Der Beruf des Arztes

macht eine Hinwendung von Mensch zu Mensch erforderlich.

Der Arzt muss sich grundsätzlich bemühen, den Patienten als ein anderes Ich, als Person zu akzeptieren.
Er darf ihn nicht ausschließlich als ein reparaturbedürftiges Etwas ansehen, sonst läuft er Gefahr,
einem Automechaniker, oder bestenfalls einem Tierarzt, im günstigeren Fall noch einem Erfüllungsgehilfen
der Krankenkasse gleichgestellt zu werden.

Die Fülle an medizinischem Wissen und Können belastet den heutigen Arzt in einer Weise,
die einer intensiveren Beschäftigung mit den theoretischen (philosophischen) Grundlagen des Menschseins
kaum mehr Zeit lassen. Philosophieren erscheint als entbehrlich oder sogar als belächelnswert.

Auch die Ausweitung der medizinischen Lehre auf die Gebiete der Psychosomatik und der Sozialmedizin
haben diesbezüglich keinen Fortschritt gebracht.

Eine fundierte Medizinethik steckt mangels einer tragfähigen allgemeinen Wissenschaftstheorie der Medizin
in den Kinderschuhen. Die naturwissenschaftliche Methodik beherrscht derzeit mit geringen Ausnahmen
das medizinisch-wissenschaftliche Terrain. In dieser Methodik ist in der Medizin mangels anderer exakter Methoden
die Statistik als Probabilisierung [1] führend.
[(1) zunehmender Einfluss der Wahrscheinlichkeit, „Verwahrscheinlichung“]

Alles, was in der Diagnostik und Therapie geschieht, wird nach einer Erfolgswahrscheinlichkeit in einem anonymen,
mehr oder weniger äqualen [2]
Kollektiv beurteilt und der erfolglos behandelte Einzelfall gilt dann als statistischer Ausreißer
oder als nicht repräsentativ.
[(2)gleich groß, nicht verschieden]

Auch wenn, wie das heute meistens der Fall ist, die Auswahl der Gruppen und Kontrollgruppen, Planung, Durchführung
und Beurteilung nach sorgfältigen Kriterien erfolgen, so zeigt eine jahrzehntelange klinische Erfahrung, dass Studien
längst nicht das bringen, was sie zu versprechen scheinen. Erst jahrelange klinische Erprobung und Bewertung in der Praxis
machen ein Medikament
zu dem, was es letztendlich zu bieten vermag.

Klinische Studien sind in Phase 1-3 wohl geeignet, etwas über die Verträglichkeit eines Medikamentes auszusagen,
die Erfolgsstatistik geht aber meist nicht eindeutig darüber hinaus, als dass ein Medikament auch nicht entscheidend besser ist
als seine Vorläufer. Das gilt z.B. eindeutig für die antibakterielle Chemotherapie.

Um dieser bedrohlichen Entwicklung einer unkritischen Probabilisierung Einhalt zu gebieten, haben wir mit dem dialogischen Denken
Martin Bubers
(1878-1965, österreichisch-israelischer jüdischer Religionsphilosoph) den Ausgangspunkt einer neuen Medizintheorie zusammen mit
einer Erweiterung durch die konstruktivistischen Ideen von Francisco Varela
(1946-2002, chilenischer Biologe, Philosoph und Neurowissenschaftler, der,
mit Humberto Maturana (b.1928. chil. Biologe) Autopoiese Konzept (1972) begründet)
aus der Heinz von Foerster (1911-2002,österreichischer Physiker,
Professor für Biophysik, Mitbegründer der kybernetischen Wissenschaft)
Schule vorgeschlagen.

Der Versuch, in Anlehnung an das Ich-Du und seinem Zwischen nach Martin Buber gegenüber einem Ich-Es in zwei Ebenen
(Meta- und Orthoebene) konstruktiv darzustellen, machte insofern besondere Schwierigkeiten, als der Übergang von einer an Raum,
Zeit und Kausalität gebundenen Orthoebene zu einer dimensions- und kategorienlosen Metaebene schwierig ist und als ein Rückfall
in die angeblich längst totgesagte Metaphysik oder als Mystik angesehen wird.

„Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit“,
betont selbst Wittgenstein
(Ludwig W. 1889-1951 österreichisch-britischer Philosoph).

