Man muss das Wahre immer wiederholen,
weil auch der Irrtum um uns her
immer wieder gepredigt wird;
und zwar nicht nur von einzelnen,
sondern von der Masse.


In Zeitungen und Enzyklopädien,
auf Schulen und Universitäten –
überall ist der Irrtum obenauf!


Und es ist ihm wohl und behaglich –
im Gefühl der Majorität,
die auf seiner Seite ist.


Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832)
„Der berühmteste deutsche Dichter“
In einem Brief an Johann Peter Eckermann (1792-1854)
Deutscher Dichter und enger Vertrauter von Goethe



"Zwei Seelen1
wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust (Staub)
Zu den Gefilden hoher Ahnen"...


Goethes Faust I
(1808)
„Vor dem Tor“
Vers 1112 – 1117

"Faust fühlt zutiefst und leidvoll die zwei Seelen in seiner Brust: "...die eine sehnt sich nach den Gefilden hoher Ahnen",
die andere leiht ihr Ohr dem Mephisto, Abenteuer und Sensation im Treiben der Sinne begehrend. Doch er findet das
Wesentliche nicht in der Welt von Gut und Böse. Es ist da nämlich kein einziger Augenblick, von dem er sagen könnte:
"Verweile doch, du bist so schön." Deswegen kann die Seele Fausts letztlich erlöst - geheilt - werden, geheilt von der
Unwissenheit und vom Tode. Anders ist es bei Wagner, dem Famulus, ihm fehlt noch der zusammenbindende Faden
einer ernsthaft strebenden Vernunft, die Ahnung vor der Schöpfung. Er verkörpert den vertrockneten, wissenschaftlichen
Streber; brav bemüht will er Meister und Publikum zu Gefallen sein, da er den Ruf der zwei Seelen noch nicht folgen kann
und deswegen gefangen liegt im Labyrinth der Oberflächlichkeiten, der Eitelkeiten, mit denen der Irrtum
(in der Rolle des Mephisto) auch den Faust fangen sollte.
Den Ausgang aus dem Labyrinth, der in der Mitte liegt, wird entdecken, wer - wie letztlich Faust - in Demut,
doch wohl bewusst, geführt durch die Stimme aus dem eigenen Herzen, den Augen der Seele,
die Suche nach innerlicher Lebenserfüllung anfängt. Und so beginnt sich
dann das große Ziel aller Heilkunde abzuzeichnen: Teil zu werden
mit dem Ewigen, das hinter der Bewegung ruht."


Dr.med. Klaus Bielau
Aus: „Wendezeit der Medizin – Zur Kunst der Selbstheilung“
Kapitel: Goethe und die Heilkunst. Seite 116f
Verlag Zeitenwende 2010





Prof. em. Dr. Friedemann Schulz von Thun
(b.1944)
Deutscher Psychologe, Kommunikationswissenschaftler
www.schulz-von-thun.de/ , www.cts-consultant.de/abschiedsvorlesung.html

Trilogie: „Miteinander reden: 1. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation“ (1981),
„Miteinander reden: 2. Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Differenzielle Psychologie der Kommunikation“ (1989),
„Miteinander reden: 3. Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation. Kommunikation, Person, Situation“ (1998)
3 Bände. ROWOHLT Sonderausgabe 2011


"Anstatt von "Seelen" werde ich von "Mitgliedern des Inneren Teams"
1 sprechen,
um die Träger dieser Stimmen zu bezeichnen. Denn alles wird darauf ankommen,
ob und wie es gelingt, diese zunächst widerstrebenden Kräfte in eine Kooperation
zubringen, deren "Produkt" kraftvoller und angemessener sein wird,
als wenn nur eine Stimme allein das sagen hätte ...

Die inneren Mitglieder [Metapher mit Namen und Botschaft: z.B. "Die Hilfsbereite", "Die Intimitätsschützerin", "Die Nette",
Der Fürsorgliche, "Die Solidarische", "Die auf sich selbst Bedachte", "Die Eilige", "Die Hartherzige", "Der Mitfühlende",
"Die Misstrauische", "Das schlechte Gewissen", "Der Enttäuschte", "Die Brave" sog. Innere Pluralität] stehen (meist) nicht
unverbunden nebeneinander, sondern nehmen miteinander Kontakt auf [Innerer Dialog/Streit, Innere Uneinigkeit],
reden miteinander, gehen Beziehungen ein (innere Gruppendynamik).

Je nachdem, welches "innere Betriebsklima" hier herrscht, werden wir unsere Kraft
im Bewältigen der inneren Verhältnisse verbrauchen oder für kraftvolles Handeln zur Verfügung haben.
Das Innere Team ist das Entwicklungsziel, der "zerstrittene Haufen" oft der reale Ausgangspunkt ...

Die [inneren] "Stimmen", die wir angesichts bestimmter Umstände wahrnehmen, haben in uns, so unterstellen wir,
einen Urheber, so wie jeder Text einen Autor hat. Die meist nonverbale Regung enthält ein Anliegen und lässt sich
in eine sprachliche Verlautbarung übersetzen, welche ihre Teilnahme am inneren Dialog erleichtert.
Die innere Botschaft kann mit Hilfe des Kommunikationsquadrats aufgeschlüsselt werden,
wobei ein dreifacher Adressat (entweder Oberhaupt, innerer Kollege oder äußeres Gegenüber) gemeint sein kann.
Das menschliche Seelenleben ist geprägt vom inneren Miteinander, Gegeneinander und Durcheinander dieser
teilnehmenden Botschafter, die wir potenziell als Mitglieder eines Inneren Teams ansprechen können und ihnen
damit eine positive Vision und Entwicklungsrichtung zuweisen. Diese Teilnehmer des Seelenlebens verrichten
sowohl Innendienst (als Teilnehmer des Selbstgesprächs und als Mitwirkende einer inneren Gruppendynamik)
als auch Außendienst (als Wortführer und Verhaltensagenten). Und sie treten, je nach Herausforderung,
in ganz unterschiedlicher Zusammensetzung und Mannschaftsaufstellung zusammen.
Es sind - in Analogie zum modernen Berufsleben - Projektgruppen ...

Die Anforderungen des Lebens und Überlebens haben (höchst widersprüchliche) Haltungen, Bereitschaften,
Motive und "Lebensphilosophien" hervorgebracht, die wir noch heute in uns wahrnehmen können -
die "inneren Stimmen" sind Echostimmen, sind zum Teil ein Widerhall der Weltgeschichte
und unserer Kulturgeschichte. Manche wiederum sind junge Ausgeburten eines modernen
und unseres persönlichen Lebenskontexts. Und manche Stimmen mögen historische Mischprodukte
aus Uralt und Brandneu sein, haben sich aufgrund einer gemeinsamen Affinität verschmolzen.

Wie auch immer: Am "Konferenztisch unserer inneren Versammlung" hat eine eigenartig pluralistische Runde
["Innere Vielfalt und Gegensätzlichkeit"] Platz genommen: Da sitzt ein Alpha-Affe neben einem schüchternen Kleinkind,
ein rationaler Atheist neben einer bangen Seele vor Gott, ein Tierschützer und Vegetarier neben einem alten Raubtier,
ein alter Krieger neben einem Pazifisten, ein weiches, liebendes Herz neben einem hart gesottenen Haudegen.
Jeder verkörpert seine ureigene Wahrheit und hat auf seine Weise recht. - Alle sollen miteinander auskommen,
obwohl jeder nach Macht und Einfluss strebt. Alle müssen miteinander leben, obwohl sie einander nicht ausgesucht haben.
Alle müssen miteinander in Kontakt kommen und sich verständigen, obwohl sie häufig nicht dieselbe Sprache sprechen.
Alle sollen ein Team werden, obwohl sie oft zerstritten sind. All dies kann nur gelingen, wenn eine gute Führung koordinierend,
moderierend, teambildend "den Laden zusammenhält" ...

Bezeichnenderweise sagen wir "ich" und nicht "wir", trotz aller inneren Pluralität.
Das bedeutet, wir identifizieren uns mit jener Instanz, die über dem Ganzen steht und die Einheit stiftet.
Dieses übergeordnete Ich nimmt die Stimmen der inneren Mitglieder auf, jedenfalls soweit sie in Rufnähe gelangen,
und erkennt sie als Teile des Selbst an, jedenfalls als existent, wenn auch nicht immer als erwünscht.
Wenn es darum geht zu entscheiden, welche inneren Mitglieder sich in welcher Weise und in welcher Kombination
in Handlungen und Äußerungen verwirklichen sollen - mit anderen Worten: wenn es darum geht zu entscheiden, was nach außen dringt -,
behält das Oberhaupt das letzte Wort, jedenfalls solange es Herr im eigenen Hause ist und nicht vor seelischen Teilkräften
(vorübergehend oder endgültig) kapitulieren muss, die die "Herrschaft über die Seele übernommen" haben,
wie es bei Dostojewski im "Spieler" heißt ...

Das Oberhaupt [unser wachsames Selbst n. Roberto Assagioli (1888-1974)] kann zu seinen [inneren] Mitgliedern
in zweierlei Weise in Kontakt treten. Durch bewusste und freiwillige Identifikation ["Es ist ein Teil von mir"]
macht es sich die seelische Qualität des Erwählten zu eigen, geht darin auf. "Geh da mal ganz hinein
in diese Wut", sagt zum Beispiel ein Therapeut zu einem Aggressionsgehemmten Klienten, sobald dieser
doch einmal ein wenig Wut in sich spürt. Oder wir sagen von uns selbst: "Ich habe mich da so richtig hineinplumpsen
lassen!" - und meinen vielleicht eine bestimmte Stimmung, der wir uns hingeben, statt dagegen anzugehen.
Solange diese Identifikation bewusst, wahlweise und vorübergehend vollzogen wird, ist sie ein wichtiger Vorgang
der Selbsterfahrung und der Integration innerer Außenseiter. Auch im Kontakt mit anderen Menschen kann es heilsam sein,
vorübergehend einmal einer [inneren] Stimme freien Lauf zu lassen, wohl wissend, dass sie nicht alle Aspekte des eigenen
Empfindens abdeckt. Wenn die Identifikation aber als unbewusste und chronische Verschmelzung vonstatten geht
oder wenn sich das Oberhaupt einer hartnäckigen Belagerung nicht erwehren kann, dann sind seine Führungsqualitäten
drastisch eingeschränkt, und die Chance zur [inneren] Teambildung ist gesunken. Durch den gegenläufigen Vorgang
der Disidentifikation (Abgrenzung) ["Es ist nur ein Teil von mir"] kann das Oberhaupt sich von solchen [inneren] Belagerern
wieder befreien und sich als eine übergeordnete, nicht verstrickte Instanz wieder finden, die den Gesamtüberblick wahrt
und zu den einzelnen Teammitgliedern aus einer gewissen Distanz freundlichen Kontakt aufnimmt.
Im gelungenen Wechsel von Identifikation und Abgrenzung [Disidentifikation] liegt ein Schlüsselprinzip
für den heilsamen Umgang mit sich selbst.

"Wir werden beherrscht von allem, womit sich unser Selbst [Inneres Oberhaupt] identifiziert.
Wir können alles beherrschen und kontrollieren, von dem wir uns disidentifizieren [abgrenzen]."

[Seite 127]
Roberto Assagioli
(1888-1974)

"Psychosynthese" Reinbeck 1993

Menschenführung beginnt bei mir selbst
Teamsteuerung heißt zunächst einmal, sich selbst steuern zu können
und einen klaren eigenen Standpunkt zu haben.
Wer mit sich selber einig geworden ist, kann der Welt mit vereinten Kräften
begegnen. Sie verleihen ihm die Ausstrahlung von Eindeutigkeit, Sicherheit, Ruhe,
Souveränität, Autorität und das damit verbundene Gewicht, die damit verbundene
Durchsetzungskraft.



Das metaphorische Modell des Inneren Teams mit Oberhaupt (unserem wachsamen Selbst - Vorsitzenden) - Innere Ratsversammlung -
Innere Pluralität mit Innerer Uneinigkeit, Inneren Dialog/Streit und vehementer
"Innerer Gruppendynamik" (Zeichnung Verena Hars Seite 33)

Da gibt es Stammspieler (Vorderleute), Antipoden (Gegenspieler/Hinterleute) und Verbannte, inneres Durcheinander und geordnetes Miteinander, da treten
"Rebellen" auf den Plan, die zu ihrem Recht kommen wollen. Der innere Teamchef, der im Idealfall alle an einen Tisch holt und jeden zu Wort kommen lässt

Die Parallelitätsthese: Teams im Arbeits- und im Seelenleben

Nachdem die Metapher des Inneren Teams" erst einmal geboren war, entwickelte sie eine Erkenntnisspendende Kraft
und führte mir immer deutlicher vor Augen, welch verblüffende Parallelen sich zwischen der Gruppendynamik in Arbeitsteams [Arbeitswelt]
und der im seelischen Team [Innenwelt des Menschen, Seelenleben] ziehen lassen. Hier wie dort, draußen wie drinnen müssen Chef
und Team miteinander leben und auskommen... Hier wie dort ist der Teamchef, das Oberhaupt, wie wir es nennen werden, gut beraten,
mit jedem seiner Mitarbeiter intensiven Kontakt aufzunehmen und jedem aufmerksam zuzuhören, wenn er sich, auch ungerufen,
zu Wort meldet. Nur wer sich wahrgenommen, gewürdigt und berücksichtigt fühlt, nur wer sein "Mitspracherecht" erfüllt sieht,
wird zum gelingen des Ganzen beitragen wollen und können, wird gegebenenfalls Kompromisslösungen mitragen.
Wer sich hingegen übergangen fühlt, unerhört bleibt, wird sich rächen, sich unerhört aufführen - wird sich womöglich
an der Gründung einer "Untergrundbewegung" beteiligen. Hier wie dort ist das Kräfteverhältnis und das Zusammenspiel
zwischen Chef und Untergebenen kompliziert und labil." (
S.74)

Die Parallelen zwischen dem Äußeren Arbeitsteam und dem Inneren/seelischen Team:
Teamleiter/Oberhaupt und Team müssen miteinander auskommen.
Ein(en) schwachen(s) Chef/Oberhaupt wird man so leicht nicht los.
Langjährigen Mitarbeitern/Teammitgliedern kann schlecht gekündigt werden.
Ständige Streitereien lähmen und "rauben" Energiereserven.

