"Es ist eine aIte und selbstverständliche Konstatierung, dass je mehr Mittel
gegen eine Krankheit empfohlen werden, um so gewisser keines wirkt;
wenn man eines hätte, das mit einiger Sicherheit heilt, so wären die anderen
von selbst verlassen. Da liegt bei allen den zahlreichen Krankheiten,
wo viele Mittel empfohlen werden, die Frage sehr nahe:
Wäre es nicht am Besten oder wenigstens gleich gut,
gar nichts zu machen?

Sie wird indes merkwürdig selten gestellt,
und beantwortet hat sie noch niemand.
Sie wäre aber doch die Grundfrage fur unser
therapeutisches Handeln wie fur das weitere Studium.

Prof. Dr.med.Eugen Bleuler
(1857-1939)
Schweizer Psychiater
Pionier der Schizophrenie Forschung
Aus: Das autistisch undisziplinierte Denken in der Medizin und seine Übewindung"
Seite 10, 5. Neudruck der 5.Auflage1962 (1921, 1919 1.Auflage)


"Diese [obige] Aussage ist heute so aktuell wie vor hundert Jahren [1919].
Die Frage nach dem natürlichen Heilungsverlauf stellt sich sicher nicht in der Notfallmedizin,
wenn Menschen ohne Infusion verbluten würden, bei offenen Knochenbrüchen, die sofort versorgt
werden müssen, oder
anderen offensichtlichen Situationen, in denen ein Nichteingreifen schwere
Folgen für den Patienten hätte. In der ärztlichen Sprechstunde ist es für den Patienten jedoch nicht
zwingend sofort mit Nachteilen verbunden, wenn eine Nichtbehandlung einer Therapie vorgezogen wird.
Die alte Regel bezüglich des einfachen grippalen Infektes drückt dies treffend aus: Eine Grippe dauert
mit Therapie sieben Tage und ohne eine Woche. Aber auch wenn es um Chemotherapie, ein künstliches
Hüftgelenk, das Einsetzen von Stents (Hülsen, die in ein Gefäß geschoben werden, um es zu erweitern)
oder um die Verordnung neuer Medikamente geht, sollten Sie vor einer Entscheidung für eine bestimmte
Therapie wissen, was Sie erwarten würde, wenn Sie sich stattdessen entscheiden würden, nichts zu tun.
Deshalb empfehle ich Ihnen, diese Frage als erste zu stellen. Denn erst wenn Sie wissen, wie der
natürliche Verlauf Ihrer Erkrankung einzuschätzen ist, können Sie die gewünschte Wirkung
der vorgeschlagenen Maßnahme wirklich einschätzen."

Aus: Dr. med. Gunter Frank: "Gebrauchsanweisung für ihren Arzt - Was Patienten wissen müssen" II. Faktencheck.
Wie Sie den allgemeinen Nutzen einer medizinischen Empfehlung überprüfen können. Punkt 1:
Wie ist der natürliche Verlauf meiner Erkrankung ohne Therapie?
Seite 34.  2. Auflage KNAUS 2014




"Die meisten Gesundheitsstörungen
im unausgelesenen Fälle-Material einer Allgemeinpraxis
werden glücklicherweise allein durch die Heilkraft der Natur überwunden.


Celsus [1.Jhd.n.u.Z] sagte schon vor 2000 Jahren:

"Die Natur ist der beste Arzt. Sie heilt 80% aller Krankheiten
und spricht nicht schlecht von den Kollegen."


Das galt also zu Zeiten, als schwerste Seuchen an der Tagesordnung waren
und diverse Mangelerscheinungen geherrscht hatten. Ein solcher Ausspruch
mag den Eindruck, die Allgemeinpraxis sei gar nichts gewichtiges,
noch weiter verstärken. Das macht aber eine umfassende
allgemeinärztliche Weiterbildung nicht überflüssig.


Univ.-Prof. OMR Dr. Robert Nikolaus Braun
(1914-2007)
"Österreichischer Pionier der wissenschaftlichen Allgemeinmedizin"
Aus: „Lehrbuch der Allgemeinmedizin. Theorie, Fachsprache und Praxis“
S.14. Berger Verlag Horn/Wien 2007


LEISTUNGEN: Angewandte Allgemeinmedizin & Geriatrie >>>
ZITATE: Paracelsus / Der Mensch ist das Buch >>>




"Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?
- Räsonieren [1] über das Heilen"
Edition Das Narrenschiff im Psychiatrie Verlag 2002
ISBN3-88414-303-4


"Eine merkwürdige Frage von einem Arzt?

Doch wegen der Therapie!

Aber ist es wirklich so?

