Wir müssen verstehen,
dass wir eins mit der Natur sind.


Es ist nicht so,
dass da verschiedene Teile
im Universum herumfliegen.


Das Wesentliche unserer Idee ist,
das wir eine Einheit sind.


Das eine entsteht aus dem anderen,
und das andere entsteht aus dem einen.


Tschuang Tse
„Herr Tschuang“, Zhuangzi, Dschuang Dsi
(ca. 365 - 290 v. Chr.)
Daoistischer Philosoph und Schriftsteller
Tschuang Tse hat wunderschöne Gleichnisse über alle möglichen Beobachtungen im normalen Leben
geschrieben. Zhuangzi: "Das wahre Buch vom südlichen Blütenland" übersetzt von Richard Wilhelm,
Holzinger 4.Auflage 2016



Die Geschichte über die Freude der Fische
Tschuang Tse geht mit seinem Schüler über eine Brücke, und unten ist ein kleiner Bach.
Da sehen sie, wie die Fische aus dem Bach herausspringen, dann wieder hineinspringen
und mit der Schwanzflosse wackeln.


Tschuang Tse sagt zu seinem Schüler:
„Sieh doch, wie sich die Fische freuen!“

Da sagt der Schüler:
„Aber du bist doch kein Fisch; du kannst doch nicht wissen,
ob sich die Fische freuen!“ –

„Ja aber, mein lieber Schüler, du bist doch nicht ich!
Du kannst daher nicht wissen, ob ich weiß,
ob sich die Fische freuen oder nicht.
Ich sage dir: Ich weiß,
dass sich die Fische freuen.“

Der Schüler fragt:
„Warum?“

„Weil ich mich freue, wenn ich sie sehe, wie sie da aus dem Wasser
heraus- und wieder hineinspringen. Die Freude der Fische ist
meine Freude; daher weiß ich, dass sich die Fische freuen.“

Die Idee ist, dass du siehst:
Das bin ja ich!. Ich bin ja die Fische!
Ich freue mich mit den Fischen, und meine Freude
ist die Freude der Fische.
Das Wichtigste ist, dass ich mich
in die Welt der Fische integriere und mich freue
.

Aus: Heinz von Foerster (1911-2002), Monika Bröcker (geb.1968):
„Teil der Welt – Fraktale einer Ethik – Ein Drama in drei Akten“
Carl Auer Systeme Verlag 2002, ISBN 3-89670-207-6

Fraktale = „Selbstähnliche Gebilde“ von Benoît B. Mandelbrot (1924 in Warschau, Polen;
† 14.10.2010 in Cambridge/Massachusetts/USA) Französischer Mathematiker polnischer Herkunft.





"Der Zustand großer Weisheit (W), der Freude in dem einfachen Erlebnis der kleinen und großen Begebenheiten
des alltäglichen Lebens findet, darf nicht mit Weltabgewandtheit, Passivität oder Esoterik verwechselt werden.
Äußerlich können wir - wie gesagt - ein ganz normales Leben führen. Innerlich aber gelangen wir zu großer Ruhe
und Ausgeglichenheit, einem Grundgefühl von Freude und Erfüllung, das unser Leben begleitet und sich jederzeit
an den kleinsten Anlässen zu einem Gefühl von Glück verdichten kann. Es ist das, was die Weisen des Altertums
in West und Ost als das höchste menschenmögliche Glück bezeichnet haben.

Und was erstaunlich ist: Dieser Zustand schenkt uns eine Energie, mit der wir im Äußeren und Beruflichen
letztlich mehr erreichen und "erfolgreicher" sind, als wenn wir aus zerstreuter Vielgeschäftigkeit heraus
handeln. Das ist es, was die chinesischen Daoisten meinten, wenn sie immer wieder betonten:
"Er (der Weise) braucht nichts zu machen und vollendet doch." (1)

Über das Glück des gesammelten, einfachen Lebensvollzugs und seine Gefährdungen durch kulturelle Errungen-
schaften und intellektuelle Verirrungen, wie sie heute vor allem von einem globalen Industrialismus, von digitaler
Komplexität, weltweiter Vernetzung
und leider auch von unserem Bildungssystem ausgehen,
hat bereits Zhuangzi eine hübsche Geschichte erzählt.

Entkleiden wir sie aller historischen Umstände und Ausdrucksweisen und lesen sie im Hinblick
auf die Probleme vieler moderner Menschen, die häufig auf die Probleme inmitten einer ruhelosen
Vielgeschäftigkeit herrühren, so scheint der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte ungebrochen.
Sie heißt

"Der Ziehbrunnen"
Dsi Gung, ein Schüler des Konfuzius (551-479 v.u.Z.), sah auf einer seiner Wanderungen ...