Kommunikation mit doppelter Blickrichtung
Wichtig für beide Teamarten ist es, dass der Teamchef/das Oberhaupt mit jedem der beiden Kontakt hält,
denn nur wer sich gewürdigt fühlt, wird zum Gelingen beitragen wollen. Wer sich übergangen fühlt, wird sich "rächen".

Jede Führungskraft hat es daher mit zwei Teams zu tun: mit dem Arbeitsteam/Außenteam
(situativ-systemischer Kontext) und dem inneren, seelischen Team (innere Kontext).
Helm Stierlin (b.1926, dtsch. Psychiater) spricht vom "Individuum im System" und vom "System im Individuum".
Helm Stierlin: "Ich und die anderen. Psychotherapie in einer sich wandelnden Gesellschaft" Klett-Cotta 1994
Es kommt darauf an, beide Teams zu entwickeln. Jedes Team ist mehr als die Summe seiner Teile, es zeichnet sich
durch das Zusammenspiel/die Interaktion von Mitgliedern unterschiedlicher Qualitäten und Kompetenzen aus.


Im sog. Innendienst sind die Mitglieder des Inneren Teams Teilnehmer des Selbstgesprächs (sog. "Innere Stimmen") und Hervorbringer
von Stimmungen, Gefühlen, Motiven und Gedanken; im sog. Außendienst Aktionsbeteiligte auf dem Spielfeld des Lebens, Wortführer,
die in der zwischenmenschlichen Kommunikation den Ton angeben bzw. den Unterton hineinmischen.

Die von Menschen häufig genannten Erschwernisse der Inneren Kommunikation
lassen typologisch drei Grundformen erkennen:
- Innerer Wirrwarr
- Dominanz der Lauten und Schnellen
- Inneres Gegeneinander
und sind in vielen Fällen gleichzeitig wirksam.

"Innere Ratsversammlung"
Die bewusste Zusammenkunft und Aussprache aller inneren Mitglieder, die sich zu der aufgeworfenen Frage melden,
unter der Leitung des Oberhaupts mit dem Ziel, eine Antwort zu (er-)finden, die auf einer inneren Vereinbarung basiert
und die adäquater und authentischer ist, als wenn nur ein Mitglied oder eine Clique von Mitgliedern
vorhanden gewesen wäre oder allein das Sagen gehabt hätte."


Ein Beispiel:
Fünf Innere Mitglieder, die sich zu Wort melden und sich zu einer Inneren Ratsversammlung zusammensetzen:

Der politisch Erwachte: "Großartig! Unbeding!
Das Nervenbündel: "Nein! Bloß nicht!"
Der Sozial-Gewissenhafte: "Ist das denn moralisch vertretbar?"
Der Habgierige: "Für mich muss etwas dabei herausspringen"
Der Skeptiker: "Ich mache mich doch zum Zirkuspferd!"


Wilhelm Busch: Der Kobold >>>

Fassen wir die Prinzipien zusammen, die uns im Umgang mit den inneren Widersachern/Kontrahenten leiten können:
Ein wesentlicher Teil der äußeren und inneren Teamentwicklung besteht in der Depolarisierung von Mitgliedern,
d.h. das Aufheben der feindlichen Trennung gegensätzlicher Positionen. Für die produktive Streitkultur ist es unerlässlich,
dass sich alle Beteiligten als Träger wichtiger Prinzipien sehen lernen.
Die Konfliktbearbeitung geschieht in mehreren Schritten:


1. Die Identifikation des Bösewichts/Kontrahenten (Quälgeists) macht aus der (oft nonverbal-mächtigen)
grauen Eminenz einen greifbaren Täter, der mit der Steckbriefmethode dingfest gemacht werden kann.

2. Monologische Selbstoffenbarung der Gegenspieler: Zunächst durch Identifikation ("Er ist ein Teil von mir"),
dann durch Disidentifikation [Abgrenzung] ("Er ist nur ein Teil von mir") befreit sich das Oberhaupt aus der Belagerung
und gewinnt an Steuerungsfähigkeit.

3. Auseinandersetzung, Versöhnung und teilweise Akzeptierung: Statt einer weiteren Bekämpfung des Bösewichts wird seine Funktion
und Leistung im Gesamtzusammenhang des Systems ermittelt und gewürdigt (mit Hilfe des Wertequadrats sowie
durch Unterscheidung von Absicht und Methode).

4. Entscheidung durch das Oberhaupt: Die Suche nach heilsamen Gegenspielern (Antipoden) ermöglicht schließlich eine Teambildung,
innerhalb welcher der innere Widersacher seine Feind-Qualität verliert und seinen Wertbeitrag auf andere Art als zuvor beisteuert.




Wenn die Wahrheit der Beziehung ein Untergrundleben führen muss, zeigt sie sich maskiert:
in Krankmeldungen, Kündigungen, Intrigen, übler Nachrede.
Die übergroße Vorsicht im Umgang miteinender [sowohl im Inneren, als auch Äußeren Team] führt dazu,
dass mit den kritischen Geistern auch die kreativen und unternehmungslustigen auf der Strecke bleiben.



In einem Klima von Bravheit und Vorsicht hat jeder in seinem Inneren Team einen starken Sicherheitsbeauftragten,
der bei der Wahl der Worte und Gedanken darauf achtet, "bloß keine Fehler" zu machen, und dies erreicht am besten,
wer den bewährten Pfaden im Gleichschritt folgt.


Inneres Team/Mannschaft - Situations-/Personen-/Themen- und auf sich Selbst bezogene Grundaufstellung des Inneren Teams
www.schulz-von-thun.de/

Die Persönlichkeit des Menschen - Inneres Team - ist von Gegensätzen geprägt,
die wir als zusammengehörige Geschwister gekennzeichnet haben.

Jedes Mitglied des inneren Teams - Vorderleute: Stammspieler und Hauptdarsteller,
hat auch einen Antipoden - Hinterleute, der den Gegenpol verkörpert.

Wenn sich das Oberhaupt [Wachsame Selbst] einseitig mit den Stammspielern und Hauptdarstellern
identifiziert, geht es ausschließlich mit der Vorderseite in Kontakt.

Die Antipoden werden auf die unsichtbare Seite der Persönlichkeit oder in den Untergrund verbannt.

Zu erheblichen Spannungen führt das Ganze, wenn nur die Vorderleute an die Kontaktlinie treten
und eine Aufspaltung in Außen und Innendienst erfolgt.
Der Mensch dreht sich dann im Kontakt mit anderen stets so, dass die Antipoden verdeckt bleiben.
Verliert der Antipode das Recht auf der Bühne zu sein, fällt er als Teampartner aus und wird zum Gegenspieler.
Der Hauptdarsteller wird dann ohne ausgleichende Ergänzung durch seinen Gegenspieler
in seiner Handlungsweise immer extremer.

"Virginia Satir [1916-1988, US-Familientherapeutin] entwickelte dieses ganzheitliche Bild ["Inneres Team"] der menschlichen Seele.
Ihm liegt die Annahme zugrunde, man könne sich die Persönlichkeit eines jeden Menschen wie aus vielen verschiedenen Teilen
zusammengesetzt vorstellen. Auch in unserer Umgangssprache kommt diese Idee zum Ausdruck. So heißt es zum Beispiel:
"DER STEHT SICH SELBST IM WEGE". Wenn man sich zu diesem Satz ein Bild macht, sieht man zwei Figuren - also zwei
Teile einer Persönlichkeit. Klassisch ist der Ausspruch: "ZWEI SEELEN SIND IN MEINER BRUST", und fast jeder kennt
das "KIND IM MANNE" ... Da gibt es den ängstlichen und den mutigen Teil. Der traurige sieht ganz anders aus als der
alberne. Es existiert der fleißige und bestimmt auch der faule Persönlichkeitsteil. Auch in der Sprache kommen diese
verschiedenen Möglichkeiten im Menschen zum Ausdruck: "VON DIESER SEITE KANNTE ICH DICH NOCH GAR
NICHT!" heißt es und: "IN DEM STECKT WAS DRIN" ... Wenn Sie Ihre Lebensziele erreichen wollen, muss diese
"innere Mannschaft" geschlossen hinter Ihnen stehen ... es zählt der Satz: "GEMEINSAM BIN ICH STARK!"


Aus: Cora Besser Siegmund, Harry Siegmund: „Denk Dich nach vorn. Das NLP- Persönlichkeits- Programm“
Schritt 2: Die Kraft des Unbewussten nutzen. Die menschliche Persönlichkeit - eine "innere Mannschaft"!
Auszugsweise aus Seite 138-140. ECON 1997


Virginia Satir - Wer bin ich wirklich >>>

"Unsere innere Mannschaftsaufstellung/Teambildung entspricht im Idealfall dem Spielfeld,
auf dem die menschliche Begegnung stattfindet."
(S.315)

"Ein gesundes Bemühen um das Selbst muss geprägt sein von dem Wunsch,
sich selbst kennen lernen zu wollen und sich selbst fair gegenüber zu sein.
Wir müssen der Versuchung widerstehen, an einem bestimmten Bild von uns festzuhalten,
und müssen akzeptieren, wer wir wirklich sind. Letzten Endes müssen wir in uns selbst zu Ruhe
kommen; ohne innere Zufriedenheit können wir wahrhaftig sehr einsam sein.
Wenn wir auch von Familie und Freunden umgeben sind, so brauchen wir unsere "inneren" Verbündeten,
um der Terrorisierung durch das böse Ich -
Dieses strafende, zerstörende Untier ist der Feind, der in uns selbst sitzt.
Es ist der Quälgeist in uns, der uns nie in Ruhe lässt: "Was glaubst du denn, wer du bist", fragt er,
"warum hältst du den Kopf hoch, versuchst erfolgreich, zufrieden, geliebt und liebenswert zu sein,
dein Leben zu genießen? Du hast vielleicht Nerven. Ich werde es dir schon zeigen"
(S.32)
- entgegenzuwirken.

Der Modus operandi des bösen Ich ist folgender:
Wenn wir uns selbst schlecht machen
- Feindliche Innere Stimmen: "der Spielverderber", "der Faule",
"der Zweifler", "der Pessimist", "der Genusssüchtige", "der Tolpatsch", "der Folterer,
"der Verweichler", "der Miesmacher", "der Angsthase", "der Liebeskiller, "der Zauderer -

dann kommen wir anderen zuvor, denn wir verletzen uns selbst,
bevor andere uns verletzen können.
Wir werden so auch die Angst los, dass wir unsere Aggressionen gegen andere richten
und damit auch ihre Liebe und gute Meinung von uns verwirken (einbüßen) könnten.
Indem wir uns gegen uns selbst wenden, können wir unser schlechtes Gewissen erleichtern,
das wir wegen unserer Wunschträume und Erfolge haben. Wir vermindern so unsere
Schuldgefühle darüber, dass wir wütend sind, weil man uns nicht nur um unserer selbst willen liebt.
Wir tun Buße, weil wir gegen den Willen unserer Eltern gehandelt haben, weil wir nicht die sind,
die sie sich erhofft und gewünscht hatten, und auch, weil wir vielleicht das erreicht haben,
was man uns nie zugetraut hätte. Indem wir unser Ziel nicht erreichen, nämlich, dass sie recht hatten.
Indem wir so handeln, finden wir kurzfristig Trost und Erleichterung. Wir nehmen uns zusammen,
damit wir die Menschen, die uns wichtig sind oder die Götter oder die Gesellschaft im allgemeinen
nicht verärgern oder bedrohen. Indem wir uns selbst bestrafen, vermeiden wir, dass wir möglicherweise
von außen bestraft werden. So vermindern wir die Wahrscheinlichkeit, dass irgend etwas Schreckliches
passieren kann, dass wir todkrank werden, vom Blitz getroffen werden
oder einen geliebten Menschen verlieren.
(S.48)

Wir müssen uns selbst im Inneren akzeptieren lernen,
- Hilfreiche Innere Stimmen: "der Abenteuerlustige", "der Tröster", "die Vernunft",
"der gute Freund", "der Optimist", "der Fan", "der Draufgänger", "der Träumer",
denn egal, wie sehr unsere Umgebung uns oder das Bild,
was wir ihr von uns zeigen, bewundert,
das eigene Urteil über den eigenen Wert wird immer wichtiger sein.
Wenn es uns unter dem Druck von außen auch schwer fällt,
die Position zu finden, die uns eigentlich entspricht,
so müssen wir den Mut finden, unseren inneren Stimmen zuzuhören
und unseren eigenen Bedürfnissen gemäß zu handeln."

