hört heute jeder, der die Zeichen der Zeit zu erkennen und zu verstehen versucht, den gleichen Satz, wie er Ignaz Semmelweis engegen hallte: "Nein, ein Irren der modernen wissenschaftlichen Medizin ist ausgeschlossen!" Wer anders denkt, wird misstrauisch beobachtet. Unterstützung erhalten die beharrenden Kräfte durch die Pharmaindustrie, die ihr enger Verbündeter geworden ist. Denn wie könnten Sätze wie "Wie wird man in Würde alt? - Mit den jüngsten Errungenschaften der Forschung" oder "Möchten Sie das beste Medikament der Welt oder das zweitbeste?" (beides Originalzitate aus der Arzneimittelwerbung) anders verstanden werden als ein klarer Machtanspruch der Pharmaindustrie? ... Ethische medizinische Forschung orientiert sich stets an den auffälligsten medizinischen Nöten und Defiziten einer Zeit und nicht am erzielbaren Gewinn - wie er für viele Ergebnisse moderner Forschung ausschlaggebend geworden ist
... Nicht zuletzt zeigt das Beispiel Ignaz Semmelweis auch, dass die handelnden Personen bzw. Institutionen maßgeblich für Erfolg oder Misserfolg der medizinischen Entwicklung verantwortlich sind. Semmelweis, der einen zurückgezogenen und introvertierten Lebensstil pflegte, der weder sprachlich gewandt noch der Grammatik in ausreichendem Maß kundig gewesen wäre, dessen Publikationen nie ein großer Erfolg beschieden war, hatte zu seinen Lebzeiten zwar keinen Erfolg gehabt, hat aber vielleicht gerade dadurch, dass er nicht primär an seiner eigenen Karriere gearbeitet, sondern das Wohl seiner Patienten im Auge gehabt, eine der wichtigsten Weiterentwicklungen moderner Medizin bewirkt." Aus: Günther Loewit (b.1958, Österr. Arzt): „Wie viel Medizin überlebt der Mensch?“ Kapitel: Medizin als Spielball der Geschichte. Eine Geschichte von Ignoranz und Selbstgerechtigkeit. Seite 241ff. HAYMON 2.Auflkage 2013 www.guenther-loewit.at/