Wir wissen,
dass medizinische Behandlung oft nicht zum Ziel kommt.
dass viele Krankheiten von allein wieder ausheilen – möglicherweise die meisten.
dass viele andere uns lebenslang begleiten.
dass manche unserer Patientinnen und Patiententrotz unserer Therapie
'wieder gesund werden.


Davon handelt dieses Buch – von psychiatrischer und allgemein medizinischer Behandlung,
von Therapieversagen und unspezifischen Heilfaktoren und von den Grenzen dessen,
was Therapie erreichen kann."



Prof. Dr. Asmus Finzen
(b.1940 Taarstedt a. d. Schlei, Schleswig)
Deutsch-Schweizerischer Psychiater, Basel, emeritiert seit 2003)

[1] räsonieren = sich lautstark über etwas unterhalten, begründen,
beurteilen, beschimpfen, viel und laut nörgeln.




"Ein Ärzte-Sprichwort, das gerne im Zusammenhang mit dem Stellen von Diagnosen verwendet wird,
lautet:
"Erstens gibt es nichts, was es nicht gibt, und zweitens ist das Häufigere das Häufigere."
Das bdeutet, dass man als Arzt zwar an alle Eventualitäten denken sollte, sich aber auch
darauf verlassen kann, dass - statistisch gesehen - die meisten Krankheiten harmlos
sind und so, wie sie gekommen sind, auch wieder von selbst gehen werden."


Aus: Günther Loewit: „Sterben - Zwischen Würde und Geschäft“ Vorwort S. 16. HAYMON 2014



"Krankheit und Gesundheit sind keine absoluten Größen.
Sie sind auch im Zeitalter der Messbarkeit nur begrenzt objektivierbar.
Sie sind immer auch Ausdruck von Befindlichkeit und sozialer Bewertung.


Von Rudolf Virchows [1821-1902, "Vater der Pathologie"] berühmten Satz,
"die Medizin sei eine soziale Wissenschaft und der Arzt
der natürliche Anwalt der Armen"
zur Organisation
des modernen Gesundheitswesens
ist ein weiter Weg.

Heute ist Medizin Naturwissenschaft;
zumindest versteht sie sich so.


Der Arzt ist Anwender ihrer Erkenntnisse auf die Krankheit
und die kranken Menschen.

Die Vorstellung mancher Medizinphilosophen, dass es
eine Wissenschaft von solcher Anwendung geben müsste,
ist nicht abwegig.

Das Bewusstsein, dass Krankheit ... üblicherweise Vorbote des Todes sei,
ist kaum mehr vorhanden
; und glücklicherweise ist das in der Regel ja auch nicht so ...
... es keine klare Abgrenzung zwischen Krankheit und Gesundheit gibt ...
...einer der Angelpunkte des vorliegenden Buches.

Es unterstellt, dass es
neben unspezifischen Krankheitssymptomen und unspezifizierbarem Krankheitsgefühl
in Psychiatrie und Allgemeinmedizin
- wissenschaftliche Grundlagen hin oder her -
unspezifische Behandlungsmethoden gibt, die auch in der Moderne
einen wesentlichen Teil medizinischen Handelns ausmachen
.

Auf diesem Hintergrund verliert die Frage, warum unsere Kranken eigentlich wieder gesund werden,
ihren scheinbar provokativen Charakter. Auf diesem Hintergrund hat die Frage, was Therapie
denn eigentlich sei und wie sie wirke und welche Rolle das Placebo - in der Behandlung,
nicht in der Forschung - dabei spielt, nicht nur ihre Berechtigung, sondern ihre Dringlichkeit.
Auf diesem Hintergrund versuche ich, die Medizin mit anderen Augen zu sehen.

Ich betrachte therapeutisches Handeln jenseits der Heilungsmetapher
der modernen Medizin: eine eindeutig diagnostizierte Krankheit
ursächlich zu behandeln.


Ich beschäftige mich mit unspezifischen therapeutischen Faktoren
in Körpermedizin und Seelenmedizin
. Ich versuche zu zeigen, dass solche
wenig beachteten Heilfaktoren auch in der Gegenwart zu den verbreitetsten Elementen
therapeutischen Handelns gehören - und zu den erfolgreichsten.

Eingedenk einer Bemerkung Michael Balints [1896 -1970, Englisch-Ungarischer Psychoanalytiker],
dass der Arzt "es bei jedem Patienten nicht mit einer, sondern mit zwei Krankheiten zu tun" habe,
mit "Empfindungen, Befürchtungen, Ahnungen und Schmerzen" und jenem anderen "fassbaren" Leiden,
das die Medizin im Eigentlichen interessiere
, wendet es sich jener anderen Seite der Therapie zu,
die den medizinischen Alltag beherrscht, aber im medizinischen Denken allzu oft gar nicht vorkommt.