George Robert Bach (1914-1986) und Laura Torbet
„Ich liebe mich – Ich hasse mich. Fairness und Offenheit im Umgang mit sich selbst“
The Inner Enemy.
How to Fight Fair With Yourself 1983
Mit einem Vorwort von Prof.
Dr. Dr. Hilarion Petzold (b.1945)
Seite 45. ROWOHLT 1991 (1985)

Siehe ZITATE: Josef Zehentbauer / Der Seelenvogel >>>

Die "Teambildung" und "Teamentwicklung" wird von Bruce Wayne Tuckman (b.1938, US-Psychologe)
als Entwicklungsprozess angesehen, dessen Ablauf sich in 4-Phasen (1965) und Auflösungsphase (1977) gliedert:

1. Orientierungsphase - forming - Entstehungsphase des Teams.

2. Konfrontationsphase - storming - Es entscheidet sich, ob das Team weiter besteht,
oder aufgrund unüberwindbarer Konflikte zerfällt.

3. Kooperationsphase - norming - Freundschaftliche Wir -Orientierung,
Ideen und Gedanken werden offen ausgetauscht.

4. Wachstumsphase - performing - Gesamte Teamenergie fließt nun in die Aufgabenbewältigung.

5. Auflösungsphase - adjourning




Hauptdarsteller/"Vorderleute" und verbannte Antipoden/"Hinterleute eines Bankmitarbeiters gegenüber
Vorgesetzten und in Teambesprechungen
(Zeichnung Verena Hars S.244)


3-Stufen der Verbannung der Antipoden - "Hinterleute" des Inneren Teams - Innere Außenseiter

Diese "inneren Wortmelder" sind im "eigenen Haus" nicht gern gesehen, kriegen einen Maulkorb verpasst, werden, wenn möglich,
hinter Schloss und Riegel gehalten oder werden, wenn sie sich doch einmal zu weit hervorwagen, mit Schimpf und Schande,
Angst und Schrecken zurückgepfiffen. Teilweise fallen sie der Verbannung anheim, weil sie
dem allgemeinen Ich-Ideal Ihres Trägers widersprechen, teilweise zusätzlich deshalb, weil sie
der herrschenden Wertauffassung der eigenen Gruppe zuwiderlaufen ...
Teilweise, weil das Oberhaupt befürchtet und sich ausmalt, dass sie [die Antipoden],
einmal losgelassen, eine dämonische Macht entfalten könnten ...


Hinter Schloss und Riegel können sie sich an ein zivilisiertes Leben nicht gewöhnen; und wenn sie dann Überdruck
entwickeln und schließlich ausbrechen, sind sie von unkontrollierbarer Wucht und laufen womöglich Amok.
Sind sie hingegen an Freiheit und frische Luft gewöhnt, können sie in einem intakten Team unter Leitung eines starken Oberhaupts
ihre Lebensenergien konstruktiv einbringen. Deshalb ist die "Integration innerer Außenseiter "ratsam.

Die 1. Stufe der Verbannung - Kernsatz: „So bin ich zwar (gottlob) auch, so sollte ich hier aber besser nicht in Erscheinung treten!“
Die erste Stufe der Verbannung besteht darin, dass die betroffenen Antipoden zwar hinter den Hauptdarstellern verdeckt bleiben,
aber vom Oberhaupt deutlich gespürt werden, und prinzipiell anerkannt und geschätzt sind, aber in einer gegebenen Situation
aus Opportunität/Zweckmäßigkeit oder mangels Angemessenheit zurückgehalten werden.

Die 2. Stufe der Verbannung - Kernsatz: „So bin ich (leider) auch, aber so sollte ich nicht sein!“
In der zweiten Stufe der Verbannung sind es das Oberhaupt und die Stammspieler selbst,
die Vorbehalte gegen die Antipoden hegen und sich ihrer schämen.
Den Antipoden - den Hinterleuten werden dann "Eigenschaften" wie
1. lächerlich, erbärmlich, minderwertig, dumm - Ebene der Kompetenz
2. verwerflich, fies, unmenschlich - Ebene der Moral
3. krankhaft, unnormal, pervers, pathologisch - Ebene der seelischen Gesundheit
zugeordnet.

Die 3. Stufe der Verbannung - Kernsatz: „ So bin ich nicht!“
Bei der dritten Stufe der Verbannung wird das bisherige Bild der innere Bühne -
Vordergrund und Hintergrund - durch den Untergrund erweitert.

Diese 3.Stufe der Verbannung trifft solche Mitglieder des Inneren Teams, die dem Oberhaupt
und den Hauptdarstellern so bedrohlich erscheinen, dass sie auch hinter dem Vorhang
nicht geduldet werden können und ganz von der Bildfläche verschwinden müssen.
Die 3. Stufe trifft verleugnete, nicht wahrgenommene in den Untergrund verbannte Mitglieder des inneren Teams.
Sie bleiben nicht nur dem Publikum verborgen, sondern weitgehend auch dem inneren Regisseur (Oberhaupt).
Sie haben sich scheinbar auch aus dem Innendienst zurückgezogen. Ihr Auftrittsverbot vermag ihre Lebenskraft
nicht zu bannen. Immer wieder versuchen sie sich zu melden, indem sie mit dem Besenstiel an die Decke klopfen.
Zwar vernimmt man oben diese Klopfgeräusche, vielleicht als Stimmungsschwankungen oder als Kopfschmerz;
vielleicht stören sie auch den Schlaf oder mischen sich in (Alb-)Träume ein. Aber man kann sich oben keinen Reim
auf diese Geräusche machen. Und da sie nicht zum Stück passen, das dort gespielt werden soll, versucht man
sie zu überhören. Ein probates Mittel, um dieses Ziel zu erreichen: Mehr Lärm! Mehr Aktion! Keine Pausen!

Unsere gesamte Lebensführung können wir über weite Strecken als eine Strategie zum Überhören der Klopfzeichen auffassen.
Wer süchtig nach Stress ist, vermeidet eine Weile erfolgreich die Begegnung mit den Boten aus dem (inneren) Untergrund.
Dabei handelt es sich keinesfalls nur um lichtscheues Gesindel, das antisoziale Energie in sich trägt.
So, wie in einer Gesellschaft mit einem Unrechtsregime oftmals gerade die Besten von der Bildfläche verschwinden,
weil sie unbequem sind und für Konflikte sorgen werden, so können auch in unserem Innenleben (inneren Team)
humane Qualitäten des Gewissens, der Sinnsuche, der Herzlichkeit, der Verletzlichkeit der seelischen Verbannung anheim fallen,
wenn sie oben für die effektive Lebensführung im gegebenen biographischen Kontext hinderlich sind. Besonders das innere Kind,
das oben nur stören würde, wenn in der Erwachsenenwelt das Stück von der Tüchtigkeit und Stärke gespielt wird, hat aufgehört
zu schreien, verstummt im Untergrund.



Die innere Bühne mit Vordergrund, Hintergrund und Untergrund (Zeichnung Verena Hars S.262)

Hindernisse der Integration von verbannten Inneren Mitgliedern - Innerer Teamentwicklung - Innerer Mannschaftsaufstellung
Die ehemaligen Außenseiter sind bei ihren ersten "Auftritten" häufig

- unwillkommen bei der Mitwelt - Außenwelt - Ehepartner, Arbeitskollegen, Chef und Freunde
Die Umwelt wehrt sich oft dagegen, den Persönlichkeitsfortschritt eines Partners anzuerkennen und zu würdigen.
Oft ist das Gegenteil der Fall. Das Umfeld ist irritiert und nimmt wahr, dass der Partner nicht mehr so
pflegeleicht und umgänglich ist wie früher. "Was ist denn plötzlich mit dir los!?"

- ungeschickt und grob im Auftreten
Solange der lange "verbannte Teil" ins Team nicht vollständig integriert und mit Gelassenheit und Diplomatie vertraut ist,
kann es passieren, dass es in bestimmten Situationen zu einer Überreaktion kommt. Wer jahrelang im Gefängnis war,
ist einer plötzlichen Freiheit nicht gleich gewachsen." Tut mir leid, wenn ich überreagiert und dich verletzt habe. Ich habe
so lange Zeit die Großzügige gespielt, dass die andere Seite jetzt erst mal doppelt und dreifach stark hervorkommt!"


- angefeindet von den inneren Teammitgliedern
Das dritte Hindernis besteht darin, dass ein "neues Teammitglied" in der eigenen Vorder-Mannschaft
nicht mit offenen Armen empfangen wird. Zu groß sind noch die Vorbehalte. Die wichtigsten Menschen
unserer Biographie [Vater, Mutter, Geschwister, Verwandte, Lehrer usw.] leben in uns weiter als Mitglieder
unseres inneren Teams; nicht nur deren liebenswerten, sondern auch verhassten Seiten.
Du bist so klein kariert und spießig!, wie dein Bruder". Nimm dieses Erbe nicht als einen Fremdkörper
in dir auf, sondern verbinde es mit deiner eigenen Substanz, veredle es auf diese Weise,
und mache es dir so zu eigen.

"Wie der Dichter aus einer Handvoll Figuren ein Drama schafft,
so bauen wir aus den Figuren unseres zerlegten Ichs
- Inneren Teams - immerzu neue Gruppen,
mit neuen Spielen und Spannungen,
mit ewig neuen Situationen."
(S.270)

Hermann Hesse
(1877-1962)
"Steppenwolf"1927

Wir dürfen annehmen, dass Menschen, denen diese Schwerarbeit der Integration innerer Außenseiter/Verbannter gelungen ist,
weniger anfällig dafür sind, andere Menschen zu verachten, zu verhöhnen, auszugrenzen, als Außenseiter zu verfolgen,
sobald sie verpönte Eigenschaften aufweisen. Die Integration innerer Außenseiter, die der 2.Stufe der Verbannung
("So sollte ich nicht sein!) anheim gefallen sind, gestaltet sich weitaus schwieriger als auf der 1.Stufe.
Mit erheblichen Gegenkräften (Widerständen) auf beiden Bühnen [innen und außen] ist zu rechnen.
Dennoch ist diese seelische Schwerarbeit lohnend um der inneren Harmonie willen, die auch auf äußere Hassprojektionen
verzichten kann. Die wohlverstandene Entwicklung der Persönlichkeit peilt nicht ein "schönes Ideal" an, das um alle ideologisch
verpönten Eigenarten bereinigt wäre (Verbannung von Außenseitern und Optimierung der Vorzeigehälfte), sondern darauf,
gerade diese in den inneren Konferenzen mit Sitz und Stimme vertreten sein zu lassen und sie als Ko-Akteure einzubeziehen.
"Dass ich mehr und mehr versuche, der zu werden, der ich in Wahrheit bin" (Carl Rogers 1902-1987), dieses unideale Ideal
enthält einen Willkommensgruß an alle Gestalten, die sich am hinteren Bühnenrand herumdrücken - auch zum Beispiel
an den Spießer in uns, der im inneren Teamzusammenhang die Fratze des hässlichen Spießbürgers verliert
und zu vollständigerer Beachtung eigener Grundbedürfnisse verhelfen kann.


Bleiben die Verbannten, die abgespaltenen Antipoden, un-erhört, fangen sie an, sich unerhört zu benehmen:
Sie verbünden sich und gründen eine Untergrundbewegung, die zu manchen Sabotageakten fähig ist. Sie gehen uns vielleicht an die Nieren
oder sitzen uns im Nacken oder liegen uns auf dem Magen. Vielleicht vermasseln sie uns den Erfolg, lassen uns Fehler machen,
hindern uns daran, in allen Lebenslagen "optimal zu funktionieren". - Das kann man nun so oder so sehen: als üblen Racheakt
oder als weisen Liebesdienst, um uns ein so genannt erfolgreiches Leben ohne Tiefe, ohne Liebe und ohne Sinn zu ersparen.
Auf jeden Fall muss mit dieser Untergrundbewegung gerechnet werden. In seltenen, spektakulären Fällen bricht mal einer aus und läuft Amok,
so wenn jemand, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann, plötzlich wie wild mit einem Messer um sich sticht und hinterher fassungslos
die Urheberschaft seiner Tat leugnet: "Das war ich nicht, irgendein fremder Dämon ist über mich gekommen und hat von mir Besitz ergriffen!"
Neben dieser Dämonisierung und der zuvor erwähnten Psychosomatisierung kann auch mit einer Devitalisierung gerechnet werden:
Die abgespaltenen Antipoden/Mitglieder vereinigen sich zu einer Untergrundbewegung namens "Depression" oder "burnout"
(berufliche "ausbrennen"). Das ständige Niederhalten ihrer Energie und Gefühlsintensität muss mit Fühllosigkeit
und seelischer Erschöpfung bezahlt werden ...