Durch eine strikte Ablehnung jedes metaphysischen Gedankenganges, der über die in der Naturwissenschaft geforderte Messbarkeit
hinausgeht, gefährdet man aber die Existenz des Subjekts, und das macht das Arzt-Patient-Verhältnis lediglich zu einem Dienstvertrag,
wenn nicht gar zu einem Werksvertrag womöglich noch mit Erfolgsgarantie und ihrem Werbeslogan: bei Misserfolg, Geld zurück.

Beim Arzt-Patient-Verhältnis handelt es sich nicht nur um ein Subjekt, sondern um
ein Verhältnis von zwei Subjekten als autonome Personen.

Diese Intersubjektivität zwischen Arzt und Patient ist von besonderer Art.
Sie widersteht jeder Messung, ist akausal und ist daher von jeder naturwissenschaftlich betriebenen Psychologie

und Soziologie niemals zu erfassen. Schon deswegen, weil sie nicht der klassischen Logik allein gehorcht
und sich damit in ihrer Vollständigkeit dem anerkannten, auf Induktion [3] beruhenden Wissenschaftsbegriff entzieht.
[(3) Als Induktion (lateinisch inductio, „Hineinführen“) bezeichnet man im schlussfolgernden Denken die Zusammenfassung von Einzelphänomenen
(z. B. Beobachtungen, Daten) in einem allgemeineren Satz und somit die wichtigste Form der reduktiven Schlussweise.
In einem erweiterten Sinn umfasst der Begriff alle Arten von vermuteten Gesetzmäßigkeiten]

Dieses intersubjektive Verhältnis geht weder nur von einem isolierten Subjekt aus, wie das Schütz
(Alfred Sch. 1899-1959, österr. Jurist, Philosoph und Soziologe, Begründer der phänomenologischen Soziologie) beschreibt,
noch von der Gesellschaft, wie es Mead
(George Herbert Mead, 1863-1931, Professor für Philosophie und Sozialpsychologie
an der Universität Chicago)
vorschlägt, sondern viel überzeugender nach Buber (Martin B.)
vom Zwischen der Beziehung zweier autonomer Subjekte.

„Ich verstehe ein bisschen von der Natur und kaum etwas vom Menschen“,
sagte Einstein
(Albert E. 1879-1955, Nobelpreis f. Physik 1921) bescheiden, doch
das Subjekt war ihm stets heilig und er bezeichnete es als kaum zugänglich.

Den kranken Menschen sah er aus eigener Erfahrung heraus als kreativ an. „Die Krankheit“, sagte er, „hat ihre Vorteile,
man lernt denken“
. In einem längeren Gespräch mit Martin Buber, der Einstein nach seinem Glauben fragte, erklärt dieser:
„Was wir [die Physiker] erstreben, ist, Seinen [Gottes] Plan nachzuzeichnen, so wie man eine geometrische Linie
[more geometrico nach
Baruch de Spinoza, 1632-1677, niederländischer Philosoph] nachfährt“.

So machte er den Konstruktivisten Mut, denn Einstein hielt alle seine Erkenntnisse für das Wissen von Schulkindern ... und
die wahre Natur der Dinge, die werden wir nie, nie erkennen
. Trotzdem ging es Einstein nicht nur um den Willen zum Wissen,
sondern vor allem auch um den Willen zur Wahrheit. Sein berühmtester philosophischer Ausspruch ist: „Gott würfelt nicht!“.

Allerdings wird diese Feststellung heute von vielen modernen Physikern, wie z.B. von Stephen Hawking
(b. 1942, englischer Astrophysiker, 1963 wurde bei Hawking Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert,
seit 1968 ist er auf einen Rollstuhl angewiesen)
, wohl aus Missverstehen,
was Einstein ausdrücken wollte, strikt abgelehnt.

Wenn Physiker, wie Einstein und auch Hawking erstreben, Gottes Plan nachzuzeichnen, warum sollte das für die Mediziner
nicht genau so erstrebenswert sein? Der Arzt muss sich noch mehr als der Physiker bemühen, in die Nähe von „Gottes Plan“
zu kommen, umso mehr als es sich beim Patienten nicht nur um einen Partner oder gar um eine Ware handelt,
sondern um einen autonomen Mitmenschen als Abbild des gemeinsamen Schöpfers.