Meine Beispiele stammen aus dem Bereich der Psychiatrie. Dort kenne ich mich am besten aus.
Aber die übrige Medizin ist immer mit gemeint ...


Wer Therapeut wird, will behandeln, will Kranke gesund machen,
daraus bezieht er seine persönliche Gratifikation, damit erfüllt er
auch seine persönlichen Bedürfnisse. Er will das selber tun
;
und er hat größere Mühe damit als der Chirurg, der
seinen Behandlungserfolg genau definieren kann.

Er verwendet große Mühe auf den Erwerb spezifischer Verfahren, die ihn erst berechtigen,
sich Therapeut zu nennen, Psychoanalytiker gar, Gruppentherapeut, Familientherapeut,
Gestalttherapeut, sodass alle anderen, die sich nicht so nennen dürfen,
ein mulmiges Gefühl im Bauch bekommen.

Er glaubt an seine Methode.

Es fällt ihm schwer, sich mit der Vorstellung zu konfrontieren,
der Patient könne auch von "alleine" wieder gesund geworden sein,
lediglich mit Hilfe seiner sozialen Umwelt,
die seine Kräfte, zu wachsen und sich zu erholen,
gefördert hat.


Noch schwerer zu ertragen scheinen die Grenzen der Therapie zu sein,
obwohl die Konfrontation mit ihnen bitterer Alltag ist."




"Heilung ist stets Selbstheilung,
und
Krankheit ist stets der Versuch
der Selbstheilung.


Der Arzt kann lediglich auf eine Art
in das selbst organisierte Bedingungsgefüge
des Organismus eingreifen, dass die sowieso schon
vorhandenen Fähigkeiten zur Selbstreparatur
auch genutzt werden."


Fritz B. Simon
(b.1948)
Dr. med. habil, Psychiater, Prof. für Führung und Organisation am Institut für Familienunternehmen
der UNI Witten/Herdecke, Vertreter der systemischen Psychologie): "Unterschiede, die Unterschiede
machen. Klinische Epistemologie: Grundlage einer systemischen Psychiatrie und Psychosomatik"
Suhrkamp 2. Aufl. 1995, ISBN 3-518-28696-X

Aus: Asmus Finzen: „Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund? -
Räsonieren über das Heilen“ Edition Das Narrenschiff im Psychiatrie Verlag 2002
ISBN3-88414-303-4




Renate Schernus (b.1942, Deutsche Gesprächs-, Familien- und Verhaltenstherapeutin) schreibt:

"Mancher schwerst mehrfach fortgebildete Spezialtherapeut wird nach dem Studium
dieses nachdenklichen Buches den Wert therapeutischer Bescheidenheit entdecken.

Redlich, rational, radikal stellt Finzen so ziemlich alle heiligen Kühe
therapeutischen Eifers in Frage.

Sicher, er lässt gelten, dass es bisweilen Heilungen gibt,
die durch ein bestimmtes methodisches Vorgehen zustande kommen,
aber dann hagelt es
Fragen:

1. Werden nicht die meisten Kranken von alleine wieder gesund?

2. Werden sie nicht sogar trotz (unangemessener) medizinischer
oder psychotherapeutischer Behandlung gesund?

3. Und warum bleiben so viele krank?

4. Waren die, die gesund werden, überhaupt krank?

5. Frönen wir nicht einem inflationären Krankheitsbegriff
sowie einem illusionären Gesundheitsverständnis?

6. Und wer gesund wird, wird er wirklich gesund durch die Anwendung
spezifischer therapeutischer Methoden oder nicht vielmehr wegen des Rahmens,
auch und besonders wegen des Beziehungsrahmens, in dem sie statt finden?


7. "Ist es die Salbe, die wirksam ist, oder etwa gar der Topf?"
[Johannes Cremerius, 1918-2002, Prof. f. Psychotherapie & Psychosomatische Medizin Universität Freiburg]

Keine wissenschaftlichen Fragen?

Im Gegenteil, folgt man Finzen, so ist
dem gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb eher vorzuwerfen, dass er,
befangen im Spezialismusrausch, die zahlreichen Untersuchungen
zur Wirksamkeit unspezifischer Faktoren gar nicht erst zur Kenntnis nimmt,
geschweige denn ein gründliches Nachdenken über die Frage
"Was eigentlich ist Therapie?" zulässt
.

Diese Versäumnisse holt Finzen nach.

Interessant seine Schlussfolgerungen, z.B.: Nicht nur ist "die Milieutherapie das am gründlichsten
unterschätzte Therapieverfahren."
, "Vieles spricht (auch) dafür, dass der Placebo-Effekt ...
immer noch einer der mächtigsten Heilfaktoren ist, die uns zu Gebote stehen."