Am Anfang dieser Entwicklung identifiziert sich unser Ich/Oberhaupt ausschließlich mit den Hauptdarstellern - und fühlt sich auch so.
In dem Maß aber, wie die Untergrundbewegung an Boden gewinnt, bindet ihre Niederhaltung mehr und mehr Energie, mit der Folge,
dass Vitalität und innere Lebendigkeit verloren gehen. Auch die zwischenmenschliche Kontakte verlieren an Tiefe, weil sich ja nur
die "halbe Portion", die Vorderseitenhälfte der Persönlichkeit, in die Beziehungen einbringt. So entsteht ein Teufelskreis,
weil tragenden Beziehungen normalerweise die Heilkraft innewohnt, verbannte Mitglieder zu befreien.
In der Endphase dieser unheilvollen Entwicklung haben die Untergründigen eine "innere Machtergreifung" in der Weise vollzogen,
dass sie den gesamten Innenraum, das gesamte Lebensgefühl, mit ihrer ungelebten Energie, mit ihrer Depression ausfüllen,
so dass die einstmals strahlenden Hauptdarsteller nun ihrerseits verdrängt werden und allenfalls noch eine Zeitlang als unechte,
gespielte Fassade ein Scheinleben fristen. Wer in dieser Phase eine Psychotherapie aufsucht, sagt von sich: "Ich spiele tagsüber
den gutgelaunten, dynamischen Alleskönner, aber innendrin fühlt sich alles trostlos, sinnlos und kraftlos an"!
Eine enorme seelische Muskelkraft ist nötig, um die Fassade noch aufrechtzuerhalten; der Griff zu Medikamenten, Drogen und Alkohol
kann den Zusammenbruch allenfalls verzögern. Bei Menschen mit sehr starker Kondition kann sich dieser Zustand aber auch verewigen.

Eine solche Lebenskrise enthält die große Chance, die Untergrundbewegung als eine Befreiungsbewegung umzudeuten und zu gestalten.
Hierfür ist psychotherapeutische Hilfe möglich und nötig, hier endet die Zuständigkeit der Kommunikationspsychologie.

Wir können dem ständigen Wechsel situativer Erfordernisse nur durch ein flexibles Rollenrepertoire
gerecht werden, und stimmige Kommunikation erfordert diese Bandbreite.
[...] Die Menschen unterscheiden
sich beträchtlich beim Tempo ihrer inneren Team-/Rollen-/Umstellungsfähigkeit.
[...] Der Umbau der Bühne
und ihrer Neubesetzung kosten Zeit und Anstrengung ... Langsame Umsteller haben es besonders schwer,
wenn sie von schnellen Umstellern umgeben sind oder wenn etwas Unvorhergesehenes dazwischenkommt.



Das Ideal einer guten = stimmigen Kommunikation in der doppelten Übereinstimmung mit sich selbst
und dem systemisch geprägten Gehalt der Situation
(Zeichnung Verena Hars Seite 18)

Stimmigkeit heißt: in Übereinstimmung mit der Wahrheit der Gesamtsituation,
zu der neben meiner inneren Verfassung und meiner Zielsetzung auch der Charakter der Beziehung
(Rollen-Beziehung), die innere Verfassung des Empfängers und die Forderungen der Lage gehören.

Das Ideal der Stimmigkeit fordert die doppelte Entsprechung mit mir selbst und mit dem Gehalt der Situation
(in ihrem systemischen Kontext). Nun ist es an der Zeit, beide Gesichtspunkte im Zusammenhang zu betrachten.

Ich möchte dazu ein 4-Felder-Schema vorschlagen, das (idealtypisch) die 4 Möglichkeiten vorsieht:

1.) In Übereinstimmung mit mir und dem situativen Gehalt = „stimmig

2.) In Übereinstimmung mit mir (authentisch), aber nicht situationsadäquat = „daneben

3.) Weder mit mir selbst noch mit dem Situationsgehalt übereinstimmend = „verquer“ ("seltsam, sonderlich")

4.) Nicht in Übereinstimmung mit mir selbst (nicht authentisch), aber passend zur Situation = „angepasst

4-Felder-Schema zum Konzept der Stimmigkeit,
mit personaler
und situativer Komponente (S.533)


Person
und Situation sind nicht unabhängig voneinander zu denken: In der Situation steckte ich selbst mit drin,
indem ich sie nach meiner Wahrnehmung und Zielsetzung definiere. Und die Situation steckt in mir selbst drin,
indem sie ihre "Gebote" als innere Stimme wirksam werden lässt.

Die Besonderheit/der Gehalt/die Wahrheit der Situation - Situationsmodell mit 4-Komponenten
(Zeichnung Verena Hars S.327)



Vorgeschichte - Das vielfältige Geflecht der Anlässe –> Warum sind wir hier?
- "Ich bin deshalb hier, weil ..."

Thematische Struktur – > Worum geht es? auch Was hier und heute nicht Thema sein soll??

Zwischenmenschliche Struktur –> Wer und Wie begegnet man sich in welcher Situationsbezogenen Rolle?
- verschiedene "Hüte" der Anwesenden"

Das Geflecht der Ziele - Die Ziele des Treffens – > Was kommt dabei heraus?
- Entscheidung, Vereinbarung, Konzept, gemeinsamer Informationsstand, bestimmte Handlungsbereitschaft

Der Gehalt einer Situation - die "Wahrheit der Situation" n. Karin van der Laan, ergibt sich aus diesen 4-Komponenten
und meine damit die Summe all jener Umstände, welche in der Situation enthalten sind, ihren Schwerpunkt definieren
und die psychische Realität der Anwesenden beeinflussen.

Leitfragen zur "Wahrheit der Situation": Wie kommt es (Vorgeschichte!) und welchen Sinn macht es (Zielsetzung!),
dass ausgerechnet ich (in welcher Rolle?) ausgerechnet mit Ihnen (in welcher Zusammensetzung?)
ausgerechnet dieses Thema (wie hat es sich ergeben?) bearbeiten möchte?

Situationsgerechte Kommunikation setzt voraus, dass es mir gelingt,
eine dem Gehalt der Situation entsprechende [innere] Mannschaft
aufzustellen und sie zu einem guten Zusammenspiel zu bringen.

Es scheint leichter, das Situationsgemäße dadurch näher einzukreisen,
dass wir Typen von Verfehlungen bestimmen.

1. Jemand (in mir) fehlt, der in dieser Situation (und meiner Rolle darin) angebracht wäre - Innere Vakanz

2. Jemand (in mir) kommt dazwischen, der in dieser Situation (und meiner Rolle darin) unangebracht ist - Innere Fehlbesetzung

Die situationsadäquate Auf- und Einstellung eines fehlenden Teammitglieds
ist eine wesentlich Maßnahme zur inneren Teamentwicklung.

Der Wegweiser, der in Richtung "mehr Offenheit und weniger Fassaden" weist,
unterliegt leicht der Gefahr, missverstanden zu werden im Sinne einer Devise:
"Lass alles heraus, was in dir ist - was der andere damit macht, ist sein Problem!"

Um diesem Missverständnis vorzubeugen, hat Ruth Cohn den Begriff
der "selektiven = auswählende Authentizität" geprägt.
(Aus: „Miteinander reden: 1" Seite 136)

Selektive = auswählende Authentizität


"Zur Authentizität gehört - erst einmal -zweierlei:
Das eine ist, mir möglichst klar zu werden über meine eigenen Gefühle, Motivationen und Gedanken,
mir also sozusagen nichts vorzumachen. Das andere ist, das, was ich sagen will, ganz klar auszusprechen.
Zur Klarheit gehört, dass ich es so sage, dass es beim anderen ankommen kann. Der andere hat ja ein "Empfangsgerät",
das möglicherweise nicht auf mich eingestellt ist, auf das, was ich "sende" und wie ich es "sende". Ich muss also versuchen,
mir vorzustellen, wie das, was in mir vorgeht, vom anderen gehört wird. Ich habe einmal formuliert:
Nicht alles, was echt ist, will ich sagen,
doch was ich sage, soll echt sein..."

Ruth Cohn
(1912-2010)


Jede echte Freundschaft lebt von der authentischen Interaktion der Partner!

Aus: Friedemann Schulz von Thun: „Miteinander reden: 3. Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation. Kommunikation, Person, Situation“ (1998)
Seite 28, 34, 39, 41, 45f, 52f, 79, 105, 108, 128f, 209, 238, 244f, 246f, 249f, 257f, 260f, 263f, 265f, 273, 275, 329, 33, 352f, 366. ROWOHLT Sonderausgabe 2011




Das Kommunikationsquadrat:
Nachrichtenquadrat des Senders/Der
"Sender mit vier Schnäbeln" + "Der Vierohrige Empfänger"

Das Zusammenspiel der "Vier Seiten/Aspekte einer Nachricht" (Quadratur/Akkord/Vierklang)

- Selbstkundgabe Seite: Was ich von mir selbst kundgebe.
Identität: Wer bin ich, wofür stehe ich? Befindlichkeit: Wie ist mir ums Herz?
- Sachinhaltseite: Worüber ich informiere,
- Beziehungsseite: Was ich von Dir halte und wie wir zueinander stehen,
- Appellseite: Wozu ich dich veranlassen möchte (ausdrucks- u./o. wirkungsorientiert)

und den vier Ohren des Empfängers
- Selbstkundgabe Ohr: Was ist das für einer? Was ist mit dem?
- Sachinhalt Ohr: Wie ist der mitgeteilte Sachverhalt zu verstehen?
- Beziehungsseite Ohr: Wie redet der eigentlich mit mir? Wem glaubt er vor sich zu haben?
- Appellseite Ohr: Was soll ich tun, denken, fühlen auf Grund seiner Mitteilung?)

Wer aber ist der Adressat?
Der Urheber der inneren Botschaft kann sich an drei Adressaten wenden:
entweder an den inneren Teamchef/Oberhaupt/Chairman/Wachsames Selbst
oder an einen inneren Teamkollegen (meist Gegenspieler/Antipode)
oder an ein äußeres Gegenüber.

Jeder Kommunikator steht vor der folgenschweren Tatsache, dass seine Botschaft nicht auf einen Hohlkörper trifft,
in den man sie einfach hineinschütten könnte, sondern auf einen Menschen, der auf seiner inneren Bühne ein ganz
bestimmtes Empfangskomitee [Situations-/Personen-/Themen- und auf sich Selbst bezogene Grundaufstellung
der inneren Mannschaft] aufgestellt hat. Ob und wie meine Botschaft ankommt, hängt manchmal viel weniger davon ab,
wie ich die Worte wähle, als davon, "wer" sie [im inneren Team] in Empfang nimmt und welche(s) der vier Ohren "er" aktiviert.

Wer also jemanden für etwas gewinnen will, ist gut beraten, auch diejenigen im [inneren] Team des Gegenübers anzusprechen,
die das "Nein" in sich tragen; und zwar nicht, indem er ihnen etwas auszureden versucht, sondern - paradoxerweise -
indem er ihre Daseinsberechtigung bestätigt und um ihre Mitarbeit bittet.

Neben der personalen Bandbreite und der flexiblen Umstellungsfähigkeit [des inneren Teams] ist eine dritte Qualifikation gefordert,
um eine adäquate innere Aufstellung zu ermöglichen: ein Wissen bzw. ein Gespür, welche Teilmannschaft in welcher Situation
gebraucht wird, um alle beisammen zu haben - mit anderen Worten: ein situationslogisches Verständnis.
(Aus:
„Miteinander reden: 3. S.292, 295, 322)

Erst wenn wir "alle - inneren Mitglieder - beisammen haben"
und gleichzeitig der systemisch geprägte Gehalt der Situation
mit in die "innere Team-/Mannschaftsbesprechung" miteinbezogen wird,
ist eine stimmige Kommunikation möglich.



Liste der Persönlichkeitsteile - Innere Mannschaft - Inneres Team
Diese Liste soll Ihre Phantasie unterstützen und ist nur ein Anhaltspunkt für die Vielfältigkeit des inneren Reichtums.
Selbstverständlich kann es sein, dass Sie durch Ihre individuellen Erlebnisse weitere Bezeichnungen finden. Dabei
ist es von äußerster Wichtigkeit, dass die "Gute Absicht"-Namen wirklich positiv und sympathisch werden.
Vorstellungsmöglichkeiten: weiblich/männlich/neutral, jung/alt, reales Modell/
Phantasiefigur/ein "Prinzip" (das Meer, die Sonne usw.).