Doch des Anderen als eines anderen Ichs (nach Pythagoras von Samos, 570-510 v.Chr)
im Sinne Bubers inne-zu-werden, bedarf es einiger Bemühungen.

In der modernen Existenzphilosophie (Edmund Husserl 1859-1939, Jean-Paul Sartre 1905-80, Martin Heidegger 1889-1976 u.a) geht es kaum
um dieses Bemühen, doch spielt das Geschehen einer „Veränderung“ eine wichtige Rolle, das soll heißen, in einer engeren Kommunikation
(wie sie zwischen Arzt und Patient stets stattfinden sollte) findet stets eine Veränderung des jeweils Anderen durch gegenseitige Beeinflussung statt.
Der Mensch sieht im Anderen zuerst immer nur das Objekt, die Materie. Das führt im Sinne einer Veränderung vorerst zu einer Entfremdung,
die von Sartre als Konfliktursache gedeutet wird. Zur Überwindung dieses Auseinanderklaffens zweier Personen schlägt Peter Kampits
[b.1942, Philosoph, Wien] einen „Sprung“ vor, um auf den „Boden zu gelangen, auf dem sich dialogisches Denken entfaltet“.
Was soll dieser Sprung? Sartre denkt ausschließlich an das, was sich im Ich selbst abspielt und schließt damit
die Position des anderen als eine Antwort auf einen Anruf weitgehend aus.

Der Patient ist ein Hilfesuchender und ruft diesbezüglich den Arzt an.
Der Arzt muss sich seine Antwort wohl überlegen und sich darüber im klaren sein,
dass er mit dieser den Patienten verändern kann. Der Patient sagt: „Mir fehlt etwas“.
Der Arzt soll ihm suchen helfen, was das ist und wo das ist und sei es, dass ihm
seine Seele entfleucht ist, die es nun in Schamanenmanier
aus Himmel und Hölle zurückzuholen gilt.

Schon Rufus von Ephesus (um 100 n. Chr., Arzt u. Schriftsteller) aus der alexandrinischen Schule meinte,
dass der Arzt mehr auf sich achten solle, wie der Patient etwas sagt
und weniger auf das, was er versucht mitzuteilen.

Solch eine Betrachtung des Patienten geht über eine Beobachtung des Details hinaus
und soll in einen Versuch des Innewerdens des Patienten münden.
Die
Beobachtung ist ein aufmerksames Hinschauen auf Details, auf ein Symptom,
z.B. auf eine eventuelle Gelbfärbung der Skleren oder ein Exanthem
oder eine Schmerzreaktion etc.
Die
Betrachtung breitet solche beobachtete Symptome über den ganzen Körper aus.
Der Arzt betrachtet dann den Patienten wie ein Künstler, der sein Gegenüber porträtieren will.
Er verwandelt den Eindruck, vielleicht schon gestalthaft, in ein Krankheitsbild.
Das
Innewerden aber ist das Erfassen der Persönlichkeit des Patienten
als gleichwertigen Partner, als Ganzes, als autonome Person.

Buber bezeichnet dieses Innewerden als Möglichkeitsgrenze des Dialogischen überhaupt.
Das Verändern und die daraus folgende Unterscheidung des Menschen von sich selbst sind
viel besprochene Probleme der Philosophie und Psychologie. In beiden Situationen ist es
das Gegenüber des Menschen, das ihn in diesem Sinne formen kann.
Solch eine Transformation mag auch das Innewerden sein.
Doch soll das Innewerden die beiden Personen des Arztes und des Patienten
so verbinden, dass ein gestalthaftes Zwischen entsteht.

Dabei wird eine Begegnung in eine Beziehung verwandelt.
Während die Begegnung in einer Orthoebene im Sinne eines Verhältnisses eines Ich zu einem Es stattfindet,
in der Befunde erhoben und beurteilt werden, erfolgt die Beziehung in einer Metaebene im Sinne eines autonomen Ich
zu einem autonomen Du, die ein neues autonomes Zwischen erscheinen lassen. Die Ich-Es-Begegnung
findet in Raum,
Zeit und Kausalität statt, die Ich-Du-Beziehung hat ihr Wesen außerhalb aller sinnlichen und intellektuellen Koordination.