Erwartungen, symbolische Bedeutungen, Rituale und sonstige "Antidemoralisierungsmaßnahmen"
spielen nachweislich eine gewichtige Rolle und sollten keineswegs gering geschätzt werden.

Ein "Räsonieren" [1] also, das Anstöße gibt für die Praxis, für lebenswelt- und milieubezogene
Therapieforschung und nicht zuletzt für ein gediegenes Maß an Skepsis
gegenüber einseitigen wissenschaftlichen Moden.


[1] räsonieren = sich lautstark über etwas unterhalten, begründen,
beurteilen, beschimpfen, viel und laut nörgeln.



In einem Interview mit Jens Clausen (SP-Redaktionsmitglied) - "Asmus Finzen im Gespräch" (SP: Soziale Psychiatrie 3/2004) -
gibt Finzen auf Clausens Frage: "Zuletzt haben Sie das Buch "Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?"
veröffentlicht. Klingt da schon etwas Resignation über die psychiatrische Heilkunst an?" - folgendes zur Antwort:


"Nein, es ist ein Gedanke, der mich lange, mindestens seit dem Ende der 80er-Jahre bewegt,
also eine Grundüberlegung, der sich die Medizin, nicht nur die Psychiatrie,
immer wieder stellen muss.

Schon zur Zeit des Hippokrates
[H. von Kos, 460-370 v. Chr., berühmtester Arzt des Altertums]
war die Kunst der Prognose wichtig:

Damals musste ein Arzt vorhersehen können, wie der Krankheitsablauf sein würde,
um nicht zu viele Todesfälle unter seinen Patienten zu haben.
Das schadete seinem Image.

Heute stellt sich die Frage von Seiten der Gesundheitsökonomie.
Aber eben nicht nur. Auch persönlich müssen wir uns in der Psychiatrie
täglich damit auseinander setzen,
wo wir wirklich intervenieren müssen,
wo wir stützen müssen, wo wir auch mal abwarten
[1]
könnten oder wo wir Ressourcen umverteilen müssen.
"

Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie:
www.psychiatrie.de/dgsp/


[1] Udenotherapie nach Prof. Dr. med. Paul Eugen Bleuler
(1857 - 1939 Zürich), Schweizer Psychiater.


In seinem Buch:
"Das autistisch undisziplinierte Denken in der Medizin und seine Überwindung"
Springer Verlag, 5. Neudruck der 5. Auflage 1962 (1919)


autistisch undiszipliniert:
"Ein psychisches Verhalten, das nur sieht, was man selbst sehen will
oder das Befunde so interpretiert, dass sie ins eigene Konzept passen."


Bekannt geworden ist Eugen Bleuler durch seine Beschreibung der Schizophrenie (1911), die
ihm zu Ehren auch Morbus Bleuler genannt wird. Bleuler prägte 1911 auch den Begriff Autismus.


Udenotherapie empfiehlt, dass man dem Patienten mit seiner Krankheit oder seinem Leiden
nicht sofort mit blindem Aktionismus begegnen soll, sondern den natürlichen Verlauf der Krankheit
beobachten und abwartend, wohlwollend begleitend und eventuell symptomatisch behandeln soll,
wodurch man oft auch "Selbst-Heilung"erreicht.


Werner Schneyder / Krebs - Eine Nacherzählung >>>

[1] Von altgriechisch ouden: „nichts“ und therapeia: „Heilen“.
"Das Unterlassen sinnloser Behandlung gegen den fatalistischen therapeutischen Nihilismus"
"Das beobachtende und begleitende Nichtstun", "Begleitendes Abwarten und gemeinsames Teetrinken"
"Bei bestimmten Störungen nichts tun und auf die Selbstheilungskräfte vertrauen", "Heilen durch Nichtstun"



Siehe ZITATE:
Karl Kraus / Die Diagnose >>>
Karl Popper / Über die Zukunft >>>
Julius Hackethal / Die Krebskrankheit >>>
Bernie Siegel / Krebs >>>
Wilhelm Reich / Die Krebsgeschwulst >>>
Elida Evans / Krebs >>>

Alexander Solschenizyn / Krebsstation >>>
In Memoriam Josef Issels / Ganzheitliche Krebstherapie >>>
Werner Schneyder / Krebs - Eine Nacherzählung >>>
Volker Fintelmann / Lüge und Illusion >>>
Frederic Chopin / In mir klingt ein Lied >>>
David Servan Schreiber / Der Angst die Spitze nehmen >>>
Asmus Finzen/ Warum werden unsere Kranken wieder gesund? >>>

Siehe INFOS:
Info für Ratsuchende / Die Illusion der Gewissheit >>>

Denkrahmen der Logik >>>

Siehe LEISTUNGEN:
Allgemeinmedizin >>>
Komplementärmedizin >>>
Palliativmedizin >>>
Additive Krebstherapie >>>