BEZEICHNUNG GUTE ABSICHT, POSITIVE FUNKTION
Freiheitsteil steht für die Unabhängigkeit und die Autonomie der Persönlichkeit.
Sicherheitsteil organisiert meist über Leistung und Arbeit die existentielle Absicherung der Person.
Geborgenheitsteil sorgt für Erlebnisse von Wärme und Nähe, meist im Zusammenhang mit anderen Menschen.
Kontaktteil trägt unserer Existenz als soziales Wesen Rechnung, wobei Geborgenheit nicht unbedingt eine Rolle spielen muss.
Lebensfreudeteil bewertet unsere Aktivität und unser Befinden hinsichtlich einer positiven Lebensqualität wie Spaß o. Befriedigung der
Neugierde.
Überlebensteil achtet auf die primäre körperliche Unversehrtheit, wobei die Lebensqualität keine Rolle spielt.
Beschützerteil bewahrt vor Gefahren und Verletzungen auch auf der zwischenmenschlichen und persönlichen Ebene.
Lebenssinnteil hat zum Ziel, im Leben etwas Sinnvolles zu tun, "eine Spur auf dieser Welt zu hinterlassen", wozu es sich zu leben gelohnt
hat.
Zufriedenheitsteil möchte das "Sattwerden" unserer Sinne, das Gefühl, genug bekommen zu haben. Er möchte, dass unser "Lebenshunger"
gestillt wird.
Harmonieteil strebt nach einem ganzheitlichen Erleben der äußeren und inneren Welt, steht für Frieden.
Energiehaushaltsteil teilt unsere geistigen und körperlichen Kräfte mit einer langfristigen Zielsetzung ein. Reguliert oft durch Müdigkeit,
Konzentrationsmangel oder gar Krankheiten.
Würdeteil steht für Eigenschaften wie Stolz und Ehre der eigenen Person.
Konservativer Teil schützt vor vorschnellen Veränderungen, der Bewahrer.
Progressiver Teil ist stets auf der Suche nach Innovation, Entfaltung, Bereicherung, neuen Möglichkeiten. Er ist der Sucher.
Kritischer Teil liefert uns Beurteilungen zu neuen Eindrücken und Erlebnissen, die gleichermaßen negativ und positiv sein können.
Solidaritätsteil stärkt und unterstützt Erlebnisse von Zugehörigkeit wie Wir-Gefühl, Familienzusammengehörigkeit, Nationalität,
Corporate Identity.
Narzissmusteil möchte, dass wir uns selbst schön und attraktiv finden. "... Ein Narzißt ist ein Mensch, dem von Kind an beigebracht wurde, daß seine Wechselwirkungen mit der Außenwelt wichtiger sind als seine internen. Der äußere Erfolg, sein Image, zählt für ihn mehr als das Seelenleben, er betrachtet wie Narziß nur sein äußeres Spiegelbild ... Ein narzißtischer Mensch wäre damit eine Person, die heftig mit ihrer Umwelt wechselwirkt und dabei ihr Innenleben vernachlässigt. Nur Teilbereiche der Person übernehmen die externen Wechselwirkungen, andere Bereiche in ihr sind von Wechselwirkungen abgeschnitten und verkümmern ... Der Narzißt bewundert sein Äußeres, also z.B. sein Aussehen, seinen Erfolg, sein Geld o.ä. weil sie ihm mehr Befriedigung bringen als sein Innenleben. Wenn es aber dazu führt, daß sein Inneres sich immer mehr entfremdet, abspaltet, wird seine Intuition ["Eingebung", "Ahnung"] so weit verlorengehen, daß auch sein Erfolg schwindet ... Narzißmus kann also zwei Ursachen haben: Entweder sind die äußeren Kräfte zu stark oder die inneren zu schwach ... Man ist narzißtisch, wenn man Äußerlichkeiten liebt und das Innenleben vernachlässigt. Die Psychologen wissen schon seit langem, daß Narzißmus nicht nur mit Eigenliebe zu tun hat, sondern eher ein Eigenhaß ist. Der Narzß liebt sein Äußeres, deshalb betrachtet er sein Spiegelbild. Wenn er jedoch in sein Innenleben schaut, was er tunlichst vermeidet, kommt ihm das Grausen ..." [Aus (1)]
Selbstwertteil meint, dass wir bedeutsam sind - allein schon durch die Tatsache, dass wir auf dieser Welt sind.
Mitmenschlicher Teil befähigt uns, uns in andere Menschen und Wesen hineinzudenken und dadurch ein Gerechtigkeitsempfinden zu entwickeln.
Motivationsteil will in uns Kräfte zum erreichen von Zielen wecken und aufrechterhalten.
Anerkennungsteil ist der Meinung, unsere Anstrengungen verdienen ein Lob. Da Lob in unserer Gesellschaft einen schlechten Ruf hat
("Eigenlob stinkt"),muss dieser Teil oft indirekt durch Essen, Trinken oder Geld ausgeben sein Ziel erreichen.
Spiritueller Teil beschäftigt sich individuell mit Fragen der geistigen Welt, die unser Dasein beeinflusst. Wird oft in Religion, Esoterik und
Philosophie ausgelebt.
Kreativer Teil Diesem Teil kommt gerade bei der Persönlichkeitsentfaltung sowie bei Veränderungsprozessen eine zentrale Rolle zu. Ersteht für den Reichtum von allen Erlebnissen, Erfahrungen und Verhaltensmustern, Lernprogrammen, Erziehung und Wertvorstellungen, denen wir im Laufe unseres Lebens begegnet sind. Er kennt somit all unsere brachliegenden Kraftquellen und Möglichkeiten. Ist er im Einsatz, scheint der Ideenreich-Reichtum kein Ende zu haben, Leistungen ergeben sich spielerisch wie von selbst. Daher können wir es oft kaum verstehen, wenn andere die Produkte unserer Kreativität ehrfürchtig bewundern, denn uns selbst ist die Leistung ja so leicht gefallen.


Aus: Cora Besser Siegmund, Harry Siegmund: „Denk Dich nach vorn. Das NLP- Persönlichkeits- Programm“ Schritt 2: Die Kraft des Unbewussten nutzen. Liste der Persönlichkeitsteile S. 148-151. ECON 1997
(1) Gerd Karl Binnig (b.1947, 1986 Nobelpreis f. Physik): „Aus dem Nichts - Über die Kreativität von Natur und Mensch“ Zweiter Teil: Ein Jahr danach - Arbeiten mit der Idee. Narzißmus und Immunität.
Narzißmus im fraktalen ["selbstähnlichen"] Bild erklärt S. 214-216, 219, 213. Abwehrmechanismen - Distanz S.223 PIPER 1989




Die Ureichung des Menschen

"Der Mensch braucht BEACHTUNG, ZUWENDUNG, AUFMERKSAMKEIT,
LIEBE, ANERKENNUNG, WERTSCHÄTZUNG und LOB.

Er hat von seinem Urprogramm her
Sehnsucht nach einer bestimmten Form der Beziehung
und ist erst dann zufrieden, wenn diese auch gelebt werden kann.

Hier sind wir auch schon im Bereich des Ethischen, das ebenfalls in der Ureichung enthalten ist.
Das schlechte Gewissen bildet sich so rasch aus, dass offensichtlich eine Grundausstattung dafür gegeben sein muss.
Nicht nur ethische, sondern auch religiöse Vorstellungen dürften in diesem Urprogramm enthalten sein.

Im Menschen besteht demnach eine klare, wenn auch weitgehend unbewusste Vorstellung,
wie die Begegnung und die Beziehung zu anderen Menschen aussehen sollen.
Dies bezieht sich jedoch nicht nur auf Zweierbeziehungen, sondern erstreckt sich durchaus auf Familien,
größere Gemeinschaften, auf Staaten, schließlich auf jene Spuren, die Sie auf der ganzen Welt hinterlassen.

Werden diese Urbedürfnisse erfüllt und befriedigt, entsteht innere Harmonie bis hin zu Glücksgefühlen.
Da die Welt nicht heil ist, spüren wir die Differenz zwischen dem Sollprogramm und dem tatsächlich Erlebten.

Wir können nur deshalb gekränkt werden, weil der Kränkende sich nicht an das positive Urprogramm hält.
Wir sind deshalb verletzlich und traumatisiert, da wir ein klares, unbewusstes Programm haben,
nach dem wir alle Erlebnisse bewerten. Es gibt stimmige, harmonische Interaktionen, aber auch
Disharmonie bis hin zur Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Verletzung und Traumatisierung.

Das Positive an dem Urprogramm ist, dass wir die Sehnsucht nach einer guten Welt positiv nützen können.
Wir dürfen uns nicht nur von der äußeren Bühne abhängig machen, sondern lernen, die innere Bühne zum Blühen und Gedeihen
zu bringen. Sie werden jetzt vielleicht einwenden, dass das alles ja nur Vorstellungen sind, Einbildungen, dass man sich da nur
etwas vorgaukelt. Ich möchte Ihnen klarmachen, dass der Mensch in seinem Innersten eine so große Sehnsucht nach der
heilen Welt
hat, dass jeder Mensch, mehr oder weniger, von positiven Fantasien lebt. Wenn man die Sehnsüchte mit dem
durchschnittlichen Realleben vergleicht, so klafft auch hier eine enorme Differenz. Die Lücke stopfen wir zu einem guten Teil
durch positive Fantasien, die wir uns von außen durch Filme, Bücher und Musik verstärken lassen. Der Mensch hat ein
Glücksgen in sich. Er ist von Natur aus genussfähig, kann Freude und Glück empfinden.

Der Mensch verspürt von Geburt an den Wunsch nach Liebe, Zuwendung, Geborgenheit - nach Glück.
Versetzen wir uns einmal in einen Säugling. Da er sich naturgemäß nicht selbst versorgen kann, ist er auf
Hilfe von außen angewiesen, meist von den Eltern, es können jedoch auch andere Bezugspersonen sein.
Schon diese kleine Säugling "weiß" genau, was er braucht, um zufrieden zu sein. Er weiß es natürlich nicht im
Sinne einer gelungenen Reflexion, aber er signalisiert seine Wünsche. Kinder geben klare "Anweisungen",
was jene Menschen, die dann zu den geliebten Menschen werden, tun sollen. Sie belohnen diese Menschen
mit einem glücklichen Lächeln oder Glucksen, mit einem Jauchzen und mit Freude und signalisieren genauso
klar, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es sich wünschen. Um einem Missverständnis vorzubeugen: Ich meine
nicht, dass Kinder endlos verwöhnt werden sollen. Ich weiß, dass Kinder, auch bereits Säuglinge, Grenzen
brauchen. Es geht um eine klare, liebevolle Auseinandersetzung und um ein authentisches Abstimmen
der Bedürfnisse sowohl der Eltern als auch des Kindes.

Kinder, ja bereits Säuglinge haben also eine klare Vorstellung, wie eine gute Mutter,
ein guter Vater, gute Bezugspersonen sein sollen, damit sie glücklich sein können.

Und der erwachsene Mensch weiß es auch, wenn er keine guten Eltern gehabt hat und in schwierigen familiären Verhältnissen
aufgewachsen ist. Er vergleicht nämlich seine Mutter und seinen Vater mit den Ureltern, mit diesen archetypischen Bildern,
die er in sich hat. Diese Bilder trägt er durch sein Leben, selbst wenn er sehr viel Schmerz und Leid erfährt. Das heißt,
ein Mensch, der so viele unangenehme Erlebnisse in seiner Kindheit hatte, ist nicht unbedingt dazu verurteilt,
dass er diese dann weitergeben muss.
Das Ehepaar Mechthild und Hanns Papousek hat dieses psychische Programm, dass jeder Mensch in sich trägt,
Intuitive Parenting genannt, also die unwillkürliche Fähigkeit, als gute Eltern zu handeln.

Ich habe im Laufe meiner beruflichen Erfahrung viele Menschen erlebt, die, obwohl ihre Eltern sehr krank, oft grausam,
unerbittlich und ungerecht waren, sich davon distanzieren konnten und zu dem Entschluss gekommen sind:
So wie mein Vater zu mir war, möchte ich nie zu meinen Kindern sein.
Oft ist es jedoch leichter, zu seinen Kindern ein liebevoller Vater oder eine liebevolle Mutter zu sein, als zu lernen,
für sich selbst ebenfalls ein liebevoller Vater und eine liebevolle Mutter zu werden.

Die Wahrnehmung dieser Urbotschaften der Rollen, die wir durch die Natur eingesetzt bekommen haben, sowie
das Trainieren dieser versorgenden Rollen ermöglichen die Eröffnung einer neuen Dimension. Wir können
mit der Zeit erkennen, wie unabhängig wir im Grunde sind. Diese Botschaften tragen wir immer in uns.

Wir müssen zu einem positiven Dialog mit diesen archaischen positiven Rollen finden, der dann so viel Kraft gibt,
dass wir den Stürmen der äußeren Einflüsse standhalten können. Gleichzeitig leuchtet die Botschaft auf:
Wir dürfen glücklich sein, wir dürfen eine glückliche Seele haben."...

Aus: Manfred Stelzig (b.1952, österreichischer Neuropsychiater, Psychotherapeut):
„Krank ohne Befund – Eine Anklageschrift“
Vierter Teil. Therapeutische Möglichkeiten. Die Ureichung des Menschen. Seite194-197. ECOWIN 2013 [Ergänzungen]




Ach, zwei .. sieben ... zwölf ... Seelen in meiner Brust

"Die üblichen Alltagstheorien gehen davon aus, dass die menschliche Seele eine homogene unteilbare Einheit ist.
Dies ist trügerische Illusion, denn wir bestehen nicht aus einem Ich, sondern aus vielen Ichs. Die Multidimensionalität
von Ich-Konzepten wird sowohl von hirnphysiologischen wie auch von psychologischen Persönlichkeitsforschungen bestätigt.
Auch wenn wir uns selbst zum Forschungsobjekt machen, dann erkennen wir, dass da
eine kleine Horde von Teil-Persönlichkeiten in unserer Seele haust.
Ein Multimind [Multiple Module] -Zustand , der normal und gesund ist.