"
Es sollte uns wichtig sein zu sehen, dass Radikalität und Haß gegen die professoralen Ordnungshüter nicht von ungefähr kommen. Sie haben eine lange Entstehungsgeschichte. Semmelweis verhandelt 1847 bis 1850 in angepaßtem Umgangston, mobilsiert in der üblichen akademischen Art seine einflußreichen Freunde, diese mobilisieren die Fakultät. Doch Semmelweis verliert - mit [Joseph] Skoda [1805-81], [Ferdinand von] Hebra [1816-80], [Carl von] Rokitansky [1804-78] - den Krieg gegen die von seinem Chef [Prof. Dr. Johann] Klein [1788-1856] angeführte Intrigantenriege. Täuschen wir uns nicht: Zu dieser Zeit kamen Semmelweis noch keineswegs die Worte "Ignoranten, Verbrecher, Mörder, Massacre" über die Lippen oder gar in die Feder. Klein gewann gegen seinen Assistenten nicht, weil dieser sich radikal gebärdete, sondern mit dem Hinweis, dass alles Lüge sei, die Zahlen nicht stimmten, die Beschreibung der Zustände an der beschriebenen, nämlich seiner Abteilung falsch seien. Klein gab die von Semmelweis vorgetragene Wahrheit als Denunziation aus. Klein konnte damit rechnen, dass die "k.u.k. Gesellschaft der Ärzte", dass die Fakultät, dass das Ministerium nicht anders organisiert waren als seine Abteilung; nämlich hierarchisch. Alle Köpfe, die sich für Semmelweis und gegen Klein zu entscheiden gehabt hätten, waren hierarchisch organisiert. Der kleine Assistent Semmelweis mußte daher gegen den Professor Klein untergehen, auch wenn dieser eine Niete war, ein Ignorant, eben ein vom Staat ausgehaltener Wächter und Vorstand einer Mörderhöhle für Wöchnerinnen. Klein ist also bestenfalls der Rädelsführer der verzopften Clique. Er repräsentiert die herrschende Ordnung - könnte damit auch heute noch jede Abteilung in Wien übernehmen, könnte auch heute noch ganz Wien gegen einen Semmelweis mobilisieren. Wer gegen die Rangordnung verstößt, wer zudem die Ungeheuerlichkeit begeht, zu behaupten, der Tod der Patienten gehe von den Ärzten aus, das todbringende Prinzip klebe an den eigenen Fingern, der lernt den Sinn der Kollegialität kennen.
Nein, Semmelweis hatte keine Chance, hätte sie auch heute noch nicht. Anfang der siebziger Jahre gab es in Wien eine Ärztin, Mila Kars war ihr Name. Sie berichtete wahrheitsgetreu über die Altenversorgung in Wien, über die schamlose finanzielle Ausnützung des Elends durch Ärzte und das Pflegepersonal. Die Ärzteschaft hat sie aus Wien fortgejagt, die Sozialdemokratie hat alle Augen zugedrückt, hat, nicht anders als 130 Jahre vorher, von "maßloser Übertreibung" gesprochen, Untersuchungen versprochen, die bis heute nicht stattfanden oder nichts erbrachten. Das kollegiale Organ der Wiener Ärzte forderte die Psychiatrierung der Kollegin Kars, die nach Paris flüchtete.
Auch wenn es grundlegend falsch war, Klein und seine Clique konnten bis hin nach Frankreich, Holland und die deutschen Lande die Geschichte von der frauen- und kinderverzehrenden "Epidemie" am Leben erhalten. Die Geschwätzigkeit und Eitelkeit von Akademien und Kollegien im medizinischen Bereich waren und sind auch heute noch vortrefflich dafür geeignet, brauchbar Neues zu verhindern. Kongresse sind Selbstdarstellungs-Messen der Hierachiespitzen, die niemals aufgreifen, was sie angreift oder überholt.
Die Repräsentanten der medizinischen Schulen waren daher erst 29 Jahre zu spät imstande, den "Retter der Mütter" zu ehren. Das, was 1894 von Semmelweis [† 1865] noch geblieben war, wurde ausgescharrt und in ein Ehrengrab nach Budapest gebracht. 1905 erschien von Tibor Györy [1869-1938] im Gustav Fischer Verlag in Jena eine erste Gesamtausgabe der Schriften; 1906 wurde dann in Budapest das erste Denkmal enthüllt. Endgültig und ohne Zweifel war Semmelweis rehabilitiert, als mit der Entdeckung der Mikroorganismen (Viren, Bakterien) am Ende des neunzehnten und am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts der Begriff der Infektion und Hygiene neu definiert wurde. Dass Semmelweis durch seine radikalen Maßnahmen nicht nur gegen den Tod der Frauen gekämpft hat, sondern auch maßgeblich für die Sexualität der Frau das Seine beigetragen hat, ist bis heute unentdeckt geblieben; denn die Hinwegnahme der Todesangst vom Geburtsereignis als solchem hat sicherlich auch das Risiko sexueller Beziehungen zwischen Mann und Frau in einem schwer zu definierenden Ausmaß verringert.
Das ändert nichts daran, dass der Begriff "Epidemie" als Erklärungsmuster für die Unbezwingbarkeit von Krankheiten oder Leiden sich auch heute noch größter Beliebtheit erfreut: 1978 wurde von einer psychiatrischen Arzt-Größe in Wien bekannt, dass sie in der NS-Zeit an einer Abteilung
[Wiener „Euthanasie“-Klinik Am Spiegelgrund imSommer 1944] gearbeitet hatte, in der auf Befehl Hitlers 200 Kinder umgebracht wurden. Herr Dr. [Heinrich] Gross [1915-2005], so heißt die Größe, hatte sich als Jungarzt der Rassenhygiene verschrieben, war also der Weiterentwicklung der Hygiene in einem Sinne dienstbar, wie es Semmelweis nicht ahnen konnte. Vor Gericht verteidigte sich der (nach 1945 als Massen-Gerichtspsychiater hygienisch wirksame) Gross nicht anders als damals der Klein: Er sei machtlos gewesen, an seiner Abteilung hätte eine "Epidemie" gewütet und das Massensterben verursacht.
Heute noch wird im Namen der Hygiene Tod, Leiden und Elend verbreitet. Diese Hygiene räumt die verbrauchten Alten in verdächtige Massenquartiere, die Auffälligen werden observiert, hunderttausende Aussteiger werden zu Alkoholikern, Süchtigen umgetauft und von dem autoritären Duo "Medizin und Politik" zwangsangehalten und zwangsmißhandelt. Und was an Hygiene noch bleibt, was noch nicht Polizei-Deutsch geworden, dessen hat sich die Waschmittelindustrie bemächtigt.
1861 schreibt Semmelweis: "Alles war in Frage gestellt, alles war unerklärt, alles war zweifelhaft, nur die große Anzahl der Toten war eine unzweifelhafte Wirklichkeit."" Aus: Werner Vogt (b.1938, Österreichischer Unfallchirurg, Autor, Medizinkritiker): „Einatmen - Ausatmen. Der Missstand als Norm“ Blick zurück nach vorn. Seite 26-28. Europaverlag 1991


"So heißt die Welt in ihrer Tiefe verstehen
den Widerspruch verstehen!"