Aufgrund der Inkommensurabilität („Unmessbarkeit“, nicht zusammen messbar) einer Ortho- und Metaebene kann eine direkte Verbindung
nicht hergestellt werden. Es müssen „Kräfte“ angenommen werden, die eine gegenseitige Beeinflussung zwischen den beiden
an sich inkommensurablen Ebenen möglich machen.
Die Existenz solcher Transformationsenergien wird immer dann angenommen, wenn der Versuch unternommen wird,
eine gegenseitige Beeinflussung von qualitativen und quantitativen Eigenschaften zu erklären. Frühe diesbezügliche
Bemühungen finden sich bereits im alten Testament, Im Hohelied sowie in der daraus hervorgegangenen Kabbala
(die mystische Tradition des Judentums), in den indischen Chakras („Energiekanäle, -zentren“), und setzen sich in der christlichen
mystischen Tradition wie z.B. auch in der Benediktinerregel des „Ora et labora“
(Bete und arbeite) fort.

Das Ora, die Aufforderung des heiligen Benedikt von Nursia (480 - 547, Begründer des christlichen Mönchtums im Westen) als verpflichtendes Gebet,
ist eng verwoben mit dem ebenso verpflichtenden Labora, der Arbeit. Im Ora liegt der Sinn und das Ziel der Arbeit. „Was ihr dem Mitmenschen
getan habt, habt ihr mir getan“
, sagte Christus. Das gilt für die Benediktinermönche in der Krankenpflege, in der Sorge für die Armen und
Gebrechlichen, im Schulunterricht, aber auch für die Vermehrung des Wissens durch die Anlage von Bibliotheken, Übersetzungen und Herstellung
von Schriften, in der Errichtung von Bauten und der Schaffung von Kunstwerken. Aus der Abwendung von einer ausschließlichen Kontemplation
(„beschauliche Betrachtung“) zu einem Dienst an der Menschheit zur höheren Ehre Gottes ergibt sich eine liberalere tolerantere Haltung gegenüber
der produktiven Arbeit der gläubigen, andersgläubigen oder auch nichtgläubigen Mitmenschen. Die Bedeutung der Benediktiner und der aus ihnen
hervorgegangenen Orden für den hohen Wissensstand Europas und dementsprechend auch für die Medizin kann gar nicht hoch genug
angesetzt werden. Wir stehen vor dem Zeitpunkt des Einstiegs in das einundzwanzigste Jahrhundert.

Ein Rückblick auf vergangene Jahrhundertwenden mag deutlich machen, wie wandlungsfähig das Kulturbewusstsein
und damit auch die Auffassung von der Medizin im Lauf der Zeit sind. Die Medizin war und ist immer
in die gesamte Kulturentwicklung eingebettet, auf die sie dann selbst wieder zurückwirkt.

Wir registrieren schon in der Wende zum 11. Jahrhundert die Gründung der Ärzteschule in universitärem Rahmen in Salerno
(Salernitaner Arzt Archimatthaeus im 10.Jhd.). Die bis dahin fast ausschließlich von Benediktinermönchen betriebene, rein
empirische Mönchsmedizin sollte eine wissenschaftliche Grundlage erhalten. Übersetzungen der Werke anerkannter
antiker griechischer, römischer und arabischer Ärzte bildeten die Unterlagen für das berühmte Salernitische Lehrgedicht
mit seinen 4000 Versen, von denen leider nur 400 erhalten geblieben sind.

Aus: „Klinische Philosophie - Teil4: Ärztliche Hodegetik – Wege zu einer partnerschaftlichen Medizin"
Einleitung, Seite 7-11. VERLAG WILHELM MAUDRICH 2000


Prof. Dr.med. Karl Hermann Spitzy
(1915 - 2013)
Prof. Dr. med. et phil. Mag. artium
Onkologe Wien


„Klinische Philosophie":
Teil 1: Ärztliche Dialogik 1995
Teil 2: Ärztliche Ethik 1995
Teil 3: Ärztliche Wissenschaft 1998
Teil 4: Ärztliche Hodegetik 2000
VERLAG WILHELM MAUDRICH


(Meine Ergänzungen)