Betrachten Sie die Teilpersönlichkeiten von Frau F.:
Frau F., zum Beispiel, arbeitet halbtags in ihrer eigenen kleinen Firma, korrekt gekleidet, sehr sachlich, freundlich-distanziert und
hart im Verhandeln ("Geschäftsfrau"); nachmittags - in Jeans - ist sie bei ihren Kindern, beide Gymnasialschüler; hier ist Frau F.
sehr warmherzig, einfühlsam ("die Liebevolle"). Später - die Kinder sind beim Nachbarn - kommt ihr geschiedener Mann zu Besuch,
wieder werden die alten Vorhaltungen laut - sie wirft zuerst eine Tasse an die Wand, dann den Ex-Ehemann aus der Wohnung
("die Furiose"). Danach ertappt sie sich bei Überlegungen, welches Unheil sie ihrem Ex-Mann nun herbeiwünschen könnte ("die Rächerin").
Am Sonntag besucht sie ihre Eltern und lässt sich betüteln und bemuttern ("die kleine Tochter"). Spät abends geht sie mit ihrem neuen Freund
ins Kino, danach im Auto verführt sie ihn und holt sich einen Orgasmus ("die Sexwilde"). Am andern Abend sitzt sie noch spät vor einer
brennenden Kerze, zuerst gedankenverloren, dann gedankenleer ("die Stille, die Nachdenkliche").


Eine bestimmte Teilpersönlichkeit kann sehr unabhängig von den anderen Teilpersönlichkeiten handeln, reden, sich gebärden,
besondere Meinungen und Gefühle äußern. In unserem Beispiel agiert Frau F. im Betrieb zwar als kühl-berechnende Geschäftsfrau,
während der Arbeit aber ruhen die anderen Teilpersönlichkeiten nicht unbedingt passiv, sie treten nur in den Hintergrund und können
jederzeit stützend mitwirken. Manche Teilpersönlichkeiten treten als Koalitionen auf (bei Frau F. z.B. die Furiose und die Sexwilde),
andere Teilpersönlichkeiten sind im Konflikt miteinander (die kühle Geschäftsfrau und die liebevolle Mutter).

"Wir sind nicht geeint. Wir geben uns zwar oft dieser Illusion hin,
weil wir nicht aus mehreren Körpern und Gliedmaßen bestehen
und weil gewöhnlich nicht die eine Hand die andere schlägt.
Doch in unserem Inneren spielt sich metaphorisch genau das ab;
verschiedene Teilpersönlichkeiten raufen fortwährend miteinander:
Impulse, Wünsche, Prinzipien, Sehnsüchte, Ideale
liegen in nicht endendem Kampf miteinander."


Roberto Assagioli
(1888-1974)
Italienischer Psychiater
Pionier der transpersonalen Psychologie u. Psychotherapie
(Konzept der Psychosynthese)


Doch es muss nicht ständig - wie Assagioli meint - Kampf sein zwischen den Teilpersönlichkeiten.
Eher lässt sich die Schar der Teilpersönlichkeiten mit einem Orchester vergleichen, in dem viele Solisten spielen,
der Dirigent jedoch den Überblick behält. Werden wir uns unserer Teilpersönlichkeiten bewusst, so zerfallen wir nicht in
Einzelteile, sondern - im Gegenteil - wir finden mehr zur inneren Mitte und verbinden die aktiven und schlummernden
Teilpersönlichkeiten zur Einheit unseres Seins. Von der Mitte unseres Seins können wir dann - bewusst - in die eine oder
andere Teilpersönlichkeit schlüpfen
: Dies kann dann besonders hilfreich sein, wenn ich in bestimmten, herausfordernden
Situationen nicht zurechtkomme und versage. Versucht Frau F. (aus obigem Beispiel) innerhalb ihrer Firma in ihrer
Teilpersönlichkeit als "kleine Tochter" oder als "liebevolle Mama" aufzutreten, dann wachsen die Schwierigkeiten.

Nicht ein Mischmasch von Teilpersönlichkeiten, sondern die genau passende, adäquate Teilpersönlichkeit ist in
spezifischen Herausforderungen gefragt: "Wir müssen lernen, die kleinen Geister innerhalb unseres Geistes
wahrzunehmen, freundlich distanziert zu betrachten und ihren Einsatz angemessen zu steuern"
, so der
Multimind-Forscher Robert Evan Ornstein [b.1942, US Psychologe].

Den richtigen Wechsel von einer Teilpersönlichkeit zur anderen vollziehen die meisten instinktiv auf stimmige Weise.
Andere haben da Probleme: Wenn ein Angestellter seinem Personalchef "als kleine Junge" gegenübertritt, dann wird
er die gewünschte Gehaltserhöhung nicht erreichen. Und wenn derselbe Mann - wieder als kleiner Junge -
eine umworbene Frau für sich gewinnen will, dann wird er auch hier scheitern ...

Es gibt den seltenen Extremfall, in dem die Teilpersönlichkeiten völlig unabhängig voneinander denken, fühlen, agieren
und auch extrem unterschiedliche moralische Vorstellungen haben. Wenn die eine Teilpersönlichkeit nicht mehr weiß,
was die andere Teilpersönlichkeit macht, und wenn der Dirigent [der Innere Chef] dieses Orchesters [Teams] schläft,
dann entsteht das, was die Psychopathologie "multiple Persönlichkeit" nennt. Doch wird auch bestritten, dass es
diese "Krankheit" in dieser Ausformung überhaupt gibt.

Im gesunden Abgrenzen der einzelnen Teilpersönlichkeiten steckt enormes Potential, das uns Alltagsaufgaben
und extreme Hindernisse bewältigen hilft. Entscheidend ist, dass die Teilpersönlichkeiten nicht mich beherrschen,
sondern das Ich aus meiner inneren Mitte heraus "meine Teilpersönlichkeiten" beherrscht. Wie sehr man davon -
bewusst - Gebrauch macht, entscheidet jeder für sich."

Aus: Josef Zehentbauer: „Abenteuer Seele. Psychische Krisen als Chance“ S.160-163. ALBATROS 2012 (2000)

Siehe auch ZITATE:
Josef Zehentbauer / Der Seelenvogel >>>
Maria Montessori / Das Recht seine Persönlichkeit >>>



"
Gefühle von Einssein mit dem gesamten Universum. Visionen und Bilder von weit entfernten Orten und Zeiten.
Empfindungen von pulsierenden Energieströmen im Körper, die von Krämpfen und heftigen Zittern begleitet werden.
Visionen von Gottheiten, Halbgöttern und Dämonen. Leuchtende Blitze strahlenden Lichts und Regenbogen-Farben.
Angst davor, verrückt zu werden, sogar zu sterben.


In unserer modernen westlichen Gesellschaft würde jemand, der so extreme geistige und physische Phänomene erlebt,
leicht für psychotisch erklärt. Aber dennoch scheinen zunehmend mehr Menschen ungewohnte Erfahrungen zu machen,
die den oben beschriebenen ähneln. Und statt unwiderruflich verrückt zu werden, tauchen sie aus diesen ungewöhnlichen
Geisteszuständen
mit einem verstärkten Gefühl von Wohlbefinden auf und kommen besser mit den Anforderungen des Alltags
zurecht. In vielen Fällen werden im Rahmen dieses Prozesses langjährige emotionale, geistige und körperliche Probleme
wie durch ein Wunder geheilt.

Die Lebensgeschichten von Heiligen, Mystikern, Yogis und Schamanen weisen viele Parallelen zu solchen Vorkommnissen auf.
Und die spirituellen Traditionen und ihre Schriften bestätigen weltweit, dass diese ungewöhnlichen Zustände für alle,
die sie erfahren, eine heilende und transformative Kraft beinhalten.

Wieso werden dann Menschen, die in der heutigen Welt
solche Erfahrungen machen, unweigerlich
als geisteskrank bezeichnet?


Zwar gibt es viele individuelle Ausnahmen, aber in der Regel wird in der Psychiatrie und Psychologie
nicht zwischen
mystischen Erfahrungen und Geisteskrankheit unterschieden. In diesen Fachgebieten wird offiziell
geleugnet, dass die großen spirituellen Traditionen, die seit Jahrtausenden systematisch das menschliche Bewusstsein
erforschen, etwas zu bieten haben.

Die Konzepte und Praktiken, die sich in den mystischen Traditionen der Buddhisten, Hindus, Christen, Sufis und anderer finden,
werden daher ignoriert und ohne Unterschied verworfen. ... viele ungewohnte Geisteszustände, selbst solche, die dramatisch sind
und psychotische Ausmaße annehmen, nicht notwendigerweise Symptome für Krankheit im medizinischen Sinne sind.
Wir sehen sie als Krisen in der Evolution des Bewusstseins, als "spirituelle Krisen", die mit den Zuständen vergleichbar sind,
die in den verschiedenen mystischen Traditionen der Welt beschrieben werden ...

Die von der traditionellen westlichen Wissenschaft geschaffene Weltsicht,
die in unserer Kultur dominiert, ist in ihrer Extremform
mit jeder Vorstellung von Spiritualität unvereinbar.


In einem Universum, in dem nur das Greifbare, Materielle und Messbare wirklich ist, sieht man alle Arten von religiösen
und mystischen Aktivitäten als Ausflüsse von Unwissen, Aberglauben, Irrationalität oder emotionaler Unreife an.
Direkte Erfahrungen von spirituellen Wirklichkeiten werden dann als "psychotisch" interpretiert,
als Manifestationen von Geisteskrankheit.
[...]

Unsere persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen ... haben die Überzeugung in uns wachsen lassen,
dass es wichtig ist, diese Annahmen in Psychiatrie und unserer Sicht der Welt allgemein neu zu betrachten
und im Lichte sowohl historischer wie neuerer Vorkommnisse zu einer anderen Einschätzung zu gelangen.

Eine radikale Revision der Vorstellung über Mystik
und Psychose ist bereits lange überfällig.


Eine klare Unterscheidung zwischen diesen beiden Zuständen hat weitreichende praktische Konsequenzen für die Menschen,
die Erfahrungen mit ungewöhnlichen Bewusstseinszuständen gemacht haben, besonders für die mit spiritueller Ausrichtung.

Es ist wichtig spirituelle Brüche zu erkennen und in angemessener Weise mit ihnen umzugehen, da sie ein großes Potential
für persönliches Wachstum und Heilung in sich bergen, das normalerweise durch unsensible Wahrnehmung und routinemäßige
Medikation unterdrückt wird.

Die Gruppe von psychischen Störungen, die als Psychosen bezeichnet werden, stellt für die westliche Psychiatrie und
Psychologie eine große Herausforderung und ein ziemliches Rätsel dar. Diese Zustände sind durch eine tiefe Zerrüttung
der Fähigkeit charakterisiert, die Welt in normalen Begriffen wahrzunehmen, zu denken und emotional in einer Weise
zu reagieren, die kulturell und gesellschaftlich annehmbar ist, und sich angemessen zu verhalten und zu kommunizieren.

Bei einigen Störungen, die in die Kategorie der Psychosen fallen, hat die moderne Wissenschaft festgestellt, dass ihnen anatomische,
physiologische oder biochemische Veränderungen im Gehirn oder anderen Teilen des Organismus zugrunde liegen [exogene,
organische Psychose: z.B. durch Tumore, Infektionen, Verletzungen, Stoffwechselstörungen, Alkohol- o. Drogenmissbrauch] ...

Für viele andere psychotische Zustände hat man jedoch trotz gezielter Bemühungen vieler Generationen von Forschern
aus diversen Richtungen noch keine Erklärung gefunden. Wenn auch die Suche nach spezifisch medizinischen Ursachen
im Allgemeinen ergebnislos verlief, werden diese so genannten funktionellen [endogenen] Psychosen [Schizophrenie,
manisch-depressive Erkrankung] meist in die Kategorie der Geisteskrankheiten unbekannten Ursprungs eingeordnet.
[...]

In Anbetracht der Tatsache, dass es keine klare Übereinstimmung darüber gibt, was die Ursachen von funktionellen [endogenen]
Psychosen sind, wäre es passender und ehrlicher, zuzugeben, dass wir nichts über ihr Wesen und ihren Ursprung wissen,
und den Begriff Krankheit nur bei Zuständen zu verwenden, für die wir eine spezifisch physikalische Grundlage ermitteln können.
[...]

Historisch gesehen ist es der Psychiatrie gelungen, sich fest als medizinische Disziplin zu etablieren. Sie hat organische Ursachen
für manche psychotischen Zustände und in einigen Fällen sogar wirksame Behandlungsweisen entdeckt. Zusätzlich ist es ihr gelungen,
mit Tranquilizern, Antidepressiva, Sedativa und Hypnotika die Symptome psychotischer Zustände mit unbekannten Ursachen erfolgreich
unter Kontrolle zu bekommen. Es könnte daher logisch erscheinen, diesen Weg weiterzugehen und auf die gleiche Weise Mittel
gegen die Störungen zu suchen, für die man bisher noch keine Ursachen und Behandlungsweisen gefunden hat.