... einen alten Mann, der in seinem Gemüsegarten beschäftigt war. Er hatte Gräben gezogen zur Bewässerung.
Er stieg selbst in den Brunnen hinunter und brachte in seinen Armen ein Gefäß voll Wasser herauf, das er ausgoss.
Er mühte sich aufs äußerste ab und brachte doch wenig zustande.


Dsi Gung sprach: "Da gibt es eine Einrichtung, mit der man an einem Tag hundert Gräben bewässern kann.
Mit wenig Mühe wird viel erreicht. Möchtet Ihr die nicht anwenden?" Der Gärtner richtete sich auf, sah ihn an und
sprach: "Und was wäre das?
Dsi Gung sprach: "Man nimmt einen hölzernen Hebelarm, der hinten beschwert und
vorn leicht ist. Auf diese Weise kann man das Wasser schöpfen, dass es nur so sprudelt.
Man nennt das einen Ziehbrunnen."

Da stieg dem alten der Ärger ins Gesicht, und er sagte lachend: "Ich habe meinen Lehrer sagen hören:
Wenn einer Maschinen benützt, so betreibt er alle Geschäfte maschinenmäßig; wer seine Geschäfte
maschinenmäßig betreibt, der bekommt ein MASCHINENHERZ. Wenn aber einer ein Maschinenherz
in der Brust hat, dem geht die reine Einfalt (Einfachheit) verloren. Bei wem die reine Einfalt hin ist,
der wird ungewiss in den Regungen seines Geistes. Ungewissheit in den Regungen des Geistes
ist etwas, das sich mit dem wahren SINN (Dao, rechter Weg) nicht verträgt ..."


Dsi Gung war betroffen und erblasste ... "Ich hatte vordem gedacht, dass es auf der ganzen Welt nur Einen
großen Mann gebe (gemeint ist sein Meister Konfuzius), und wusste nicht, dass es noch diesen Mann gibt ...
Jener (der Alte) lebt mitten unter dem Volk, und niemand weiß, wohin er geht. Wie übermächtig und echt
ist seine Vollkommenheit! Erfolg, Gewinn, Kunst und Geschicklichkeit sind Dinge,
die keinen Platz haben im Herzen diese Mannes ..."

Als er seine Erlebnisse dem Konfuzius mitteilte, sagte dieser:
"Jener ... ordnet sein Inneres und kümmert sich nicht um das Äußere. Vor einem solchen Menschen,
der ... zurückkehrt zur Einfalt (Einfachheit), seine Natur festigt, seinen Geist in der Hand hat (Selbsterkenntnis,
Selbstbeherrschung) und dennoch verborgen in Niedrigkeit wandelt, hattest du Grund zu erschrecken." (2)"


Wir sollten über der Radikalität des verwendeten Bildes nicht den Kern der Geschichte aus den Augen verlieren.
Dieser Kern ist nicht die Verteufelung des technischen und kulturellen Fortschritts, sondern der Hinweis auf die
damit stets verbundene Gefahr, über alle technischen Möglichkeiten unsere Menschlichkeit und Herzlichkeit
zu verlieren
. Die wichtigen Worte, die wir uns eindringlich zu Herzen nehmen sollten, sind, dass
"wer seine Geschäfte maschinenmäßig betreibt, ein Maschinenherz" bekommt. Als Zusammenfassung ...
aber kann gelten, dass "wer sein Inneres ordnet, zur Einfachheit zurückkehrt"."

Aus: Albert Kitzler: "Wie lebe ich ein gutes Leben? Philosophie für Praktiker" Einfachheit, S.207, 214-217,Pattloch 2014
(W) "Am Ende des Weges zur Weisheit, der eigentlich kein Ende hat, erlangen wir drei kostbare Eigenschaften:
INNERE RUHE, HEITERE GELASSENHEIT und EINFACHHEIT. Es ließe sich noch anderes nennen, wie Freiheit
von Angst und Sorgen, eine Zunahme von Menschlichkeit und Liebe, Selbstgenügsamkeit und Authentizität."
(1) Laotse, 47; Geldsetzer, S.112f; Lutz Geldsetzer und Han-ding Hong, Chinesische Philosophie, Stuttgart 2008
(2) Zhuangzi, XII 11; Zhuangzi, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, übersetzt von Richard Wilhelm,
Neuausgabe Kreuzlingen/München 2006