Friedrich Nietzsche
(1844 - 1900)
Deutscher Philosoph, Essayist, Lyriker, Schriftsteller
Quelle: Nietzsche: "Nachgelassene Fragmente. Ende 1870 – April 1871" Herbst 1887, 9 [40]
In: Giorgio Colli (Hrsg., 1917-1979), Mazzino Montinari (Hrsg., 1928-1986): "Kritische
Studienausgabe in 15 Bänden" Bd. 12 S.353 dtv/de Gruyter 1999


"Statistisches Denken lässt sich erlernen, es ist nicht schwierig und tatsächlich nützlich. Man kann Datenverdreher einfach durchschauen und sich gegen Manipulation (Unstatistik = statistisches Unkraut = Innumeratentum) wehren. Hier sind Zehn goldene Regeln, mit denen Ihnen das gelingt:

1.
Fragen Sie immer, wer die jeweilige Statistik produziert hat und was er oder sie damit bezweckt. Soll nur über einen Sachverhalt aufgeklärt werden oder will man mit der Statistik manipulieren, eine bestimmte Meinung oder ein Produkt verkaufen?

2.
Verwechseln Sie niemals Korrelation mit Kausalität. Wenn zwei Variablen systematisch in die gleiche Richtung gehen, kann dies auf drei Arten geschen: die erste verursacht die zweite, die zweite verursacht die erste oder keine von beiden verursacht die andere. Dann hängen beide, sofern nicht der Zufall die Korrelation verursacht hat, gemeinsam von einer dritten Variablen ab.

3.
Vermeiden sie die Null-Risiko-Illusion. Jeder Versuch, alle Risiken völlig zu beseitigen, muss immer scheitern. Die Frage ist nicht: "Gibt es ein Risiko?" Die Frage sollte vielmehr sein: "Wie groß ist das Risiko?"

4.
Fragen Sie stets nach absoluten Risiken. Relative Risiken führen leicht in die Irre, sei es ein Anstieg oder eine Reduktion. Denn 100 Prozent von fast nichts ist immer noch - fast nichts.

5.
Achten Sie bei Prozenten immer auf die Basis: Prozent von was?

6.
Vorsicht bei exzessiver Verwendung von Adjektiven wie "wissenschaftlich" und "signifikant". Oft sind so apostrophierte Statistiken alles andere als wissenschaftlich zustande gekommen und ihre Ergebnisse überhaupt nicht signifikant.

7.
Bei Stichproben: Fragen Sie, wer mit der Stichprobe erfasst wurde, insbesondere aber auch, wer nicht. Wenn sich 90 Prozent aller Besucher der Christmette im Kölner Dom gegen legalisierte Abtreibung aussprechen, sagt das nichts über die Meinung aller Bundesbürger aus.

8.
Bilden Sie niemals das arithmetische Mittel von Wachstumsraten. Der Durchschnitt von erst +60 Prozent und dann -50 Prozent ist nicht +5 Prozent.

9.
Achten Sie auf eine einheitliche Definition: Wer ist krank oder arbeitslos? Je nach Begriffsbestimmung kommt etwas anderes heraus.

10.
Erlauben Sie dem Zufall eine größere Rolle im Alltag sowie im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben. Viele Muster, die wir zu erkennen glauben, sind gar keine: Sie verschwinden, wenn man das Ganze wiederholt.

Denn den vernünftigen Umgang mit Zahlen kann man trotz aller angeblich genetisch programmierten Widerstände lernen. Man muss nur wollen. Fangen wir also am besten gleich jetzt damit an. Und viel Spaß dabei."

Aus: Thomas K. Bauer, Gerd Gigerenzer, Walter Krämer: „Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet - Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“ Epilog S.198f, Vorwort S.11. CAMPUS 2014
www.unstatistik.de



"Als ich den gelehrten Astronomen hörte,
als die Beweise, die Ziffern, in Kolonnen vor mir
aufgereiht wurden, als mir die Karten und Diagramme
gezeigt wurden, um sie zu addieren,
zu teilen und zu messen,


als ich dasaß und dem Astronomen zuhörte,
wo er unter großem Applaus im Vorlesungsraum
seinen Vortrag hielt,


wie bald und unerklärlich wurde ich
müde und elend
,
bis ich aufstand, hinausschlüpfte
und allein
in die mystische,
feuchte Nachtluft
hinausging


und von Zeit zu Zeit

in vollkommener Stille
zu den Sternen aufsah."


Walt Whitman
(1819-92)
US-amerikanischer Dichter

Aus: Gedichtband "Leaves of Grass" (Grashalme) 1855
180: "When I heard the Learn’d Astronomer"
(Als ich den gelehrten Astronomen hörte)

Meine "unvollständige" Literaturliste >>>