Und es gibt weitere Tatsachen, die überzeugend für die medizinische oder psychiatrische Sichtweise sprechen. Die Psychiatrie führt
psychotische Zustände auf physische oder physiologische Bedingtheiten zurück, während die Tiefenpsychologien sich bemühen,
die Ursachen für geistige Störungen in den Ereignissen und Umständen des Lebens des Patienten aufzuspüren, meist in der Kindheit.

Somit begrenzt die traditionelle Psychologie die Quellen für alle Bewusstseinsinhalte auf beobachtbare Aspekte
in der persönlichen Geschichte des Klienten. Das ist das, was wir das "biographische Modell" der Psychose nennen.

Demnach liefern psychotische Verhaltensweisen und Geisteszustände, für die man in der persönlichen Biografie
keine Erklärung finden kann, scheinbar Beweise für das medizinische Modell.

In der Tat haben viele Psychosen wichtige Aspekte, die sich nicht mit
der psychologischen Methode aufklären lassen, die Ursprünge für alle geistigen Zustände
in der persönlichen Lebensgeschichte des Patienten zu suchen.


Dazu können gewisse extreme Gefühle und körperliche Empfindungen gehören, die nicht einfach aus dem Zusammenhang
der Kindheitsgeschichte oder späterer Ereignisse im Leben dieses Menschen zu erklären sind. Das schließt beispielsweise
Visionen und Erfahrungen davon ein, ins Universum abzustürzen, teuflische Torturen, die Auflösung der Persönlichkeit oder
sogar die Zerstörung der Welt. Abgrundtiefe Schuldgefühle, das Gefühl von ewiger Verdammnis oder unkontrollierbare und
blinde aggressive Impulse können in vielen Fällen nicht auf bestimmte Ereignisse oder Bedingungen im Leben des Patienten
zurückgeführt werden.

Es fällt dann leicht, anzunehmen, dass so fremde Elemente in der Psyche
auf organischen pathologischen Prozessen beruhen müssen,
die direkt oder indirekt auf das Gehirn einwirken.


Es gibt andere Arten von Erfahrungen, die der biographischen Sichtweise nicht nur wegen ihrer Intensität, sondern schlicht aufgrund
ihres besonderen Wesens Probleme bereiten. Erfahrungen von Gottheiten und Dämonen, mythischen Helden und Landschaften
oder Himmel und Hölle haben in der Welt, wie sie die westliche Wissenschaft sieht, keinen Platz.

Daher scheint es leicht, der medizinischen Sichtweise zu folgen,
die sie zu Produkten eines unbekannten physischen
Krankheitsverlaufes erklärt.


Viele Erfahrungen in veränderten Bewusstseinszuständen sind mystischer ["geheimnisvoller spiritueller"] Natur,
wodurch sie automatisch in die Kategorie des Pathologischen eingeordnet werden, da Spiritualität in dem
ausschließlich materiellen Universum der traditionellen Wissenschaft nicht als legitime Dimension gesehen wird.

Neuere Entwicklungen in der Psychologie haben jedoch begonnen Quellen für solche ungewöhnlichen Erfahrungen aufzuzeigen,
die sowohl außerhalb der medizinischen Pathologie wie der persönlichen Lebensgeschichte liegen.

Historisch war der erste Durchbruch in diese Richtung die Arbeit des Schweizer Psychiaters Cal Gustav Jung [1875-1961].
Er weitete das biographische Modell dadurch erheblich aus, dass er das Konzept des kollektiven Unbewussten einführte.
Sorgfältige Analysen seines eigenen Traumlebens, der Träume seiner Klienten und der Halluzinationen, Phantasien und Wahnbilder
von Psychotikern führten Jung zu der Entdeckung, dass die menschliche Psyche Zugang zu wahrhaft universellen Bildern
und Motiven hat
. Sie finden sich in der Mythologie, der Folklore und in Kulturformen, die überall auf diesem Globus verbreitet
und in der ganzen Geschichte der Menschheit vorhanden sind.

Diese Archetypen [Urbilder menschlicher Vorstellungsmuster], wie Jung sie nannte, tauchen mit erstaunlicher Regelmäßigkeit
selbst bei Menschen auf, in deren Lebensgeschichte und Ausbildung es keine direkten Zugänge zu ihren verschiedenen kulturellen
und historischen Manifestationen gibt. Diese Beobachtung verleitete ihn zu der Schlussfolgerung, dass es zusätzlich zu dem
individuellen Unbewussten noch eine kollektives Unbewusstes der gesamten Rasse gibt, das somit der ganzen Menschheit
gemein ist. Er betrachtete vergleichende Religionswissenschaft und Mythologie als wertvolle Informationsquellen für diese kollektiven
Aspekte des Unbewussten. Nach Jungs Modell kann man viele Erfahrungen, die als Ableitungen aus biographischen Ereignissen
keinen Sinn machen, als das Auftauchen von Inhalten aus dem kollektiven Unbewussten sehen ...

Viele Menschen begannen, die Art von Bildern und Symbolen kennen zulernen, die Jung dem kollektiven Unbewussten zuschreibt,
und Vorkommnisse klassisch mystischer Art zu erleben, was zu einer Welle von unterstützenden Beweisen für Jungs Gedanken
und einer vehementen Bestätigung der mystischen Traditionen des Ostens wie des Westens führte.

Während dieser Zeit wurde vielen Menschen, die sich mit praktischen Forschungen auf diesem Gebiet befassten, klar,
dass wir ein neues Modell der Psyche brauchten, zu dessen wichtigen Elementen nicht nur die biographische Dimension
von Sigmund Freud [1856-1939], sondern auch das kollektive Unbewusste von Jung sowie Spiritualität gehören müssten ...

"Die Unfähigkeit, die mystische Erfahrung als solche anzuerkennen,
ist mehr als eine intellektuelle Beschränkung.
Mangel an Bewusstsein der grundlegenden Einheit von Organismus
und Umwelt ist eine ernsthafte und gefährliche Halluzination.
Denn in einer Zivilisation, die mit immenser technologischer Macht
ausgestattet ist
, führt die Entfremdung zwischen Mensch und Natur
zur Anwendung von Technologie in einer feindseligen Geisteshaltung -
zur "Eroberung" der Natur anstelle einer intelligenten Kooperation
mit ihr."

Alan Wilson Watts
(1915-1973)
Aus: "Weisheit des ungesicherten Lebens"
O.W.Barth 1955
("The Wisdom of Insecurity" 1951)
Englischer Religionsphilosoph
Priester der Episcopal Church in the USA
Dozent und freier Schriftsteller
Er befasste sich vor allem mit der Philosophie des Zen,
des Buddhismus und des Daoismus.

"Das Verlangen nach Sicherheit ist das gleiche
wie das Gefühl der Unsicherheit!"




Das chinesische Piktogramm für Krise [WeiJi] ist eine perfekte Darstellung dessen,
was wir unter spirituellen Krisen verstehen. Es setzt sich aus zwei Grundzeichen
oder Radikalen zusammen, von denen eines Gefahr [Wei] und das andere
Chance [Jihui] bedeutet. Somit ist der Durchgang durch einen solchen Zustand
zwar oft schwierig und erschreckend, aber zugleich liegt darin häufig
ein enorm großes heilendes und evolutionäres Potential.



Crisis = Krise: Danger = Gefahr + Opportunity = Chance
Krise = Weiji: Gefahr = Wei +Chance = Jihui

Aus: www.teefax.de

"Jede Medaille hat zwei Seiten. Jede Vorderseite hat eine Rückseite. Wo Schatten ist, gibt es auch Licht.
So steckt in jeder schlimmen Situation eine Chance zur Überwindung des Negativen und damit zur Weiterentwicklung.
So ist es möglich, "den Spieß umzudrehen" und das Negative ins Positive zu verwandeln. Eine alte Weisheit sagt, dass
in jeder Situation eine positive Chance verborgen ist. Wenn wir diese erkennen, erfahren wir gleichzeitig den Sinn
der Schwierigkeit. Es gibt keinen "Zufall". Alles ist sinnvoll, alles kann positiv, gut und aufbauend sein.
Nur wenn man diese Chance nicht erkennt, erscheint alles sinnlos ...
Aber jeder Schicksalsschlag birgt die Möglichkeit in sich, etwas Gutes daraus zu machen. Aber wie? Dadurch, dass
man den Sinn dieser Schwierigkeit erkennt, denn dann kann man sie als Bestandteil des eigenen Schicksals akzeptieren.
Nicht hochspielen als tragisches Ereignis, sondern relativieren und tragen. Damit ist die Spitze gebrochen und die
Überwindung in Gang gesetzt. Wenn man die gute Chance auch noch erblickt, wird diese positiv genützt und vergeistigt.
Wer in der Schule nie gefragt wird, z.B. in Mathematik, wer nie seine Hausaufgaben vorzeigen muss, wird auch nicht heraus-
gefordert, etwas Positives zu tun, etwas zu lernen und in der Reifeprüfung bestimmt durchfallen. Ich betrachte alles, was uns
im Leben zukommt, als Teil eines Lernprozesses. Wir sammeln ständig neue kosmische Erfahrungen,
die wir zur Weiterentwicklung benötigen."
Aus: Stefan von Jankovich (1920-2002): "Ich war klinisch tot - Der Tod: Mein schönstes Erlebnis" V. Gedanken über den Sinn des Lebens.
Erkenntnis des Sinnes von Krankheiten, Leiden und Schwierigkeiten. Seite 104f. DREI EICHEN Verlag 6. erw. Auflage 1993 (1984)

Wenn man sie richtig versteht und als schwierige Phasen in einem natürlichen Entwicklungsprozess behandelt, können spirituelle Krisen
zur spontanen Heilung von verschiedenen emotionalen und psychosomatischen Störungen, zu positiven Persönlichkeitsveränderungen,
Lösungen für wichtige Probleme im Leben und einer Evolution in Rechtung dessen führen, was manche "höheres Bewusstsein" nennen.


Menschen, die in spirituelle Krisen geraten, brauchen sowohl wegen der möglichen Gefahr wie wegen des positiven Potentials
fachliche Führung von Leuten, die persönliche und berufliche Erfahrung mit ungewöhnlichen Bewusstseinszuständen haben
und mit ihnen umzugehen und sie zu unterstützen wissen.


In einer solchen evolutionären Krise können die Verwendung pathologischer Etiketten und der unvorsichtige Umgang
mit diversen unterdrückenden Maßnahmen, zu denen auch die Kontrolle der Symptome durch Medikation gehört,
das positive Potenzial des Prozesses beeinträchtigen.

Die daraus folgende langjährige Abhängigkeit von Tranquilizern mit den bekannten Nebenwirkungen
wie dem Verlust von Vitalität und ein angepasster Lebensstil bilden einen armseligen Kontrast
zu den seltenen Fällen, in denen man die Transformations-Krise eines Menschen
bis zu ihrer Vollendung unterstützt und akzeptiert hat ...




In manchen Fällen ist es möglich, die Situation zu bestimmen, die die spirituelle Krise ausgelöst zu haben scheint.
Das kann ein primär physischer Faktor sein, wie eine Krankheit, ein Unfall oder eine Operation. In anderen Fällen scheinen
extreme physische Erschöpfung oder langer Schlafmangel der direkte Auslöser zu sein. Bei Frauen kann es auch eine Geburt,
eine Fehlgeburt oder eine Abtreibung sein, und wir haben auch erlebt, dass der Beginn des Prozesses mit einer ungewöhnlich
starken sexuellen Erfahrung
zusammenfiel. Gelegentlich treten spirituelle Krisen auch in der Folge einer starken emotionalen
Erfahrung
auf. Das kann der Verlust einer wichtigen Beziehung sein, wie der Tod eines Kindes oder eines anderen nahen Verwandten,
das Ende einer Liebesgeschichte oder eine Scheidung. Und ganz ähnlich geht manchmal eine Reihe von Fehlschlägen
wie eine Kündigung am Arbeitsplatz oder der Verlust von Besitztümern dem Beginn einer evolutionären Krise voraus.

Bei entsprechend veranlagten Menschen kann eine Erfahrung mit psychedelischen Drogen oder
eine Selbsterfahrungs-Therapie "das Fass zum Überlaufen" bringen.

Aber einer der wichtigsten Katalysatoren für spirituelle Krisen scheint die eingehende Beschäftigung mit verschiedenen Formen
von Meditation
und spirituellen Praktiken zu sein. Diese Methoden sind speziell dafür entwickelt worden, spirituelle Erfahrungen
zu aktivieren. Wir sind immer wieder von Menschen angesprochen worden, deren ungewohnte Erfahrungen im Rahmen der Ausübung
von Zen, der buddhistischen Vipassana-Meditation, Kundalini-Yoga, Sufi-Übungen, christlichem Gebet oder klösterlicher Kontemplation
aufgetreten waren. Die Beliebtheit der spirituellen Disziplinen aus Ost und West nimmt ständig zu, und mit ihr scheint die Zahl der Menschen
zu wachsen, die transpersonale Krisen erleben - ein weiterer Grund dafür, dass das richtige Verstehen und die entsprechende Behandlung
spiritueller Krisen eine ständig wichtiger werdende Frage ist....