Hodegetik
(Hodegese, griechisch der Weg, vgl. auch Hodegetria) bedeutet wörtlich die Lehre von der Wegweisung.
Eine pädagogische Methode zur Erlernung des richtigen Verhaltens z.B. des Arztes gegenüber dem Patienten.
Ihren Ursprung hat dieses Fach in der ärztlichen Hodegetik, einer schon im Mittelalter gelehrten Disziplin des Medizistudiums,
die den richtigen Umgang des Arztes mit Patienten vermittelte. Als historischer Fachbegriff aus der Pädagogik
ist damit im wesentlichen die Lehre von der Anleitung zum Universitätsstudium gemeint. Aufgabe der Hodegetik
ist es, „Sinn und Zweck des akademischen Studiums sowie seine Methode“ (Horst Kunze) zu vermitteln.




Karl Hermann Spitzy

Karl Hermann Spitzy wurde am 10. November 1915 als Sohn des Wiener Orthopäden Hans Spitzy [1872-1956] geboren. 1933 begann er nach der Matura am Wiener Schottengymnasium ein Philosophiestudium, wechselte aber zur Medizin, wo er 1939 promoviert wurde. Nebenbei hatte er aus Existenzsorgen im Jahr 1935 die "technische Werkmeisterprüfung" abgelegt. Den Krieg verbrachte Spitzy, der Mitglied der Waffen-SS war, als Arzt in Russland. Via Hannover kam er 1946 an die I. Medizinische Universitätsklinik in Wien.

Wenige Jahre später wurde Spitzy durch seine Arbeiten weltbekannt. Bei der Biochemie Kundl hatten im Jahr 1951 Ernst Brandl [1919-1997], Hans Margreiter [1923-1968] und Kollegen das erste "säurefeste" Penicillin gefunden. Bis dahin hatte es bloß das injizierbare Penicillin G (Benzylpenicillin) gegeben. Säurefestes Penicillin V (V für "vertraulich", später für "Victory") war die Voraussetzung für die Gabe des Antibiotikums in Tablettenform, da sonst die Magensäure die Substanz zerstört.

"Penicillin ist so toxisch wie Staubzucker"

Spitzy wurde von den Tiroler Wissenschaftern angesprochen, das Penicillin V an den ersten Patienten zu erproben. 1955 publizierte der Wiener dann die wohl berühmteste seiner rund 300 wissenschaftlichen Arbeiten: "Die perorale Penicillintherapie". Mit dem Präparat wurde auch der Grundstein für die rasante Entwicklung von halbsynthetischen und synthetischen Antibiotika gelegt.

Nach der Entwicklung der Penicillin-Tabletten bewies Spitzy (1962: "Penicillin in hohen Dosen"), dass man durch entsprechende Mengen des Antibiotikums auch schwerste Infektionen in den Griff bekommen kann - was ihm prompt den Kosenamen "Millionenspitzy" eintrug. "Penicillin ist so toxisch wie Staubzucker", predigte er in Anlehnung an die Wortes eines seiner Lehrer. Spitzy organisierte Hunderte Kongresse zum Thema der Antibiotika-Therapie. Er wurde mit der Billroth-Medaille (1993), dem Wilhelm-Exner-Preis (1992) und vielen anderen Auszeichnungen bedacht.

Spätes Philosophie-Studium

1970 gründete der Arzt und Wissenschafter eine selbstständige Lehrkanzel für Chemotherapie und wurde 1973 ordentlicher Professor. 1979 wurde aus der Lehrkanzel die "Universitätsklinik für Chemotherapie" in Wien.

1987 erfolgte Spitzys Emeritierung. Unmittelbar darauf nahm er sein Philosophiestudium wieder auf und promovierte 1994 zum Dr. phil. an der Universität Wien. Titel seiner Dissertation: "Dämon und Hoffnung". Im Wiener Maudrich-Verlag wurden auch seine philosophische Werke veröffentlicht (etwa "Ich und Du in der Medizin", "Dämon und Hoffnung" sowie zwei Bände seiner "Klinischen Philosophie").

Bild und Text aus:
APA/red, derStandard.at, 4.6.2013. http://derstandard.at/1369362546828/Penicillin-Forscher-Karl-Spitzy-gestorben; [meine Ergänzungen]