"Abweichungen von der Norm, Unebenheiten, Störungen, Ver-rücktheit, Irr-sinn,
das Unangepasste und Heterogene sind seit Jahrtausenden das,
was transindividuellen Fähigkeiten den Weg ebnet.
Der Angepasste und der Mitläufer sind zu zaghaft, sie zeigen wenig Mut;
wer den Aufstieg in eine andere Dimension des Bewusstseins wagen will,
muss sich unerschrocken seinen Weg durch die Schranken
von Gewohnheiten und Alltagsdenken bahnen."


Holger Kalweit
(b.1947)
Schweizer Völkerkundler, Dipl. Psychologe, Psychotherapeut, Autor
Buch: "Traumzeit und innerer Raum, Die Welt der Schamanen" BARTH 2000




Das Erfahrungsspektrum bei spirituellen Krisen ist extrem reich:
Es schließt sowohl intensive Gefühle ein, wie Visionen und andere Veränderungen der Wahrnehmungen,
ungewöhnliche Gedankenprozesse und auch verschiedene physische Symptome, die von heftigen Zittern
bis zu Erstickungsgefühlen reichen.

Wir haben jedoch beobachtet, dass der Inhalt dieser Erfahrungen
in 3 Hauptkategorien zu fallen scheint.

1.
Biographische Kategorie:
Dazu gehören Erfahrungen, die eng mit der persönlichen Lebensgeschichte verbunden sind.
Z. B.: Das Auftauchen von wichtigen Erinnerungen aus der Kindheit wie physischen oder sexuellen Missbrauch, der Verlust
eines Elternteils oder eines geliebten Menschen, Beinahe-Tod, Krankheit o. Operationen und andere schwierige Ereignisse ...

2. Perinatale Kategorie: Es geht um Fragen, die mit Tod und Wiedergeburt zu tun haben. Die stärker werdende Richtung
der perinatalen Psychologie vertritt überzeugend die Ansicht, dass die verschüttete Erinnerung an das Geburtstrauma
tiefe Auswirkungen auf die Psyche hat und im späteren Leben wieder and die Oberfläche kommen kann... Menschen
die das Geburtstrauma wieder erleben, haben das Gefühl, ihr Leben sei biologisch bedroht; das kann gleichzeitig
oder im Wechsel mit Erfahrungen erfolgen, bei denen sie darum kämpfen, geboren zu werden oder darum ringen,
sich aus sehr unangenehmen Formen von Einengung zu befreien. Die Angst, verrückt zu werden, die Kontrolle zu
verlieren oder sogar die, der Tod stünde unmittelbar bevor ... Diese Vorfälle haben oft zutiefst spirituelle Anklänge,
die als eine kraftvolle mystische Öffnung und Wiederverbindung mit dem Göttlichen empfunden werden ... Das
legt nahe, dass die perinatale Ebene des Bewusstseins eine Art Berührungsfläche zwischen dem individuellen
und dem kollektiven Unbewusstsein darstellt.

3. Transpersonale Erfahrungen (TPE): Das Wort transpersonal bezieht sich auf die Transzendenz der gewöhnlichen Grenzen
der Persönlichkeit und schließt viele Erfahrungen ein, die man als spirituell, mystisch, religiös, magisch oder paranormal
bezeichnet. TPE sind eng mit dem Jungschen kollektiven Unbewussten verwandt. Bilder und Motive, die eine Quelle
außerhalb der persönlichen Lebensgeschichte zu entspringen scheinen. Wenn wir die transpersonale Arena betreten,
können wir historisch oder geographisch ferne Ereignisse so intensiv erleben, als ob sie hier und jetzt stattfänden ...
mit unseren Ahnen ... mit unseren Vorfahren aus der Tierwelt ... Menschen aus anderen Kulturen und Jahrhunderten ...
Unsere persönlichen Grenzen scheinen zu schmelzen, und wir identifizieren uns dann mit anderen Leuten, anderen Gruppen
von Menschen ... der ganzen Menschheit ... fühlen, dass wir zu etwas geworden sind, das wir gewöhnlich als Objekte außerhalb
von uns selbst wahrnehmen ... wie andere Menschen, Tiere oder Bäume. In transpersonalen Zuständen können sehr genaue
und realistische Erfahrungen von Identifikation mit verschiedenen Lebensformen und selbst anorganischen Prozessen,
wie den in der Quantenphysik beschriebenen subatomaren Ereignissen, stattfinden. Aber die Inhalte von TPE sind nicht
auf die Welt der Dinge begrenzt, die in unserer Alltags-Realität existieren ... Wir können Gottheiten begegnen, Dämonen,
Geistführern, Bewohnern anderer Universen oder mythologischen Figuren. Daher differenzieren wir im transpersonalen Zustand
nicht zwischen der Welt der Konsens-Realität (Alltags-Welt) und dem mythologischen Reich der archetypischen Formen." ...

Aus: Stanislaf Grof, Christina Grof: „Spirituelle Krisen - Chancen der Selbstfindung“ - „Spiritual Emergency. When Personal Transformation Becomes a Crisis“ Tarcher 1989
Erster Teil: Göttlicher Wahnsinn: Psychologie, Spiritualität und Psychose. Spirituelle Krisen und Bewusstseinsentwicklung. Auszugsweise Seite 23-31.
Versprechen und Gefahren spiritueller Krisen. Auszugsweise Seite 31f. Auslöser von transformativen Krisen. Seite 32f.
Innere Landkarten von spirituellen Krisen. Auszugsweise Seite 33-41. Schirner Verlag 2.Auflage 2011 (2008)




Der Doppelaspekt des Lebewesens bzw. der Person


"Die Neurobiologie erweist sich - ebenso wie die Naturwissenschaften insgesamt - als eine spezialisierte Form menschlicher Praxis,
die der Lebenswelt [der menschlichen Welt in ihrer vorwissenschaftlichen Selbstverständlichkeit und Erfahrbarkeit, in Abgrenzung
zur theoretisch bestimmten wissenschaftlichen Weltsicht] entstammt, ohne jedoch einen Standpunkt außerhalb ihrer gewinnen zu
können. Die alltäglich erlebte und vertraute Welt, in der wir gemeinsam leben, bleibt unsere primäre und eigentliche Wirklichkeit.
Sie ist nicht das bloße Produkt einer anderen, nur wissenschaftlich erkennbaren Realität [Neurokonstruktivistische Erkenntnistheorie (1),
"Gehirn als Subjekt" (2)], kein Scheinbild oder Konstrukt des Gehirns, sondern die Grundlage aller wissenschaftlichen Erkenntnis.
Konstrukte sind vielmehr die Entitäten der Physik oder der Neurobiologie - Elektronen, Atome, Moleküle, Aktionspotentiale,
Magnetfelder oder Photonenemissionen. Ihr hoher praktischer Nutzen zur Erklärung und Prognose von Phänomenen
soll nicht bestritten werden. Sie können jedoch niemals dazu dienen, die lebensweltlichen Phänomene
und Erfahrungen als Illusionen zu entlarven.

Unter dieser Voraussetzung müssen wir aber auch das Gehirn ganz neu betrachten. Es bringt unsere Welt nicht wie ein geheimer
Schöpfer hervor, es hat auch uns selbst weder erschaffen noch dirigiert es uns aus dem Verborgenen wie Marionetten. Das Subjekt
ist in ihm gar nicht zu finden
. Das Gehirn ist vielmehr das Organ, das unsere Beziehung zur Welt, zu anderen Menschen und zu uns
selbst vermittelt. Es ist der Mediator, der uns den Zugang zur Welt ermöglicht, der Transformator, der Wahrnehmungen und Beweg-
ungen miteinander verknüpft. Das Gehirn für sich wäre nur ein totes Organ. Lebendig wird es erst in Verbindung mit unseren Muskeln,
Eingeweiden, Nerven und Sinnen, mit unserer Haut, unserer Umwelt und mit anderen Menschen. Sobald sich die Fata Morgana [Trugbild]
der Zitadelle [Das Gehirn als kleine Festung in einer Festung (Schädel)] auflöst und die Lebenswelt wieder in ihr Recht gesetzt wird,
zeigt sich auch das Gehirn nicht mehr als isolierte Burg des Subjekts, sondern als ein weltoffener, lebendiger Handels- und Umschlags-
platz, an dem Waren und Nachrichten aller Art ausgetauscht werden, und der weitläufig mit anderen Orten vernetzt ist. Es zeigt sich
als ein Beziehungsorgan.


Ein adäquates Verständnis des menschlichen Gehirns ... muss von der Phänomenologie unserer lebensweltlichen Selbsterfahrung
ausgehen, in der wir keine Trennung von "Geist" und "Körper" erleben, sondern in einem leibliche, verkörperte und seelisch-geistige
Wesen sind - also das, was wir auch als Person bezeichnen. Erst dann können wir fragen, wie das Gehirn auf biologischer Ebene
zu dieser Einheit der Person beirägt. Die erste zentrale These der Untersuchung wird also lauten, dass alle seine Funktionen die
Einheit des Menschen als Lebewesen voraussetzen und nur von ihr her zu verstehen sind. Dazu müssen wir zunächst einen
adäquaten Begriff des Lebendigen entwickeln, der in den gegenwärtigen biomedizinischen Wissenschaften weitgehend fehlt.
Die zweite These wird lauten, dass die höheren Gehirnfunktionen den Lebensvollzug des Menschen in der gemeinsamen
sozialen Welt voraussetzen. Dazu bedarf es einer Konzeption menschlicher Entwicklung als kontinuierlicher Verankerung
von Erfahrungen in den psychischen und zugleich zerebralen Strukturen des Individuums, im Sinne einer "kulturellen Biologie".

Die Dimension des Lebendigen verankert das Gehirn im Organismus und seiner natürlichen Umwelt, die soziokulturelle Dimension
verankert es in der gemeinsamen menschlichen Welt, von der es lebenslang geprägt wird, und ohne die seine spezifisch humanen
Funktionen gar nicht begreiflich werden können. Beide Dimensionen vereinigen sich zu einer entwicklungs- und sozialökologischen Sicht
des menschlichen Gehirns als Organ eines "zoon politikon" [Menschen, als soziales und politisches Wesen], eines Lebewesens, das
bis in seine biologischen Strukturen hinein durch seine Sozialität geprägt ist. Das Gehirn erscheint darin zunächst als ein Organ der
Vermittlung, das die vegetativen und sensomotorischen Beziehungen zwischen dem Organismus und seiner Umwelt ermöglicht,
dabei aber auch so umwandelt und "verdichtet", dass es für den Menschen zum Medium einer neuen, intentionalen Beziehung zur
Welt werden kann. Damit steigern sich primäre Lebensprozesse zu seelischen und geistigen Lebensvollzügen mit zunehmenden
Freiheitsgraden. Zugleich öffnet sich das menschliche Gehirn einer lebenslangen Prägung durch zwischenmenschliche und
kulturelle Einflüsse. Es wird zu einem sozialen, kulturellen und geschichtlichen Organ - zum Organ der Person."

Der Doppelaspekt des Physischen


Aus: Thomas Fuchs (b.1958, Prof.Dr.med.Dr.phil.): „Das Gehirn - ein Beziehungsorgan: Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption“
Einleitung: Vom Kopf auf die Füße. S 21f, 25ff, 30, 51; Abbildungen: S 106, S 145, S 110. 4.aktualisierte u. erweiterte Auflage
KOHLHAMMER 2013 (2008)
(1) Neurokonstruktivistische Erkenntnistheorie: Die phänomenale Wirklichkeit sei als interne Abbildung oder Konstruktion der Außenwelt
durch neuronale Prozesse zu begreifen. Die Kritik betont demgegenüber den verkörperten Charakter der Wahrnehmung, die immer mit
den motorisch-operativen Möglichkeiten des Leibes verknüpft ist ... Was wir wahrnehmen, sind nicht die Dinge selbst, sondern nur Bilder,
die sie in uns hervorrufen - wie die Schattenrisse an den Wänden der platonischen Höhle ... Doch das Ergebnis [dieser] der naturwissen-
schaftlichen Umdeutung ist eine schleichende Virtualisierung der Wahrnehmung - so als dürften wir unseren Sinnen grundsätzlich nicht
trauen, und nur die Physik oder die Neurobiologie könnten uns über die wahre Natur der Welt aufklären ... Woher stammen solche
Konzeptionen? ... trägt gerade die Erkenntnistheorie der Hirnforschung immer noch die Erblast ihres größten Gegners mit sich,
nämlich des Idealismus ("Idea" - Bild, Gedanke, Vorstellung, impressions, ideas; Bild-Theorie der Wahrnehmung
als "neuronale Repräsentationen" - Reduktion des Erkenntnis- und Handlungsvermögens auf Hirnprozesse).
Siehe INFOS: Rat suchen - Illusion der Gewissheit >>>
(2) Kritik an der These "Gehirn als Subjekt", wonach Subjektivität als ein Konstrukt neuronaler Prozesse zu beschreiben
und daher die Erfahrung eines eigenständigen, wirkungsmächtigen Selbst als Illusion anzusehen sei.

ZITATE: Virginia Satir: Wer bin ich wirklich >>>

Meine "unvollständige" Literaturliste" >>>